Warum haben Wörter Geschlechter (Genus)?

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von Idomenio, 28. Dezember 2017.

  1. Dion

    Dion Aktives Mitglied


    Vielen Dank, @Maglor, für den Link; Der dortige Genus-Beitrag bringt Licht in das Dunkel.
     
  2. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Es heißt der Schoklad - ohne e am Ende.

    In meinem Heimatdialekt heißt es die Buttern - also mit weiblicher Endung. Auch andere Wörter, die im Schriftdeutschen auf -er enden, wie Leiter oder Kammer, sind weiblich und haben die entsprechende Endung.

    Gabel war ursprünglich die Bezeichnung für das, was wir heute Astgabel nennen. Zunächst ging die Bezeichnung auf das daraus hergestellte, im Niederdeutschen als Forke bezeichnete, Arbeitsgerät
    über. Erst als Gabeln, ziemlich spät, sich als Teil des Essbestecks durchsetzten, heißen sie so. Zu unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichen dahinter stehenden Vorstellungen entstandene Bezeichnungen müssen deshalb nicht denselben Prinzipien folgen.
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Wobei "der Schokolade" wohl dem "spanischen Etymon" am nächsten wäre, denn im Spanischen ist es el chocolate. Wie es im Nahuatl aussieht, weiß ich nicht. Das das Deutsche sich letztlich für eine Verweiblichung entschieden hat, dürfte daran liegen, dass bei uns das Schwa mit dem Feminium konnotiert ist, weshalb ja auch seit einigen Jahren neben der Krake das in der Fläche verbreiteter auftretende die Krake offiziell akzeptiert ist.

    Wenn man durch weitere Sprachen geht, dann ist Schokolade aber wohl mehrheitlich weiblich.
    Im Katalanischen findet es sich in der männlichen wie der weiblichen Form, im Französischen ist es männlich. Im Italienischen kommt es auf den Zustand: fest männlich, geschmolzen weiblich.
    Im Griechischen ist die Schokolade weiblich, ebenso im Arabischen. Im Hebräischen dagegen männlich.

    In den slawischen Sprachen ist sie wohl mehrheitlich weiblich, aber z.B. im Russischen männlich.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. Januar 2018
  4. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Nicht solange Ernie singt!

    Oder ist das Bert? "Im Garten eines Kraken."
     
  5. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

  7. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    War es nicht das, was Du wissen wolltest?

    Wolltest Du das grammatische Geschlecht im Nahuatl erfahren?
    Im Nahuatl gibt es kein grammatisches Geschlecht.
    Nahuatl-Entlehnungen ins Spanische werden meistens maskulin:
    tomatl - tomate
    coyotl - coyote
    mizcuitl - mezquite
    Tequillan - tequila
     
    Muspilli gefällt das.
  8. Idomenio

    Idomenio Mitglied

    Danke, dieser Artikel hat das ganze sehr gut erklärt. Demnach steht das Neutrum für Handlungen, das Femininum für Abstrakta und das Maskulinum für alles andere.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. September 2018
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der Artikel ist ganz interessant, ist aber nicht überall allen Zweifeln erhaben. Nehmen wir folgenden Satz:

    Bezöge sich Geschäftsführer auf Männer und schlösse Frauen aus, müssten wir darin ein Kompositionsglied finden, das diese Information — nur Männer und keine Frauen — enthält. Wir finden es aber nicht.​

    Die Sprachwissenschaft spricht hier vom generischen Maskulin, also dem Maskulin, welches für Männer und Frauen gleichermaßen gilt, obwohl es de facto nur das Männliche bezeichnet. Wie in der Mathematik, die ja häufig mit Annahmen arbeitet, arbeitet auch die Linguistik/Grammatik mit Annahmen. Der Artikel behauptet, es gibt zwar das Kompositionsglied -in um die Movierung/Motion für das weibliche Geschlecht auszudrücken, aber es gäbe eben keines für das männliche Geschlecht (an dieser Stelle) und daher sei das Wort nicht per se nur auf Männer bezogen. Das ist jedoch der falsche Ansatz: Es handelt sich eben - wie bereits erwähnt - um das generische Maskulin. Jetzt argumentiert der Artikel mit dem fehlenden Kompositionsglied, also dem gramatischen Morphem. Dieses fehlt aber nicht, es ist lediglich "unsichtbar" und wird daher als Nullmorphem bezeichnet und in der morphologischen Segmentierung als -ø dargestellt.

    Nehmen wir mal können. Grundmorphem ist könn, ein Allomorph davon kann.
    ich kann
    du kannst
    er kann
    wir können
    ihr könnt
    sie können

    Nehmen wir an, der Artikel hätte Recht, dann wäre kann ohne grammatisches Morphem und unvollständig. Stattdessen wird es morphologisch aber so segmentiert (Achtung: morphologische Grenzen sind keine Silbengrenzen!!!):
    kann-ø
    kann-st
    kann-ø
    könn-en
    könn-t
    könn-en

    Bei haben ist es komplizierter:
    habe - hab-e
    hast
    hat - hat-ø
    haben - hab-en
    habt - hab-t
    haben - hab-en

    Hab- und hat- sind eindeutig Allormorphe. Aber wie sieht es in der zweiten Person Singular aus?

    Und so, wie es in der Konjugation Nullmorpheme gibt, so gibt es diese eben auch in der Deklination.
    Maus - Movierung: Mäuserich = Allomorph von Maus Mäus + Motions- bzw. Movierungsmorphem -erich.
    Gans - Gänserich
    Ente - Enterich

    Bei diesen Tieren - ebenso wie bei der Katze, wo der Kater allerdings anderen Regeln folgt - ist die weibliche Form die gängige Grundform, gewissermaßen das generische Femininum.

    Nun schießen viele Feministen und auch die Politik manchmal über das Ziel hinaus, wenn etwa das generische Maskulinum als solches nicht mehr anerkannt wird. Auf der anderen Seite aber bildet das generische Maskulin natürlich die Verhältnis nur indadäquat ab. Wenn ich z.B. von einer Ärzteversammlung rede und de facto waren 99 Ärztinnen und ein Arzt da, dann hat mein Zuhörer oder Leser ein falsches Bild. Rede ich von einer Ärztinnenversammlung, unterschlage ich den einen Mann. Die Aufgabe der Sprachwissenschaft ist allerdings nicht, in die Politik einzugreifen (was der Artikel ein wenig versucht) sondern die Sprache in ihrem Zustand und ihre Veränderungen möglichst wertneutral zu beschreiben. Letztendlich haben beide Positionen, sowohl die, welche für eine stärkere Abbildung der Geschlechter in der Sprache plädieren wie auch die, welche das für sprachlich unökonomisch halten, Recht. Die ideologischen Ultras auf beiden Seiten sind das Problem.
     
  10. Idomenio

    Idomenio Mitglied

    Ich persönlich halte nicht viel von Geschlechtermarkierungen in Sprachen, aber stören tun sie mich auch nicht. Meiner Meinung nach ist das Geschlecht relativ unwichtig und gerade das zu markieren arbiträr. Ob auf einem medizischen Fachkongress mehr Männer oder mehr Frauen anwesend sind, ist mir egal. Erstrecht wird es sinnlos, wenn vorallem Unbelebtes, wie Gegenstände und Ideen, männlich oder weiblich sein soll. Aber Sprache ist nunmal nicht logisch.

    Außerdem lassen sich Sprachen nicht einfach so gelenkt ändern, weil sich die Leute nicht vorschreiben lassen würden, wie sie zu sprechen haben. So finden sich in der deutschen Alltagssprache Doppelformen mit dem Suffix "-innen" auch nicht. Entwicklungen finden von sich aus statt, z.B. richtet sich das Personalpronomen mittlerweile manchmal nach dem Sexus statt Genus und in einigen nördlichen Dialekten sind das Femininum und Maskulinum zum sogenannten "Utrum" verschmolzen.

    Und gerade weil Sprachen nicht logisch sind, faszinieren mich ihr Aufbau, ihre Funktionsweisen und ihre Geschichte. In vielen Sprachen haben Substantive nunmal Geschlechter und sind männlich oder weiblich, selbst wenn das, was sie bezeichnen, gar keins hat. Da frage ich mich erstmal nur: "Warum?"
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Oktober 2018
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Linguistik beschreibt die Sprache, wie sie ist. Sie kann sich fragen, warum die Sprache sich so entwickelt hat, wie sie sich entwickelt hat - die Antwort darauf gibt der von Maglor verlinkte Artikel in Teilen - und ggf. sogar, wie sie sich mutmaßlich weiterentwickeln könnte. Etwas davon zu halten, wie die Sprache ist, ist keine linguistische sondern eine politische oder sagen wir mal ideologische* Position.

    Steter Tropfen höhlt den Stein. Es kommt also darauf an, ob die Sprecher merken, dass ihre Sprache manipuliert wird. Der Versuch aus ideologischen** Gründen geschlechtergerechte Sprache durchzusetzen wird von vielen als Aufoktroyierung wahrgenommen und führt zu Reaktanz und nicht selten zu einer reaktionären Gegenideologie** (bzw. die Ideologie** ist meist schon vorhanden, sie wird halt gesellschaftlich sichtbar). Abgesehen davon natürlich, dass die Geschlechtergerechtigkeit (zumindest in der momentanen Lösung) sprachlich unöknomisch ist.
    Tatsächlich verändert sich Sprache aber auch durch Regiolekt, Dialekt und Soziolekt. Man passt sich sprachlich an. Oder durch die Werbung: "Da werden Sie geholfen." - Zunächst scherzhaft adaptiert, wurde das durch stete Wiederholung immer richtiger.

    Ein Bsp. wo die Sprache sich fast unbemerkt verändert hat, ist etwa der Audruck das macht Sinn.
    Den benutzt fast jeder. Ist aber ein versteckter Anglizismus: that makes sense. Stilistisch viel schöner - auch weil tun und machen so unschön langweilige Verben und - ist der ursprüngliche deutsche Ausdruck das ergibt Sinn. Steter Tropfen halt und ganz ohne ideologischen Hintergrund.

    Ich verstehe gerade nicht, was du mit diesem Satz sagen willst. Erkläre das mal deutlicher.

    Es ist schwierig nachzuvollziehen, was du im Einzelnen meinst, wenn du keine Beispiele für die beschriebenen Phänomene bringst. Was sind nördliche Dialekte? Redest du vom Indoeuropäischen? Vom Deutschen? Von welchen Worten redest du? Welches Beispiel meinst du, wo sich Personalpronomina nach Sexus anstatt Genus richten?

    Sprachen an und für sich sind meistens sehr logisch. Sie wirken nur manchmal unlogisch, wenn man von ihrer Entwicklung keine Ahnung hat. Die Frage nach dem Warum für die Geschlechtlichkeit sächlicher Dinge geht mitunter - wie an Maglors Link zu sehen war - sehr weit in die Geschichte zurück.

    Manchmal ist es aber schlicht die Phonetik, die über das Genus bestimmt. Bis vor einigen Jahren war der Krake ein männliches Tier, weil aber der Auslaut Schwa mit dem Femininum verbunden wird und die Bevölkerungsmehrheit die Krake sagte, ist der Duden eingeknickt (ein wertendes Wort obwohl ich nicht so werte, wie das Wort impliziert) und aus dem Kranken - folgerichtig seiner Politik, dass das richtig ist, was die Mehrheit der Bevölkerung sagt - die Krake gemacht. Ein Bsp. wie die Phonetik die Grammatik beeinflusst. Im Englischen sind alle Tiere einfach it.


    *ich meine den Begriff hier völlig wertfrei. Ideologie kann sowohl gut als auch schlecht sein.
    **hier meine ich den Begriff nicht mehr wertfrei.
     
    Idomenio gefällt das.
  12. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Welch unheimliche Krankheit...
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ja, und hochansteckend. Plötzlich wachsen dir Saugarme....
     
  14. Idomenio

    Idomenio Mitglied

    Die verlinkte Seite ist ein privater Blog. Eigentlich sollten solche "wissenschaftlichen" Blogs und ähnliche Seiten (Wikis, Podcasts etc.) immer neutral sein, aber bei politischen und gesellschaftlichen Themen sind sie es leider oft nicht und bringen neben persönlichen Meinungen auch gerne mal schlecht recherchiertes Halbwissen statt fundierter Erklärungen, wenn dieses den Autoren themenbedingt in den Kram passt.

    Meiner persönlichen Meinung nach werden gerade durch diesen Habitus, das Suffix -in öfter zu verwenden, Differenzen zwischen Geschlechtern eher reproduziert und hervorgehoben als beseitigt.
    Andere Sprachen handhaben das anders. Englische Sprecher verwenden die weibliche Endung -ess absichtlich nicht, gerade weil sie als sexistisch gilt. Im Russischen wiederum werden Personentitel in der Alltagssprache in femininer Form verwendet, im formalen Kontext jedoch maskulin, sogar dann, wenn sie sich auf eine bestimmte Frau beziehen. Französisch hat gleich mehrere Motionssuffixe (-e, -esse, -trice), welche aber nur verwendet werden, wenn explizit Frauen gemeint sind (so wie im Deuschen eigentlich auch).

    Nicht zu vergessen den Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache.

    Die Phrase "Sinn machen" wurde allerdings bereits im 18. Jahrhundert aus der englischen Sprache in die deutsche entlehnt, lange bevor Englisch zur dominanten Weltverkehrssprache wurde und Deutsch sowie viele andere Sprachen begonnen haben, englische Wörter en masse zu entlehnen.

    Ich meinte norddeutsche Dialekte nahe der niederländischen Grenze.

    Constructio ad sensum – Wikipedia

    Englisch verwendet auch kein Genus mehr sondern nur noch ein Pronominalsexus als Überbleibsel davon. Für individuelle Tiere, die einen Namen haben den man kennt, verwendet man normalerweise auch he und she.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. November 2018
  15. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Hast Du Belege?
     

Diese Seite empfehlen