Warum immer nur Kolonialgeschichte?

Dieses Thema im Forum "Afrika" wurde erstellt von El Quijote, 26. Dezember 2013.



  1. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ich weiß nicht, wie umfassend sein Werk war, aber im Rahmen der "Fischer Weltgeschichte" erschien bereits 1966 ein eigener Band über Afrika (der bezeichnender Weise mit den Worten begann: "Die Geschichte Afrikas hat bisher von berufener Seite kaum eine vollständige, übersichtliche Darstellung gefunden.")
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es sind natürlich auch Arbeiten wie die von Ferguson, die die "Überlegenheit" immer wieder thematisieren. Der "Westen" und der "Rest" macht ein spät-imperialistisches Gedankengebäude ersichtlich, dass zwar durchaus den Aufstieg des Westens erklären kann, aber den "Rest" auch gleichzeitig stigmatisiert und von dieser Sicht entfremdet.

    Civilization: The West and the Rest - Niall Ferguson - Google Books

    Ähnlich beispielsweise Black mit einer deutlichen Ausrichtung auf die imperialen Mächte und ihrer Dominanz bei der Errichtung von Nationen.

    Great Powers and the Quest for Hegemony: The World Order Since 1500 - Jeremy Black - Google Books

    Vor diesem Hintergrund eines umfassenden intellektuellen Imperialismus, so zumindest die Sicht der an Bedeutung gewinnenden wissenschaftlichen Schulen in den früheren Gebieten, die vom Kolonialismus bzw. Imperialismus betroffen waren, erklären sich neuere Sichtweisen.

    Von Autoren wie Fanon oder von Homi K. Bhabha wird der traditionelle liberale, konservative oder sozialistische Diskurs teilweise abgelehnt, da die Konstrukte aus der historischen Erfahrung Europas generiert worden sind.

    Aus diesem Grund brauchen beispielsweise die gesellschaften in Afrika eine eigenständige Soziologie, die Konstrukte und Analysen entwickelt, die den gesellchaftlichen Entwicklungen in Afrika angemessen sind.

    Black Skin, White Masks - Frantz Fanon - Google Books

    Nation and Narration - Google Books

    Zur Aktualität Von Homi K. Bhabha: Einleitung in Sein Werk - Karen Struve - Google Books

    Diese Sichtweise gilt anlaog natürlich auch für die Politologie, die ebenfalls die spezifischen Bedingungen des Politischen in Afrika sprachlich fassen muss.

    Nicht zuletzt um eine Identifikation beispielsweise der Afrikaner mit ihrer originären wissenschaftlichen Identität zu erreichen. Die Verwendung traditioneller Konzepte der Sozialwissenschaften mag die Verständigung unterstützen, dennoch ist es fraglich, ob die "Protestantische Ethik", um mal ein unfaires, aber plakatives Beispiel zu wählen, hilfreich ist.

    In diesem Sinne ist es nicht nur ausreichend, eine neue Geschichte aus beispielsweise der afrikanischen Sicht zu schrieben, sondern auch zu hinterfragen, welche wissenschaftlichen Konstrukte herangezogen werden können, gesellschaftliche und politische Prozesse zu beschreiben.

    Die europäische Hegemonie hat einen viel tieferen Einfluss auf die Gesellschaften Afrikas gehabt als allgemein wahrgenommen und anerkannt wird. Deswegen ein Dankeschön an "Jetleechan" und auch "ElQ", die dieses nochmal verdeutlichen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. März 2014
  3. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Was ist eine wissenschaftliche Identität??? Gibt es die für alle wenigstens Schwarzafrikaner oder nur für eine bestimmte Ethnie oder ein Land (was angesiecht dessen, dass diese Kolonialverwaltung Einteilung meist keine Nationalstaaten sind sehr schwierig werden wird.[/QUOTE]




    Gibt es da eine afrikanische Sicht oder doch eine Sicht eines Zulu , Fulani oder Khoisan et.c. Einer Armeen und eines Reichen. Von Leuten die von der Kolonialmacht profitiert haben und denen die nicht profitiert haben. Von den Wiederstandskämpfern (die später häufig schlimmer waren als die Kolonialmächte) und den Kollaborateuren.

    Dies halte ich mit Verlaub für ein Gerücht. Der doch sehr starke europäische Einfluss auf die Gesellschaft ist ja schon bei den Amtssprachen sehr deutlich. Sogar meine nicht grade an Geschichte interessierte Mutter weiß das die afrikanischen Staaten von den Kolonialmächten geschaffen wurden und die ursprüngliche Gesellschaften sehr überformt wurden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. März 2014
  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Eine kryptische Aussage.
    Was soll uns das in allgemeinverständlichen Worten sagen? :grübel:
     
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  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Eine zutreffende Kritik.

    Ferguson ist vom Standpunkt der Ökonomen aus ein No-Go, Vulgär-Ökonomie, ohne jede theoretische Basis.
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    thanepower [​IMG]
    ... sondern auch zu hinterfragen, welche wissenschaftlichen Konstrukte herangezogen werden können, gesellschaftliche und politische Prozesse zu beschreiben.

    Insgesamt ein komplexes Thema und eine schwer zu formulierende, komplexe und auch unvollständige Antwort. Die Wiki-Artikel zu Fanon, Bhabha oder auch die Kritik von Gandhi an der westlichen Zivilisation verweisen auf die grundsätzliche Problematik postkolonialer Länder mit der fortwirkenden Bedeutung der ehemaligen Kolonialherren. Und verweisen auch auf die unterschiedlichen Lösungsansätze im Rahmen einer "Dekonstruktion" "kolonialer Traditionsbestände".

    Frantz Fanon ? Wikipedia

    Homi K. Bhabha ? Wikipedia

    Mit dem Rückzug der Kolonialmächte sahen sich die ehemaligen Kolonien mit folgender Situation konfrontiert:

    - eine nationale Elite, die nicht selten an den Universitäten der Kolonialmächte studiert haben und vor der Aufgabe stehen, die koloniale Vergangenheit mit der postkolonialen nationalen Zukunft zu verbinden (vgl. Frey & Dülffer)

    Elites and Decolonization in the Twentieth Century - Google Books

    - der Notwendigkeit, staatliche und gesellschaftliche Strukturen aufzubauen, die nicht selten an den früheren Kolonialmächten orientiert waren

    - nicht zuletzt, da eine historische Kontinuität der nationalen, einheimischen Gesellschaften nicht gegeben war und somit postkoloniale Gesellschaften, nicht selten! aber nicht pauschal, auf keine eigenständigen Traditionsbestände aufbauen konnten, die das "Nationbuilding" angemessen unterstützt hätten (vgl. Rothermund zu vielen Länderstudien)

    The Routledge Companion to Decolonization - Dietmar Rothermund - Google Books

    - sich gleichzeitig die radikale Frage zu stellen, was Dekolonisierung für das jeweilige Land theoretisch und in der praktischen Umsetzung bedeutet. Wie eigenständig ist diese Entwicklung und wie stark wird man noch "fremdgesteuert".

    Diese Situation hat in der postkolonialen Phase zu der Erkenntnis geführt, dass trotz der formalen Unabhängigkeit von den früheren Kolonialherren, die früheren Kolonien Modelle von Staaten errichtet haben, die dem der Kolonialherren entsprochen haben(vgl. P. Duara: Introduction: the cecolonization of Asia and Africa in the twentieth Century).

    Decolonization: Perspectives from Now and Then - Google Books

    Und gleichzeitig aber auch die Erkenntnis produziert, dass man die theoretischen und kulturellen Traditionsbestände der ehemaligen Kolonialherren im eigenen Interesse nicht komplett ignorieren konnte. In diesem Sinne: "Postkolonialistische Ansätze untersuchen Kultur und Identitäten sowohl der Kolonialzeit als auch der Zeit danach im Kontext des Kulturkonfliktes der Kolonisierten wie auch der Kolonialmacht. (vgl. Wiki nachfolgend)" und versuchte angemessene Antworten zu formulieren.

    Postkolonialismus ? Wikipedia

    Die Adaption der traditionellen Theorien und kulturellen Vorstellungen der Kolonialmächte erfolgt dabei beispielsweise bei Fanon oder Bhabha im Rahmen einer "Dekonstruktion". Die einzelnen Vorstellungen innerhalb dieser westlichen Ansätze werden "zerlegt" und vor dem Hintergrund einer nationalen kulturellen Neudeutung wieder zusammen gesetzt (vgl. beispielsweise Fanon: Black Skin, White Masks). Und so werden "hybride" neue Theoriegebäude errichtet, die als Neukomposition zu verstehen sind.

    Dekonstruktion ? Wikipedia

    Deutlich machen kann man das Problem an den theoretischen und kulturellen Traditionsbeständen der Aufklärung, die eine komplett europäische Tradition aufweist. In dieser historischen Kontinuität haben nicht wenige Theoretiker und Praktiker der nationalen Befreiungs-bewegungen gedacht und auch gehandelt. Nicht selten in Anlehnung an Varianten zu Marx, Durkheim, M. Weber oder auch Freud. Und damit die Pämissen und die Entwicklungen der industriellen Gesellschaften des Westens als Vorbild übernommen, kritisch hinterfragt und teilweise verworfen.

    In dieser Entwicklung wird deutlich, dass den postkolonialen Gesellschaften für viele Phänomene in ihren Gesellschaften originäre nationale Konzepte fehlen. Es ist beispielsweise fraglich, in welchem Umfang die Elitentheorie von Pareto, Michels oder Mosca auf afrikanische Gesellschaften anzuwenden ist. Und diese Dekonstruktion wäre für viele andere Theorien und Konstrukte, wie beispeilweise "sozialer Wandel", in ähnlicher Weise zu leisten.

    Und an diesem Punkt zeigt sich punktuell die nicht vorhandene "wissenschaftliche Identität" der postkolonialen Länder und den hohen Nachholbedarf, ihre koloniale Vergangenheit aufzubereiten und entsprechende "dekonstruierte" Theorie eigenständig zu entwickeln.

    Das dennoch europäische Theorien den postkolonialen Ländern "überstulpt" wurden, nicht zuletzt auch durch multinationale Organisationen, hat zu Friktionen zwischen den Konzepten und nationalen Eigenheiten geführt, die teilweise schwer zu überbrücken waren und zu gravierenden Fehlentwicklungen in den postkolonialen Ländern geführt hat.

    Beispeil: Auch in Anlehnung an die Vorstellung des weberschen Modernisierungsprozesses entwickelte Rostow ein volkswirtschaftliches Phasenmodell für wirtschaftliche Entwicklung, das politisch sehr einflussreich war. Dennoch zeigte sich in der Praxis der Wirtschaftsförderung von Entwicklungländern, dass das simple Kopieren von ökonomischen Konzepten ohne eine umfangreiche Anpassung, auch als "Dekonstruktion zu verstehen, nicht ausreichte.

    The Stages of Economic Growth: A Non-Communist Manifesto ? Wikipedia
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. März 2014
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  7. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das ist sicherlich ein zutreffender Grund. Ein weiterer liegt darin begründet, dass die Kulturen Afrikas meist nicht so faszinierend sind wie z.B. die der Khmer, die der Inder oder die der Maya. Dort finden sich architektonisch eindrucksvolle Bauten und spektakuläre archäologische Überreste, die bereits früh die Fantasie der Menschen und Forscher beschäftigten; dort finden sich zudem Schriftkulturen mit wissenschaftlichen oder kosmologischen Lehren, mit differenzierten Gesellschaftssystemen und kunsthandwerklichen Erzeugnissen, die das Interesse der Forschung erregten.

    All diese Dinge sind bei den vorkolonialen afrikanische Reichen wie Songhai, Kanem, Mali oder Bornu nicht so stark - oder offenschtlich - ausgeprägt. Dass afrikanische Staaten wie z.B. Simbabwe oder das Königreich Benin ebenfalls eine reiche Kultur aufweisen, steht dabei außer Frage. Benin zählt somit auch zu den verhältnismäßig gut dokumentierten Ländern.

    Anders sieht das bei afrikanischen Staaten wie den Reichen von Aksum oder von Kusch/Meroe aus, die im Interessengebiet Altägyptens und Arabiens lagen und somit weniger isoliert waren. Dort finden sich auch beträchtliche architektonische Überreste und Inschriften, die zunehmend erforscht werden. - In diesem Zusammenhang habe ich kürzlich ein interessantes Buch gekauft, das ich empfehlen kann: Piotr O. Scholz, Nubien. Geheimnisvolles Goldland der Ägypter, 224 Seiten, Stuttgart 2006, Konrad Theiss Verlag
     
  8. Beaker

    Beaker Neues Mitglied

    Hat Sepiola nicht darauf hingewiesen, daß die Überlieferungslage sowohl der lateinamerikanischen Kulturen als auch der afrikanischen Kulturen durchaus vergleichbar ist?
     
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  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das möchte ich noch mal aufgreifen. Jetzt abgesehen von portugiesischen, britischen, niederländischen, brandenburgischen und arabischen Quellen: Welche Quellen haben wir zu den vorkolonialen Reichen Afrikas?
     
  10. PapaSchlumpf

    PapaSchlumpf Mitglied

    Afrika ist ein großer und diverser Kontinent, dementsprechend gibts auch viele und diverse Quellen. Im Kern kann man zwischen zwei Quellentypen unterscheiden: Orale und schriftliche. Orale Überlieferungen sind in ganz Afrika populär und sind besonders dort von Nutzen wo sich keine Schrifttradition entwickelt hat oder die behandelten Ereignisse sehr weit zurück liegen. Diese Ereignisse wurden meist von Musikern weitergegeben, von Generation zu Generation. Allerdings sollte man auch bedenken dass diese oft legendäre Elemente beinhalten. Seit dem 20. Jahrhundert haben westliche Ethnographen angefangen, diese oralen Quellen aufzuzeichnen.
    Dann gibts noch die schriftlichen Quellen. Ungefär ein Drittel des Kontinents hat eine Schriftkultur entwickelt: Der gesamte islamische Norden, das nordöstliche Horn und die Swahili-Küste und Madagaskar.
    Die Schrift hat sich von Norden nach Süden durch unterschiedliche Impulse ausgebreitet:

    Ägypten: 3000 v. Chr.
    Nubien: 2. Jahrtausend v. Chr.
    Das nördliche Horn und die Berber-Gebiete: Frühes 1. Jahrtausend v. Chr.
    Sahel-Zone und Ostafrika: Ca. 1000 n. Chr.

    Wenn wir uns auf das Afrika südlich der Sahara bergrenzen stellen wir fest, dass schrftliche Quellen besonders in Ostafrika und der Sahel-Zone zahlreich sind. Tatsächlich spielen uralte, lägst ins Museum gehörende Dkoumente auch bei der modernen Bevölkerung noch eine Rolle.
    Bezüglich der Quantität möchte einfach mal eine Zahl im Raum stehen lassen: 400.000, allein in Timbuktu.
    An der Menge solls also nicht mangeln, nur ist das Problem die Publizierung. Diese hat erst in den letzten Jahren so richtig begonnen. Hier ein Projekt dass sich der Manuskripte der islamisch-afrikanischen Welt annimt: Tombouctou Manuscripts Project

    Bezüglich der Natur von Schriftquellen muss man leider feststellen, dass die meisten Dokumente keine Historiographien oder Geographien sind, sondern schlicht religiös. Da ist es egal ob man schriftliche Quellen aus Timbuktu, Tschad, Nubien oder Madagaskar vor sich hat.
    Nur ein verschwindend geringer Teil hat nichts mit Religion am Hut, dennoch gibt es sie. Von den Dokumenten, die man so fern in Timbuktu analysiert hat, sind etwas mehr als 600 von historischem Wert (Historischer Wert im Sinne von "Hilfreich, um größere politische Geschehnisse zu rekonstruieren"): Die erwähnten Historiographien und Geographien, aber auch Briefe von bedeutenden Sultanen und Dinge von ökonomischen Belang.
    Fest steht, dass eine umfassende Publikation aller Dokumente aus Mali, Tschad, Nubien, Äthiopien und der Ostküste unser historisches Wissen reformieren werden. Könnte aber noch eine Weile dauern.

    Kostenlose und recht unfagreiche Sekundärliteratur gibts übrigens hier:
    http://www.unesco.org/new/en/social-and-human-sciences/themes/general-history-of-africa/volumes/
    Die Schinken sind aber alle schon ein wenig älter.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. November 2016
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  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Danke für deinen engagierten Beitrag.

    Auf einige Probleme weist du ja selber hin. Es gab Zeiten - so um 1800 - da hat man oralen Traditionsquellen einen sehr hohen Stellenwert beigemessen. Davon ist rückt man heute wohl eher ab, obgleich in prä- und protoschriftlichen Gesellschaften mnemotechnische Praktiken einen ungleich höheren Stellenwert haben als in schriftlichen oder gar digitalen Gesellschaften (unsere Eltern können meist noch Gedichte, die sie in der Schulzeit gelernt haben auswendig, wir haben zwar noch Gedichte auswendig gelernt, können sie aber nicht mehr und unsere Kinder - lernen die noch Gedichte auswendig?) und ich auch das Geschichtenerzählen am Lagerfeuer nicht unterbewerten will. Nichtsdestotrotz verändern sich die Geschichten im Laufe der Zeit und sind zumindest problematisch, sowohl, was die Vorstellungswelt als auch die Ereignisgeschichte anbelangt. Als man z.B. die Ursprungsmythen der Hopi aufgezeichnet hat, da hatten diese ihre Kenntnis von Menschen verschiedener Hautfarbe in den Mythos integriert: Die Götter hatten die Menschen aus Maisbrei geformt und gebacken und die Weißen und Schwarzen waren gewissermaßen Fehlversuche, weil die Weißen nicht lang genug, die Schwarzen dagegen zu lange gebacken wurden, nur die Hopi (vielleicht auch in dieser angepassten Form alle First Nations) sind genau die richtige Zeitspanne im Ofen geblieben.

    Das Archiv in Timbuktu, das ja auf ganz wundersame Weise dank des Engagements der Einwohner Timbuktus zu einem großen Teil vom Zugriff der Boko haram bewahrt wurde, ist natürlich in der Hauptsache ein islamisches Archiv in arabischer Schrift. Mich interessiert in diesem Thread in erster Linie die Geschichte Afrikas jenseits der mittelmeerisch geprägten Kulturen, was eben die islamische Kultur mit einbezieht, auch wenn ich die Sahelzone keinesfalls mit Tunis oder Fas gleichsetze (Marrakush schon eher).
     
  12. PapaSchlumpf

    PapaSchlumpf Mitglied

    Im interessantesten sind die oralen Quellen, die diverse Persönlichkeiten und Königreiche nennen, vielleicht auch noch Bräuche vergangener Tage.
    Beim Rest ist immer eine dicke Portion Skepsis gefragt.

    Die Sahel-Zone mag islamisch geprägt sein, arabisch ist sie aber nicht. Sie unterschied sich vom Norden in so ziemlich allem: Bevölkerung, Sprache, Bräuche, Kriegsführung, Architektur und so weiter. Der Islam war das einzige Bindeglied, und selbst dieser wurde in der Regeld anders, unorthodoxer praktiziert.
    Aber ja, man wird Schwierigkeiten haben etwas über die Kulturen außerhalb des islamischen und christlichen Kulturekreises zu erfahren. Da muss man sich dann entweder auf die Quellen der abrahamitischen Nachbarn oder die der Europäer verlassen. Oder eben orale Überlieferungen.
    Vielleicht kann ich aber weiterhelfen. Welche Region interessiert dich denn genau?
     
  13. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Timbuktu lag und liegt außerhalb der Reichweite von Boko Haram. Dort trieben andere islamistische Gruppen, insbesondere "Al Quaida im Maghreb" (AQIM) und Ansar Dine, ihr Unwesen.
     
  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das ist zunächst einmal egal; ich möchte einfach wissen, von welchen afrikanischen Kulturen (außer denen im Umkreis der islamischen Welt, Äthiopien einschließend) wir präkolonial über Quellen verfügen.
     
  15. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Hatte das bisher übersehen. Der Fischerband ist dünner. Ich habe beide und schaue zuerst in die Geschichte Schwarzafrika.

    Im Fischerband kommen S. 122 die Europäer, bei Ki-Zerbo gibt es S. 241-371 ein Kapitel "Jahrhunderte des Übergangs", dass -soweit möglich- die Afrikanische Perspektive bevorzugt. Da ist durchaus noch eine andere Gewichtung im Afika-Band der Fischer Weltgeschichte zu bemerken.

    Der Grund, warum ich den Fischerband nicht erwähnte liegt ganz einfach darin, dass es mir hier vorwiegend um die Afrikanische Perspektive zu gehen schien. Dabei gebe ich natürlich zu, dass dabei auch Bauchgefühl im Spiel war.
     
  16. PapaSchlumpf

    PapaSchlumpf Mitglied

    Erst einmal alle Kulturen die so halbwegs an der Küste lagen. Diese werden hauptsächlich abgedeckt durch portugiesische, holländische, englische, chinesische, arabische und äthiopische Quellen. Ab dem 19. Jahrhundert kommen dann europäische Forschungsreisende, die quer durch Afrika gereist sind. Gustav Nachtigall hat z.B. den östlichen Sudangürtel durchquert, und Livingstone bekanntlich Südostafrika. Kaum eine afrikanische Kultur war komplett unberührt von Europäern bevor sie den Kolonialreichen einverleibt wurde.
    Reichlich europäische Quellen gibts z.B. über Benin, oder Ashanti.

    Edit: Und Kongo, natürlich.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. November 2016
  17. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Über das Munhumutapa-/ Karanga-Reich existieren seit dem 10. Jahrhundert arabische Quellen. Es ist meines Wissens auch das einzige afrikanische Reich ausserhalb des "Umkreises" der islamischen Welt, welches mit den Ruinen von Alt-Simbabwe (13. - 15. Jahrhundert) und den Bewässerungskanälen des Mazowe in grösserem Umfang archäologisch Verwertbares hinterlassen hat. Offenbar bestanden Handelsbeziehungen zu Asien (vermutlich durch arabische und malaiische Vermittlung) - es wurde chinesisches Porzellan gefunden. Ansonsten ist die Geschichte des Munhumutaspa-Reichs ein Paradebeispiel der von euch angesprochenen oralen Überlieferung, welche u.a. eine ganze Genealogie von Königen vermittelt.
     
  18. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Kann man so sagen. Der schon erwähnte Bertaux (FWG 32) schrieb: »Den rein afrikanischen Kulturen war die Schrift bis zur Neuzeit unbekannt... Vor der Neuzeit gibt es also keine afrikanischen Dokumente.« Wobei »rein afrikanisch« zu diskutieren wäre.

    Siehe das berühmte Lumumba-Zitat: »Afrika wird seine eigene Geschichte schreiben, und im Norden und im Süden wird es eine ruhmreiche und würdige Geschichte sein.«

    Letzteres gilt auch für die z. T. gleichaltrige 6-bändige Cambridge History of Africa, die gleichwohl immer wieder neu gedruckt wird, was für ihren wissenschaftlichen Wert spricht.

    Etwas Vergleichbares in deutscher Sprache kenne ich nicht, möchte jedoch – neben Bertaux und Ki-Zerbo – wenigstens verweisen auf: (a) das vierbändige Werk aus dem Akademie-Verlag (Ostberlin) bzw. Pahl-Rugenstein (Köln) 1979 ff., (b) auf die Monographien von Ansprenger (Beck Wissen, 2002), Lutz van Dijk und Speitkamp (beide auch als Lizenzausgaben bei der BpB 2005 und 2010).
     
  19. PapaSchlumpf

    PapaSchlumpf Mitglied

    Obwohl islamisiert sind die Kulturen des Sahel und der Ostküste selbstverständlich immer noch afrikanisch. Sollte man das anzweifelen sollte man sich auch fragen, ob Europas Kultur weniger europäisch ist weil es eine aus Vorderasien stammende Schrift und Religion übernommen hat.
     
  20. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Vielleicht stehen manche Historiker noch im Banne von Hegels berühmtem Diktum, Afrika sei "kein geschichtlicher Weltteil, er hat keine Bewegung und Entwicklung aufzuweisen, und was etwa in ihm, das heißt in seinem Norden geschehen ist, gehört der asiatischen und europäischen Welt zu" [1].

    Eine berechtigte Frage! (Vielleicht ist auch nur die traditionelle Unterscheidung nach Erdteilen unsinnig.)

    [1] Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte = Werkausgabe, Frankurt 1986, Bd. 12, S. 129
     

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