Warum war das Parteienspektrum im Kaiserreich so groß?

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Alpha, 11. Juni 2018.

  1. Alpha

    Alpha Mitglied


    Durch das Mehrheitswahlrecht im Kaiserreich hätte das Parteienspektrum doch eigentlich (zumindest im Reichstag) enorm fokussiert sein müssen, denn eigentlich hätten meiner Ansicht nach nur drei Parteien(gruppen) echte Chancen auf Mehrheiten gehabt.

    1) Die SPD durch ihre Verwurzelung unter den Arbeitern.
    2) Die Zentrumspartei in katholischen Gegenden.
    3) Deutschnationale und Konservative Catch-All-Parteien auf dem Land.

    Den Liberalen hätte doch eigentlich jede Grundlage für Mehrheiten fehlen müssen, weil sie sich vorallem an reichere Wählergruppen gerichtet haben, die überall in der Minderheit waren. Bei den Nationalliberalen kommt evtl. noch Bismarck als Zugpferd für die guten Ergebnisse in Frage. Aber die Linksliberalen hatten doch eigentlich niemanden der sie breit Unterstützt hat.

    Was übersehe ich?
     
  2. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Im Kaiserreich galt nicht nur Mehrheitswahrecht, sondern auch Persönlichkeitswahl. Mit anderen Worten: Es gab keine Listenwahl, sondern nur direkt gewählte Abgeordnete. Und hier setzten sich oft diejenigen durch, die bei den Wählern in ihrem Wahlkreis – aus welchen Gründen auch immer – gut ankamen, und das ganz unabhängig davon, welcher Partei sie angehörten.
     
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  3. Chan

    Chan Aktives Mitglied


    Im Kaiserreich waren vier politische Blöcke maßgeblich im Parlament vertreten:

    (1) die katholische Zentrumspartei, (2) der konservative Block (Deutschkonservative Partei und Deutsche Reichspartei), (3) der liberale Block, aufgespalten in Links- und in Nationalliberalismus, (4) die Sozialisten (ab 1890 SPD).

    Ihre Klientel setzte sich so zusammen:

    (1) hauptsächlich ländliche Population und dezidierte Katholiken
    (2) Großgrundbesitzer, Adel, Industrie
    (3) Bürgertum (Handel, Intellektuelle, Journalisten usw.)
    (4) Arbeiter, Handwerker, Intellektuelle

    Wie Dion schon sagt, trug nicht so sehr ein Parteiprogramm, sondern vielmehr das Charisma einzelner Persönlichkeiten zur Attraktivität einer Partei bei, was ganz besonders für die liberalen und konservativen Parteien galt. Solche Personen nannte man "Honoratioren", d.h. sinngemäß "besonders Geehrte/Ehrenwerte". Die liberalen Honoratioren kamen aus der Wirtschaft oder dem Großgrundbesitz oder aus der intellektuellen Szene (Professoren) und profitierten politisch von ihrer Reputation und ihrem Charisma. Im Parlament bildeten sie ein lockeres, politisch dominantes Bündnis mit den Konservativen, während die beiden anderen Blöcke, die Katholiken und die Sozialisten, nicht bündnisfähig waren und daher politisch auch relativ wirkungslos.
     
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  4. Alpha

    Alpha Mitglied

    Danke für die Antworten.

    @Chan: Meinst du mit den Honoratioren große Persönlichkeiten wie Bismarck und Naumann oder die einzelnen Kandidaten.

    An alle: Wie ist zu dieser Zeit ein Wahlkampf abgelaufen? Kannten die Wähler die Abgeordneten persönlich oder ging es da eher um den Ruf der Kandidaten?
     
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  5. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Letzteres. Zur Zeit der Reichsgründung gab es noch kein Parteiensystem, sondern ein Honoratiorensystem, in dem die einzelnen Honoratioren (z.B. Großgrundbesitzer, Adlige, Industrielle und Professoren) die Parteien, die eigentlich Wahlvereine waren, ehrenamtlich führten. Dieses System zerbröckelte aber mit der Zeit in dem Maße, wie die Organisation der Parteien an Struktur und Kohärenz gewann. Dazu trug auch bei, dass der Zeitaufwand für den Wahlkampf mit den beruflichen Anforderungen der Honoratioren immer weniger vereinbar war.

    Ein Kritiker des Honoratiorensystems war der Schriftsteller Theodor Fontane. In einem Brief an Mathilde von Rohr (Jan. 1878) schreibt er:

    Wenn ich Umschau halte, so begegne ich in der Oberschicht unsres Volks, unter Adel, Beamten, Honoratioren, Künstlern und Gelehrten einer nur sehr mäßigen Anständigkeit. Sie sind eng, geizig, neidisch, rechthaberisch, ohne Sinn für Form und Billigkeit, wollen nehmen und nicht geben, huldigen mehr der Schein-Ehre als der wirklichen und entbehren in einem unglaublichen Grade der Hochherzigkeit, des Edelmuths und der Gabe zu verzeihn und Opfer zu bringen. Sie sind selbstsüchtig, hart, unliebenswürdig.

    Zum Übergang vom Honoratioren- zum regelrechten Parteiensystem hat Max Weber einiges geschrieben. Vielleicht gehe ich bei Gelegenheit darauf genauer ein.

    Der Wahlkampf wurde in der frühen Kaiserzeit hauptsächlich von den Honoratioren organisiert, die entweder selbst kandidierten oder die Promotion für einen Kandidaten betrieben. Bis 1918 durften nur Männer über 25 wählen. Propagandistische Medien waren die Presse, Plakate und Flugblätter. Sich präsentieren konnten die Kandidaten auf Wahlveranstaltungen, die zunehmend zu Massenveranstaltungen gerieten, deren organisatorischer Aufwand die Honoratioren allmählich überlastete und die Entstehung von Parteiapparaten forcierte. Die Wahlkampfkosten stiegen entsprechend und verzwanzigfachten sich von 1880 bis 1912. Natürlich gab es Massenveranstaltungen nur in Städten, bei denen ein persönlicher Kontakt zwischen Wählern und Kandidaten kaum möglich war, anders als auf dem Land, wo der Kandidat noch direkt mit der Wählerschaft kommunizieren konnte. Während die Honoratioren auf dem Land also im persönlichen Gespräch die Wahlentscheidung beeinflussen konnten, geschah das in den Städten nur durch Reden vor großem Publikum.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. Juni 2018
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  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich bin zwar nicht Chan, aber mit Honoratioren sind Angehörige der lokalen Eliten gemeint, Großgrund- oder Fabrikbesitzer, Vertreter des Großbürgertums aber auch Angehörige akademischer Berufe wie Ärzte, Anwälte, Pastoren und Lehrer, die in der Regel über eigenes Vermögen verfügten und politische Ämter bekleideten, um ihr soziales Prestige zu erhöhen.
     
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  7. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Sehr richtig, aber das hatte ich weiter oben auch schon angedeutet:
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die generelle Fragestellung findet sich so in der historischen Diskussion nicht wider, da das Parteienspektrum im Kaiserreich die fünf zentralen politischen Bewegungen widerspiegelte, die sich bereits seit dem "Vormärz" auskristalisiert haben. Und insofern gab es eine ideengeschichtliche Kontinuität der wichtigsten politischen Gruppierungen.

    Zu diesem Zeitpunkt wurden sie bereits von Zeitgenossen als "Parteien" wahrgenommen (vgl. Ritter, S. 10ff). Organisatorisch verankert war die Herausbildung im "Vereinswesen" und der zunehmenden Bedeutung einer politischen Publizistik. (vgl. z.B. Habermas: Strukturwandel). In diesem Kontext waren "Honoratioren" die Träger der frühen Ausbildung des Parteiensystems in Deutschland.

    Relevant ist dieser Aspekt insbesondere dadurch, da der Übergang von den "Honoratiorenparteien" des Bürgertums gekennzeichnet war durch die massive organisatorische Unterstützung einzelner Parteien durch gesellschaftliche oder wirtschaftliche "Organisationen". So kam es zu "Übernahmen" von Parteien durch Interessenorganisationen, die im wesentlichen die partikularen Interessen der jeweiligen Organisationen vertraten. Und in der Konsequenz die von Lepsius beschriebenen "sozialmoralischen Milieus" ausprägten die die politischen Konfliktlinien im Deutschen Reich mit geprägt haben (vgl. zur empirischen Analyse Henning) . Und die Zusammenarbeitung der Parteien nachhaltig erschwert haben.

    https://www.ssoar.info/ssoar/bitstr...ialmoralische_Milieu_und_seine.pdf?sequence=1

    Dieser Aspekt ist insofern hoch bedeutsam, da er die Struktur des Parteiensystem maßgeblich mit beeinflußt hat. Und in seiner Bedeutung - der egoistischen Betonung partikularer Interessen - bis Ende der zwanziger Jahre den Niedergang der Demokratie von Weimar mit erklären kann.

    Nach einer Dekade des Zurückbildens der Parteienlandschaft setzte ca. 1860 - konzentriert auf Preußen - eine massive Politisierung im Zuge der Polarisierung während des preußischen Heeres- und Verfassungskonflikts ein. Und kann als der erneute Startpunkt der Entwicklung des Parlamentarismus in Deutschland gedeutet werden.

    Die eigentliche Veränderung setzte ca. 1889 ein im Zuge der schweren ökonomischen Krise. Und die politische Mobilisierung breiter Bevölkerungsschichten durch alle Parteien wurde zur gängigen Praxis im Zuge der Wahlkämpfe und kann an der zunehmenden Wahlbeteiligung bis 1912 leicht abgelesen werden (steigt von ca. 50% in 71 auf über 80" in 1912 an (vgl. Ritter, S. 25)).

    Folgt man der Diskussion des Forschungsstands bei Kühne (S. 17) dann können im wesentlichen zwei Sichten auf die Entwicklung des Parlamentarismus im Deutschen Reich diagnostiziert werden. Eingebettet ist diese Diskussion in die "Sonderweg-Kontroverse".

    Die eine Sicht betont im wesentlichen die pseudodemokratischen Strukturen, da die Parteien nicht wie in England oder Frankreich in die reale Regierungsverantwortung genommen worden sind. Und erklärt aus dieser Sicht auch das Scheitern von Weimar (vgl. z.B. Fischer, Wehler etc.)

    Die revisionistische Sicht betont dagegen, dass es durchaus eine evolutionäre Entwicklung des Parteiensystems im Deutschen Reich gab, die als "Lehrjahre" beispielsweise von Anderson bezeichnet worden sind. (vgl. Eley, Anderson etc.) Und Anderson betont, dass es bezeichnend ist, dass trotz der Gefahr eines "Staatsstreichs" in den neunziger Jahren, es nach 1898 als Option nicht mehr in Frage kam. Und somit ein wichtiger Indiz für die qualitative Veränderung des Parlamentarismus im Deutschen Reich war. (Anderson, S. 506)

    An dieser Diskussion entzündet sich weitgehend die historische Diskussion, wobei derzeit die "Revisionisten" Konjunktur haben.

    Anderson, Margaret Lavinia; Hirschfeld, Sybille (2009): Lehrjahre der Demokratie. Wahlen und politische Kultur im Deutschen Kaiserreich. Stuttgart: Steiner
    Kühne, Thomas (1994): Dreiklassenwahlrecht und Wahlkultur in Preussen. 1867-1914 : Landtagswahlen zwischen korporativer Tradition und politischem Massenmarkt. Düsseldorf: Droste
    Ritter, Gerhard A. (1985): Die deutschen Parteien 1830-1914. Parteien u. Gesellschaft im konstitutionellen Regierungssystem: Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Juni 2018
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  9. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Interessanter Beitrag. Aber ich habe da einige Fragen:

    Beziehst du dich hier auf alle politischen Strömungen? Ich kenne es ebenfalls wie bereits erwähnt, dass die Struktur der Honorationenparteien bei Konservativen und liberalen Richtungen, weniger bei der sozialdemokratischen und der katholischen zu finden waren. Vor allem die sozialdemokratische stellte doch eine komplett neue Entwicklung dar.



    Auch hier : Beziehst du dich auf alle parteilichen Strömungen oder nur auf die bürgerlichen und konservativen? Denn das von dir beschriebene, was die Zusammenarbeit erschwert hat, haben wir wenn ich mich richtig erinnere, bereits in einer anderen Diskussion über das Scheitern von Weimar bereits gehabt und zwar bezogen auf alle politischen Richtungen. Unabhängig von der Struktur der jeweiligen politischen Parteien


     
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  10. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es ist vereinfacht von mir dargestellt worden. In gewisser Weise war die SPD die innovativste Partei in Bezug auf die innerparteiliche demokratische Meinungsbildung und bildete in erzwungener Abgrenzung zur restlichen Kaiserreich eine Art "Parallelgesellschaft" heraus. Kennzeichnend dafür war die hohe Organisationsfähigkeit der Sozialdemokratie. An diesem Modell der Mobilisierung der eigenen Wählerbasis mußten sich die anderen Parteien orientieren, wenn sie nicht ins Hintertreffen gelangen wollten.

    Auch um den Preis des von Michels als "ehernes Gesetz der Oligarchie" beschriebenen Prozesse der Professionalisierung und damit verbundenen Ablösung der "Partei-Eliten" von der Wählerbasis.

    http://www.bpb.de/apuz/59709/ehernes-gesetz-der-oligarchie-ist-demokratie-moeglich?p=all

    Den Prozess hatte ich in einem anderen Thread, den ich gerade nicht finde, beschrieben.

    Arbeiter erfuhren, wenn sie kritisch dachten, den Staat immer auch als Repressionsinstanz.“ (3, S. 881) Und richtete sich „zweifellos am härtesten gegen die sozialdemokratischen Arbeiterführer.“ (3, S. 682). Parallel zu dieser staatlich intendierten Ausgrenzung des Arbeiterschaft bzw. der Sozialdemokratie entwickelten die Organisationen der Arbeiterschaft, vor allem die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften, basierend auf einer parteipolitischen Doktrin ebenfalls eine eigenständige Identität, - als Staat im Staate – die bei Groh als „negative Integration“ bezeichnet wird (1, S. 36ff).

    Die zunehmende politische Frustration der radikaleren Sozialdemokraten griffen die sozialdemokratischen Funktionäre auf und bauten eine umfangreiche Infrastruktur auf, die in ihrem organisationellen Umfang in dieser Periode weltweit einmalig war. (7, S. 36). Mit dem Ausbau des sozialdemokratischen Staates richtete sich die formal revolutionäre marxistische Sozialdemokratie im Kaiserreich ein und stabilisierte, aufgrund der vielen Schnittpunkte zum restlichen bürgerlich aristokratisch-geprägten Staat dennoch das Staatswesen (1, S. 36).

    Dieser affirmativer Charakter der proletarischen Institutionen und Organisationen gegenüber dem Kaiserreich kam nicht zuletzt auch dadurch zur Geltung, dass in ihnen die zentralen bürgerlichen Werte nicht in Frag gestellt wurden, sondern sie wurden vermittelt und trugen so dazu bei, dass die proletarische Subkultur in den zentralen Normen und Werten sich den bürgerlichen Vorstellungen anpasste. Das Proletaritat war in seinem Denken bis 1918 teilweise „verbürgerlicht“ (1, S. 59)
    "

    1. Groh, Dieter (1974): Negative Integration und revolutionärer Attentismus. Die dt. Sozialdemokratie am Vorabend d. 1. Weltkrieges. Ungekürzte Ausg. Frankfurt (M.), Berlin, Wien: Ullstein ([Ullstein-Bücher] Ullstein-Buch, 3086). (und auch bei Groh und Brandt weiter ausgeführt)
    2.Groh, Dieter; Brandt, Peter (1992): Vaterlandslose Gesellen. Sozialdemokratie und Nation 1860 - 1990. München: Beck.
    3.Ritter, Gerhard Albert; Tenfelde, Klaus (1992): Arbeiter im deutschen Kaiserreich. 1871 bis 1914. Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Bonn: J.H.W. Dietz


    Das betrifft im wesentlichen die nicht katholischen "bürgerlichen" Parteien. Davon explizit ausgenommen sind sowohl das Zentrum wie auch die SPD.

    Es bezog sich hauptsächlich auf den Gegensatz zwischen Hitler / NSDAP und den anderen Parteien. Im wesentlichen beanspruchte Hitler in seinen populistischen Reden, für das ganze Volk zu sprechen und grenzte sich gegen die Parteien ab, die "engstirnig" eine partikulare Interessenpolitik machten.

    Angesichts der Wirtschaftskrise war das natürlich eine sozialpsychologisch erfolgreiche Ansprache der Wähler, da nur die Fokussierung aller Kräfte des deutschen Volkes eine Lösung der Krise versprach.

    Auf diesen rhetorischen Trick ist zum einen ein Teil der Wählerschaft hereingefallen, aber ebenso gehörte Hindenburg zu den Getäuschten, da er Hitler die "wirtschaftliche Kompetenz" zuschrieb, die Krise in den Griff zu bekommen.

    Wurde aber auch schon im Forum so dargestellt. Deswegen auch nur verkürzt.
     
  11. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Meinst du damit, dass innere Demokratisierung zu Lasten der Professionalität geht?

    Wenn ja, müssten die heutigen Parteien deutlich unprofessioneller sein als die Honortionsparteien.



    Ist damit eine Art Parallelgesellschaft innerhalb der Sozialdemokratie bzw des sozialdemokratischen Milieus gemeint?



    Dieser Abschnitt und der gelöschte verwirren mich. Das widerspricht doch der obigen Erläuterung der Parallelgesellschaft, wenn hier von Integration ins Kaiserreich gesprochen wird. Oder wie ist das hier gemeint? Oder für einen anderen Zeitraum als das obige?



    Stimmt. Ich erinnere mich. Das war die Thematik gewesen
     
  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Aussage bezieht sich auf die parteisoziologische Untersuchung von Michels. Die Entwicklung der SPD war durch eine zunehmende Professionalisierung der Parteimitglieder gekennzeichnet, die als Funktionäre direkt für die Partei gearbeitet haben oder als Abgeordnete in den jeweiligen Parlamenten saßen.

    Mit der zunehmenden Mitgliederzahl und der damit zunehmenden politischen Bedeutung als wichtige Oppositionspartei, nahm die Bedeutung der inhaltlichen Aussagen der Parteiführung bzw. der SPD-Fraktion im Reichstag zu.

    Dazu kam eine nicht unerhebliche Kluft in Bezug auf das Verständnis der Marxismus, das die einfachen SPD-Wähler häufig von den Funktionären unterschied.

    Vor diesem Hintergrund einer zunehmenden sozialen, wirtschaftlichen und politischen Gesamtsituation war es zunehmend schwierig, die ursprüngliche demokratische Meinungs- und Entscheidungsfindung beizubehalten.

    Diesen Prozess der Verselbständigung der "Politiker" beschreibt Michels und beschreibt aber auch die negativen Seiten, dass zunehmende Professionalität auch zu einer Ausgrenzung des normalen Wahlvolks führt.

    Nein, die heutigen Parteien sind deutlich leistungsfähiger und professioneller bei der Integration von Ansprüchen an das politische System. Die Anzahl der "Anspruchssteller" (Lobbyisten etc.) hat allerdings zugenommen und führt zu einer Komplexitätssteigerung, die das Problemlösungspotential begrenzt. Daneben ist die Macht der "Vetospieler" gewachsen, politische Lösungen zu verhindern (vgl. dazu Tsebelis: Veto Players)

    Nein, die Sozialdemokratie bildete sich als eine Art "Parallelgesellschaft" bzw. auch "Subkultur" mit einer eigenen Identität bzw. Mentalität gegenüber der aristokratischen bzw. bürgerlichen Welt des Kaiserreichs heraus. Mit eigenständigen Einkaufsmöglichkeiten und Bildungseinrichtungen, in denen teilweise auch besonders prominente Parteimitglieder, wie Rosa Luxemburg, engagiert tätig waren.

    Durch den Aufbau von Strukturen, die nicht auf die revolutionäre Überwindung des politischen System abzielten, erfolgte eine Integration, die Groh als "negative Integration" bezeichnet hatte.
     
  13. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Danke. Das habe ich dann richtig verstanden. Bloß dann ist der Teil des Beitrags bzgl. der Integration ins Kaiserreich nicht ganz klar. Erfolgte dies nun oder nicht?
     
  14. Alpha

    Alpha Mitglied

    Ich glaube du verstehst meine Frage nicht ganz. Ich will nicht wissen woher die Parteien kamen und welche ideologische Grundlagen sie haben, sondern wie es den eher volksfernen Parteien (vorallem Liberalen) gelungen ist so gute Ergebnisse zu erzielen. Die hatten meiner Ansicht nach weder ein großes Kernklientel (wie Zentrum und SPD) noch das Potential einer Catch-All-Partei (wie die Konservativen) die breite Teile der Bevölkerung ansprach.


    Nochmal ein anderer Aspekt: War es üblich das jede Partei einen Kandidaten im Wahlkreis aufstellte oder hatten die Wähler eher beschränkte Auswahl. Im zweiten Wahlgang gab es ja durchaus Zusammenarbeit innerhalb der (rechten) Parteienlager, war das auch im ersten Wahgang verbreitet oder versuchte da erstmal jeder sein Glück allein?
     
  15. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das tut mir aufrichtig leid, aber vermutlich liegt es daran, dass ich ein wenig "minderbemittelt" bin und Fragen nicht so richtig verstehe.

    Vielleicht ist das Problem darin zu suchen, dass zu häufig "meiner Meinung" oder "Ich" in Deinen Ausführungen vorkommt. Die damit zusammenhängenden Thesen bzw. Konstrukte, wie die Unterstellung, dass die "Konservativen" eine "Catch-All-Partei" gewesen sein sollten, schlichtweg abwegig sind.

    Und möglicherweise könnte die Lösung des Problems darin liegen, dass man sich auf einen Narrativ einläßt, den andere analytisch vorschlagen.

    Dann würdest Du vielleicht darauf kommen, dass die "Liberalen" ursprünglich durchaus "volksnah" waren und ausgesprochen attraktiv für den Teil des "Volkes", der sich aus links-liberaler Sicht für die großdeutsche Einheit stark gemacht hatte.

    Und dann stellst Du vielleicht verwundert fest, dass die Ideengeschichte des Liberalismus a. interessant ist und b. einer Umdeutung nach 1860 unterlag.

    Aber das wolltest Du ja eigentlich gar nicht wissen. Sorry, ich habe es trotzdem geschrieben.....wie gesagt "minderbemittelt".
     
  16. Waldi61

    Waldi61 Mitglied

    Ich kenn mich ja nicht so aus wie ihr, aber die SPD war doch spätestens durch die Sozialistengesetze politisch isoliert und konnte selbst durch ihr großes Klientel nicht politisch mitwirken? Links- und Rechtsliberale sind nicht automatisch "volksfern", sondern hatten ähnliche, protestantische Bevölkerungsgruppen wie das gebildete Bürgertum, den "alten" Mittelstand der Handwerker und Kleinhändler, Arbeiter und Bauern. Das Problem der Liberalen war, dass viele ihrer Wähler zu anderen Parteien abwanderten. Spätestens 1879, als Bismarck mit den Nationalliberalen brach und die "konservative Wende" einleitete, fehlte es den Liberalen an einer stabilen Parlamentsmehrheit. Eine Catch-All Partei war eher noch das Zentrum, da in ihr vier verschiedene Strömungen vertreten waren. Die Konservativen verfügten eine schmale soziale Basis und hatte ihre Hochburgen im ostelbischen Preußen und Mecklenburg.

    Honorationen waren ein charakteristisches Merkmal des Kaiserreiches. Sie sendeten bekannte und einflußreiche Personen zu den Wahlen, die sich in Wahlkomitees, Versammlungen von Vertrauensmännern oder Wahlvereinen zusammenfanden und ihre Wahlkämpfe in Zentralwahlkomitees koordnierten. Aus diesen Organisationen wuchsen erst allmählich zentrale Parteileitungen heran.
     
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  17. Waldi61

    Waldi61 Mitglied

    Aber man muss nicht gleich beleidigt sein
     
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  18. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Woher weist Du das? Ich wäre vorsichtig mit Unterstellungen, werter Waldi61. So als gutgemeinter freundschaftlicher Rat an ein noch nicht so erfahrenes Forenmitglied.
     
  19. Waldi61

    Waldi61 Mitglied

    So war mein Eindruck durch den Sarkasmus in deiner Antwort. Außerdem findet sich die Frage so glaub ich auch in der historischen Forschung wieder. Denn im Großen und Ganzen wird ja nach der Wählerbasis und die Chancen zur Parlamentsbeteiligung gefragt
     
  20. Alpha

    Alpha Mitglied

    Zuallererst mal vielen Dank für deine Antwort Waldi. Ich glaube jetzt verstehe ich langsam wie die guten Ergebnisse zu stande kamen. Gut zu sehen das man mit sachlichen Themen nicht alleine ist (das schließt natürlich alle Vorschreiber hier mit ein).

    Also ich persönlich finde es besser zu sagen estwas sei "meine Meinung", als mir anzumaßen das es exakt so ist wie ich denke.

    Auf dem Land, speziell in Ostelbien waren sie das und reichsweit hatten sie auch recht breite Unterstützung, vorallem unter Monarchisten, die sich keiner anderen Parteiengruppe zugehörig fühlte.

    Also ich finde nicht das ich mich sachlichen Erklärungen verweigert habe.

    Nach solchen Erklärungen habe ich eigentlich gesucht. Aber ich hoffe du verstehst das ich dir dafür kein "Gefällt mir" geben werde.

    Ich habe nie behauptet das die Geschichte des Liberalismus uninteressant ist.

    Ich glaube niemand hier will deinen Rat. Das Forum gehört dir nicht.


    Ich werde antworten auf diesen Post nicht kommentieren es ist sinnlos sich wegen sowas zu streiten. Aber ich wollte thanepowers Kritik nicht einfach so stehen lassen.
     

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