Warum war das Parteienspektrum im Kaiserreich so groß?

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Alpha, 11. Juni 2018.

  1. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied


     
  2. Alpha

    Alpha Mitglied

    Grundfrage war, warum es im Deutschen Reichstag trotz mehrheitswahlrecht so viele Parteien gab. Speziell wollte ich wisse warum die Liberalen trotz eher geringem Bezug zum einfachen Volk so viel Rückhalt hatte.
     
  3. Waldi61

    Waldi61 Neues Mitglied


    Das kommt auf den Zeitpunkt drauf an. Speziell in den 70er Jahren gab es wenig Alternativen zu den Nationalliberalen. Erst mit dem sogenannten Gründerkrach, als 1873 eine wirtschaftliche Depression einsetzte und entweder Freihandel oder Protektionismus als Antwort galt, spaltete sich die Partei einerseits, und andererseits war die liberale Zukunftsvision mit der Reichsgründung quasi erfüllt. Mit Bismarck hielt es sich noch in Grenzen, aber spätestens 1879 dann verlor die Partei viele Wähler.
    Und das mit dem Mehrheitswahlrecht ist auch so eine Sache, denn man muss die Eigenheit des politischen Systems des Kaiserreich sehen. Das Parlament hatte keine großen Regierungsverantwortung, so dass sich die Parteien nicht groß an regierungsfähige Programme halten und Koalitionen schmieden mussten. Die Parteien mussten zur Zustimmung ihre Milieus beachten. Und das ist einer der Gründe, warum das Fünfparteiensystem relativ stabil blieb.
     
  4. Pausanias

    Pausanias Neues Mitglied

    Diese Frage habe ich mir zufällig vor kurzem auch gestellt. Häufig für Mehrheitswahlsysteme zu Zwei-Parteien-Systemen (USA) oder langer Dominanz einer Partei (Japan), aber das Beispiel Großbritannien zeigt, dass das nicht sein muss. Im Deutschen Reich kommen meiner Meinung nachverschiedene Faktoren zusammen (vieles davon schon von meinen Mitforisten genannt):
    1. Es gab eine große Anzahl von Regionalparteien, die ihre jeweilige ethnische Gruppe vertraten: Polen, Dänen, Lothringer, Litauer. Die Bayern hatten mit dem Bayerischen Bauernbund auch schon eine eigene Partei.
    2. Ebenfalls nur bestimmte, diesmal religiös eingegrenzte Gruppen ansprechende Partei: Zentrum
    3. Aufspaltung der politischen Lager in verschiedene Parteien: Zum Beispiel die Liberalen (Wahl `98): Nationalliberale, Freisinnige Vereinigung, Freisinnige Volkspartei und Deutsche Volkspartei.
    4. Regionale Schwerpunkte der Tätigkeit: Die größten konservativen Parteien (DKP, DRP) traten primär in Preußen auf.
    5. Durch den geringen Organisationsgrad der Parteien war es für Einzelpersonen einfacher, gewählt zu werden, was auch häufig stattfand.

    Das wären meine Ansätze
     
  5. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Wobei Großbritannien eigentlich auch ein Zwei Parteiensystem ist.
     
  6. Alpha

    Alpha Mitglied

    @Pausanias

    Sehr richtig. Wobei ich glaube das du die Wirkung von Regionalparteien außerhalb Bayerns überschätzt.

    @Lafayette

    Ich könnte mir vorstellen das er das ganze eher historisch meint. GB war um den 2. Weltkrieg herum eher ein Dreiparteiensystem: Torys, Whigs und Labour.
    Wobei man auch heute noch sagen kann das GB kein klassisches Zweiparteiensystem ist. Da gibt es zum Beispiel noch die Liberal Democrats und die irisch und schottischen Regionalparteien. Vom kurzen Höhenflug der UKIP mal ganz abgesehen.

    Ich will jetzt nicht zu weit abschweifen, aber wenn man GB schon als Zweiparteiensystem sehen kann, wäre der Vergleich zu Deutschland nicht mehr weit.
     
  7. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Ich sehe es nicht ganz wie Du. Aber da lese ich mir erstmal die entsprechenden Fachliteraturen durch.
     

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