Warum wurde Otto I. nicht Kaiser des Ostfrankenreiches?

Dieses Thema im Forum "Die Franken" wurde erstellt von Ler Nender, 28. August 2016.

  1. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied


    Was ich meine, ist, dass der Anspruch, das gesamte Reich zu vertreten eben, sicher bis die Normannen Byzanz aus Süditalien verdrängten, nicht nur Fiktion war.
     
  2. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Am "gesamten Reich" fehlten allerdings wesentliche Teile. Alle vorderasiatischen und nordafrikanischen Gebiete wurden seit Beginn des 7. Jh. von den Arabern beherrscht. In Italien regierten zunächst die Ostgoten, anschließend die Langobarden. Gallien und Spanien waren ohnehin an die Franken und Westgoten - später die Araber - verloren.

    Es blieben also nach der kurzen Epoche Kaiser Justinians lediglich Kleinasien und der Balkan übrig und auch dort machten sich seit dem 6./7. Jh. die Slawen breit und gründeten ihre Staaten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. September 2016
  3. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied


    Ohne Ostgebiete, dürfte es dann auch kein Deutschland mehr geben. Das Gebiete verloren gehen, heisst nicht, dass ein Staat aufhört zu existieren.
    Ostreich und Westreich waren ja auch keine 2 Staaten. Es waren Zuständigkeitsbereiche und Verwaltungsbereiche. Eine Doppelspitze war in Rom ja nicht unbekannt.
     
  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Niemand hat gesagt, dass das Oströmische Reich aufhörte zu existieren. Es nannte sich weiterhin Basileía tōn Rhōmaíōn, also "Reich der Römer", bis zu seinem Untergang 1453. Doch war sein Anspruch, das Römische Reich zu repräsentieren, zunehmend schattenhaft. Nach der Besetzung weiter Teile Kleinasiens durch die türkischen Seldschuken war Ostrom/Byzanz nur noch eine Mittelmacht von regionaler Bedeutung.
     
  5. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Nun gut es gab auch im Osten mit dem Bulgarischen Reich noch einen Kaiser, was denn Titel noch absurder machte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. September 2016
  6. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Die Frage ist, ob sich das Frankenreich oder auch die anderen frühmittelalterlichen Reiche sich immer noch als Teil eines ideellen Römischen Reiches ansahen, dessen Teilnachfolge oder Teilidentität sie annahmen.

    Ich bin gerade in der Wiki bei Gregor von Tours (6 Jhdt.) auf eine interessante Aussage gestoßen:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Gregor_von_Tours

    Allerdings trennen Otto I und Gregor von Tours immerhin 400 Jahre.
     
  7. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Bedeutung und Glanz des Byzantinisch-Oströmischen Reichs hielten noch weit über seinen staatlichen Verfall an. Ein Beispiel dafür ist der Vierte Kreuzzug, der diesen Staat noch einmal sowohl negativ als auch positiv ins abendländische Bewusstsein rückte. Das gilt gleichermaßen für den Fall Konstantinopels 1453, der in Europa als Zäsur erlebt wurde, obwohl Byzanz da schon seit über hundert Jahren nur noch ein vom Sultan geduldeter Kleinstaat - ja Stadtstaat - war.

    Wie stark die Tradition eines Imperium Romanum fortwirkte, zeigen die Krönungen Karls des Großen und Ottos I. zu römischen Kaisern, auch wenn sie nur Bruchteile des einstigen Römischen Reichs beherrschten.

    Die Könige der germanischen Reiche der Völkerwanderung sahen sich sicher noch als Teil des Römischen Reichs. Sie führten oft römische Ehrentitel wie Patricius, magister militum oder magister officiorum fort, mit denen die oströmischen Kaiser auch nach dem Untergang Westroms barbarische Könige auszeichneten. So z.B. Theoderich den Große oder - das ist umstritten - Chlodwig I.

    Diese Vorstellung des Eingebundenseins ins Imperium Romanum ist dann allmählich erloschen. Dennoch knüpften Karl der Große und die mittelalterlichen Herrscher des Reichs an die spätantike römische Kaiseridee an.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Sie zogen nach Rom um sich als Kaiser krönen zu lassen und titelten etwa so:
    Henricus divina favente clementia Romanorum imperator. (Entnommen einer Urkunde Heinrichs, 5. April 932)
    Otto divina favente clementia imperator augustus Romanorum ac Francorum. (Entnommen einer Urkunde Ottos, 24. Januar 966)
    Otto divina comprobante clementia Romanorum imperator augustus. (Entnommen einer Urkunde Ottos II., 14. Juni 983)
     

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