Was denken die Deutschen über Friedrich den Großen?

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von SuperHeinoFan, 8. April 2018.

  1. SuperHeinoFan

    SuperHeinoFan Neues Mitglied


    Ich bin ein Britisicher, noch er ist eine meine Helden, und, für mich, ein große Mann wo wirklich verdient der Titel 'der Große'.

    Was die Deutschen denkst heute über Friedrich der Große? Gut oder schlecht?
     
  2. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Goethe schreibt in seiner Autobiographie "Dichtung und Wahrheit", dass sich die Familie während des Siebenjährigen Krieges wegen Friedrich oft stritten, fast wie die verfeindeten Clans der Montago und Capulet in Romeo und Julia. Goethes Großvater Textor hielt es eher mit Österreich und Maria Theresia, während viele der jüngeren Familienmitglieder, darunter er selbst und sein Vater waren Anhänger von Friedrich. Goethe schrieb, alles sei damals "fritzisch" gewesen.

    Die Rezeption von Friedrich in Deutschland war sehr unterschiedlich, es gab Zeiten der propreußischen und pro-friderizianischen Verehrung im Wilhelminischen Deutschland und in der Nazizeit, und Zeiten in denen Friedrich in der DDR regelrecht als eine Unperson bewertet wurde. Die historische Größe, seine Bedeutung für die Großmachtstellung Preußens hat man Friedrich zu keiner Zeit abgesprochen, aber zu keiner Zeit war sein Ruf unumstritten, hat nicht seine Politik, seine Nachwirkung Kritiker wie Bewunderer inspiriert. Militaristen und Humanisten, Anti-Demokraten und Demokraten haben ihn bewundert und verdammt. Die Provinzen, um die er Krieg führte, sind längst verloren, und Preußen selbst von der Landkarte verschwunden, über seinen Einfluss auf den Verlauf der preußisch-deutschen Geschichte und was an seiner Herrschaft bemerkenswert, erhaltenswert, nachahmenswert und kontrovers ist, darüber spricht man heute noch.
     
    Carolus gefällt das.
  3. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied


    Wenn man "die Deutschen" heute befragte, wer - für Sie - Friedrich der Große war, kämen von den meisten Interviewten Aussagen, die vergleichbar zu denen sind, die englische Schüler auf die Frage "Wer war Nelson" zum Besten gaben. Die entsprechenden Schreckensnachrichten in britischen Zeitungen dürften Dir bekannt sein.

    Ein einfaches "Na, der Alte Fritz eben" dürfte schon eine der besseren Antworten sein. Dann wirst Du finden: 'ganz viele Schlachten und Kriege gewonnen, aber keine Ahnung, gegen wen' und 'der hat die Kartoffel erfunden / in Deutschland eingeführt.' Für die meisten Deutschen damit eine Sagenfigur aus einer Geschichte, für die sie sich kaum interessieren.

    Bei denen, die sich mit ihm beschäftigen, streiten sich die Geister: zwischen Bewunderung als "deutscher Vorzeigekönig" (als der er selbst sich mit Sicherheit nicht sah) von rechts bis hin zur Herstellung einer direkten Kontinuität in Sachen aggresiv-militaristische(-verbrecherische) Außenpolitik von Friedrich II. über Bismarck zu Hitler von links gibt es da alles.

    Positiv wird er als DER aufgeklärte Absolutist, Protagonist preußischer Toleranz ("ein jeder nach seiner Fassong"), genialer Schlachtenlenker, romantisches traumatisiertes Opfer seines Bauerntrampels von Vater, (zynische) Intellektuelle und Flötenspieler von Rheinsberg oder Sanssouci gesehen.

    Negativ als Blutsäufer, Zyniker, Frauenfeind und Geizkragen (über den unsere Medien kürzlich süffisant zu berichten wussten, dass auch er Wasser (Kartoffeln) predigte und heimlich Wein (Kirschen) trank - das Untier, das liderliche!

    Auf seine alten Tage ein Menschenfeind und stattdessen Liebhaber seiner Windspiele und Totengräber Altpreußens.
    Was denken "die Deutschen" über ihn?
    Ich für mein Teil denke über ihn, dass der König Friedrich den General Friedrich (aller-)spätestens nach der Niederlage von Hochkirch in Ungnade gefeuert hätte und dass er leider mehrfach von den völlig falschen Leuten als mißinterpretiertes Vorbild mißbraten wurde.
     
  4. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich sehe es auch eher wie Neddy.

    Das Bild der Deutschen über Friedrich II. ist sehr unterschiedlich. Es wäre interessant, ob es nochmal stärker eine Wandlung in den Ländern widerfährt, wo Geschichte als Unterrichtsfach noch stärker in den Hintergrund tritt.
    Friedrich II. - wer ist das?
    Manch einer bringt nichtmal zusammen, dass der Alte Fritz und Friedrich II. ein und dieselbe Person sind. Manch einer glaubt, der Alte Fritz sei der Soldatenkönig gewesen.

    Auf der anderen Seite ist Friedrich II. unter den historisch leicht interessierten Leuten immer ein Thema und einer der wenigen Namen außer vielleicht Bach und Händel oder ein paar Dichter, die man mit dem 18.Jh. in Verbindung bringt.
    Mir scheint, dass Friedrich in den letzten Jahrzehnten in der öffentlichen Wahrnehmung 300. Geburtstag und 300 Jahre preußisches Königtum hin oder her mehr und mehr an Bedeutung verliert. Selbst im Gespräch mit angeblich historisch interessierten Menschen gewinne ich mehr und mehr den Eindruck, dieser Zeitschnitt gewinnt den Charakter des Nebulösen, unter Bergen von Klischees nicht mehr greifbarem.

    Zumindest gefühlt und durch die Erfahrung von bald 15 Jahren Aktionen in Freilichtmuseen mit Schwerpunkt auf Friedrichs Zeit habe ich den Eindruck, dass die schwärmerische Vorstellung von Friedrich doch im Norden Deutschlands noch deutlich ausgeprägter ist als im Süden. Ganz selten findet man Friedrich-Hasser (hier meinetwegen wegen seiner Verwüstung Sachsens). Auch wenn man Friedrich vielleicht als den politischen Bad Boy des 18.Jh. bezeichnen könnte, der rasend in seiner Verachtung und seiner Begierde seine Feinde zu vernichten (man denke an sein einem König unwürdigen Verwüsten des Besitzes von Graf Brühl z.B.), scheint das seinem Ruf nichts anzuhaben. Die Deutschnationalen übersehen auch gerne die Fragwürdigkeit seiner vielgepriesenen Toleranz, die Toleranz eines Intoleranten.

    Ich denke, diese Schwärmer wird es immer geben und scheinen ja auch überall vorhanden. Die sich ereifernden Schweden, wenn man etwas an Gustav Adolph zu kritisieren hat, die Briten, die einen Cromwell verehren ...

    Ich selber würde mich nicht als ein Fan Friedrich II. sehen. Vieles von dem, was die Verehrer ihm zudachten, wurzelte in den Taten seiner drei Vorgänger: effiziente Bürokratie (FW I.), starkes Königtum (Gr. Kurf., FW I.), schlagkräftiges Militär, eine repräsentative Hauptstadt (F I.).
    Als Staatsmann mit viel Glück gesegnet, als Diplomat eine Katastrophe (die sich nicht rächte!), als Feldherr durchaus passabel.
    Es hat gewiss deutlich bessere Landesherren in Deutschland gegeben - auch in seiner Zeit. Als Herrscher einer deutschen Großmacht hatte er allerdings den Vorzug seinen habsburgischen Konkurrenten voraus zu sein.
    Seinen Charakter mag ich nicht.
     
    Dieter und Neddy gefällt das.
  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Er hat als Heerführer die glänzenden Siege bei Roßbach und Leuthen ebenso zu verantworten wie die verheerenden Niederlagen bei Kolin, Hochkirch und Kunersdorf. Am Ende rettete ihn nur das Glück, aber in gewisser Weise war es schon das Glück des Tüchtigen, weil er es verstand, Vorteile aus Fehlern der Gegenseite zu ziehen. Im Krieg ist es manchmal besser, falsche Entscheidungen zu fällen, als gar keine, und der Preußenkönig hatte den Vorteil, dass er auf keinen Hofkriegsrat Rücksicht nehmen musste und Fehlentscheidungen treffen konnte wie bei Hochkirch und Kunersdorf, ohne befürchten zu müssen, kassiert oder vor ein Kriegsgericht gestellt zu werden. Es war immer wieder die schlagkräftige Armee, mit der Friedrich sich aus diplomatisch verfahrener Lage befreite und Preußen als europäische Großmacht etablierte.

    Seinen Untertanen hat er sehr viel abverlangt und zugemutet, vermutlich weit mehr, als vernünftiger Weise erwartet werden konnte. Die neue Großmacht Preußen hatte viele unschöne Züge. Die Grundherrschaft der Junker in Ostelbien, denen er die führenden Posten in der Verwaltung und im Militär überließ war drückend, Friedrich selbst gab offen zu, dass die Lage der Bauern in Schlesien mit Ausnahme seiner Domänen fast der von Sklaven glich. In manchen Landesteilen wie Ostfriesland gab es wohlhabende freie Bauern, aber ein selbstbewusstes Bürgertum als Keimzelle demokratischer Traditionen hat sich in Preußen nicht so recht entwickeln können. Friedrich sagte, dass er jeden nach seiner Facon selig werden lassen und in Berlin Moscheen bauen wolle, aber was die Emanzipation der Juden betraf, gab es viele Reichsfürsten die in dieser Beziehung wesentlich weiter gingen. Nur wer sich einen Schutzbrief leisten konnte, durfte in Preußen bleiben, und nur ein Sohn hatte überhaupt die Möglichkeit einen Schutzbrief zu bekommen. Moses Mendelsohn wurde trotz seiner Verdienste die Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften verweigert.
    Der Preußenkönig war sicher auf der Höhe der französischen Aufklärung und seiner Tafelrunde durchaus ebenbürtig, sein Urteil über die zeitgenössische deutsche Literatur, die seit den 1770er Jahren wieder überaus lesenswert geworden wurde, war aber ebenso inkompetent wie ungerecht. Goethes Götz von Berlichingen fand Friedrich schauderhaft, die Werke Schillers und Lessings und Kant waren ihm kaum dem Namen nach bekannt. Einen Journalisten, über den er sich geärgert hatte, ließ er von angeheuerten Rabauken zusammenschlagen.
    Wo Friedrich tatsächlich seiner Zeit um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte voraus war, das war die Abschaffung der Folter. Völlig beseitigen wollte er die Tortur zwar nicht, im Falle von Mord oder gegen Angehörige von Räuberbanden sollte im Notfall weiterhin die Folter angewendet werden dürfen, und das barbarische Spießrutenlaufen in der Armee hat Friedrich nie abgeschafft. Aus der Rechtspraxis aber verschwand die Folter in Preußen, ausgefeilte Verhörmethoden, ein qualifizierter was in den meisten deutschen Ländern 50-60 Jahre länger dauerte als in Preußen, in manchen bis in die Zeit als Napoleon und Satelliten die Justiz reformierten und den Code Civil und Code Penal einführten. Das ist vielleicht das Beste, was sich über Friedrich sagen lässt.
     
    Brissotin und Neddy gefällt das.
  6. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Als "erster Diener des Staates" - so wollte Friedrich II. regieren und so wollte er beurteilt werden. Doch bereits die Zeitgenossen kamen zu ganz unterschielichen Bewertungen. Ein Teil der Bevölkerung verehrte den König als strengen, aber gerechten Landesvater, zu dem -angeblich - jeder einfache Untertan mit Bittgesuchen kommen durfte. Das Bild des "Alten Fritz", wie er fst liebevoll genannt wurde, schmückte etliche Gebrauchsgegenstände, wie Schnupftabakdosen, Krüge und Medaillons. Nach dem Tod des Königs im Jahr 1786 verkündete ein preußisches Flugblatt, "Friedrich der Einzige", der "von allen Nationen bewunderte Monarch" sei gestorben.

    Neben Trauer wurden aber auch Stimmen der Freude laut:"Gott sei Dank, das Ekel ist tot", war in den Straßen Berlins zu hören. Nicht wenige zeigten sich erleichtert, dass die lange Regierung des "gefühlskalten bösen Mannes", wie ihn seine Gegnerin Maria Theresia bezeichnet hatte, vorüber war. Ein anderer Zeitgenosse kritisierte das Wesen Friedrichs II. mit den Worten:

    "Der König hat Freundschaft nie gekannt, er ist dieses Gefühls unfähig. Er sonnt sich in dem Bewusstsein des Abstands zwischen dem, was er bei seinem Regierungsantritt war und was er heute ist. Seine Untertanen sind für ihn nur eine gemeine Herde, bestimmt, das Land nach seinem Befehl fruchtbar zu machen oder es zu verschönern. Der Machtwille und die Eitelkeit sind seine heftigsten Leidenschaften"
    (zitiert nach: Pierre Gaxotte, Friedrich der Große, Frankfurt/M., Berlin 1986, S. 435).

    Friedrich hielt so gut wie keinen mit auswärtigen Mächten geschlossenen Vertrag ein. Sein Überfall auf Schlesien erfolgte ohne vorherige Warnung und war durch keinen noch so unbedeutenden Rechtsanspruch gedeckt. Seine Art, alles auf eine Karte zu setzen und das Schicksal des ihm anvertrauten Staates von einer Schlacht abhängig zu machen, zeugt von einer enormen Verantwortungslosigkeit. Allerdings sei zugegeben, dass sich mit den normalen Mitteln der Politik im 18. Jh. kaum eine Großmacht schaffen ließ.

    Wie schon oben ausgeführt, erfolgte zur Zeit der Nazis eine Renaissance der Friedrich-Verehrung. Dort kehrte man hervor, wie entscheidend ein "Führer" für das Schicksal des Staates und die historische Entwicklung sei. Gefolgschaft, Treue und hingebende Staatsgesinnung - das verbanden die Nazis mit Friedrich II. (und Hitler) und setzten ihm so eine Gloriole auf.

    In der DDR lässt sich die Genese der Beurteilung des alten Fritz mit diesen Worten aus Zeit-online zusammenfassen:
    "Vom Inbegriff des Militarismus zum respektierten Ahnherrn des antifaschistischen Deutschland: Die sonderbare Karriere Friedrichs »des Großen« unter Ulbricht und Honecker. Eine Spurensuche"
    http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2011/04/Friedrich-der-Grosse-DDR

    Heute ist uns zum Glück jede friderizianische Schwärmerei fremd geworden, was überhaupt für diese Epoche gilt. Friedrich II. wird nüchterner beurteilt und das Attribut "der Große" sparsamer als früher verwendet.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. April 2018
  7. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Dann wäre die Frage: Was bleibt vom alten Fritz eigentlich, außer den täglichen Kartoffeln auf dem Teller?
    Welche Folgen seines Wirkens gelten evtl. noch heute für uns Deutsche/für Deutschland?

    Mir würde da zuerst der Dauerstreit zwischen Österreich und Preussen um die Vorherrschaft in Deutschland einfallen, der ja erst 1866 eigentlich beendet wurde.

    Militärisch haben wir seine "schiefe Schlachtordnung" bei Leuthen; seine soldatischen Fähigkeiten insgesamt haben zumindest Napoleon beeindruckt - sicher ein in dieser Hinsicht geeigneter Kritiker.

    Das war's?
     
    Brissotin gefällt das.
  8. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Nicht ganz!

    In Erinnerung bleibt, dass Friedrich II. Preußen zur europäischen Großmacht machte, was den grausamen Namen "Pentarchie" erhalten hat: England, Frankreich, Österreich Russland und Preußen. Davon blieb zwar nichts mehr übrig, denn Preußem versank nach der Nazi-Ära endgültig.

    Unumstritten sind sseine Verdienste als erster aufgeklärter Herrscher, der sich nach Ludwigs IV. "l'état cest moi" als "erster Diener seines Staates" sah. der für das Glück seiner Untertanen verantwortlich ist. So steht's in seinem"Politischen Testament" von 1753, das Friedrich für seine Nachfolger verfasste. Was für ein Bruch zum Absolutismus mit seinen gottähnlichen Herrschern, wenn er in seinem Politischen Testament schreibt:

    "Trägheit, Vergnügunssucht und Dummhei: diese drei Ursachen hindern die Fürsten an ihrem edlen Berufe für das Glück ihrer Völker zu wirken. Sie vegetieren auf dem Throne, dessen sie unwürdig sind und denken nur an das liebe Ich [...] Der Herrscher ist nicht zu seinem hohen Rang erhoben, man hat ihm nicht die höchste Macht anvertraut, damit er in Verweichlichung dahinlebe, sich vom Mark des Volkes mäste und glücklich sei, während alles darbt."

    Friedrich förderte den Landesausbau, ließ Sumpfgebiete wie den Oderbruch trocken legen und nahm Bauern und Handwerker auf, die andere Länder aus religiösen Gründen vertrieben. Das brachte vielfältige Innovationen. Bis heute gibt es zahlreiche Familien mit französischem Nachnamen (z.B. de Maizière), deren Vorfahren aufgrund Friedrichs Anwerbung aus Frankreich emigrierten, weil sie dort wegen des protestantischen bzw. calvinistishen Bekenntnisses nicht gelitten waren.

    Friedrich zurechnen muss man ferner eine Justizreform,. Er fixierte das Recht, vereinfachte juristische Verfahren und schuf einen klaren Rechtsweg. Vor allem schaffte er die Folter ab und sorgte dafür, dass die Richter unbestechlich und ohne Ansehen der Person urteilten.

    Adere Maßnamen Friedrichs wie eine Schulreform blieben unvollständig und Stückwerk.

    Umstritten ist bis heute die Außenpolitik Friedrichs II. Zwar erzielte er gewaltige Gebietsgewinne und machte Preußen zur europäischen Großmacht. Doch setzte er seine Truppen in unablässigen Kriegen rücksichtslos zur Machterweiterung ein, was gewaltige Menschenopfer kostete.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. April 2018
    Zoki55 und muheijo gefällt das.
  9. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Der alte Fritz hat die Bewohner Preußens zu Preußen gemacht. Seine (lange) Regierungszeit, seine Kriegszüge, seine Gesetzgebung, sie haben das Land stärker geeint als sein Großvater es mit der Krone vermochte.
     
    muheijo gefällt das.
  10. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    1.
    Das ist eben eines der typischen Bilder von Friedrich II.. Er hat - allerdings erfolgreich anders als in Frankreich - versucht in Preußen die Kartoffel allgemein einzuführen. Das heißt ja nicht, dass sie davor nicht schon von Preußen angebaut wurde, nur eben nicht von sovielen.
    In Restdeutschland war das Thema Kartoffel eh schon geklärt. In Sachsen, der Pfalz und weiten Teilen Oberdeutschlands war sie längst verbreitet.

    2.
    Diesen Dauerstreit würde ich ihm nicht anlasten. Der war schon in der 2.Hälfte des 17.Jh. massiv vorhanden und wurde damals auf dem Reichstag mit harten Bandagen auf diplomatischer Ebene ausgetragen.
    Die Kriege, in denen Brandenburg-Preußen als Bündnispartner an der Seite des Kaisers stand, darf man auf keinen Fall als einen stichhaltigen Beleg für ein gutes Einverständnis zwischen den Häusern der Habsburger und Hohenzollern begreifen.

    3.
    Wobei Napoléon wirklich zahlreiche Feldherren kritisch untersuchte - in seiner Zeit auf St. Helena auch bspw. Turenne. Das Urteil Napléons zeigt oftmals, dass er obwohl Fachmann als Feldherr keineswegs die Notwendigkeiten der Kriegsführung der anderen Epoche begriff. Den Maréchal de Saxe hat Napoléon für seine strategischen Meisterleistungen ja ebenfalls bewundert.
    Weißt Du zufälligerweise was Napoléon vom König von Sardinien-Piemont hielt? Ich meine Karl Emanuel III. (1701-1773)?

    Als Philosoph auf dem Thron bekam Friedrich auf jeden Fall damals eine bedeutende Beachtung, die man sich heute vielleicht nicht mehr wirklich erklären kann. M.E. ist bei ihm noch stärker als bei Voltaire schwer zu bewerten, welche seiner Ansichten denn originäre Leistungen seines Geistes und nicht vorwiegende Repetition der Gedanken anderer Denker sind.
     
    Dieter gefällt das.
  11. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Es gibt ja die schöne Legende, dass Friedrich die Kartoffelfelder von Grenadieren bewachen ließ, um die Bauern dazu zu bringen, Kartoffeln anzubauen. Wenn dieses obskure Nachtschattengewächs von Grenadieren bewacht wurde, musste es ja etwas Besonderes sein. Tatsächlich war die Kartoffel aber schon in vielen deutschen Ländern bekannt, und andere Reichsfürsten wie die Landgrafen von Hessen haben schon Ende der 1720er Jahre Überzeugungsarbeit geleistet, um die Landwirtschaft zu verbessern. Tatsächlich wurde sie in Preußen zwangsweise durch "Reform von oben" eingeführt, und dass sich die Kartoffel flächendeckend in den deutschen Ländern durchsetzte, war weder einem König noch einem Landgrafen und auch nicht einem Bauer oder Professor zu verdanken, sondern der letzten Hungerkatastrophe alteuropäischen Ausmaßes von 1770/71.

    Was Friedrichs Rang als Kommandeur angeht, hatte er sicher Schwächen im Belagerungskrieg, und die verheerenden Niederlagen von Kolin, Hochkirch und Kunersdorf hatte er selbst zu verantworten. Andererseits war er ein Meister der schnellen Bewegung und bereit, in kritischen Momenten, selbst das eigene Leben zu riskieren. Er ging häufig große Risiken ein, war ein Hasardeur, aber am Ende gab ihm der Erfolg recht. Man mag halten von ihm, was man will, irgendwo aber fordern allein die physischen Leistungen, die Friedrich als 45-50Jähriger auf seinen Feldzügen bewies Respekt ab. Andererseits stellt sich die Frage, wieweit er das moralische Recht hatte, ähnliche Leistungen seinen Soldaten abzufordern. Was interessierte zwangsrekrutierte Rheinländer oder Sachsen Preußens Gloria? Mancher mochte als Unteroffizier vielleicht einen bescheidenen Wohlstand erreichen, aber die meisten hatten in Friedrichs Kriegen nichts zu gewinnen. Die oft menschenunwürdigen Verhältnisse in der Armee, die Friedrich aus eigener Erfahrung kannte, denen er als junger Mann sich entziehen wollte, hat er nicht angetastet.

    Es mag sein, dass der aufgeklärte Absolutismus die Notwendigkeit einer Revolution überflüssig machte, es zeigte sich aber spätestens 1806, dass sich die Verhältnisse in Preußen ändern mussten.

    An den tatsächlichen Herrschaftsverhältnissen änderte sich herzlich wenig, ob ein Monarch sich als Philosoph gebärdete, Flöte blies oder mit Intellektuellen korrespondierte. Mirabeau schrieb, dass sich die Trauer 1786 bei Friedrichs Tod in Grenzen hielt. Sympathisch wirkt die Selbstkritik und manchmal verblüffende Offenheit, mit der Friedrich eigene Fehler einräumte. Er hat einmal zugegeben, dass er den 1. Schlesischen Krieg nur um der "Gloire" willen, nur aus Wunsch, sich Kriegsruhm zu erwerben vom Zaun gebrochen hat. Ihn aus der Ferne zu bewundern, wie der junge Goethe und sein Vater, war sicher leichter, als unter ihm zu dienen. Für eine sarkastische Pointe war er bereit, notfalls eine Freundschaft zu opfern, und das machte ihn mit zunehmendem Alter einsam und misanthropisch.
     
    Brissotin gefällt das.
  12. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Widersprichst du dir da nicht leicht? Wenn du schreibst "Reform von oben", gehe ich davon aus, dass die Kartoffel sich aufgrund des Drucks von "oben" - wem auch immer - durchgesetzt hat, was du ja letztendlich verneinst.
     
  13. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Ging es bei der Kartoffel nicht um den Verzehr durch Menschen? Die Verwendung als Viehfutter ist auch effektiv, aber mit der Kartoffel konnte die Abhängigkeit von Brot und Getreide gemindert werden.

    Die Eroberung Schlesiens nutzte eine Chance. Passivität hier würde heute genauso verdammt wie der Krieg. Die Geschehnisse im Siebenjährigen Krieg und das lange Ringen konnte 1740 nicht vorher gesehen werden. Da können wir heute leicht drüber philosophieren.
     
  14. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Friedrich hat den Kartoffelanbau zwangsweise angeordnet in Preußen. Es fehlten teilweise Erfahrungen in der sachgerechten Zubereitung von Kartoffeln, so dass diese roh verzehrt wurden. Ernst Schubert zitiert in seinem Buch "Arme Leute, Bettler und Gauner im Franken des 18. Jahrhunderts", dass sicher nicht gerade verwöhnte Landbewohner bei der Umstellung der Ernährung auf die Knolle aus Amerika über Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen klagten. Ungeachtet von obrigkeitlichen Edikten wurden Kartoffeln daher häufig lieber an das Vieh verfüttert, als für menschlichen Verzehr verwendet. Mancherorts wurden Kartoffeln auch schon verwendet, um Schnaps zu brennen. In manchen deutschen Ländern waren Kartoffeln als Grundnahrungsmittel für Menschen schon vor dem Siebenjährigen Krieg bekannt, Flächendeckend in fast allen Territorien des Reiches als "das" Grundnahrungsmittel verbreitete sich die Knolle aus Nordamerika erst zu Beginn der 1770er Jahre, und das war tatsächlich nicht auf die Initiative eines Landesfürsten sondern auf die Erfahrungen der Hungerkatastrophe von 1770/71 zurückzuführen, als die Not die Landbewohner dazu zwang, sich mit Kartoffeln zu ernähren, die vielerorts noch als Viehfutter galten, etwa so wie heute Rüben.
     
  15. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    In Hessen-Kassel war die Kartoffel schon im 17.Jahrhundert Landgraf Moritz bekannt, der damals schon Erwägungen hatte, Kartoffeln als Grundnahrungsmittel für Menschen zu verwerten. In Nordhessen gibt es ein relativ bekanntes Volksfest, das seit 1728 mit den gleichen Bräuchen 2 Wochen nach Pfingsten gefeiert wird. Die Tradition nimmt Bezug auf einen frühen Versuch von Landgraf Karl, die Kartoffel einzuführen. Dabei ließ er bei einer Kirchweih den Bauern Kartoffeln servieren, doch die hielten sich lieber an Salat, und so wurde die Salatkirmes geboren. Schon bald danach aber verbreitete sich die Kartoffel auf hessischen Feldern. die Landgrafen gingen teilweise recht modern vor, indem sie Beamte und Geistliche beauftragten, die Bauern in der Zubereitung von Kartoffeln zu unterweisen und Ideenwettbewerbe in der Landwirtschaft auszuschreiben.

    Geduldige Überzeugungsarbeit, die Bauern von den Vorteilen des Kartoffelanbaus zu überzeugen war in Preußen dagegen eher die Ausnahme, Kartoffelanbau wurde obrigkeitlich angeordnet- und damit basta. Es lag in der Natur der Sache, dass die Bauernschaft so eher zu passivem Widerstand gegen die obskure Knolle aus Amerika führte, die viele nicht kannten, von der sie nicht wussten, wie sie zubereitet wurde.
     
  16. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Die Schweine haben alles gefressen, der Mensch verträgt aber nur die Knolle. Dieses Missverständnis zwischen Obrigkeit und Bauern dürfte neben dem prinzipiellen Unbehagen gegen die neue Pflanze alles aufgebauscht haben.
     
  17. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Mit der ihm manchmal eigenen Freimütigkeit bekannte er ja mal, dass er nur um des Ruhmes willen den Ersten Schlesischen Krieg vom Zaun gebrochen hatte. Friedrich, der Verfasser des Anti-Machiavell handelte als gelehriger Schüler Machiavellis. Mit der Eroberung Schlesiens wuchs Preußen fast um das Doppelte, und die reiche Provinz mit fast 1 Millionen Einwohnern machte es zu einer europäischen Großmacht. Der 2. schlesische Krieg war ein Präventivkrieg, diente aber eigentlich nur dazu, das Geraubte behalten zu können. Den Siebenjährigen Krieg hätte sich Friedrich aber gerne erspart. Das was man dem jungen König nachgesehen hatte, als er mit unvergleichlicher Kühnheit und der Dreistigkeit eines Emporkömmlings die Großmacht Österreich herausforderte und schlug, wollte man ihm nicht länger durchgehen lassen. Überall in Europa misstraute man der preußischen Politik, und diplomatisch verhielt sich der Preußenkönig oft ungeschickt. Mit dem Bündnis mit Großbritannien glaubte er Österreich und Rußland in schach halten zu können, aber er hatte sich verrechnet, und Kaunitz brachte das Renversement des Alliances zustande. In dieser Situation verließ Friedrich die Geduld, und um seinen Gegnern zuvorzukommen, griff er wieder zum Präventivkrieg und fiel ins neutrale Sachsen ein. Dass er Sachsen auspresste, gab er fast mit Genuss zu und verglich das Land mit einem Mehlsack, aus dem immer noch etwas herauskommt, wenn man drauf schlägt. Ähnlich zynisch sprach er von der 1. Polnischen Teilung Polens, als er sagte, er und Katherina seien alte Briganten, aber wie macht dass diese Fromme (Maria Theresia) mit ihrem gewissen aus. "Sie weinte und nahm" fasste er die Situation zusammen.

    Der Einfall in Schlesien galt vielen als dreister Raub, andererseits aber war es aber nach den Gepflogenheiten der Kabinettskriege nicht völlig unüblich, dass über die Herrschaft über eine Provinz die Waffen entschieden. Preußen war eine aufstrebende Macht, dank seinem Vater konnte Friedrich über eine schlagkräftige Armee verfügen, mit einem Offizierskorps, von denen viele Kriegserfahrung hatten und das nur darauf brannte, mal zu zeigen, was es gelernt hatte. Wenn Preußen mehr werden sollte, als eine Mittelmacht, musste es früher oder später einmal mit Österreich aneinandergeraten. Ein Aufstieg Preußens war eigentlich nur gegen Österreich möglich. Dass das aufstrebende Preußen und die Traditionsmacht Österreich aneinandergerieten, erregte nicht das Aufsehen Europas, sondern die Art wie Friedrich das machte. So konsequent und unverfroren setzte keiner der Monarchen der jungen Maria Theresia so zu, wie Friedrich.

    Als er bei Mollwitz die erste größere Schlacht schlug, wurde die preußische Kavallerie geworfen, und Friedrich befand sich auf Schwerins rat auf der Flucht, als die schnell und präzise preußische Infanterie das Blatt wendete. Er nahm sich vor niemals wieder von einem Schlachtfeld zu fliehen, und er war ein Kommandeur, der sich selbst auf dem Schlachtfeld großen Gefahren aussetzte. Das tat zu seiner Zeit kaum ein Monarch mehr, und diese Art, von vorne zu führen, kam durchaus gut an bei der Truppe, und das Bewusstsein, dass der König Strapazen und gefahren teilte, wirkte motivierend. Friedrich schreckte weder vor Präventivkrieg, noch vor Vertragsbruch zurück, anders als viele seiner Gegner, die ihm grenzenlose Eroberungssucht und Lust am Krieg vorwerfen, halte ich den Preußenkönig gar nicht für so "kriegsgeil".

    Der Nervenkitzel einer Schlacht, Kriegslisten und Gegenmaßnahmen hat ihn sicher erregt, seine Spielernatur aktiviert, aber der Krieg war für ihn nicht der Vater aller Dinge wie vielleicht für Karl XII. Eroberung Schlesiens, einige offene Feldschlachten, um sich Ruhm und Beute zu sichern, ein Friedensschluss und dann ruhige Jahre, das gewonnene zu arrondieren und zu verwalten, so hat sich Friedrich vermutlich den Verlauf gewünscht.
     
  18. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    1.
    Im Grunde genommen doch unnötig. Natürlich konnte Friedrich nicht ahnen, dass es de Saxe nach Frankreichs Katastrophenjahr 1743 (Verlust Böhmens, Besetzung Bayerns, Desaster von Dettingen) in der Folge gelingen würde die Lage zu stabilisieren. Wenn die Greise wie Coigny das Sagen behalten hätten - wer weiß? - hätte Österreich Frankreich vielleicht Lothringen wieder abgenommen. Man muss nur mal die Briefe von Prinz Karl an sein Bruderherz lesen, als die Vorhuten die Vogesen überquerten.

    2.
    Ich denke, ein Krieg war ihm einfach lieber. Ein Staatsmann wie Fleury hätte den Krieg vermieden und die Mächte gegeneinander auf diplomatischem Weg ausgespielt. Letztlich gab es ebensoviele Interessenkonflikte zwischen Österreich und Russland (Stichwort: Polen) wie zwischen England und Frankreich. Auch in Polen trafen die unterschiedlichen Interessen Frankreichs und Russlands aufeinander. Letztlich war das indirekte russisch-französische Bündnis völlig entgegen den russischen Interessen und den französischen sowieso. Obendrein absurd, wenn man bedenkt, dass Elisabeth noch 1748 Truppen nach Flandern schickte, um die Waagschale zu Ungunsten Frankreichs ausschlagen zu lassen.
    Doch die hohe Diplomatie war nie Friedrichs Art. Auch 1740 hätte er mit mehr Geschick und weniger Kugeln vielleicht ebenfalls sein Ziel erreichen können.

    3.
    Im Grunde hasste Friedrich den südlichen Nachbarn, Sachsen, da es wirtschaftlich stärker prosperierte und das bei einer politischen Lähmung. Die militärische Demütigung und Ausplünderung Sachsens war das Finale einer ewig langen Rivalität, die schon 1745 in der brutalen Kriegsführung Friedrichs in Sachsen deutlich zum Ausdruck gekommen war.
    Überhaupt war Friedrich in solchen Sachen kleinlich. Er verachtete friedliche Herrscher wie Carl Theodor von der Pfalz, die nicht durch persönliche Opfer und Gefahren sondern die Gunst der Stunde auf dynastischem Wege Macht dazu gewannen.

    4.
    Die Teilung Polens bereinigte endgültig den Status Preußens und ließ es noch deutlicher als Großmacht hervor treten. Außerdem machte sie eine irgendwie geartete Rückkehr Sachsens in die große Politik unmöglich (die Kurfürstinwitwe wollte ja Friedrich II. überzeugen Friedrich August III. die polnische Krone zu verschaffen). Als Restpolen war Polen noch weniger zu gebrauchen. Bei kleinerem Gebiet mit gleich schwacher Position des Königtums.
     
    Dieter gefällt das.
  19. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Das passt doch nicht so ganz zu Scorpios Aussage, dass der 2. Schlesische Krieg ein Präventivkrieg war. Oder meinst du, dass er aufgrund der damaligen Schwäche Frankreichs aus damaliger Perspektive nötig war, auch wenn es sich letztlich als unnötig erwiesen hatte?
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. April 2018
    Dieter gefällt das.
  20. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ja, das meine ich.
    Vielleicht hat Scorpio auch den 3. statt dem 2. Schlesischen Krieg gemeint?
     

Diese Seite empfehlen