"Was für ein Scheiß-Land!" Mit Brandanschlägen gegen die Berliner Mauer

Dieses Thema im Forum "BRD | DDR" wurde erstellt von El Quijote, 19. November 2018.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


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  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Zitat: "Wir wollen dieser elenden Rehabilitierung der DDR etwas entgegensetzen. Es gibt ja leider viele Eltern, die ihren Kindern heute erzählen: "Klar durften wir das eine oder andere damals nicht, aber im großen Ganzen war die DDR doch eine kommode Diktatur."

    Ob die DDR rehabilitiert wird, erscheint diskussionswürdig. In der entsprechenden Literatur, Fulbrook, Jarausch, Staritz, Meuschel und andere wird differenziert die Entwicklung nachgezeichnet. Für mich ist nicht erkennbar, dass die Verbrechen des Regimes gegen die eigene Bevölkerung beschönigt oder gerechtfertigt werden.

    Dass diese Gruppe von der "Zone" als angeblichen "O-Ton" gesprochen hatte, finde ich persönlich erstaunlich. Es gab zur Zeit der DDR viele, die sie kritisch gesehen haben, aber gleichzeitig nicht bereit waren, sich durch die "Kalte-Kriegs-Ideologie" vereinnahmen zu lassen, wie sie beispielsweise die Springer-Presse oder das "ZDF-Magazin" (Löwenthal) propagierte. Deswegen war "Zone" für Alfred Tetzlaff selbstverständlich, nicht für das links-liberale Milieu, inklusive FDP.

    Ansonsten ist es ein gutes Beispiel, das illustriert, dass Formen der unkonventionellen politischen Partizipation (vgl. Barnes & Kaase: Political Action) gerade bis 1980 in das Repertoir des legitimen politischen Kampfes aufgenommen worden ist. Wenngleich es nur einen schmalen Übergang zum politisch motivierten Terror gab.
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Es geht ja weniger um eine Verklärung der DDR durch offizielle Stellen (obwohl es bei der rot-roten Regierung von Berlin einige Probleme gab, was DDR-Opfer-Gedenkstätten und die Zuweisung von Geldern anbelangte), aber aufgrund der Arbeit komme ich viel mit Sachsen, Thüringern und Berlinern zusammen. Insbesondere bei den Leuten aus dem Raum Dresden und Erzgebirge stelle ich verstärkt Ant-Wessi-Resssentiments fest und tatsächlich auch eine Verklärung der DDR. Ich kenne mindestens drei Leute, die bei der Handelsmarine waren. Die sind alle der Auffassung, dass das, was "im Fernsehen" über die DDR berichtet würde, falsch sei. Journalisten und Historiker seien eben nicht selbst dabei gewesen - da kommt es wieder hervor dieses Bonmot, dass der Historiker der größte Feind des Zeitzeugen ist - und vergessen dabei, dass Journalisten und Historiker ebenfalls eine DDR-Biographie haben, also durchaus auch die (nichtakademische) Innensicht kennen. Wenn man dann mal den Frauen dieser DDR-Handelsmarine-Matrosen aufmerksam zuhört, bekommen die von ihren Männern gezeichneten Bilder regelmäßig Risse. Klar, die durften ihre Frauen mit auf Fahrt nehmen, nach Lybien, Kuba und Mexiko. Aber die Kinder - das erzählen dann meist erst die Frauen ganz nebenbei -, die mussten schön zuhause bleiben.
    Doch, ich erlebe es im Beruf immer wieder, dass die DDR verklärt wird, besonders deutlich wird mir das immer wieder bei Leuten, die im "Tal der Ahnungslosen" ihre DDR-Sozialisation erfahren haben.

    Ob bzgl. des Gebrauchs von Zone fremde Einflüsse die eigenen Erinnerungen des Verfassers überlagert haben, dazu erlaube ich mir kein Urteil. Es gibt ja durchaus Bsp. wie die öffentliche Erinnerung die persönliche Erinnerung überlagert, etwa im Bsp. des Auschwitz-Überlebenden, der nie in Birkenau sondern in Monowitz war, aber in seiner Erinnerung an Auschwitz das Lagertor von Birkenau gezeichnet, welches sich ins kollektive Auschwitz-gedächtnis symbolhaft eingegraben hat.
     
  4. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Der Hauptgrund für die Ostalgie von Sachsen liegt darin begründet, dass sie als einzige, sofort als Ossis erkennbar sind, weil es diesen oder einen ähnlichen Dialekt im Westen nicht gab. In Thüringen gibt es schon Gebiete die fränkisch sprechen, norddeutsche Ex-DDR-ler klingen kaum viel anders als Norddeutsche der Alt-BRD und der ostberliner und brandenburger Dialekt hat keinen nennenswerten Unterschied zum westberlinerischen. Jeder Sachse hat seit der Wiedervereinigung mehr oder weniger Diskriminierungserfahrungen machen müssen und konnte dadurch auch nie wirklich als gleichberechtigter Bundesbürger fühlen. Was macht man, wenn man sich im eigenen Land nicht richtig wohl fühlt, man verklärt die "gute" alte Zeit ,in der man nicht als zweitklassig galt .
    Wer in der DDR bei der Handelmarine war, besaß schon mal das Privileg die Welt sehen zu können. Fast jeder Jugendliche hatte den Traum auf einem Schiff arbeiten zu können, es waren aber sehr wenige, die das Glück hatten, bei der Handelsmarine eingestellt zu werden und die mussten politisch unbedenklich sein. Das waren also schon damals nicht unbedingt Oppositionelle ,folglich muss man sich nicht wundern ,wenn die die DDR nicht so schlecht fanden.
    Dass nicht alle Sachsen notorische Ostalgiker sind ,kannst Du an mir sehen. Ich habe die DDR bisher noch keine Sekunde vermisst, auch wenn es durchaus einiges gab, welches erhaltenswert gewesen wäre. Im Großen und Ganzen war es aber, in meinen Augen ein echtes "Scheißland".
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. November 2018
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  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Formen der Verklärung liegen aber nicht nur in Bezug auf die retrospektive Deutung der DDR vor. Es gibt offensichtlich auch Fehlwahrnehmungen der aktuellen Situation, warum auch immer, der Sachsen in Deutschland.

    Der "Sachsen-Monitor" liefert wenig Evidenz für die Thesen von Galleotto. Vielmehr zeigt er eine ausgesprochen hohe Zufriedenheit. Das spricht nicht dafür, dass sich "Sachsen" als "zweitklassig" definieren würden.

    Und es stellt sich zudem die Frage, in welchem Umfang eine Verklärung der DDR in Sachsen vorhanden ist und es wäre zu klären, welche Qualität sie hat bzw. auf welche Punkte sich das bezieht. Denn es hat niemand etwas dagegen, wenn "Rotkäppchensekt" gehyped werden oder man wieder seinen Broiler essen möchte usw.

    Soweit der Faktencheck.

    http://www.dnn.de/Region/Mitteldeut...iedenheit-und-Fremdenfeindlichkeit-in-Sachsen
     
  6. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Ich schaue ganz gern meinen Mitmenschen aufs Maul, denn ich lebe hier und Thanepower glaubt nur was zwischen zwei Buchdeckeln klemmt. Wir passen einfach nicht zusammen.
     
  7. hatl

    hatl Premiummitglied

    Net streiten miteinand.;)
    Interessant fand ich Galeottos Gedanke, dass der sächselnde Sachse, als Ossi am ehesten als solcher erkannt wird, da ja andere Dialekte höhere Ähnlichkeit mit den im Westen gewohnten haben.
    Falls man davon ausginge, dass man im Osten, dem Gebiet der ehemaligen DDR, insgesamt eine Wahrnehmung der Diskriminierung bestünde*, dann spielte dieser eigentümliche Dialekt möglicherweise
    tatsächlich eine besondere Rolle im Trauerspiel des erstaunlich späten Zorns.


    *Etwa dadurch, dass gegenwärtig rund 3/4 aller Spitzenämter, in welchen Bereich auch immer, von Wessies besetzt sind.
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Vielleicht könnte man sich mal kurz die Ergebnisse, via Link ansehen, um dem Ganzen ein wenig Realitätsgehalt zu geben.

    Die Fakten aus dem "Sachsen-Monitor" sind die "Währung", über die die Politik und die Wirtschaft Planungen betreibt. Diese Form der Sozialberichterstattung ist seit den Arbeiten von Glatzer, K.U. Mayer, Zapf u.a. (vgl. z.B. Soziologischer Almananch) allgemein akzeptiert.

    Was ich glaube spielt überhaupt keine Rolle. Hättest Du Dich um die Fakten bemüht, dann wärest Du zu dem gleichen Ergebnis gekommen. Deswegen sollte man seine subjektive Sicht, auch wegen der Gefahr einer selektiven Wahrnehmung, vielleicht hin und wieder kritisch hinterfragen.
     
  9. flavius-sterius

    flavius-sterius Aktives Mitglied

    Die Ostalgie lebt!

    Gerade diese Woche in einer Bürgerdiskussion in Leipzig wieder zu bestaunen. Professorin Gesine Schwan stellte hier eine vielfach aufgewärmte Verschwörungstheorie vor. Die böse Treuhand hat die DDR-Wirtschaft platt gemacht. Hätte man den DDR-Fabriken wie TAKRAF, Sachsenring oder IFA nur mal ein paar Milliarden DM zur freien Verfügung gegeben, hätten sich diese zu wettbewerbsfähigen Ostkonzerne entwickelt. Dann hätten wir heute eine Ostwirtschaft mit blühenden Landschaften mit Ingolstädter oder Wolfsburger Lohnniveau und sprudelnden Steuereinnahmen für Sachsen-Anhalt und Co.
    Aber die von bösen kapitalistischen Wirtschaftsführern gesteuerte Treuhand machte diesen schönen Traum einfach nach der Wende kaputt indem man die DDR-Elitekonzerne abwickelte. Und jetzt muss die Ostbevölkerung bei mickrigen Löhnen Zulieferarbeiten für den reichen Westen leisten.

    Oha.

    Stets die gleiche Suppe.
    In Nordhausen ist meine angeheiratete Ostverwandtschaft felsenfest überzeugt, dass die Nordhausener Konstrukteure den Daimler-Konzern gerettet haben. Denn diese hätten 1989 einen leichten Super-Dupper-LKW entwickelt und standen kurz vor dem Produktionsbeginn. Da Daimler dann nach der Wende die IFA-Entwicklung für kleines Geld aufgekauft hat, konnte die eigentlich vor der Pleite stehende Nutzfahrzeugsparte von Daimler mit dem IFA-Modell auf dem Weltmarkt brillieren. Wäre die DDR nicht 1989 zusammengebrochen, wäre IFA der Weltmarktführer bei leichten LKW geworden.

    Lasst uns alle gemeinsam einstimmen: Witte Witte witt - ich mache mir meine Welt, so wie sie mir gefällt.
    :(
     

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