Was waren Hitlers Gründe für den Halt bei Dünkirchen?

Dieses Thema im Forum "Der Zweite Weltkrieg" wurde erstellt von amicus, 25. Mai 2007.

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  1. amicus

    amicus Gast


    Was waren Hitler Gründe für den fehlerhaften und folgenreichen Befehl bei Dünkirchen gewesen? Hat einer von euch hierfür eine plausible Antwort?

    Der Westfeldzug, der am 10.Mai 1940 begonnen hatte, ist bis zum 24.Mai 1940 außergewöhnlich erfolgreich verlaufen. Die deutschen Panzerdivisionen mit ihren Kommandeuren Guderian, Rommel, Reinhardt, Kempff und Hoth hatten daran sicher einen ganz erheblichen Anteil, da sie teilweise ihren Vorgesetzten einfach den Gehorsam verweigerten und im Sinne des Operationsplans von Mansteins agierten .Am 24.Mai 1940 sollte es zu einen für die deutsche Kriegführung verhängnisvollen Haltbefehl kommen.
    Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Panzergruppen Kleist und Hoth bis kurz vor Dünkrichen herangekämpft. Es fehlten lediglich nur noch wenige Kilometer. Zwischen Dünkrichen und den Panzergruppen lagen bestenfalls Kräfte der Alliierten in Kompaniestärke. Ein schnelles Vorrücken bzw. Durchstoßen würde sehr erfolgversprechend sein.

    Der Chef der Heeresgruppe A, Gerd von Rundstedt, aber plädierte dafür, dass die Panzergruppen auf dem linken Flügel stoppen sollen, um erst einmal weitere Verbände heranrücken zu lassen. Dies hat der Chef der 4.Armee von Kluge vorgeschlagen und Rundstedt hat sich dessen Beurteilung angeschlossen gehabt. Als Begründung musste die Flankenbedrohung durch die Engländern herhalten. Rundstedt hatte Sorge, dass die Panzergruppen angegriffen und möglicherweise geschlagen werden könnten. Rundstedt war noch sehr dem Denken des Ersten Weltkrieges verhaftet.

    Am Abend des 23.Mai erteilte von Kluge den entsprechenden Befehl für den 24.Mai.


    Der Oberbefehlshaber des Heeres von Brauchitsch war da ganz anderer Meinung, ebenso wie der Generalstabschef des Heeres Halder. Sie sprachen sich für einen schnellen Vorstoß der Panzergruppen in Richtung Dünkirchen aus. Sie glaubten nicht an eine Flankenbedrohung durch die Engländer. Auch Guderian vertrat diese Ansicht, weil er den Kessel zu machen wollte und den letzen erwähnenswerten Hafen am Kanal in Besitz nehmen wollte.

    Der Oberbefehlshaber des Heeres Generaloberst von Brauchitsch und sein Generalstabschef Halder dachten da aber ganz anders. Am 23.Mai nachts wurden Rundstedt kurzerhand die Panzergruppen „weggenommen“ und der Heeresgruppe B unterstellt. Rundstedt solle sich dann doch um den Flankenschutz kümmern, aber ohne die Panzer. Die sollten angreifen.


    Einen Tag später, am 24.Mai, war Hitler bei der Heeresgruppe A von Rundstedts zu Besuch. Als er dort erfuhr, dass das OKH von Rundstedt die Befehlsgewalt über die Panzergruppen entzogen worden war, machte er den Befehl von Brauchitsch wieder rückgängig. Des Weiteren stellte Hitler es in dem Ermessen von Rundstedts, wie lange die Panzergruppen halten sollen. Brauchitsch hat sich dann sofort darum bemüht, diesen unsinnigen Befehl Hitlers wieder aufzuheben. Dieser machte Brauchitsch im wahrsten Sinne des Wortes verbal „fertig“ und verwies den Oberbefehlshaber des Heeres an den Chef der Heeresgruppe A von Rundstedt. Das war schone eine grobe Demütigung für von Brauchitsch. Rundstedt dachte aber gar nicht daran, auf das Ansinnen des OKH einzugehen.


    Erst am 26.Mai wurde der Befehl aufgehoben. Die Deutschen hatten es nun erheblich schwerer Dünkirchen zu nehmen, da nun mehrere alliierte Divisionen vor Dünkirchen lagen. Es ist gelungen etwa 247.000 britische und 123.000 französische Soldaten nach Großbritannien zu retten.

    So schrieb Alastair Horne in seinem Buch "Über die Maas" zu der Bedeutung von Dünkirchen auf Seite 445: „ Wenn die britischen Expeditionsstreitkräfte in Nordfrankreich ausgelöscht worden wären, kann man sich kaum vorstellen, wie England hätte weiterkämpfen können, wenn es aber aus dem Kampf ausgeschieden wäre, ist es noch schwerer, sich vorzustellen, durch welche Kombination von Umständen Amerika sich mit Stalin verbündet hätte, um Hitler zum Kampf zu stellen.“

    Ähnlich äußerte sich auch der britische General Brooke.

    Hier noch eine Karte zu Dünkirchen:

    Bild:21May-4June1940-Fall Gelb.jpg - Wikipedia

    (Als Quelle diente: Karl-Heinz Frieser, Blitzkrieg-Legende, München 2005)
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 25. Mai 2007
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Der ominöse (letzte) Haltebefehl ist eine Sache von 60 Minuten gewesen, da nicht viel mehr Zeit bei Hitlers Aufenthalt bei Rundstedt vergangen ist.

    Spannend ist der Hinweis, welche Rolle der vorhergehende Kompetenzstreit zwischen Rundstedt und dem OKH spielt (und hier ist Halder wichtig). Halder hatte die Grundkonzeption des Feldzuges (Panzerspitze vortreiben, Infanteriedivisionen im Paternoster-Verfahren nachziehen, Hammer/Amboß-Verteilung zwischen HG A und B) während der 14 Tage jedenfalls straff im Blick, obwohl er von Dezember bis Ende Februar dem Feldzugentwurf ablehnend gegenüber stand.

    Weiter wäre auf Göring hinzuweisen, dem die Luftwaffe eine zu geringe Rolle aufgrund der glänzenden Feldzugentwicklung des Heeres spielte. Das Sticheln im Hintergrund auf "die Stunde der Luftwaffe" ist sicher eine Komponente der Entstehung.

    Hinzu kommt die Flankenphobie Hitlers, auch aus der Furcht vor politischen Rückschlägen: eine erste Krisis hatte kurzzeitig die Entwicklung im Brückenkopf bei Sedan bei französischen Gegenangriffen gebracht. Hier war auf den in Mansteins Konzeption noch enthaltenen gleichzeitigen Schnitt nach Westen an den Kanal und nach Süden in den Rücken der Maginot-Linie verzichtet worden, mangels Truppen. Damit erhoben sich bereits in der Feldzugplanung schwere Bedenken gegen Seitenangriffe von Süden (die nur ganz schwach dann tatsächlich kamen). Starke Beobachtung hatte auch die Entwicklung im Nordwesten bei Arras: hier wurde der örtliche Gegenangriff der Engländer in seiner Stärke völlig überschätzt (wie man an den Feindlagenachrichten der Abteilung Fremde Heere West von diesen Tagen sieht, hier werden über 5 Divisionen aufgezählt). Wie bei Sedan zeigte sich aber die qualitativ überlegene Panzerwaffe der Alliierten, die Angriffe selbst waren unkoordiniert und zu schwach. Die anfänglich hysterischen Meldungen wurden auch nach oben weitergegeben und waren dort bei Hitler präsent (21.5. bis 23.5.1940).

    Nimmt man einmal nur die Papierlage, läge die Sache auf der Hand: der Angriff bei Arras aus dem Kessel und der Entsatzangriff von Süden reichen sich im Rücken der deutschen Panzerdivisionen die Hand, die dann ihrerseits am Kanal abgeschnitten wären. Tatsächlich ist das so zwischen den Alliierten Stäben abgesprochen worden. Das OKH hatte aber zu jedem Zeitpunkt erkannt, das in dem operativem Chaos und wegen der Auflösung der alliierten Truppen eine solche Aktion völlig unrealistisch wäre. Zudem funktionierte das Nachholen der Infanteriedivisionen zum Schutz der Südflanke ganz zufriedenstellend.

    Fazit: der militärische Laie Hitler hat das nicht überblickt, der Politiker Hitler war mißtrauisch gegenüber temporären Rückschlägen, der Mensch Hitler mißtraute sowieso dem OKH und regte sich zudem massiv über den eigenmächtigen Wechsel der Zuordnung von Kluge zu Bock (Heeresgruppe A) auf - gegen den sachlich überhaupt nichts einzuwenden war, denn er koordinierte alle Truppen am Kessel, war allerdings nicht mit Hitler abgestimmt worden. Dazu Görings Stänkereien gegen das Heer, und den Anspruch der Luftwaffe auf eine bedeutende Rolle im Abschluß, eine verquirlte Lage. Vielleicht war es auch die Führungspsychose Hitlers, hier anders als im Polenfeldzug mit entscheiden zu wollen (und wenn es nichts zum Anordnen gab, dann eben kontraproduktiv durch Aufheben der OKH-Beschlüsse bezüglich seiner Lieblingsmilitärs).

    Mit politischen Rücksichten auf Grossbritannien oder dem Verschleiß der Panzer oder panzerungängigem Gelände im Dünkirchen-Kessel hatte das meiner Ansicht nach wegen der Entstehungsgeschichte wenig zu tun. Den Schlüssel zum Verständnis würde ich eher in den Fehlmeldungen bei Arras und in dem Kompetenzgerangel suchen.


    EDIT
    Es würde sich bestimmt lohnen, die Auswirkungen des Angriffes bei Arras auf die Lagebeurteilungen und Führungsentscheidungen etwas näher zu untersuchen...
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Mai 2007
  3. amicus

    amicus Gast


    Göring, so meine ich, hat doch wieder vollkommen aus dem Bauch, ohne vorher die Chanchen der Verwirklichung sorgfältig zu prüfen, heraus diese großsprecherische Ankündigung gegenüber Hitler gemacht
    Zu Görings vollmundiger Ankündigung äußerte sich Jodl schon abwertend " Der nimmt den Mund mal wieder reichlich voll."
    (Quelle, Engel, Heeresadjutant, Seite 80)

    Aber auch der Fliegergeneral von Richthofen war über Görings nur mäßig amüsiert. Er meinte vollkommen korrekt, dies sei doch wohl primär die Aufgabe des Heeres. Kesselring seine Begeisterung hielt sich ebenfalls in Grenzen. Er protestierte gegenüber Göring und führt die Argumente der personelle und materielle Erschöpfung der Luftwaffe ins Feld. Kesselring vertrat die Ansicht, diese Aufgabe ist für die Luftwaffe nicht zu lösen.

    Schon bei Sedan hat Guderian sich doch selbsständig gemacht und die Befehls schlicht ignoriert. Kleist hat ihn aber gedeckt.

    Wenn die Engländer und Franzosen ihre qualitativ besseren Panzer, ich denke da an dem Char B und den Mark IV, als selbstständige Verbände eingesetzt hätten, wäre der ganze Feldzug möglicherweise anders verlaufen.

    Hitler hatte also die gleiche "Macke" hinsichtlich der offenen Flanke wie Rundstedt. Sehr Interessant.

    Wenn ich dein Fazit richrig deute, wäre diese folgenreiche Entscheidung aufgrund diverser Eitelkeiten, Geltungsbedürfnisse aber ganz gewiss nicht aufgrund militärischer Erfordnerisse getroffen worden. So wollten also einige Herren einen Krieg im 20. Jahrhunder führen. Ich fasse es nicht.
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Der Gegenangriff bei Arras traf vorwiegend die 7. Panzerdivision recht unerwartet, Kommandeur Rommel, zuvor Wachkompanie bei Hitler. Die Division erlitt beachtliche Verluste, als Rettung gegen die britischen Matilda-Infanteriepanzer traten die vorhandenen 8,8cm-Flak auf. Hier entstand so etwas wie der später aus dem Rußland-Feldzug bekannte "Panzerschreck". Im Brückenkopf bei Sedan waren es zuvor die genannten Char B, die durch herkömmliche deutsche Panzerabwehr kaum abzuschießen waren.

    Ich werde mal die Lageberichte raussuchen, mE trug der Umstand dieses Angriffes zu der gewaltigen Überschätzung der Stärke der eingesetzten alliierten Truppen bei (man mußte wohl die Panik und die Krise rechtfertigen, außerdem trat bei Arras eine bunte Mischung alliierter Truppen auf). Es wurde sogar noch eine zweite deutsche Panzerdivision - ich meine die 5. - auf Arras abgedreht, um zu "helfen".

    Btw: Rommels frühere Funktion würde ich so einschätzen, dass dieses Ereignis auch gewissen Eindruck bei Hitler hinterlassen haben könnte, aber das ist jetzt Spekulation. Ich weiß nicht, ob Hitler die Umstände des Gegenangriffs bekannt waren, das würde ich aber aufgrund der täglichen Lagemeldungen stark vermuten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Mai 2007
  5. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Persönliche Querelen und Eitelkeiten gibt es natürlich immer - aber die waren hier m. E. nicht wirklich ausschlaggebend.

    Hinterher ist man natürlich immer schlauer - man muß aber schon die Informationen und die Perspektive der Handelnden sehen.
    Daß die französische Armee (die vor dem Krieg von manchen Experten als die weltweit stärkste eingeschätzt wurde) und ihre britischen Verbündeten schon in so kurzer Zeit so massiv geschlagen worden waren, daß man keine ernst zu nehmenden Gegenmanöver mehr befürchten mußte - das konnte man nicht mit vernünftiger Sicherheit feststellen.

    Zwischen kühnem Erfolg und waghalsiger Dummheit liegen oft nur wenige kleine Zufälle.

    Und es war eben noch das Risiko, daß durch einen erfolgreichen Flankenangriff der Alliierten die Angriffsspitzen abgeschnitten werden und unschädlich gemacht werden könnten und damit alle bis dahin erreichten Erfolge in ein Desaster verwandelt worden wären.

    Es war daher durchaus eine nachvollziehbare und vernünftige Option, lieber die Erfolge zu konsolidieren und den Feldzug sicher zu gewinnen, als ein Überreizen zu riskieren und damit den ganzen Krieg zu verlieren.
     
  6. amicus

    amicus Gast

    Aber weshalb hat Hitler deiner Meinung nach denn die Panzergruppen wieder Rundstedt unterstellt? Die Argumente von Halder, Brauchistsch, Guderian usw. waren doch stichhaltig.

    Was für Wetter war an diesem ominösen 24.Mai? Wie waren die Bodenverhältnisse?

    Außerdem war doch gar nicht bekannt, wie stark die englischen Kräfte denn gewesen sind.

    Es war eine Entscheidung, die dem Denken des Ersten Weltkrieges verhaftet war. Der bisherige überaus erfolgreiche Einsatz der deutschen Panzer und der Verlauf Feldzuges hätte auch eine andere Entscheidung auch gerechtfertigt.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 25. Mai 2007
  7. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Weil der eben die etwas vorsichtigere Strategie favorisierte, die Hitler in dieser Situation angemessen schien.
    Und ich gehe mal davon aus, daß Rundstedt da keine isolierte Einzelmeinung vertreten hat, sondern daß auch andere namhafte Offiziere diese Sicht vertraten.

    Eben dies ist doch eher ein Grund, vorsichtig zu sein.

    Flankensicherung und Angst vor Überdehnung der eigenen Kräfte ist nicht ausschließlich Denken des ersten Weltkriegs, sondern in vernünftigen Maßen immer sinnvoll.

    Gerechtfertigt ja - aber nicht erzwungen.

    Es gab da m. E. mehrere vernünftig begründete Optionen, und erst mit der Allwissenheit von hinterher kann man sagen, welches nun wirklich die optimale gewesen wäre.

    Der bis dahin erfolgreiche Verlauf war ja kein sicherer Beweis, daß Panzeroffensive immer klappen muß.
    Überhaupt wird den Deutschen zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich klar gewesen sein, welchen Anteil Erfolg wirklich die Einsatztaktik hatte verglichen mit Faktoren wie reinem Dusel oder Überraschung und Unfähigkeit beim Gegner.

    Du hast ja selbst geschrieben, daß die englischen Panzer qualitativ überlegen und daher sehr ernst zu nehmen waren, silesia hat beschrieben, wie Gegenangriffe wie bei Arras schnell ernste Risiken für die deutschen Truppen brachten, obwohl sie nicht übermäßig koordiniert kamen.
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Selbstverständlich kann sich die Diskussion nur auf die seinerzeitige Informationslage beziehen. Darauf war mein Hinweis gerichtet, welche Informationen tatsächlich über die alliierten Kräfte vorlagen. Das trage ich noch anhand der Ic-Berichte vom fraglichen Zeitraum nach.

    Eine völlig andere Frage ist, wie diese Informationen für die Entscheidung ausgewertet worden sind. Dazu ist der Hinweis im Halder-Tagebuch entscheidend, nach dem der Arras-Angriff vom OKH als zuständige Stelle für die Führung der Heeresgruppen recht unaufgeregt als "normale Krisis" eingeschätzt worden ist, örtlich begrenzt, ohne Bedeutung für das Gesamtkonzept. Die Einschätzung wurde von der militärischen Seite bis auf Rundstedt, der aber schließlich auf der langen Flanke saß, geteilt. Auch dem entfernt stehenden Bock (dem Kluge für den Abschluss der Kesselschlacht unterstellt werden sollte) standen dann beim Haltebefehl die Haare zu Berge, ähnlich einem Dritten: Leeb.

    Schließlich würde ich die psychologische Komponente nicht unterschätzen, die gehört zur seinerzeitigen "Lage". Dazu kann man auf die beiden Standardautoren zum Thema, Jacobsen (Fall Gelb, Westfeldzug, Dokumente zum Westfeldzug, Dünkirchen) und Frieser (Blitzkrieg-Legende), verweisen, die sich damit beschäftigen. Die Komponente taucht zeitnah selbst im Halder-Tagebuch auf, der sich mit den unsachlichen Aufgeregtheiten Hitlers und dem Kompetenzgerangel beschäftigt.


    Nebenbei:
    Rundstedt war derjenige, der während der Bzura-Schlacht in Polen schon zuvor im einer Flanken-Krise ausgesetzt war, insofern sensibilisiert war. Die Hysterie Hitlers bei örtlich drohenden Rückschlägen (auch aus politischen Gründen) ist im Jodl-Tagebuch dokumentiert, den befohlenen Rückzug von Narvik verhinderte eine Koalition im OKW, die die Herausgabe des Befehls unterdrückte, und dieses ereignete sich nur wenige Wochen zuvor.

    Das glaube ich nicht. Welche sollen das sein, die mit der Lage und der Operation vertraut waren ("außer" Göring)? Bock und Leeb jedenfalls nicht, Kluge, Kleist und Guderian fehlte der Überblick über die Lage. Hier kann es auch nicht um eine Abstimmung nach Offizieren gehen, sondern um die Entscheidung der für die Führung der Heeresgruppen zuständigen Stelle, und das waren im Westfeldzug jedenfalls noch das OKH und die Heeresgruppen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Mai 2007
  9. amicus

    amicus Gast


    Es lagen keine konkreten präzisen militärisch verwertbaren Informationen über eine englische Bedrohung vor. Generaloberst von Bock, der Chef der Heeresgruppe B, urteilte zu der Flankendrohung: " Ich hatte diese Sorge keineswegs; wenn sie überhaupt jemals Berechtigung hatte, so ist sie völlig gegenstandslos geworden, seit die 18. und die 6. Armee die Engländer so an der Gurgel sitzen, dass er froh sein kann, wenn es ihm gelingt, das nackte Leben zu retten."

    (Quelle: Bock sein Tagebuch Westen von (Offensive) Seite 35 )

    Die Heeresgruppe B warf die in Auflösung befindlichen englischen Divisionen zurück.

    Durch den Haltebefehl vom 24. Mai hat der spektakuläre Erfolg des Feldzuges einen erheblichen Dämpfer bekommen, weil nämlich ein großer Teil des britischen Expeditinskorps entkommen konnte. Wenn die Panzergruppen Kleist und Hoth hätten weiter angreifen können, bestand die ganz große Chance genau dies zu verhindern.

    Heusinger, der spätere Generalinspekteur der Bundeswehr, urteilt in seim Buch Befehl auf Seite 92 " Was soll bloß dieser unsinnge Befehl zum Anhalten der Panzerverbände südlich von Dünkirchen?" (hier zitert nach Frieser, Blitzkrieg-Legende, München 2005)


    Die gibt es nie.
    Die Alliierten haben ihre qualitativ besseren Panzer nicht in größeren selbständigen Verbänden operieren lassen. Das haben die Deutschen natürlich bemerkt. Deshalb auch der durchaus gerechtfertigte Optimus beispielsweise von Halder, der sich sicher war, das keine wirkliche Flankenbedrohung vorlag. Ein Nachteil des Char B war sein kleiner Treibstofftank, er konnte glaube ich nur für 2 Stunden operiern, dann musste zeitraubend aufgetankt werden.


    Das kann ma so pauschal nicht sagen. Kleist zum Beispiel hat den krassen Fall von militärischen Ungehorsams von Guderian bei Sedan hingenommen und im Kriegstagebuch notieren lassen, das die Entscheidungen von Guderian richt waren und deshalb der Erfolg eingetreten ist.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 25. Mai 2007
  10. amicus

    amicus Gast

    Der britische Militärhistoriker John Keegan meint in seinem Buch "Der Zweite Weltkrieg", das die Kanäle und Flüsse für den Halt-Befehl verantwortlich seien.
     
  11. Rodriguez

    Rodriguez Aktives Mitglied

    Und bei Joachim Fest heisst es: "Der Anhaltebefehl Hitlers, der zwar auf heftigen Widerstand im OKH stieß, doch vom Befehlshaber der Heeresgruppe A, v. Rundstedt, befürwortet wurde, lag vielmehr die Absicht zugrunde, die von den vierzehntägigen Kämpfen mitgenommenen Panzerverbände für die bevorstehende Schlacht um Frankreich zu schonen.
    Görings renommistische Redensart, er werde mit seiner Luftwaffe den Hafen von Dünkirchen in ein Flammenmeer verwandeln und jedes anlegende Schiff versenken, bestärkten Hitler in seinem Entschluß."

    Joachim Fest in "Hitler" Seite 892.


    Ich denke, dass keiner so richtig weiß, was Hitler bewog, seine Panzer anzuhalten. Kein Historiker fand irgendwelche Dokumente oder Überlieferungen. Somit bleiben bloß Spekulationen...



    Saludos!
     
  12. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Cartier schreibt Kleist hätte Guderian seines Postens enthoben, was Rundstedt mit Hitlers Rückendeckung innerhalb 3 Stunden wieder rückgänig gemacht hätte.
     
  13. amicus

    amicus Gast

    Guderian wurde am 17.Mai vorübergehend von Kleist entmachtet. Guderian schrieb dazu in sein Erinnerungen:

    "Ich wollte und konnte mich mit diesen Befehl nicht abfinden, bedeutete er doch die Preisgabe der Überraschung und des ganzen bereitserzielten Anfangserfolgs."

    Diese Enthebung erfolgte aber nicht bei Sedan, sondern bei Montcornet. Die Ereignisse haben Guderian wenige Tage später eindeutig bestätigt.

    Ich meinte aber einen anderen Vorgang, dessen Ereignisse vor Montcornet datieren. Sie liegen im Vorfeld von Sedan.
    Guderian wollte dirket bei Sedan angreifen, Kleist ein paar Kilometer westlich. Das hat Kleist Guderian in einer Weisung vom 18.Aril auch klar gemacht. Guderian hat dann später aber diesem befehl mißachtet undd ließ seine Panzer in den Ardennen Richtung Sedan fahren, um dort anzugreifen. Das war eine klare Befehlsverweigerung, die vorallem wegen des Ergolgs keine Folgen hatte.

    (Quelle, Frieser, Blitzkrieg-Legende, München 2005)
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 26. Mai 2007
  14. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    Vor einigen Jahren habe ich in einem Interview mit einem Militärhistoriker folgendes Argument zum Thema gelesen:

    Für Hitler war Frankreich der gefährlichere Gegner. Das britische Expeditionskorps sollte "en passant" in Meer getrieben oder vernichtet werden, ehe der "eigentliche" Kampf begann.

    Hitler, der ebenso wie seine Generäle im 1. Weltkrieg die Schrecken des jahrelangen Grabenkrieges mitgemacht hatte, war von dieser Erfahrung geprägt (diese Erfahrung soll u.a. auch dazu geführt haben, dass er im gesamten 2. WK kein Giftgas im Kampf einsetzen ließ). Ein weiteres jahrelanges Kämpfen um jeden Meter musste auf jeden Fall vermieden werden. Ein Durchbruch musste gleich zum Beginn mit voller Wucht erfolgen. Deshalb musste die kostbare Panzerwaffe geschont werden und durfte nicht im Kampf gegen die anscheinend ohnehin schon geschlagenen Briten verheizt werden.

    Der großspurige Göring unterstützte seinen Chef natürlich diesbezüglich, konnte er sich doch auf diese Weise durch den Einsatz seiner "alles vernichtenden" Luftwaffe profilieren. Und so kam - wie schon Rodriguez vor ein paar Beiträgen festgestellt hat - eines zum anderen...

    Gruß Jacobum
     
  15. amicus

    amicus Gast

    Hallo Jacobum,

    weißt du zufällig noch welcher Militärhistoriker dieses in welcher Sendung geäußert hat? Das würde mich interessieren.

    Bezüglich der Erfahrungen des Ersten Welkriegs stimme ich dir zu, obwohl einige Generäle durchaus in der Moderne angekommen waren. Aber vor dem Erfahrungshorizont des Ersten Weltkrieges stammt auch diese Panik hinsichtlich der offenen Flanken. Man war aber mehrheitlich gedanklich noch nicht wieder bei der Rückgewinnung des Bewegungskrieges, im vorliegenden Falle bedingt durch die motorisierten Einheiten, wieder angekommen. Guderian und von Manstein waren hier sicher die Vorreiter.

    Hitlers Handeln passt aber nämlich, mit den von dir erwähnten Miltiärhistoriker bezüglich der Schonung der Panzer, ich vermute wegen , wie Keegan und auch Salewski auch mutmaßen, wegen des nicht geeeigneten Geländes, mit seinen späteren Entscheidungen nicht zusammen. Hitler meinte ja angeblich am 24.Mai,dass das Gelände nicht geeignet sei. Oder hat der Militärhistoriker andere Gründe für die Schonung der Panzer erwähnt?
    Denn Hitler hat beispielsweise nämlich im Zuge des "Unternehmens Barbarossa" die gleichen deutschen Panzertypen ohne Bedenken in noch problematischeren Gelände, trotz einschlägiger Warnungen, um den Ilmensee oder später noch bei Schlüsselburg eingesetzt. Das ist zumindest dem Tagebuch von Halder zu entnehmen.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 26. Mai 2007
  16. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    Sorry, da muss ich passen. Ist schon ein paar Jahre her, und ich hab mir den Artikel auch nicht aufgehoben.
     
  17. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Die Klammer-Aussage ist ja heftig. Warum das Deutsche Reich im 2.Weltkrieg kein Giftgas an Fronten einsetzte, ist nicht auf Hitler zu reduzieren!!
    Die Weiterentwicklung der Luftwaffen aller Kriegsparteien ließ den Einsatz von Giftgas weitestgehend nicht mehr zu, da mit der Luftwaffe und den Bombenterror auf alle rückwärtigen Städte eine Katastrophe sondergleichen auf alle Kriegsparteien hereingebrochen wäre! Das hätte keine Armee dem eigenen Volk plausibel erklären können. Man setzte Giftgas bis zum Ausbruch des 2.Weltkrieges in, Zitat Churchill:„Ich verstehe den Widerstand gegen den Einsatz von Gas nicht. Ich bin sehr dafür, Giftgas gegen unzivilisierte Stämme einzusetzen.“, Nordafrika sowie Nahen und Mittleren Osten ein. Im 2.Weltkrieg gab es neben den zufälligen Bombardierungen von Giftgasbehältern in Europa (z.B. 2.12.1943 Bari) nur in Asien den Einsatz von Giftgas. Wobei der Giftgas-Einsatz immer als Bedrohung von allen Seiten ins Spiel gebracht wurde.
    Man darf sich jetzt streiten, ob Napalm und Phosphor (Dresden) ebenso zu chemischen Waffen gehören oder bei Napalm sich um ein Enthaarungsmittel für Bäume und Sträucher handele.
    ---
    Zu Dünkirchen: Im Film "Die Brücke von Arnheim" (mir Wurst, ob es das wirklich gab) tanzte Robert Redford als US-Soldat im 2.Weltkrieg wie ein Rumpelstilzchen an der Spitze der haltenden englischen Panzertruppen herum (er rettete gerade die wichtigste Brücke vor Arnheim vor der Sprengung im Alleingang), sie sollten doch endlich nach Arnheim fahren, um die eingeschlossenen und unterlegenden Verbände zu unterstützen. Der zuständige Offizier entgegnete, man müsse erst auf die nachstoßenden und rückwärtigen Verbände warten; man könne nicht blindlings weiterfahren.
    Die These, dass Panzertruppen nicht mir nichts dir nichts durch die Gegend kutschieren können und einen Erfolg nach den anderen einheimsen, leuchtet mir ein.
     
  18. Rodriguez

    Rodriguez Aktives Mitglied


    Jacobum gleich lautend:


    Da sind wir auf einer Linie. Mir scheint das auch die plausibelste Variante zu sein, besprochenen Anhaltebefehl Hitlers zu begründen und zu erklären, denn niemand konnte erahnen oder voraussehen, wie die französischen Truppen reagieren oder wie sich die Schlacht entwickelt - bzw. wie schnell die Abwehrfront zusammen brach. Insofern bzw. auf dieser Basis ist Hitlers Befehl durchaus nachvollziehbar.



    Saludos!
     
  19. amicus

    amicus Gast

    Ich muss meine These von Post 9 korrigieren. Ich bitte sehr um Entschuldigung..:rotwerd:

    Halder hatte von Fremd Heere West relativ exakte Informationen darüber, wie viele feindliche Kräfte sich in den 45 Kilometer langen und 30 Kilometer breiten Kessel befanden. Die Angaben lauteten 22 belgische, 12 britischen und 29 französische Divisionen.

    (Quelle: Halder Kriegstagebuch, Band 1, Seite 325)

    Diese Angaben waren ziemlich genau, wie Generalmajor Liß nach dem Kriege angab.

    (Quelle, Liß, Dünkirchen, Seite 337 und 340, hier zitiert nach Blitzkrieg-Legende, München 2005)


    Hitler hat gegenüber Mussolini in einem Brief am 25.Mai behauptet, das es sich sogar um 72 Divisionen handeln würde.

    (Quelle: Dokumente zum Westfeldzug, Seite 135, hier zitiert nach Blitzkrieg-Legende, München 2005)


    Halder, und nicht nur er, hat aber energisch dafür plädiert, dass die Panzergruppe Kleist angreifen soll und sogar versucht den Haltebefehl zu unterlaufen. Halder war sich in Klaren darüber, das die Alliierten mit der Evakuierung begonnen hatten. Dass Hitler nicht über großen militärischen Sachverstand verfügte, ist bekannt. Er war aber darüber hinaus im vorliegenden Falle gegenüber seinen ersten militärischen Ratgebern des OKH in Person von Halder und von Brauchitsch und derem sachlich fundierten Argumenten absolut unzugänglich.


    Die Reparaturarbeiten bei den Panzern haben in der Regel nur wenige Stunden angedauert. Es gab vielleicht ein paar Schwierigkeiten mit der Bereitstellung bestimmter Ersatzteile. Ein Stopp von zwei Tagen rechtfertigt das aber sicher nicht.

    (Quelle, Meyer-Welcker, Entschluss zum Anhalten, Seite 276, hier zitiert nach Frieser, Blitzkrieg-Legende, München 2005)
     
  20. amicus

    amicus Gast


    Dieser hoch interessante Hinweis findet sich auch in "Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg" im 2.Band auf Seite 293. Dort heisst es, das Hitler sich regelmäßig über den Zustand der Panzer informieren lassen hat und das Kleist am 23.Mai gemeldet hätte, das rund die Hälfte seiner Panzer ausgefallen sei.

    Nur kann dazu folgendes angemerkt werden:


    In der Chronik der 1.Panzerdivision , sie gehörte zur Panzergruppe Kleist,heisst es, das der Zustand der Panzer nicht für den Haltebefehl des 24.Mai herhalten könne.

    (Quelle: Stoves, 1.Panzerdivision, Seite 124, hier zitiert nach Frieser, Blitzkrieg-Legende, München 2005)

    Rundstedt führte dazu folgendes aus: " Man bringt eine Operation zum Abschluß, bevor man an die nächste denken darf.

    (Quelle: Rundstedt, Bemerkungen zum Feldzug im Westen, BA-MA, Study C-053, Seite 4, hier zitiert nach Frieser, Blitzkrieg-Legende, München 2005)

    Die Operation, die zum Abschluß gebracht werden musste, war die Ausräumung des Kessels von Dünkirchen.

    Die nächste Operation war die Erorberung ganz Frankreichs.
     

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