Was wollte Timur?

Dieses Thema im Forum "Das Mongolenreich" wurde erstellt von Lexius, 8. März 2013.

  1. Lexius

    Lexius Mitglied


    Hallo an alle.

    Ich schreibe derzeit eine Seminararbeit über Timur Lenk und die Schlacht von Ankara 1402, was das Thema auch gleichzeitig ein wenig eingrenzt.
    Meine Literatur besteht hauptsächlich aus der recht ausführlichen Timur Monographie, von Tilmann Nagel, einige überschaubare Aufsätze von Roloff, und einer Abhandlung über Osmanen von Ernst Werner. Meine Quellen sind hautsächlich, Dukas, Chalkokondyles sowie einige osmanische Historiographen unter Timur.

    Meine Frage ist nun: Was wollte Timur mit dem Krieg gegen Sultan Bayazid yildirim erreichen? Und vor allem, warum zog er nach der gewonnenen Schlacht bei Ankara nicht weiter nach Konstantinopel? (Truppenschwäche? Fehlende Infrastruktur durch Verwüstung und Vernichtung des ansässigen Adels in Syrien und Ostanatolien? Kein Anspruch auf Konstantinopel???)

    Achtung bitte
    : Ich erwarte hier hauptsächlich spekulative Antworten von zumindest geübten Historikern. Die offiziellen Versionen sind mir durchaus bekannt, jedoch scheint mir keine derer plausibel genug um Timurs Verhalten und seinen Feldzug damit zu begründen. Ich schließe also aus, dass Timurs Feldzug ausschließlich der Bestrafung "degenerierter" Muslime diente oder dass er als "gurkhan" der rechtmäßige Erbe Dschinghis Khans war und dessen Reich wiederherstellen wollte. Auch schließe ich aus, dass sein vorrangiges Ziel ein Sultanat war und daher Bayazid (selbst kein "rechtmäßiger" Sultan) beseitigt werden musste.

    Ich würde mich hauptsächlich über einige Gedankenanstöße und Inspirationen für eine abschließende eigenständige These freuen.
     
  2. Turandokht

    Turandokht Neues Mitglied

    Die West-Feldzüge Timurs waren eigentlich nicht auf dauerhafte Eroberungen ausgelegt. Meist ging es darum, dem Gegner zu zeigen, dass Timurs Truppen militärisch überlegen sind; sie dafür zu bestrafen, dass sie geflohene Gegner von Timur beherbergten und nicht ausliefern wollten - und natürlich um Beute. (Die Mamluken in Syrien und die Osmanen hatten den Anführern der Jalayiriden und der Qara-qoyunlu Exil gewährt.)
    Außerdem waren zu der Zeit die Heerführer Timurs schon ziemlich unwillig und wollten nach Hause. Bereits 1400 versuchten sie, ihren Chef zur Umkehr zu überreden. Timur konnte sie noch eine Weile bei Laune halten, aber unbegrenzt war sein Einfluss über die Truppen eben nicht. Für ein Heer aus Reiternomaden waren seine Leute sowieso schon ungewöhnlich "folgsam".

    Was Deine Literatur betrifft, wäre es natürlich schön, ein paar mehr Titel zu nutzen - und auch aktuellere. Roloff ist höchstwahrscheinlich überholt -der Artikel ist von 1940! (Man könnte natürlich gezielt einen Vergleich anstellen zwischen Roloffs Begründung für Timurs Rückzug und dem, was modernere Autoren dazu sagen.)
    Ganz wichtig ist Beatrice Manz in der Timurforschung. Ihre Monografie "The Rise and Rule of Tamerlane" beschäftigt sich sehr ausführlich mit den Feldzügen und dem Verhältnis Timurs zu seinen Truppen, Heerführern und Verbündeten. Außerdem gibt es endlos viele Artikel von ihr, auch sehr aktuelle.
    Andere Autoren zu Timur und den Timuriden: Maria Szuppe, John E. Woods, Maria Subtelny, Shiro Ando, Jean Aubin...
    Schau dir ruhig auch mal den Artikel "Timurids" in der Enyclopedia of Islam an.
    Es wäre sicher hilfreich, wenn du auch die timuridischen Quellen nutzen könntest, aber ich wüsste nicht, dass da was übersetzt worden ist.

    (Ich bin Islamwissenschaftlerin mit Spezialisierung auf zentralasiatische Geschichte und habe über die Shaibaniden, eine Nachfolgedynastie der Timuriden promoviert.)
     
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  3. Lexius

    Lexius Mitglied


    Auf etwas ähnliches habe ich auch schon spekuliert, nur scheint es mir etwas zu gewagt den Syrien Feldzug auf ledigliche Bestrafung zu reduzieren. Diese wäre nicht nur mit dem Asyl von Kara - Koyunlu zu begründen sondern sogar mit einem mutmaßlichen Gesandtenmord durch Barquq (oder seinem Sohn). Timurs Entscheidungen hatten jedesmal so ein umfassendes Kalkül, dass diese Begründungen zu sehr "emotional" anmuten. Danke jedoch für den Hinweis, ich versuche dass evtl. als eine Nebenmotivation anzuführen. Die Hauptgründe für die Verwüstung von Aleppo und Damaskus sind für mich eher ökonomisch. Grob gesagt: "Truppe bei Laune halten", für das Endziel Bayazid (warum auch immer...)

    Roloff bietet meines Erachtens eine hervorragende Analyse der (wahrscheinlichen) tatsächlichen Truppenstärke Timurs was in sonst keiner Sekundärliteratur zu finden ist und in den Quellen zweifelsohne unrealistisch dargestellt wird. Alles andere ist natürlich bei ihm veraltet und dient lediglich einem historiographischen Vergleich.
    Ich weiß nicht welche echten "timuridischen" Quellen es als solche gibt. Erstens bin ich der Sprache nicht mächtig :)
    Zweitens nutze ich hauptsächlich Gedichte und Darstellungen von u.a. Ibn Khaldun und Hatifi die aber auch nicht wirklich "timuridisch" waren sondern beauftragte Osmanen.
    Danke auf jeden Fall für die Literaturhinweise, übersetzte Titel können mir sicher weiterhelfen.
     
  4. Turandokht

    Turandokht Neues Mitglied

    Hab ich ja auch nicht gemacht. Siehe oben. ;)
    Meinst Du mit "übersetzte Titel" ins Deutsche übersetzte? Dann wird das schwierig. Welchen Umfang soll denn die Seminararbeit haben und in welchem Semester welches Studiengangs bist Du? So ganz ohne englische Literatur kommt man ja eigentlich nicht aus.
     
  5. Lexius

    Lexius Mitglied

    Mein Fehler, hab "Beute" überlesen.

    Englische Literatur ist natürlich auch willkommen, zum Teil auch französische. :)
    Die Seminararbeit hat einen Umfang von 20 Seiten, nichts weltbewegendes. Sitze an meiner Examensarbeit im 12. Semester (Lehramt Gymnasium), die Seminararbeit ist ein Überbleibsel aus vergangenen Semestern was nur noch darauf wartet abgegeben zu werden.
     
  6. Turandokht

    Turandokht Neues Mitglied

    Na ja, ok. Das heißt, dass Du Dir da (verständlicherweise) nicht allzu viel Arbeit machen willst. Ich habe leider keine Veröffentlichung parat, die sich konkret mit der Schlacht von Ankara beschäftigt. Aber auf jeden Fall solltest Du Dir wohl ein paar Artikel von Beatrice Manz besorgen. Sie ist thematisch am nächsten dran, würde ich sagen. Hier ist ein Link zu ihrem CV inklusive aller Publikationen. Wühl Dich mal durch! ;)
    http://ase.tufts.edu/history/faculty/cv/manz.pdf
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Mal so aus dem Bauch, vorbehaltlich der Meinungen der Spezialisten:

    1402 siegt er in der Schlacht. Eine Ausnutzung in dem Sinne der Eingliederung und festen Organisation erfolgt ebenso wenig wie im ganzen Nahen Osten bzw. einige Jahre zuvor in Delhi.

    Er wendet sich unmittelbar zurück, und bereitet ab 1403 (?) eine Kampagne zur Eroberung Chinas vor. War das ein länger feststehendes Ziel, lässt sich das vor 1402 feststellen, dann könnte das doch das Motiv sein, nach dem Sieg aus dem Nahen Osten wieder nach Samarkand abzuziehen, und im Westen keine weiteren Ziele mehr zu verfolgen?
     
  8. Lexius

    Lexius Mitglied

    Über seinen China Feldzug ist mir nicht viel bekannt. Genauer gesagt nichts, außer dass er stattfand. Möglicherweise sah er Bayazid als Bedrohung aus dem Westen die er beseitigen wollte bevor er sich nach China begab, was jedoch sehr unrealistisch klingt, da Bayazid kein Interesse an östlicher Expansion hatte. Auch nicht längerfristig.

    Auch strategisch macht es keinen Sinn, nach Westen zu expandieren und kurz vor dem Bosporus umzukehren der eine gesicherte Grenze nahezu garantiert.
    Die Gründe müssen wohl hauptsächlich ökonomisch - psychologisch in den Truppenkontingenten Timurs gesucht werden.

    @Turandokht

    Vielen Dank für die Mühe! 2 dieser Publikationen werde ich auf jeden Fall verwenden können!
     
  9. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Auseinandersetzung zwischen Timur und Bayezid hatte vermutlich geopolitische Gründe.

    Nachdem der Osmanensultan große Gebiete in Kleinasien erobert hatte, in deren Verlauf das wichtige anatolische Emirat Karaman seine Selbstständigkeit einbüßte, besetzte er Gebiete, die zum Einflussbereich Timurs zählten. Der Knackpunkt war die Eroberung des Emirats Erzincan, auf das auch Timur einen Anspruch erhob. Timur forderte den Osmanensultan auf, den anatolischen Kleinfürsten ihr Land zurückzugeben, das sie an die Osmanen verloren hatten. Einige von ihnen hatten sich zu Timur gesflüchtet, um bei ihm Schutz zu suchen. Timur stellte daraufhin ein Ultimatum: Nur bei Erfüllung seiner Bedingungen würde der osmanische Sultan sein Kernland behalten können. Da dieser erpresserische Vorschlag für Bayezid unannehmbar war, kam es 1402 zur Schlacht von Ankara, die mit der bekannten verheerenden Niederlage des Osmanenreichs endete.

    Deine zweite Frage, warum Timur nicht bis Konstantinopel vorstieß und das Osmanenreich gänzlich vernichtete, ist nicht leicht zu beantworten. Es gibt darüber lediglich die bekannte Hypothese, dass Timur seinen Vasallenstatus gegenüber dem China der Ming-Dynastie brechen wollte und daher 1403 zu dem historisch belegten Feldzug nach China aufbrach. Allerdings starb er auf dem Hinmarsch im heutigen Schymkent in Kasachstan.

    Diese Begründung für die Beendigung seiner Strafexpedition gegen Sultan Bayezid erscheint mir glaubhaft. Kleinasien war für Timur ein kleiner Fisch und nachdem er das osmanische Heer katastrophal geschlagen hatte und die von den Osmanen entrechteten Emire ihr Land zurückerhalten hatten, war für ihn die Auseinandersetzung beendet. Er veranstaltete noch in Smyrna, das unter der Herrschaft der Johanniter stand, ein Blutbad, errichtete dort eine seiner berüchtigten Schädelpyramiden und zog im Jahr 1403 ab.
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Juli 2013
  10. Lexius

    Lexius Mitglied

    Die Arbeit ist zwar schon längst eingereicht, aber trotzdem danke für den Beitrag.

    Ich hab es jetzt einfach versucht rational zu erklären. Timur hat in keinem seiner Gebiete Feudalstruktur oder Institutionen hinterlassen, was sich 1401 an seiner Rückkehr nach Bagdad gezeigt hat. Timur musste stets mit einer Bedrohung aus dem Osten rechnen, er konnte es also nicht riskieren eine längere Belagerung vorzunehmen ohne eine gesicherte Versorgungslinie zu haben. Außerdem war sein Heer (da nicht besoldet) vermutlich sehr kriegsmüde und sehr unstrukturiert durch zahlreiche Deserteure von Bayazids Kontingenten. Timur hatte bis dato nur einen Konflikt gewagt der bereits im voraus entschieden war, Konstantinopel barg wohl ein (noch) zu hohes Risiko. (Was aber noch nicht die Zerstörung der sehr gut befestigten Stadt Smyrna erklärt).
    Er durfte sich also mit einem Tributkonsens von Manuel II zufrieden geben. Außerdem hat er ja mit der Einnahme von Sivas und Erzincan faktisch das Il-chan Reich wiederhergestellt und zusätzlich die transeurasische Handelsroute zum Großteil besetzt, ein netter ökonomischer Nebeneffekt. Bayazid sollte wohl einfach als Risikofaktor beseitigt werden, nicht das osmanische Reich an sich. Dafür spricht auch, dass Timur das Reich unter anderem unter Bayazids Söhnen aufteilt und die durch den Sultan vertriebenen begler wieder in ihre beyliks einsetzt. Mittelanatolien sollte eine Art Pufferzone bleiben.
    Die Eroberung der Stadt Smyrna könnte man damit erklären, dass Timur mit der Vernichtung Bayazids Byzanz nicht wiedererstarken lassen wollte, schließlich war er ja selbsterklärter Restitutor der Scharia. Hat sich demzufolge auch kurz danach auf den Weg nach Samarkand bzw China gemacht. Den "China Faktor" hab ich mal vollkommen außer Acht gelassen weil das den Rahmen gesprengt hätte. Ich wollte vor allem auch noch die Auswirkungen für Byzanz berücksichtigen. Aber ich denke der Chinafeldzug ist wohl auch einer der gewichtigeren Gründe für den Abbruch der Kleinasienkampagne.
     
  11. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Mein Beitrag stützt sich übrigens nicht auf Wikipedia, wie mir soeben ein User schrieb, sondern auf:

    1. Klaus Kreiser, Der Osmanische Staat, München 2008

    und auf das Standardwerk

    2. Josef Matuz, Das Osmanische Reich, Darmstadt 2006 sowie

    3. Suraya Faroqhi, Geschichte des Osmanischen Reichs, München 2000
     

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