weibliche Erbfolge

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von Dieter, 30. November 2012.

  1. Dieter

    Dieter Premiummitglied


    Schon seit langer Zeit suche ich einen Beleg, seit wann es in England, Ruslland und Spanien die weibliche Erbfolge bei der Thronbesteigung gibt.

    Dafür muss es doch ein bestimmtes Gesetz geben oder handelt es sich lediglich um ein ungeschriebenes Recht? :grübel:
     
  2. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Ich würde mal sagen dass die Lex Salica die Ausnahme darstellt und nicht die Regel. Und in den von Dir genannten Ländern galt diese eben nicht.
     
  3. Wilfried

    Wilfried Neues Mitglied


    England schon immer, zumindest seit der Landnahme der Sachsen, Rußland garnicht, da regierte die Frau des Zaren weiter
     
  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Mag sein - aber wo ist das Gesetz, das die ungewöhnliche weibliche Thronfolge zulässt? Oder war es ungeschriebenes Recht?
     
  5. Wilfried

    Wilfried Neues Mitglied

    Dieter in England gibt es keine Gesetze wie in unserem Rechssystem ...
    Wenn etwas schon immer so war, dann ist das so, es gibt ja auch kein Gesetz, das die Themse in die Nordsee fließt.
    Ansonsten wurde Elisabeth I. durch Parlamentsbeschluß von 1544 wieder in die Thronfolge eingereiht.
     
  6. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Aber es muss sich doch irgendwann die Auffassung herausgebildet haben, dass - anders als in Mitteleuropa - eine weibliche Thronfolge in England statthaft ist. Die Bill of Rights von 1689 regelt die Thronfolge eindeutig und reiht weibliche Anwärter in die Thronfolge ein. Dass ist allerdings ein spätes Gesetz, denn bereits 150 Jahre zuvor wurden Elizabeth und Mary regierende Königinnen, obwohl in den Jahrhunderten davor nichts von weiblicher Thronfolge bekannt ist.

    Und wie war das in Spanien und Russland?
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    "Spanien" gab es im MA ja eigentlich nicht. Nachdem ihr Bruder Sancho und ein Jahr später ihr Vater, Alfons VI. gestorben waren, wurde die verwitwete Urraca Königin von Kastilien, allerdings hatte sie da schon Alfonso VII. als Thronfolger geboren. Und auch die portugiesischen Grafen, später Könige, leiteten ihr Erbe von Urracas Schwester Teresa ab. Urraca verheiratete sich zeitweise mit Alfons I. von Aragón, welcher der zweite von drei Brüdern war, die auf dem aragonesischen Thron saßen (Peter I., Alfonso I., Ramiro II., el Monje), die Ehe hielt aber nicht, weil der Adel beider Länder dies nicht wollte. Zu enge Verwandtschaft wurde dann als Scheidungsgrund angegeben. Ramiro wurde nach Alfonsos Tod aus dem Kloster geholt, quasi zur Ehe gezwungen und zeugte eine Tochter, Petronilla, die mit drei Jahren mit dem Sohn des Grafen von Barcelona verlobt wurde. Sie sollte in Barcelona erzogen werden und ihr Mann solle dann ihr Königreich erben und Katalonien und Aragón fortan in Personalunion von den aragonesischen Königen und Grafen von Barcelona regiert werden. Ramiro gab seine Krone wieder ab und zog sich in sein Kloster zurück und auch seine Frau - eine de Foix - ging fortan ins Kloster. Carlos de Viana, der Sohn der Blanca von Navarra und Juan II. von Aragón war der eigentliche Erbe der beiden Königreiche Navarra und Aragón, hatte aber das Pech, dass er mit seinem wiederverheirateten Vater Krieg führte. Er soll schließlich von seiner Stiefmutter vergiftet worden sein. Seinem Halbbruder Fernando fiel dann, ohne dass es eine dynastische Verbindunggegeben hätte, die das rechtfertigte - außer der Erstehe seines Vaters, aus dessen Zweitehe er ja stammte -, das Königreich Navarra. Er heiratete schließlich seine Cousine Isabella von Kastilien, die allerdings noch um das Königreich Kastilien mit ihrer Nichte zu ringen hatte. Eine der gemeinsamen Töchter der Katholischen Könige, Fernando und Isabelle dann genannt wurden, Juana la Loca (die Wahnsinnige) heiratete dann wiederum den Habsburger Philipp den Schönen (nicht zu Verwechseln mit Philipp dem Schönen von Frankreich), der ebenfalls über seine Mutter (Maria) das Königreich Burgund geerbt hatte. Ihr gemeinsamer Sohn war Karl V./I. (in Spanien hört man häufig "Carlos quinto, primero de España") ererbte dann die Königreich Kastilien und Aragón über das Erbe seiner Mutter, Juana.
     
  8. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Wenn ich das recht verstehe, war Isabella I. von Kastilien die erste Infantin und später regierende Königin, die 1474 den Thron bestieg. Alle ihre Vorgängerinnen übten entwder nur eine Regentschaft für unmündige Söhne aus oder wurden nur unter der Prämisse einer Heirat mit einem verwandten Dynasten Königin, wobei die königliche Gewalt dann auf den Ehemann überging.

    Ab wann aber war man in den christlichen Königreichen der Ansicht, dass auch eine Frau aus eigenem Recht regierende Königin werden konnte? :grübel:
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Urraca war schon vorher. Das interessante ist aber jeweils, dass die Söhne der genannten Damen nicht weil ihr Vater, sondern weil ihre Mutter erbberechtigt war bzw. obwohl nicht erbberechtigt trotzdem das Erbe antretend, die Krone bekamen oder hätten bekommen sollen.
     
  10. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Aha - haben wir da etwa eine kleine matrilineare Anmutung?

    Das wäre allerdings äußerst interessant. Woher mag das kommen, wenn's stimmt? Nicht aus der Mitte Europas mit der salischen Gesetzgebung, die keine weibliche Erbfolge zuließ. Vielleicht ein uraltes iberisches Überbleibsel?
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es stimmt. Urraca und Teresas (und der jüngeren Elvira) Ehemänner waren alles nicht erbberechtigte Söhne von französischen Grafen oder Herzöge.

    Eher unwahrscheinlich, woher hätte das auch nach 700jähriger römischer und 200jähriger gotischer Herrschaft kommen sollen? Dass man in Spanien alles mit iberischen Überbleibseln erklärt hat, gehört auch ins 19. und frühe 20. Jhdt.
    Wenn man mal von Blanca absieht, zu der mir die Informationen fehlen, waren die meisten der Frauen, die sich und ihre Söhne durchsetzen konnten, starke Frauen. Im Falle Petronillas wird sich der aragonesische Landadel von der Verbindung mit den Grafen des reichen Barcelona wohl wirtschaftliche Vorteile versprochen haben.
     
  12. Wilfried

    Wilfried Neues Mitglied

    Dieter , umgekehrt ..
    Es hat sich bei den Franken die Auffassung entwickelt, das eine Frau nicht König (Sippenchef) sein kann. Das Erbe geht zur "gesamten Hand", die Frau wechselt die Sippe, ihr Anteil am Familienvermögen wird normalerweise als Mitgift bzw Abfindung ausgezahlt und geht später an ihre Kinder über. Sie behält die Verfügungsgewalt über diesen Teil bis zu ihrem Tode. Ist kein männlicher Erbe da, übernimmt sie das gesamte Erbe. Der Erblasser legt die "Führungsreihenfolge" fest ...

    Ein Königreich ist in diesem Rechtsverständnis nichts anderes als eine Ansammlung von Bauernhöfen/Gütern
     
  13. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Henry I lies die Barone auf seine Tochter Mathilde als Thronfolgerin einschwören, nachdem sein Sohn mit der "White Ship" untergegangen war. Nach dem ableben Henry I wollten einige davon aber nichts mehr wissen. Dadurch kam es zu einem Bürgerkrieg, weil sich auch einige Barone an den Eid gebunden fühlten.
    The Anarchy ? Wikipedia
    The Anarchy - Wikipedia, the free encyclopedia

    Apvar
     
  14. beetle

    beetle Aktives Mitglied

    wenn ich den Suchbegriff "weibliche Erbfolge - England" eingebe, komme ich zu diesem Buchergebnis:

    Jan Assmann, Peter Burschel u.a. (Hrsg.)
    Saeculum - Jahrbuch für Universalgeschichte 59.Jahrgang, 1. Halbband

    Kurzinfo:
    Annette Zgoll: Grenzerfahrungen - eine Typologie des epischen Helden anhand antiker mesopotamischer Quellen; Eckhard Wirbelauer: Exil für einen römischen Bischof? Stefan Esders: Fiskus und Familie - über Politik und Ehezwang im anglonormannischen England; Eva-Marie Becker: Patmos - ein utopischer Ort? Apk 1,9-11 in auslegungs- und kulturhistorischer Hinsicht; Mandfred Vasold: Die Hunger- und Sterblichkeitskrise von 1770/73 und der Niedergang des Ancien Régime; Nicole Priesching: Die Verurteilung der Sklaverei unter Papst Gregro XVI. im Jahr 1839 - ein Traditionsbruch? Orig. Broschur, 165 Seiten, Standardbuchformat


    bringt das unterstrichene in der Frage weiter?
     
  15. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Wie Apvar bereits schrieb, stellte die von Henry I. zugunsten seiner Tochter Mathilde verfügte Thronfolgeregelung den Präzedenzfall in der englischen Thronfolge dar.

    Die Hintergründe dazu waren freilich sehr komplex. Wilhelm der Eroberer hatte seinen Anspruch auf den angelsächsischen Thron auf die Erbverfügung seines Cousins Eduards des Bekenners begründet und diesen durch seinen Sieg bei Hastings 1066 untermauert. An einer dynastischen Fundierung mangelte es der normannischen Dynastie jedoch, die zu Zeiten in denen es an klar geregelten und schriftlich fixierten Thronfolgeregelungen fehlte geradezu unabdingbar für eine problemlose Erbfolge war. Im Mittelalter war das Erbrecht im Wortsinn in Blut geschrieben. Und genauso wie die Kapatinger in Frankreich die Chroniken und Legenden an eine dynastische Anknüpfung an die Karolinger durchsuchten, so versuchte der Normanne Henry I. seinen Thron durch eine Verbindung an die Angelsachsen zu festigen indem er Edith von Schottland heiratete, eine der letzten Abkömmlinge der angelsächsischen Dynastie. Siehe zu Beginn des 12. Jahrhunderts hatten sich die Herrscher sehr wohl schon Gedanken um die dynastische Kontinuität gemacht, nach beiden seiten der Blutlinie hin.

    Aber schon im Falle Henrys I. wurde die weibliche Erbfolge 1120 konkret, als sein einzige legitim geborener Sohn Wilhelm AEtheling mit dem weißen Schiff ertrank. Nun hatte er nur noch eine Tochter, die verwitwete Kaiserin Mathilde, über die er seine Linie auf dem Thron erhalten konnte. Um deren Erbfolge garantieren zu können hatte er seine normannischen Barone per Eid an seine Tochter zu binden gesucht. Sozusagen der erste Versuch in England, die weibliche Erbfolge konsensfähig zu machten. Das sich die Barone nach Henrys I. Tod nicht mehr an den Eid gebunden fühlten (The Anarchy) steht natürlich auf einem anderen Blatt, doch behielt er insofern doch Recht, als 1154 der Sohn der Mathilde, der Angevine Henry II., den Thron besteigen konnte.

    Von da an waren Frauen aus der Thronfolge Englands nicht mehr weg zu denken. Die Yorks beriefen sich auf den Präzedenzfall Mathilde zur Untermauerung ihres Anspruches, da sie doch Prinzessin Philippa als ihre Vorfahrin hatten, die ältere Schwester des Lancasters John of Gaunt. Um die Rosenkriege beenden zu können hatte Henry VII. Tudor, mütterlicherseits ein Lancaster, die Erbin der York geheiratet um beide Linien wieder vereinen zu können.

    Kein iberisches Überbleibsel, wohl eher ein römisches. In ganz Westeuropa, in Gallien und Hispanien, waren Frauen dem römischen Kodex gemäß erbberechtigt, auch das Mittelalter hindurch. In Frankreich unter der Herrschaft Philipps II. hatte sich insofern die Rechtstellung der Frau verschlechtert, indem alle Erbinnen von verliehenen Rechtsgütern zu Basen des Königs erklärt wurden, die somit ihre Heiratspolitik nicht mehr unabhngig bestimmen konnten. Und betreffs der Thronfolge war man in den Generalständen nach dem Tod Ludwigs X. 1317 zu der Auffassung gekommen, Frauen daraus auszuschließen (direkt betroffen war die Tochter des Königs Johanna). Schließlich waren die Kapetinger Franken und ihr Thron war der der Frankenkönige und folglich sollte seine Vererbung nach altem salfränkischen Recht geregelt werden. Natürlich stand dahinter die handfeste Machtpolitik Philipps V. des Langen, dem Onkel der Johanna. Die Lex Salica wurde unter Philipp VI. noch einmal von den Generalständen bestätigt und stellte bis zum Ende der Monarchie die Erbregelung des französischen Thrones dar. Insgesammt aber war sie in Frankreich, wie Rovere bemerkte, eher die Ausnahme als die Regel.
     
    2 Person(en) gefällt das.
  16. Theophano

    Theophano Neues Mitglied

    Dabei ist die Thronusurpation Stephans von Blois (Mathildes Cousin) aber nicht zu vergessen! Er hat sich, obwohl er auch selbst 1127 diesen Eid geleistet hatte, noch im Monat des Todes seines Onkels Heinrich I. (Dezember 1135) nach England begeben und sich dort zum König krönen lassen und hat im Nachhinein natürlich viele der englischen Barone und Geistlichen auf seine Seite gezogen. Was hier jetzt auch gar nicht erwähnt wurde ist, dass Mathilde ja kurzzeitig drauf und dran war, den englischen Thron zu erobern, nachdem Stephan in der Schlacht bei Lincoln (2.2.1141) gefangen genommen werden konnte. Er war für ganze neun Monate Mathildes Gefangener, und im Juni 1141 zog sie, nachdem sie zur domina Anglorum ernannt worden war, in Westminster ein, um sich dort krönen zu lassen, wurde jedoch schnell wieder vertrieben, weil sie sich etwas ungeschickt in politischen Dingen erwies und die Londoner Bürger verärgert hatte. Da Mathilde sich nicht krönen lassen konnte, wissen wir heute auch nicht, was genau sie eigentlich beabsichtigt hat, also ob sie selbst aus eigenem Recht regieren wollte oder nur in Regentschaft für ihren Sohn, Heinrich (II.), diese beiden Meinungen gibt es in der Forschung. Nachdem sie in Westminster gescheitert war kam sie aber nie mehr auf die Machtposition von 1141 zurück, und als sie 1148 England für immer verließ, übergab sie den Kampf an ihren Sohn Heinrich, der ja 1153 Frieden mit Stephan schloss und 1154 dann König wurde. Ich könnte jetzt hier noch groß und breit über dieses Thema erzählen, da es das Thema meiner Masterarbeit ist, die ich gerade schreibe, aber das würde jetzt den Rahmen sprengen. Auf jeden Fall kann man sagen, dass Mathilde vor dem 16. Jh. die Frau war, die die größten Chancen hatte, den englischen Thron selbst zu besteigen.
    Die Säulen der Erde schildert diese Zeit übrigens sehr gut (auch wenn ich die filmische Umsetzung schrecklich finde und Tatsachen total verdreht)
     
    1 Person gefällt das.
  17. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied

    Auffallend ist, dass zumindest bei den Kaisern / Königen (HRR) der Fall einer weiblichen Erbfolge nicht vorgekommen ist (obwohl es zumindest im Früh- und Hochmittelalter einige Frauen gegeben hat, die als Regentinnen für ihre Söhne geherrschaft haben bzw. in die Ausübung einer Herrschaft eingebunden waren).

    Allem Anschein nach hat sich dieser Fall nicht ergeben, und es wurde auch nie versucht, eine "Tochter" oder "Schwester" als Nachfolgerin durchzusetzen. (Bei den beiden Fällen, wo der Schwiegersohn des verstorbenen Kaisers versuchte, dessen Nachfolger zu werden (Heinrich der Stolze / Welfe) oder als dessen Nachfolger gewählt wurde (König Albrecht II. / Habsburger) war jedenfalls die Ehefrau keineswegs als mögliche Erbin miteinbezogen.)

    Könnte das mit damit zusammenhängen, dass diese Position / Würde durch die Wahl erfolgte?
     
  18. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Lex Salica und spätere an sie angelehnte Erbrechtsbestimmungen schlossen eine weibliche Thronfolge im Heiligen Römischen Reich aus. Insofern ist es dazu auch niemelals gekommen. Allerdings konnten Frauen Regentinnen für unmündige Söhne sein.

    Eine Erbfolge über die weibliche Linie hat es durchaus gegeben. So erlosch mit Welf III. im Jahr 1055 das Haus der Welfen im Mannesstamm. Erbe war der Sohn von Welfs Schwester Kuniza, die den italienischen Fürsten Azzo von Este geheiratet hatte. Er ist als Welf IV. Stammvater der jüngeren Welfen aus dem Hause Este.
     
  19. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied

    Allerdings war Welf III. nicht König / Kaiser (HRR), und es ging dabei nicht um die Nachfolge in dieser Position.
     
  20. Nergal

    Nergal Neues Mitglied

    Interessant!
    Gab es eigentlich Länder wo eine Frau Königin werden kann, aber einem eventuellen jüngeren Bruder wegene dessen m. Geschlecht den Trohn überlassen muß?
    Also Königin nur wenn keiner da ist der König werden kann.
     

Diese Seite empfehlen