Wie kamen die Bauern nach der Leibeigenschaf zu ihrem Land?

Dieses Thema im Forum "Alltag im Mittelalter" wurde erstellt von Oleger, 19. November 2016.



  1. Oleger

    Oleger Neues Mitglied

    Hallo Geschichtsforum,
    soweit ich hier im Forum gelesen habe, gab es in weiten Teilen deutschlands im Spätmittelalter praktisch keine freien Bauern mehr, es waren u.a. Leibeigene u. Hörige. Und so weit ich es verstanden habe, war der Leibeigene eine Art Inventar des Grundherrn, Adligen. Er arbeitete bei seinem Herrn ohne für sich selbst Land zu bewirtschaften. Der Hörige bewirtschaftete einen Hof, der dem Grundherrn gehörte u. dem er für die Bewirtschaftung Abgaben zahlte. Als dann die Leibeigenschaft aufgehoben wurde, wann war das eigentlich, ist dann den Bauern das Land, das sie ja ab irgend einem Tag in Besitz hatten, auch zurückgegeben worden. Das Land hat ja einen beträchtlichen Wert, wer hatte schon soviel Geld, um es sich kaufen zu können?
    Gruß
    Oleger
     
  2. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    Ohne jetzt eine detailierte Lösung anzubieten, ein Aspekt, den du vielleicht nicht richtig in Betracht ziehst, in einem Lehenssystem gehört ja keinem was, zumindest grundsätzlich, der Grund gehörte nicht dem Bauern, aber auch dem Grundherrn war er nur zu Lehen gegeben und wenn das Lehen eingezogen wird kann der oberste Lehnsherr darüber verfügen.
     
  3. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Und die Leibeigenen waren durchaus mit Land versehen.

    In vielen Gegenden erfolgte die Bauernbefreiung mit der Besetzung durch Napoleon.

    In Preußen dauerte sie, wenn man es genau nimmt, von 1799 bis 1850. Dabei mussten die Bauern schuldige Gefälle und Fronarbeit durch Geldzahlungen ablösen. Das war erst 1855 beendet. Das Land wurde aufgeteilt, wobei es Unterschiede für verschiedene Nutzungen gab. Einige Adlige überließen den Bauern mehr Land, was aber auch bezahlt werden musste. Das lief teilweise bis ins 20. Jahrhundert, war aber eigentlich Kauf und keine Befreiung. Die 'offizielken' Zahlungen und Entschädigungen liefen über die 'Generalkommission zur Regulierung der gutsherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse'.

    In Österreich wurde die Leibeigenschaft schon 1782 durch Erbuntertänigkeit ersetzt, die 1848 abgeschafft wurde. In Sachsen endete die Abwicklung der Zahlungen erst in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts.

    Einzelheiten und einen Überblick über einige andere Staaten bietet der Wikipedia-Artikel 'Bauernbefreiung'.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hinzu kommen Pauperismus, Landflucht und Soziale Frage, Dinge, die auch mit der Bauernbefreiung zusammenhingen.
     
  5. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Und Auswanderung. Die Bauernbefreiung war aber nicht der einzige Grund. Die Gemeinheitsteilungen waren oft schlimmer. Die Regelungen zur Allmende erlaubten jedem wenigstens 1 Kuh und ein paar Gänse zu halten. Danach reichte es für die ärmsten Hausbesitzer nur dazu ein oder zwei Schweine zu mästen und ein paar Hühner zu halten. Auch zuvor war ihre Wirtschaft allein nicht ausreichend, aber sie hatten doch an der Gemeinheit teilgehabt. Nun gab es nicht genug Arbeit, um das auszugleichen. Vielen blieb nichts anderes als abzuwandern. Aber das ist ein weites Thema.

    Ausgelassen habe ich auch, dass oft die Landesherren und einzelne Adlige schon vor der offiziellen Bauernbefreiung ihre Bauern -zu unterschiedlichen Bedingungen natürlich- aus der Abhängigkeit eintließen.

    Und es gab in den einzelnen Territorien des HRR durchaus schon vorher Bestrebungen, die Bauern zu schützen. In Bayern wurden Rechte der Leibeigenen festgesetzt und im Hochstift Paderborn wurde ein Meierrecht gesetzt, um übermäßige Forderungen zu verhindern. Dem folgten sogar Adlige außerhalb des Gebiets dieses Meierrechts, da ein Problembewusstsein durchaus vorhanden war.
     
  6. Oleger

    Oleger Neues Mitglied

    Hallo Riothamus,
    in diesem Fall ist ja das Lehen in umgekehrte Richtung zurückgegeben worden od. besser neu vergeben worden, vom Grundherrn an die Bauern u. wie die Antworten weiter unten zeigen, musste dafür bezahlt werden.
    Gruß
    Oleger
     
  7. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Ja, ohne Entschädigung wäre es nicht möglich gewesen. Das hätte einen großen Teil des Adels wohl ruiniert. Es gibt Länder, in denen das Land beim Adel blieb, die Bauern es pachten mussten, z.B. Teile von Italien.

    Was meinst Du mit in umgekehrte Richtung zurückgegeben?
     
  8. Oleger

    Oleger Neues Mitglied

    Hallo Riothamus,
    in umgekehrter Richtung, weil das Lehen ja nicht eingezogen wurde, sondern vom Grundherrn an die Bauern neu verteilt wurde.
     
  9. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Nun, der Besitz war kein Lehen mehr.

    Dann waren die Grundherren zumeist selbst mit den Leben belehnt worden und die Nötigen und Leibeigenen waren mit ihren Hören belehnt worden. Das Lebensverhältnisse wurde aufgelößt. Da war die Frage, wem jetzt das Land gehört. Es wurde im Prinzip aufgeteilt.

    Zudem war es im Villikationssystem des Frühmittelalters so, dass wohl der Großteil der Leibeigenen auf den Herrenhöfen lebten und arbeiteten. Die Auflösung der Villikationssystem brachte ihnen eine Verbesserung, da sie nun mit Hören belehnt wurden, die sie selbständig bewirtschaften konnten und nur einen festgelegten Zeitraum für die Arbeit auf den Gutshöfen zur Verfügung stehen mussten.
     
  10. Oleger

    Oleger Neues Mitglied

    Hallo Riothamus,
    du schreibst,"...mit den Leben belehnt...Das Lebensverhältnis wurde aufgelös..." Es muß doch "...mit den Lehen belehnt...Das Lehensverhältnis wurde aufgelöst..." heißen?
     
  11. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Ja, ich habe da ein Problem mit der Autokorrektur...

    Die Nötigen sollen die Hörigen sein und Hören sind Höfe. Mit Deklination und Konjugation hat die Autokorrektur auch massive Probleme. Ich kriege sie dummerweise nicht abgeschaltet.

    Der Eigentümer vergab das Lehen. Also, z.B. vergaben die Edelherren zur Lippe einen Großteil ihrer Eigengüter in ihrer ehemaligen Heimat an der Lippe an die Herren von Hörde, Ministerialen des Kölner Erzbischofs. Diese vergaben dann einzelne Hofstellen an Leibeigene. Hätte man die Lehen "zurückgegeben", hätte man sie an die Lipper Fürsten geben müssen. Dies ist natürlich ein einfacher Fall. Betrachtet man alle Besitz- und Lehensverhältnisse der Herren von Hörde zu Boke, wird es sehr komplex. Die Prozesse nach ihrem Aussterben dauerten über 30 Jahre und wurden zu den wichtigsten Präzedenzfällen des deutschen Lehnsrecht.

    Und man wusste auch, dass die eigentlichen Eigentümer auf unterschiedliche Weise in den Besitz des Landes gekommen waren. Aber es war keinesfalls so, dass jedes Lehen darauf zurückging, dass ein Bauer seinen Besitz und sich einem Herrn übertrug. Es konnte z.B. sein, dass Sklaven gekauft und auf Neuland angesiedelt wurden, das der Grundherr aus seinen Forsten gewann. Oder Kriegsbeute, etwa noch aus den Sachsenkriegen darstellte. (Der Sachsenspiegel z.B. benennt monokausal den Krieg als Grund der Unfreiheit.) Kinderlose Paare gaben ihren Besitz an Klöster, um im Alter versorgt zu werden. Dieser Besitz wurde dann an Abhängige vergeben. Und das sind nur Beispiele.

    Zudem könnten Lehen unter bestimmten Voraussetzungen entzogen und neu vergeben werden. Auf der unteren Ebene kam es recht häufig vor, dass "Höfe eingezogen wurden".

    Das Ganze ist also sehr komplex und auch die Herkunft der Abhängigen kann nicht mit ein oder zwei Ursachen benannt werden. In Norddeutschland können noch Nachkommen gefangener Römer aus der Varusschlacht darunter gewesen sein. Zu den Massentaufen im Zuge der Sachsenkriege wird erwähnt, dass die Getauften ihre Freiheit und ihren Besitz für die Treue zum neuen Glauben verpfänden mussten. Und es gab natürlich auch Mächtige, die mit Mariamethoden vergingen, um an Betriebe zu kommen. Die Freiheit konnte auch als Strafe entzogen werden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. November 2016
  12. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Das war jetzt aber nicht die Autorkorrektur?!
     
  13. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Es sollte heißen, "die mit Mafiamethoden vorgingen." Das 'vergingen' war die Autokorrektur. Die Maria dürfte der Tatsache zuzuschreiben sein, dass 'f' und 'r' nebeneinanderliegen. Schlaflosigkeit bedingt Müdigkeit, die dann wieder Tippfehler hervorbringt.
     
  14. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Damit ich Dein Anliegen besser einordnen kann: Auf welche Foren-Themen genau beziehst Du Dich?

    Ich frage auch deshalb, weil es bekanntlich im Hochmittelalter eine ›erste Bauernbefreiung‹ gegeben hatte und weil es angezeigt ist, bei der späteren ›zweiten Leibeigenschaft‹ zwischen Grundherrschaft und Gutsherrschaft zu unterscheiden. [1]


    [1] Näheres z.B. bei Uwe Wesel, Geschichte des Rechts in Europa, München 2010, S. 198 ff., 327 ff.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Dezember 2016
  15. Oleger

    Oleger Neues Mitglied

    Hallo jschmidt,
    in welchen Foren-Themen ich überall gelesen habe, weiß ich nichtmehr so genau, vor allem im "Warum haben die Bauern die Feudalherrschaft mitgemacht".
    Was war das für eine "erste Bauernbefreiung", meinst du die Bauernkriege?
    Auch was du mit "zweiten Leibeigenschaft" meinst, verstehe ich nicht u. den Unterschied zwischen Grundherrschaft u. Gutsherrschaft kenne ich auch nicht.
    Gruß
    Oleger
     

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