Wie latinisiert war Sizilien vor den Aġlabiden?

Dieses Thema im Forum "Südeuropa | Mittelmeerraum" wurde erstellt von El Quijote, 21. November 2012.



  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Früher war der Fall für mich völlig klar, dass Sizilien zu Italien gehörte und man in Italien italienisch, eine romanische Sprache sprach. Irgendwann wurde mir dann bewusst, dass Süditalien aus römischer Sicht die Magna Grecia war und auch Sizilien in weiten Teilen zum griechischen Kulturraum gehörte bzw. ein zunächst griechisch-punisches, dann ererbt römisch-punisches Konfliktfeld war. Mit dem Untergang des römischen Westreiches war Sizilien bald Teil des oströmischen Reiches und so wunderte es mich nicht, als ich irgendwann erfuhr, dass das Italienische erst mit der Eroberung Siziliens durch die Normannen auf die Insel gekommen sei. Ich habe das nicht weiter hinterfragt. Mittelgriechisch und Neuarabisch, waren somit für mich die Sprachen Siziliens, welche dir Normannen dort antrafen. Nun lese ich aber in letzter Zeit häufiger davon, dass neben Griechisch auch ein romanischer Dialekt auf Sizilien gesprochen wurde, als es von den Aġlabiden erobert wurde und dass dieser Dialekt sich im heutigen Sizilianischen fortsetzen würde, das Sizilianische also kein sekundärer Dialekt des Norditalienischen sei.

    Was könnt Ihr dazu beitragen?
     
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  2. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Sizilien spielte ja eine diplomatische Rolle im oström.-vandal. Krieg, ostgotische Truppen waren auf Sizilien stationiert - zu dieser Zeit, nachdem jahrhundertelang romanisiert, könnte latein / spätlatein durchaus zu den gebräuchlichen Sprachen auf Sizilien gezählt haben.

    Wie war das denn im Exarchat Ravenna? Das war ja auch nicht von Anfang an griechisch-sprachig.
     
  3. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Auf Sizilien wurde vor der römischen Eroberung, neben den Sprachen der verschiedenen griechischen und punischen Kolonisatoren, die sikulische Sprache gesprochen, die angeblich mit den Lateinischen verwandt war:

    Lingua sicula - Wikipedia

    Ein Substrat für eine schnelle Romanisierung war also vorhanden.

    Ich habe mal gelesen, dass das Griechische so wie später die Sprachen der anderen Eroberer, sich auf die Städte konzentrierte, während die Landbevölkerung weiterhin eine romanische Sprache benutzte.

    Warum sollte denn das Italienische überhaupt mit den Normannen gekommen sein? Sie sprachen m.W. französisch und waren auch nicht so zahlreich, dass sie die gesamte Kultur des Landes umzukrempeln vermochten.

    Angesichts der großen Unterschiede des Sizilianischen mit dem Italienischen, ist ja auch unter Sprachwissenschaftlern die Meinung verbreitet, dass es eine eigene Sprache und kein Dialekt ist.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Dazu gibt es in der Wikipedia verschiedene Varianten in den Artikeln zur Geschichte Siziliens, die gewisserweise im Widerspruch zueinander stehen:

    Ich kannte bisher die Variante, wie sie auch in der englischen Wikipedia formuliert wird.
     
  5. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ein interessantes Thema! Literatur dazu habe ich noch nicht gewälzt, sodass ich gegenwärtig nur eine ganz ungefilterte Meinung abgeben kann.

    Magna Graecia, also die griechisch besiedelten Städte Unteritaliens und Siziliens mit ihrem Umland, fielen abgesehen von wenigen Ausnahmen bereits bis etwa 300 v. Chr. den angrenzenden italischen Stämmen zun Opfer. Es kam zuweilen zur Zerstörung der Städte, zuweilen existierten sie fort. Vor allem aber kam es zu einem Sprachwechsel, d.h. die Griechen übernahmen im Laufe der Zeit die lateinische Sprache (bzw. deren Dialekte), besonders nach Eroberung Siziliens im 3. Jh. v. Chr. im Gefolge des Punischen Kriegs. Als im 5. Jh. n. Chr. Westrom unterging, waren alle grriechischen Restbestände und deren Sprache längst assimiliert.

    Es ist zu vermuten, dass die lateinische Sprache der Sizilianer die gleiche Entwicklung zum Sprechlatein durchmachte, wie das auf dem Festland geschah. Jedoch wurde die Entwicklung zum Italienischen vermutlich dadurch unterbrochen, dass seit dem 9. Jh. Araber die Insel besetzten und sie rund 200 Jahre beherrschten - allerdings meist nur locker, nicht immer flächendeckend und auf dem Land mit geringer Durchschlagskraft (Die schwache oströmische Herrschaft hat kaum Spuren hinterlassen und schon gar nicht zu einem Sprachwechsel geführt.)

    Es ist also denkbar, dass die sizilische Bevölkerung nach dem Ende der arabischen Herrschaft und zu Beginn der normannischen Eroberung noch ein archaisches Sprechlatein sprach, das sich vom Italienisch des restlichen Italiens durchaus unterschied. Vielleicht war auch ein ganz eigener sizilisch-romanischer Dialekt (oder Sprache?) entstanden, der sich erst im weiteren Verlauf der sizilischen und mit ihr verbundenen itakienischen Geschichte einebnete.
     
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  6. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    das Argument mit den Kirchen leuchtet mir aus zeitlichen Gründen nicht ein: sollte das spätrömische, dann vandalische, dann ostgotische Sizilien nicht christianisiert gewesen sein? Das würde ja bedeuten, dass einerseits die byzanthinische Kirche unter Justinian (dessen Militärs verjagten die Goten) schon sehr deutlich von der römischen unterschieden gewesen sei und dass andererseits diese byzanthinische Kirche Sizilien missioniert hätte - und letzteres wäre doch sicher als großer christlicher Erfolg verzeichnet gewesen.
    für wahrscheinlicher halte ich eine Romanisierung während der nicht eben kurzen Zeit, in der Sizilien römische Provinz war.
     
  7. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    In römischer Zeit war Sizilien bekannt für den massenhaften Einsatz von Sklaven in der Landwirtschaft. Sie hatten ihren Ursprung im ganzen Mittelmeerraum, dürften Griechen, Punier und andere Bevölkerungsfragmente, die schon vor den Römern dort ansässig waren, durch ihre bloße Anzahl übertrumpft haben. Ein solches Substrat aus syrischen, afrikanischen oder spanischen Sklaven wird sich wohl oder übel des Küchenlateins bemächtigt haben.
    Die spätantike Bevölkerung Siziliens dürfte vor allem von der Masse der freigelassenen Sklaven abstammen und nicht von den wenigen griechischen Kolonisten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. November 2012
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  8. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Die kirchliche Kontrolle über die byzantinischen Besitzungen in Süditalien und auf Sizilien war zwischen dem Papst und dem Patriarchen von Konstantinopel umstritten. Im 8. Jhdt. entzog der Kaiser die Bistümer auf Sizilien dem Papst und unterstellte sie der Jurisdiktion des Patriarchen. Aber schon davor wurden griechische Klöster errichtet, und auch der Klerus verwendete das Griechische. Auch in Theologie und Ritus orientierte man sich, nachdem die Bischöfe Siziliens zur Zeit des Monophysitismus noch stramm auf Seiten des Papstes gestanden waren, später allmählich mehr am Osten, ebenso zunehmend im Kirchenbau. Durch diese Ostorientierung der Kirche wurde auch die griechische Sprache begünstigt.
     
  9. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Wenn ich dich richtig verstehe, dann war Sizilien lange vor dem 8. Jh. schon christianisiert (was mich bei einer römischen Proviz nicht erstaunt) und das offenbar noch ohne den Patriarchen von Byzanz als Oberhaupt. Da wird die Kirchensprache auf Sizilien also anfangs Latein gewesen sein, trotz "griechischer" Klöster.
    Auch wenn, wie Maglor ausgeführt hat, auf Sizilien aus verschiedenen Gründen allerlei Mittelmeerethnien siedelten, so wird die Verkehrs- und Amtssprache während der langen (!) Zeit Siziliens als römischer Provinz Latein gewesen sein. Insofern ist, und sei es auch eher im städtischen Umfeld, eine Romanisierung wahrscheinlich. Und das auch während der vandalischen und nachfolgend ostgotischen Herrschaft.
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Sizilien wurde allerdings schon von Belisar wieder für das oströmische Reich zurückerobert und Syrakus wurde zeitweise zur kaiserlichen Residenz.
    Als die Normannen Sizilien von den Arabern eroberten, fanden sie dort wohl v.a. Ostchristen vor und es nimmt nicht unbedingt wunder, dass die normannischen Kirchen neben einem arabischen Einfluss vor allem einen ostchristlichen Einfluss zeigen, der sich in den Deckenmosaiken der Apsis der normannischen Kirchen widerspiegelt, die gerne Jesus in der Form des Pankrators (Allherrscher) zeigen.

    Für eine Mischkultur spricht, der Grabstein der Anna, der Mutter des Predigers Grisandus, der lateinisch, griechisch und arabisch verfasst ist, arabisch in zwei Alphabeten, einmal der gängigen arabischen Schrift, zum anderen in der hebräischen Quadratschrift.
     

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  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    In der Mitte rund um das Kreuz IC XC NI KA - Jesus Christus siegt?
     
  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ich lese hier nur interessiert mit, vielleicht ist folgender link für die Frühphase, Christianisierung und Archäologie von Nutzen:

    https://lra.le.ac.uk/jspui/bitstream/2381/9072/1/2011samidphd.pdf

    Denis Sami: From Theodosius to Constans II: Church, Settlement and Economy in Late Roman and Byzantine Sicily (AD 378-668), Dissertation 2010 der University of Leicester
     
  13. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Der Begriff "Mischkultur" für das Sizilien zum Zeitpunkt der Normannenherrschaft ist vermutlich zutreffend. Die Frage ist allerdings - und sie wurde bereits eingangs gestellt - welche Kultur die dauerhaftesten Spuren hinterließ. Die griechische Stadtkultur der Magna Graecia währte rund 500 Jahre - vom 8. bis zum 3. Jh. v. Chr. - und wurde nach den Punischen Kriegen Mitte des 3. Jh. v. Chr. abgelöst von der römischen Herrschaft. Die hielt sich etwa 700 Jahre, worauf nach kurzen Intermezzi der Vandalen und Goten die oströmische Herrschaft folgte, bis dann im 9. Jh. die Araber kamen.

    Ich vermute, dass Sizilien bei Ankunft der Byzantiner völlig latinisiert bzw. romanisiert war. Die Insel war rund 700 (!) Jahre römischer Kernbestandteil, es gab eine führende Schicht senatorischer Großgeundbesitzer, die sich wie die Bevölkerung allesamt als Römer verstanden. Eine von Byzanz versuchte Re-Gräzisierung durch Zuwanderer aus den östlichen Reichsteilen erfasste nur den Osten der Insel, kaum den Westen. Er führte überdies zu erkennbaren Spannungen zwischen der griechisch-weltlichen Macht und dem lateinischen Papsttum. Der Byzantinisierungsprozess verstärkte sich seit dem 7. Jh. besonders im Ostteil der Insel, was sich besonders im kirchlichen Bereich zeigte: Präsenz griechischer Klöster und eines griechischsprechenden Klerus, während die Masse der Bevölkerung beim lateinischen Idiom blieb. Unter Kaiser Konstantin verlor der Papst die Jurisdiktion über die sizilianischen Bistümer, welche dem Patriarchat von Konstantinopel unterstellt wurden.

    Ich wies oben schon darauf hin, dass sich das Sprechlatein der Inselbewohner wahrscheinlich zu einer romanischen Sprache fortentwickelte, die sich vermutlich vom beginnenden Italienisch des Festlands wegen ihrer Abgeschlossenheit unterschied, was sich nach Eroberung der Insel durch die Araber im 9. Jh. noch verstärkte. Bis heute enthält die sizilianische Sprache - nach anderer Bewertung ein italienischer Dialekt - zahlreiche Lehnwörter aus dem griechischen, dem arabischen und normanno-französischen. Wie schon gesagt sprach der Klerus griechisch, was allerdings nicht auf die große Masse der sizilianischen Bevölkerung zutrifft.
     
  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Was ist mit den bis heute existierenden griechischen Sprachinseln in Süditalien (Griko)?
     
  15. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Bei denen ist umstritten, ob sie noch auf die griechische Besiedlung der Antike zurückgehen oder auf eine spätere Einwanderung im Mittelalter, z. B. durch griechische Flüchtlinge vor den Osmanen oder auch schon früher, als Süditalien noch byzantinisch war.
     
  16. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Es gibt zwei Hypothesen hierzu. Die eine postuliert eine bis in die griechische Antike zurückreichende Herkunft, die andere eine Abstammung von byzantnischen Siedlern im 9. Jh. Griko ? Wikipedia

    Nimmt man die Sprache als Grundlage, so könnte sich tatsächlich eine antike Wurzel beider Sprachinseln ergeben. Das wäre allerdings sensationell, da sich die Griko-Sprache über 2000 Jahre jeder Assimilation widersetzt hätte.
     
  17. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    in genau dieselbe Richtung, auch wenn es wohl nur eine Vermutung ist, gingen auch meine Überlegungen; angesichts der langen Zeit als römischer Provinz, obendrein so nahe am ital. Kerngebiet, wäre es sehr erstaunlich, wen die Provinz Sizilien nicht romanisiert gewesen wäre. Hinzuaddieren kann man sicher auch die nachfolgende Zeit der erst vandalischen und dann ostgotischen Herrschaft. Dass General Belisar Sizilien für Ostrom bzw. Kaiser Justinian (der mehr Latein als Griechisch gesprochen haben soll) anschließend zurückeroberte, wird sicher keinen sofortigen Sprachwechsel bewirkt haben.
     
  18. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Die Stammen m.W. von Flüchtlingen aus Kreta und Zypern aus den Zeiten der Osmanischen Expansion ab, genau wie auch die Albanischstämmigen Einwohner so nach Italien kamen.

    Übrigens habe ich irgendwo mal gelesen, dass die unterschiedlichen Farbgebung der traditionellen sizilianischen Häuser mit dem Ursprung ihrer Eigentümer zusammenhängt: Weiss Italiener, Hellrot Albaner, Hellblau Griechen o.Ä..
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. November 2012
  19. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Zu griechischen Spuren in Süditalien- seien ihre Wurzeln nun antik oder byzantinisch - auch dieser interessante Link: Griechisch-kalabrischer Dialekt ? Wikipedia
     
  20. Okeanios

    Okeanios Gesperrt

    Soviel ich weiss war die Mehrheit bis irgendwann nach dem 10. Jahrhundert in Süditialien und Sizilien griechischsprachig. Die Kontinuität der griechischsprachigen existierte von der Antike, verstärkt durch erneute Niederlassungen griechischsprachiger von Griechenland wegen den Völkerwanderungen und die von den Arabern eroberten Gebiete vom byzantinischen Reich.
    Auch heutzutage sollen laut genetischen Forschungen ein 37% der männlichen Linien auf Sizilien von den alt griechischen Siedlern abstammen. Hier ein Link:

    http://blogs.discovermagazine.com/gnxp/2008/08/ancient-greek-genetic-impact-on-sicilians/

    Die griechischsprachigen waren auch in römischer Zeit und im frühmittelalter die Mehrheit in den Gebieten von Magna Grecia. Wie kann man von einer geringen Zahl der Kolonisten sprechen, wo eine vielleicht auch 3 Stellige Zahl kleinere griechische Ortschaften bis richtig großen griechischen Polis existierten mit über 100.000 Einwohnern. Genetische Tests haben auch heutzutage bewiessen das ein 37% der Bevölerung in Sizilien und um die 25% der Bevölkerung Kalabriens von diesen alt griechsichen Kolonisten abstammen.

    Ausserdem ist es unkorrekt von einer geringen Zahl von Kolonisten zu sprechen während eine 3 Stellige Zahl von kleineren griechischen Ortschaften und genug großen Polis die über 50.000 Einwohner hatten, paar auch über 100.000.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 27. Januar 2015

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