Wie lernt man Geschichte?

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Öppis, 16. November 2016.

Schlagworte:
  1. Öppis

    Öppis Gast


    Hallo zusammen

    Wie lernt man Geschichte? Mit dieser Frage möchte ich jetzt nicht herausfinden, mit welcher Lernstrategie man am besten für einen Test lernt, sondern mehr vollumfassend, so dass man versteht, warum die Welt so ist wie sie ist.

    Wie sollte ich anfangen? Einfach irgendwo mal reinschauen und ausprobieren? Ich kann mir vorstellen, dass sich die Zusammenhänge und die Erkenntnisse, die man auf das Heutige anwenden kann, erst von Zeit zu Zeit kommen, indem sich die einzelnen, gelernten Teile wie ein Puzzle zusammenfügen. Wie seht ihr das? Gibt es irgendeine Strategie?

    Ich habe gemerkt, dass mich Kriegstrategien sehr interessieren und auch Geschichtsartikel, welche etwas mehr "Fleisch am Knochen" haben, also nicht nur Beschreibend sind, sondern auch ein bisschen Tiefe haben, also auch von den Fakten abweichen und Interpretationen hineinbringen (ich finde, erst dann wird es spannend). Z.B fände ich es interessant zu wissen, warum es gewissen einzelnen Personen von Milliarden gelingt, die ganze Welt ins Chaos versinken zu lassen, was für eine Persönlichkeit die haben, wie sie das geschafft haben. Das interessiert mich, weil ich der Meinung bin, dass sich das zur heutigen Zeit auch kaum verändert hat. Immer wieder kommt es vor, und so kann man auch die Menschheit, ihre Denkensweise, verstehen lernen (denke ich zumindest...).

    Sehr interessant finde ich auch die Propaganda, die betrieben wurde/wird, die Rhetorik der Führungspersonen.

    Nur brauch ich irgendwo einen Eintrittspunkt, wo ich irgendwie ein bisschen Forschung betreiben kann oder eine Vorgehensweise. Habt ihr einige Ideen, kennt ihr gute Websites, Literatur etc. ?

    Grüsse
    Öppis :)
     
  2. Goldkrone

    Goldkrone Mitglied

    Für europäische Geschichte würde ich dir Karl den Großen empfehlen. Aufgrund schlechter Quellenlage sehr sehr viel Interpretation, also alles andere als trocken. Außerdem bist du da sehr am Anfang europäischer Geschichte und kannst anfangen, dich mit dem Reich auseinanderzusetzen, was für das Verständnis deutscher Geschichte bis ins 19. Jahrhundert essentiell wäre.

    Spontan würde mir auch Napoleon einfallen. Allerdings würde ich davon abraten, dein Interesse nur an Einzelpersonen zu verknüpfen, wenn du wirklichen Erkenntnisgewinn haben möchtest...
     
  3. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied


    umfassendes Verstehen der Welt ist ein großes Wort, wenn dich Geschichte wirklich interessiert fang mit einer Universalgeschichte an, Band für Band, Propyläen ist der Klassiker, oder Fischer.
    Damit bist für die nächste Zeit beschäftigt, dann lies das noch einmal und dann überleg dir was dich jetzt besonders interessiert, irgendwo mittendrin anzufangen ohne Kenntnis der historischen Entwicklung wird das allgemeine Verständnis nicht fördern.^^
     
  4. steffen04

    steffen04 Gesperrt

  5. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Wie lernt man Geschichte? Ich würde sagen durch lesen, lesen und nochmals lesen. Geschichte ist die Interpretation vergangener Ereignisse durch Leute, die nicht dabei gewesen sind. Je mehr dieser Interpretationen, je unterschiedlicher desto besser, man gelesen und verstanden hat, desto höher wird die Wahscheinlichkeit, ein vergangenes Ereignis zu verstehen. Eine 100% Erklärung erlangt man trotzdem nicht. Das gilt aber auch für Ereignisse der Gegenwart.
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Damit willst du Interesse wecken? Damit vergrault man eher...

    Du musst erst mal verstehen, dass Wissen - egal in welchem Bereich - nie mehr als Inselwissen sein kann. Du interessierst dich für Geschichte? Frag dich warum. Was war der Anlass, oder was sind Anlässe, dich für Geschichte zu interessieren? Wenn dir ein solcher Anlass einfällt, dann hast du auch schon ein Thema, zu dem du dich beschäftigen kannst.
     
  7. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    Man erspart sich damit das Problem einen Startpunkt finden zu müssen der ohne Zusammenhang mit einer Vergangenheit ist.
    Ich mein das ungefähr so: Wenn ich mit 1500 anfange werde ich kein Verständnis für die enorme militärische Energie aufbringen mit der die Spanier in Amerika aufgetreten sind, und wenn ich nicht weiß was die Folgewirkungen der Taten Alexanders gewesen sind werd ich die Entwicklung Roms hin zur Kaiserzeit vielleicht nicht verstehen.^^
    Und von Wissen in dem von dir als Fachgelehrtem gebrauchten Sinn sprech ich ja nicht, ich mein eher dass man sich als Laie zuerst einmal so etwas wie Verständnis aneignen muss und dazu eignen sich Universalgeschichten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. November 2016
  8. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Ich lese "Kriegsstrategien" und "einzelne Personen" - wie wäre es mit Napoleon und seiner Epoche als Einstieg?

    Es gibt eine Unzahl an mehr oder weniger "spannenden" Biografien, nebst einer Vielzahl von Büchern zu den verschiedenen Unterthemen.

    Falls du nicht dabei endgültig hängen bleibst, kannst du schrittweise dein Wissen quasi vergleichend mit anderen Personen der Weltgeschichte oder den Kriegsstrategien, entweder davor oder danach, vertiefen.

    Gruss, muheijo
     
  9. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied

    Für Deine Frage gibt es keine Patentlösung, abgesehen davon, dass ich Deinen Zugang zur Geschichte nur teilen kann. Ob es möglich ist, die Welt zu verstehen, ist allerdings eine andere Sache. Aber das ein Zugang zur Geschichte, wie er Dir vorschwebt, auch harte, manchmal auch langweilige Arbeit bedeutet, das solltest Du Dir schon vor Augen halten.

    Meine eigenen Strategie (das muss allerdings für Dich nicht die Richtige sein.)

    Frage 1: Was interessiert Dich?
    Frage 2: Welche Kenntnisse zur allgemeinen Geschichte wurde Dir in der Schule beigebracht? Was sind Deine bisherigen Kenntnisse, auf denen Du bereits aufbauen kannst.

    Ich habe meine ersten Geschichtskenntnisse mit dem Geschichtsbuch meiner Mutter (aus den 1950er Jahren) begonnen. Das endete zwar mit dem Ersten Weltkrieg, aber als (kompakte) Faktensammlung von der Steinzeit bis dorthin ist es an Übersichtlichkeit bis heute nicht zu überbieten gewesen.

    Als Österreicherin habe ich außerdem damals noch die Österreich Chronik von Kleindel zugezogen. Die Ausgabe aus den 1970er Jahren ist zwar nicht mehr auf dem neuesten Stand, aber auch dieses Buch war in erster Linie eine brauchbare Faktensammlung (und es gab sogar Verweise).

    Mir haben beide Bücher sehr dabei geholfen, mir einen Überblickwissen über sämtliche Zeitepochen anzueignen. Dann erst habe ich begonnen, mich mit Einzelgebieten zu befassen, die mich interessiert haben und dabei konnte ich die neuen Erkenntnisse in meinen Rahmen einbauen bzw. auch dabei habe ich begonnen Zusammenhänge zu kapieren.

    Günstig ist es auch, unterschiedliche Sichten zuzulassen, vielleicht auch andere Disziplinen, die Dich interessieren einzubeziehen: Kunstgeschichte, Literatur etc., wobei gerade Werke aus früheren Jahrhunderten recht interessant sein können. (Weniger in Bezug auf Fakten als in Bezug auf die eigene Zeit.)

    Wenn ich zumindest etwas über Geschichte in meinem Leben gelernt habe, dann das, dass eine Beschäftigung mit Geschichte immer nur eine Annäherung sein kann. (Selbst den Überlieferungen durch die Zeitgenossen ist nicht zu trauen.)

    Wichtig finde ich auch, dass du offen bleibst und Dein selbständiges Denken nicht aufgibst. (Was übrigens gar nicht leicht ist, wie ich aus eigener Erfahrung weiß - es ist oft schwer, die Meinung eines bekannten Historikers / einer bekannten Historikerin nicht gleich blind zu übernehmen bzw. sich vom Zeitgeist (siehe Buchmarkt) nicht vereinnahmen zu lassen. (Achtung - gestehe niemanden das zu, was zur Zeit als "Deutungshoheit" gilt, und sei er dir noch so sympathisch oder professionell.)

    Etwas, was ebenfalls schwierig ist, aber mir wichtig erscheint: Lücken zulassen. Wenn dir bestimmte Unstimmigkeiten bei etwas auffallen, dann nimm sie ernst und versuche sie für dich zu klären oder lass sie erst einmal ungelöst, aber als Hinweise, dass da etwas nicht zusammenpasst gelten.

    Weiter wichtig - die Fakten immer von allen Seiten und unter jeden Blickwinkel betrachten. Nur wenn sie der Prüfung unter jedem Blickwinkel standhalten, kannst du davon ausgehen, dass sie zulässig sind. Entstehen dabei Ungereimtheiten, bleibe sachlich und lass Dich nicht von Spekulationen, Mutmaßungen oder überlieferten Klischees täuschen, besonders dann nicht, wenn sie Wertung beinhalten.

    Löse Widersprüche nicht einfach auf (und vor allem nicht mit fragwürdigen Lösung, dass A kein Geld gehabt hat oder eben ein Dummkopf war, die Heerlieferanten falsches Material geliefert haben etc.), sondern stelle auch selbst Überlegungen an, wie sie entstanden sein könnten. Versuche, wenn möglich herauszufinden, wo als erstes eine Darstellung auftaucht.

    Und ebenfalls wichtig - betrachte das, was die näher erforschst, nie isoliert, sondern achte auch auf Kontextbedingungen und bezieh auch ein, was sich in anderen Ländern zu dieser Zeit ereignet hat oder wie der Vorgänger, der Nachfolger oder Zeitgenossen in vergleichbarer Stellung agiert haben.

    Und auch wichtig - hinterfrage die Sekundärliteratur und selbst die Quellen kritisch?
    Bei Sekundärliteratur:
    Achte darauf, wann sie geschrieben wurde!
    Achte darauf, ob hier nur weitere Sekundärliteratur widergegeben wird oder z. B. Primärquellen vewendet wurden.
    Und außerdem - halte dir immer vor Augen, was das Thema der Arbeit ist. (Ein Buch über Napoleons Russlandfeldzug mag tatsächlich gut sein, aber bei jenen Teilen, die der Übersicht dienen, wie z. B. ein Überblick über die Geschichte Russlands im 18. Jahrhundert ist Vorsicht angeraten, da dies nicht das eigentliche Thema ist und gerade für solche Teile gewöhnlich auf Sekundärliteratur zurückgegriffen wird, und dabei haben selbst verantwortungsvolle wissenschaftliche Autoren/innen nicht Zeit, um auch diese Sekundärliteratur auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Daher empfiehlt sich: Zur Geschichte von Russland im 18. Jahrhundert, halte dich da lieber an Fachbücher, bei denen das auch das eigentliche Thema ist oder die sich zumindest tatsächlich mit etwas aus dieser Zeit befassen.)

    - Bei Quellen:
    - Kontext und Zulässigkeit prüfen
    - Außerdem Entstehung und Überlieferung berücksichtigen. (Gerade vor der Erfindung des Buchdrucks ist kaum etwas im Original überliefert, sondern nur in Abschriften. Diese müssen keineswegs mit dem Original ident sein.)
    - Gerade bei Chroniken und Zeitgeschichten immer im Auge behalten: Warum wurde dieses Werk verfasst? Wer war der Auftraggeber? Für wen wurde es geschrieben? Wo befand sich der Autor? ...

    Wichtig also:
    - Beschaffe dir einen Überblick über die allgemeine Geschichte.
    - Beachte dein Forschungsthema von allen möglichen Sichtpunkten aus und versuche nicht, Widersprüche, Lücken, Merkwürdigkeiten etc., die sich dabei ergeben, einfach auszublenden.
    - Kritisch denken, selbständig denken.
    - Und vergiss nie! Die wirkliche Geschichte ist voller Facetten - lass diese Vielfalt auf dich wirken und lass dich nicht auf Deutungshoheiten eingrenzen.
    - Und noch eines - NIMM DIR ZEIT! Richtiges Geschichtswissen baut sich über Jahre auf.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. November 2016
  10. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Das geht sogar über den Sport. Mal gucken wo er her kommt. Und dann kommt mit der Zeit auch die eine oder andere Frage, über die man grübelt. Und auch mal über den Tellerrand guckt.
     
  11. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Von den dicken Universalgeschichten würde ich abraten. In der Regel wird ja in der Schule zumindest ein grober Überblick vermittelt.

    Es gibt einige klassische Einstiegspunkte. Antike, Ägypten, Griechenland, Rom, Frühmittelalter/Franken/Karl der Große, Neuzeit, Französische Revolution, Napoleon, Preußen.

    Für die Antike ist als Einstieg L. de Blois, R.J. van der Spek, Einführung in die Alte Welt, Stuttgart 1994 zu empfehlen. Danach kann man sich mit einzelnen Großthemen befassen, z.B. mit Toby Wilkinson, Aufstieg und Fall des Alten Ägypten, München 2015 oder Alfred Heuss, Römische Geschichte, Paderborn 2000. Die genannten Werke sind wesentlich besser geschrieben als die Universalgeschichten, Wilkinson und Heuss bieten dazu einen Forschungsüberblick (in Heuss Fall von seinen Schülern auf einen aktuellen Stand gebracht), wodurch man gleich erfährt, was man zu welchem Thema lesen kann. Heuss ist zwar trocken, aber gefällig geschrieben.

    Zum Frühmittelalter kann man zu Johannes Fried, Der Weg in die Geschichte, Frankfurt, Berlin 1994 greifen. Ein kurzer Überblick über das ganze Mittelalter empfiehlt sich hier nicht so leicht. Vielleicht ein Repetitorium für Studenten? Büssem/Neher (Hg.), Arbeitsbuch Geschichte Mittelalter Repetitorium, Tübingen, Basel 1998. (Gibt es auch zur Neuzeit.) Dafür gibt es zum Mittelalter Arno Borst, Lebensformen im Mittelalter, Berlin 1973, das man irgendwann lesen sollte, wenn man sich mit dem Mittelalter befasst.

    Bei anderen Themen einfach im Forum fragen.

    Wenn Du Dich auch über die Geschichtswissenschaft selbst informieren willst, vielleicht eine Einführung für Studenten: Boshof, Düwel, Kloft, Grundlagen des Studiums der Geschichte, Köln, Weimar, Wien 1994, natürlich mit weiterführender Literatur. Wie eine Anwendung aussehen kann, bekommt man in Richard Elliot Friedman, Wer schrieb die Bibel?, Wien, Darmstadt 1989 vorgeführt. (Und nebenbei wird das klassische Bild der älteren Geschichte des Volkes Israels vermittelt, wie es in der Geschichte wirksam wurde und trotz neuer, teils andersartiger Erkenntnisse zur Allgemeinbildung gehört, da es ungefähr in der dargestellten Form große Wirkung entfaltet hat.)

    Wie gesagt, einfach nach Einsteigerliteratur zum Wunschthema fragen. In der Regel gibt es zu den jeweiligen Zeiten wesentlich besseres als die Universalgeschichten. Insbesondere für Einsteiger.

    Eine andere Frage ist, was für Texte Du zu lesen gewohnt bist und welches Niveau wir empfehlen können.
     

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