Wie wohnten die altsteinzeitlichen Menschen?

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von Häää?, 4. November 2010.

  1. Arldwulf

    Arldwulf Aktives Mitglied


    Verkomplizieren muss man es weil natürlich nicht nur Grosssiedlungen wie Jericho existierten. Sondern auch kleinere - weniger eindeutige Funde.

    Um ein Beispiel zu bringen: Oben schreibst du das mehrjährig bewohnte Haus sei eine Errungenschaft des Neolithikums.

    Wenn ich hier im Forum mal einen der benachbarten Threads anschaue finde ich sehr schnell eine Meldung über das älteste Haus Grossbritanniens. 11000 Jahre alt, an einem See gelegen - man fand Hinweise auf Fischfang. Tatsächlich gibt es in Europa schon seit mehreren hunderttausend Jahren Hütten - von denen einige durchaus die Ausmasse eines Hauses für Grossfamilien hatten.

    Dort wird man natürlich keinen Kornspeicher finden, da die Leute kein Korn hatten. Dafür aber andere Nahrungsmittel welche eine längerfristig genutzte Behausung erlaubten. Zum Beispiel Fisch an einem See oder am Meer.

    Du sagst es sei nachgewiesen dass die Jäger und Sammler der Altsteinzeit dem Wild als jagdbarer Beute folgten. Und das ist durchaus ganz gewiss so gewesen, keine Frage. Aber nachgewiesen ist auch dass einige Rastplätze als Ausgangspunkt für Jagden im Umkreis genutzt wurden - also ein Fixpunkt waren an den man immer wieder zurückkehrte.

    Die Vorstellung vom Jäger der immer den Wanderungen der grossen Herden folgt vereinfacht einfach das ganze zu sehr. Um ein weiteres Beispiel zu nennen: Wir wissen heute dass bereits vor mehreren zehntausend Jahren Menschen das Meer befuhren. Bevor die ersten Bauernkulturen entstanden. Der Zwang zum Herumstreifen ist hierbei eher nicht gegeben.

    Nichts davon hat etwas hervorgebracht wie die ersten Grosssiedlungen, das muss man festhalten.

    Aber ungeachtet dessen gibt es eigentlich keinen Grund allzu klare Grenzen zu ziehen, viele Errungenschaften des Neolithikums bauen natürlich auf Vorgängern auf. Befestigte Behausungen tun dies in jedem Fall.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. November 2010
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  2. Hans forscht

    Hans forscht Aktives Mitglied

    Ich würde zunächst einmal vorschlagen wollen, den Begriff "Siedlung" hier nicht an die Anzahl der Häuser, Hütten oder Zelte zu binden, da es uns ja um das Sesshaftwerden geht. Das können im Prinzip sogar Einzelpersonen. Insofern sollten wir das gedanklich nicht mit unserem heutigen Begriff vermischen, der eine Ansammlung von Wohngebäuden meint.

    Für das feste Siedeln kann es ganz verschiedene Gründe geben. Die neolithische Revolution bringt das Auftreten solcher Gründe fast zwingend mit sich, ist aber nicht notwendige Bedingung dafür:

    1) Das oben genannte Beispiel des Fischfangs gefällt mir. Auch wenn man dazu Boote bauen muss, handelt es sich nicht um Viehhaltung oder Ackerbau. Es werden also Nahrungsmittel nicht selbst produziert sondern die zufällig in der Natur angetroffenen Nahrungsmittel eingesammelt. Damit sind wir noch in der Altsteinzeit.

    Wenn nun einige Sippenmitglieder zum Fischen aufs Meer rausfahren, werden andere Sippenmitglieder am Ufer warten. Wenn das lange dauert, beginnt man sich nahe am Ufer einzurichten. Man könnte auch aufgeben, die Verwandten für verloren geben und wegehen. Aber es gibt sicherlich immer und zu allen Zeiten auch Menschen, die nicht so leicht aufgeben oder den wahrscheinlich eingetretenen Tod ihrer Familienmitglieder nicht akzeptieren wollen. Bleiben die Leute also lange in Ufernähe, entsteht allmählich eine feste Ansiedlung: Man richtet sich ein.

    Oder der Fischfang ist recht einträglich und man fährt jeden Tag aufs Meer raus. Warum sollte man noch von der seichten Bucht weggehen und riskieren, sie anderen zu überlassen? Man richtet sich vor Ort ein.

    2) Obwohl eine Sippe von der Jagd und vom Sammeln lebt, richtet sie sich an einer besonders gut gegen Feinde und Raubtiere gesicherten Lage ein. Das kann z.B. eine Halbinsel mit engem Landzugang sein oder die Kuppe eines Hügels oder was sonst besonders günstig erscheint. Soweit in der Nähe dauerhaft genug Nahrung aufzufinden ist, gibt es keine Veranlassung, die zelte abzubrechen und weiter zu ziehen. Man siedelt sich an, auch wenn man es vielleicht nie beabsichtigt hatte.

    3) Religiöse Gründe. Man will die Gräber der Ahnen nicht ohne Schutz zurücklassen oder fühlt sich selbst davon beschützt. Man will einer heiligen Quelle, einem heiligen Hain oder was auch immer stets nahe sein.

    Rein wirtschaftlich mag man in all diesen Fällen genauso gut auch umherziehen können. Aber wenn man das nicht muss, warum sollte man? Gerade wenn immer wieder Gruppen zum Jagen und Sameln ausziehen, kann es zweckmäßig erscheinen, wenn kein Zweifel daran bestehen muss, wo man sich wiedertrifft. Und was wäre ein eindeutigerer Treffpunkt als die dauernde Ansiedlung?


    Wenn wir ganzjährige Siedlungen von jahreszeitlichen Siedlungen unterscheiden wollen, wäre es interessant zu sehen, ob es Spuren gibt, die auf Aufenthalt zu verschiedenen Jahreszeiten hindeuten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. November 2010
  3. rena8

    rena8 Aktives Mitglied


    Begriffe sind theoretische Schubladen, auf die man sich geeinigt hat, um einen Sachverhalt kurz und knapp zu beschreiben.
    Insofern gehört zu Ackerbau und Viehhaltung der Jungsteinzeit, die seßhafte "Siedlung", weil der Acker nun mal immobil ist.

    Auch andere Nahrungsgrundlagen können ganz oder zeitweise immobil sein, einige Beispiele hast du in deinem Beitrag sehr richtig beschrieben.
    Gewässer boten regelmäßige Nahrung. Bestimmte, nicht natürliche Muschelhaufen überall auf der Welt zeugen davon, auch aus der Altsteinzeit. Køkkenmøddinger ? Wikipedia

    Dann gibt es noch den Fall der immobilen Vorräte. Haselnüsse z.B. wurden in großen Mengen gesammelt und dienten u.a. als Wintervorrat, d.h. die hat man nicht auf den Jagdzug mitgenommen sondern im Winterlager gelassen.
    Man kann Winterlager, Jagdlager u.a. mW gut unterscheiden anhand der Hinterlassenschaften oder anderen Spuren wie Pollen.
     
  4. Arldwulf

    Arldwulf Aktives Mitglied

    Letztlich kann man natürlich beim Blick auf das Thema auch durchaus die Frage stellen welchen Unterschied es denn macht wenn wir von Winter und Sommerlager sprechen gegenüber einer ganzjährig bewohnten Behausung.

    Ob man ein ganzes Jahr in einem Haus wohnt oder jeweils ein halbes in zwei Häusern macht prinzipiell für die Frage "wie lebten die altsteinzeitlichen Menschen" keinen so grossen Unterschied, insbesondere wenn wir dann von über längere Zeiträume genutzten Behausungen sprechen in denen auch Dinge zurückgelassen werden konnten.
     
  5. Hans forscht

    Hans forscht Aktives Mitglied

    @Ardwulf: Zumal wir uns sonst davon trennen sollten die heutigen Alm-Bauern als seßhaft zu bezeichnen.

    Ich sehe einen durchaus grundsätzlichen Unterschied zwischen einer Lebensweise mit fest eingerichteten Behausungen (ob nun Iglus, Zelte, Hütten oder Paläste) und einer ganz mobilen Lebensweise. Letztere bringt es nämlich mit sich, alles was man hat, mitzunehmen. Das schränkt die Möglichkeiten an habe doch recht deutlich ein.

    Ein interessanter Grenzfall wäre dann womöglich eine Lebensweise, wo zwar die Lagerplätze bestimmten Leuten zugeordnet sind, sie dort aber nichts außer Markierungen ihres Reviers zurücklassen.
     
  6. Speedy11

    Speedy11 Neues Mitglied

    Diese Aufgebe hatte ich auch. Die Altsteinzeitmenschen haben in Höhlen oder in Zelten aus Tierfell gelebt und sie lebten auch als Nomaden. Hier kannst du alles nocheinmal nachlesen:

    http://www.steinzeitung.ch/steinzeitleben/wohnen/wohnen.html
    http://de.wikipedia.org/wiki/Steinzeit
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. November 2010
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zu Donaukultur in Lepenski Vir (ein Meilenstein auf dem Weg der Ausdehnung der neolithischen Revolution in Südosteuropa - und darüber hinaus) gibt es eine aktuelle Darstellung, Ansatz zu einer detaillierten Datierung:


    Abstract ~ DeepL

    Die archäologische Stätte Lepenski Vir ist weithin bekannt für ihre bemerkenswerten Steinskulpturen, die einen einzigartigen und beispiellosen Fall der Kreativität holozäner Jäger und Sammler darstellen. Diese Kunstwerke wurden weitgehend mit ebenso einzigartigen trapezförmigen Kalksteingebäudeböden um ihre zentral gelegenen rechteckigen, von Steinen gesäumten Feuerstellen herum in Verbindung gebracht.

    Seit der Entdeckung des Fundortes über die chronologische Lage verschiedener Fundstücke ist eine Debatte entbrannt. Während im Laufe der Jahre unterschiedliche Ansichten des Baggers über die Stratigraphie und Chronologie der Stätte vorgebracht wurden, bestehen einige große Meinungsverschiedenheiten über die chronologische Position der Merkmale, die diese Stätte zu einem wichtigen Bezugspunkt in der europäischen Vorgeschichte machen. Trotz der Herausforderungen bei der Neuanalyse der Stratigraphie des Standorts anhand der ursprünglichen Grabungsaufzeichnungen, taphonomischer Probleme und Probleme mit Reservoirversätzen bei der Durchführung von Radiokarbonmessungen an Menschen- und Hundeknochen,

    Unsere gezielte AMS (Accelerator Mass Spectrometry) Datierung verschiedener Kontexte von dieser Website mit der Anwendung der Bayes'schen statistischen Modellierung erlaubt es uns, mit Zuversicht einen neuen und soliden chronologischen Rahmen vorzuschlagen und formale Schätzungen für mehrere wichtige Entwicklungen vorzunehmen, die in der archäologischen Aufzeichnung von Lepenski Vir dargestellt sind und die uns helfen, den Übergang von letzten Jäger/Sammlern zu ersten Bauern in Südosteuropa als Ganzes zu verstehen.


    The archaeological site of Lepenski Vir is widely known after its remarkable stone art sculptures that represent a unique and unprecedented case of Holocene hunter-gatherer creativity. These artworks were found largely associated with equally unique trapezoidal limestone building floors around their centrally located rectangular stone-lined hearths. A debate has raged since the discovery of the site about the chronological place of various discovered features. While over years different views from that of the excavator about the stratigraphy and chronology of the site have been put forward, some major disagreements about the chronological position of the features that make this site a key point of reference in European Prehistory persist. Despite challenges of re-analyzing the site’s stratigraphy from the original excavation records, taphonomic problems, and issues of reservoir offsets when providing radiocarbon measurements on human and dog bones, our targeted AMS (Accelerator Mass Spectrometry) dating of various contexts from this site with the application of Bayesian statistical modelling allows us to propose with confidence a new and sound chronological framework and provide formal estimates for several key developments represented in the archaeological record of Lepenski Vir that help us in understanding the transition of last foragers to first farmers in southeast Europe as a whole.


    Nature, im open access:
    High-Resolution AMS Dating of Architecture, Boulder Artworks and the Transition to Farming at Lepenski Vir
     

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