Wussten die Deutschen was (!) sie 1929-1933 wählten?

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von qwe1, 1. Juni 2011.

  1. Turgot

    Turgot Neues Mitglied


    Der erste Teil des Zitats ist mir geläufig, der zweite aber nicht. Hast du dafür eine Quelle?
     
  2. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Feinde der Nationalsozialisten wurden sehr genau benannt und es konnte überhaupt kin Zweifel daran bestehen, wer "die ganze Wucht unserer völkischen Bewegung" zu spüren bekommen sollte. "Die marxistischen Verbrecher werden unnachsichtig verfolgt." Ferner ohnehin die "Novemberverbrecher", die "sozialistischen Volksverräter", "der Abschaum der Juden" und natürlich "alle, die sich der Bewegung und den Zielen der Partei in den Weg stellen".

    Wer also die Knute der Nazis zu fürchten hatte, war völlig klar.
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied


    zitiert nach: Ernst-August Roloff, Braunschweigs Weg ins Dritte Reich, Bürgertum und Nationalsozialismus 1930-33, 1961/1981
     
  4. rrttdd

    rrttdd Neues Mitglied

    Diese Straßenprügelnazis waren ja meist auch recht junge Leute. Hier wäre es auch mal interessant zu klären, inwieweit die Perspektivlosikeit und speziell die Jugendarbeitslosigkeit in der Weimarer Republik die jungen Männer radikalisiert hat. Ich denke das wird eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben. Der Kampf rechts gegen links in den 20ern fiel ja nicht vom Himmel.

    Die NSDAP schaffte es, einen großen Teil dieser Leute mitzunehmen und zu einer "Bewegung" für ihre Ziele zu formen.

    Ähnliche Prozesse laufen ja auch heute in manchen Teilen der neuen Bundesländer ab.

    Für viele der Älteren waren nach Versailles wahrscheinlich die ganzen restaurativen Elemente im NSDAP-Programm attraktiv.

    Für Jung und alt der mediengehypte Führer, der ja teilweise in den Fußstapfen von Kaiser Wilhelm und der "guten alten Zeit" gesehen wurde.

    Mein Eindruck ist, dass die ganzen totalitären und vernichtenden Elemente von vielen Wählern einfach in Kauf genommen wurde. Generell war man zu dieser Zeit mit den Menschenrechten ohnehin weniger Zimperlich, auf anderen Kontinenten wurden zu der Zeit Experimente an Ureinwohnern durchgeführt, in den USA mussten Schwarze im Bus hinten sitzen...

    Nach der Implementation des Nationalsozialismus stellte sich dann auch für den kleinen Mann raus, dass konformistische Hardliner und Sadisten die meisten Karrierechancen hatten. Man konnte leicht Karriere im System machen indem man sein Anstandsgefühl ignorierte, sofern man je eines besessen hatte. Genug Leute ohne Weitblick gaben als Schreibtischtäter ohne Weitblick und Gefühl für die Konsequenzen ihres Handelns wahnsinnige Befehle weiter. Für Sadisten begann ohnehin eine große Zeit...

    Ich denke, die meisten Leute wussten 1933 nicht, was für ein System sie erwartete, sie hatten kaum konkrete Vorstellungen von einem totalitären Faschismus in der Praxis mit seinen Konsequenzen.

    Viele, wie ja auch in der Regierung dachten ja auch, dass Hitler im Wahlkampf reißerische Reden hielt, aber an der Macht dann schnell zur Vernunft kommen würde. (Die angekündigte "Lösung der Judenfrage" klang natürlich reißerisch, aber die Umsetzung ist natürlich noch mal eine andere Frage)
    Dass er die Weimarer Republik in 2-3 Jahren zum Führerstaat umbauen konnte, ohne dass es eine große Gegenwehr politisch und gesellschaftlich relevanter Gruppen gab, war für viele sicher die erste Überraschung.
    Das ging aus Sicht von 80% der Bevölkerung schnell und einigermaßen ungestört über die Bühne (sofern man nicht bei den Roten, "vaterlandslosen" Parteien Mitglied war). Aus Sicht wilhelministisch geprägter Konservativer war das vielleicht soagr ein "Reinigungsprozeß".
    Die zweite Überraschung (die eigentlich keine mehr war) war, dass er dann tatsächlich auf dieser Basis kompromisslos seine Programme bis in die letzte grausame Konsequenz verwirklichte.

    Es bleibt für mich immer noch die Frage, wo der Point of no return auch durch das Volk überschritten wurde. Hitler wurde bis zur Machtübernehme von den meisten Unterschätzt. Dann war er an der Macht, aber begann natürlich auch sofort, durch die Propaganda den Leuten das Hirn zu waschen...

    Begleitet durch Inszenierung seiner Selbst, eigener Machtausweitung, aber gleichzeitig auch das gezielte Einschränken von gewissen "normalen" Bürgerrechten sowie der zunehmend radikalen Diskriminierung und später Verfolgung von Minderheiten.
    Wieso hat das Volk an bestimmten Stellen nicht STOP gesagt? Einerseits wurde das in der Nachkriegszeit den Deutschen immer wieder vorgeworfen, aber andererseits: wie realistisch wäre das gewesen? Wie hätte sich bei all den oppotunistischen Mitläufern eine größere Opposition entwickeln können?

    Ich würde nicht soweit gehen wie Goldhagen, dass die Deutschen "willige Vollstrecker" gewesen wären. Ein großer Teil waren aber piefige opportunistische Kleinbürger, dem Obrigkeitsdenken des Kaiserreichs verhaftet, die letztlich bereit waren, "Unannehmlichkeiten" (aus ihrer Sicht!) im 3. Reich mitzutragen und durchzusetzen, sofern es einen selbst nicht betraf, die Ostgebiete weit weg waren (bzw. die KZs ausser Sichtweite) und man evtl. sogar persönlich davon profitieren konnte.

    Georg Elser hat erkannt, dass er diesen unheilvollen gesellschaftlichen Prozess letztlich nur stoppen konnte, indem er das Übel an der Wurzel ausrottete, was ihm am 8.9.1939 leider misslang.

    Die Frage bleibt natürlich, warum es nicht mehr Menschen wie Elser gab. Waren die anderen zu eingeschüchtert? Oder hat es sie nicht interessiert? Oder haben sie sogar profitiert?
    Wahrscheinlich gab es in D tatsächlich zu viele Mitläufer, welche sich selbst am nächsten waren und auf den eigenen Vorteil achteten.

    Und um die Frage zu beantworten:

    Aus meiner Sicht haben die Leute gewusst, wen sie wählen, aber sie hielten die Umsetzung für unwahrscheinlich, falls es doch klappt war es ihnen vermutlich auch egal, solange Arbeit da ist, abends was vernünftiges auf dem Tisch steht und man nicht ständig mit abgemagerten KZ-Häftlingen konfrontiert ist ("irgendwas werden die schon angestellt haben!") - so hart es klingt!
     
  5. excideuil

    excideuil Neues Mitglied

    Ich gebe dir völlig recht, wenn wir Nachgeborene dies historisch betrachten. Gar keine Frage, aber genau da liegt das Problem.

    Wenn alles so klar und deutlich war, warum ist dann Hitler an die Macht gekommen? Parlamentarisch wäre es zu verhindern gewesen, wenn sich alle anderen Parteien einig gewesen wären. Waren sie aber nicht.
    Wenn also selbst in intellektuellen Kreisen H. Absichten nicht richtig gedeutet wurden, warum erwartet man dies vom "dt. Michel"? Warum wird versucht, zu beweisen, dass jeder es hätte wissen können ja müssen? Ich kann den Sinn nicht erkennen.

    Grüße
    excideuil
     
  6. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Was oft übersehen wird:
    Die Liberalen wurden ebenfalls als Feinde betrachtet, sehr mißtrauisch beobachtet.
    Da sie nicht als Gegner bei Straßenschlachten aufgetreten waren, musste man anders vorgehen.
    Ehemalige Mitglieder liberaler Parteien hatten keine Chance in eine Naziorganisation aufgenommen zu werden.
    z.B.: Beamte mit liberaler Vergangenheit kuranzt und schikaniert, wenn ihnen das nicht reichte, stellte man bei einer überraschenden Kassenprüfung einen "Fehlbestand" von 20RM fest, und jagte sie mit Schimpf und Schande davon....

    Ich kenne den Fall eines liberalen Gemeinderates, (Handwerker) der sich etliche Monate weigerte sein vom Wähler übertragenes Mandat aufzugeben. "Unbekannte" zertrümmerten ihm die Werkstatt, außerdem machte man ihm klar, dass er die nächsten 4-5 Leben mit keinerlei öffentlichen Aufträgen zu rechnen habe.

    Es ist in der Ausführlichkeit natürlich OT, ich weiß auch nicht, inwieweit dies außerhalb des Südwestens, wo die Liberalen eine recht große Rolle spielten, auch der Fall war.
    Jedenfalls wird die Gruppe der Liberalen als Feinde der Nazis in der Regel nicht weiter beachtet.
     
  7. Traklson

    Traklson Neues Mitglied

    @ Muheijo hat den Begriff der "Verantwortung iin die Diskssion gebracht. Dem kann ich nur zustimmen.

    Das hat doch auch etwas mit Demokratieverständniss zu tun. Spätestens wenn ich eine Partei wähle, habe ich in einer Demokratie die Pflicht, mich über die Ziele dieser Partei zu informieren, auch wenn ich die Biografie des Zugpferdes der Partei nicht bei meiner Hochzeit frei Haus geliefert bekomme.

    Zugegeben, heute hilft die Presse da ungemein. Jeder Politiker muss damit rechnen, dass auch in kleinem Kreis bei Wahlveranstaltungen geäußerte fremdenfeindliche Parolen am nächsten Tag die Titelseiten schmücken.

    Wer einen Demokratiefeind an die Macht wählt, wer sich wünscht, die ihm durch das politische System aufgegebene Verantwortung an einen starken "Führer" abzugeben, der trägt selbstverständlich auch Mitverantwortung für das Handeln dieses Politikers.

    Inwieweit und wann der Einzelne, der die NSDAP nicht gewählt hat, die Verantwortung als mitfühlendes menschliches Wesen wahrnnehmen musste, gegen Mord und Unterdrückung vorzugehen, ist eine andere Frage.
    Inwieweit die Presse ihrer Verantwortung nachgekommen ist, die Bevölkerung über Absichten und Ziele der NSDAP zu informieren ebenso.
     
  8. YoungArkas

    YoungArkas Neues Mitglied

    Wohl auch weil die Liberalen nicht mehr all zu viel einfluss in den 30er Jahren hatten. 1932 erhielt die deutsche Staatspartei (zuvor DDP) grade einmal 1% der Stimmen. Die gemäßigt Konservative DVP, die ursprünglich aus den Nationalliberalen hervorgegangen war) erhielt im Juli 1,2% und im November 1,8% der Stimmen. Außerdem waren im Reichsbanner durchaus auch Liberale (DDP) vertreten, also auch auf der Straße gegen die SA kämpften. Allerdings war das Reichsbanner natürlich größtenteils Sozialdmeokratisch geprägt, sodass die wenigen Liberalen wohl kaum aufgefallen sein dürften. Die Fraktion der Deutschen Staatspartei (unter anderem auch Heuss) haben für das Ermächtigungsgesetz gestimmt. Auch in Baden und Württemberg hatte die DDP/Deutsche Staatspartei bei Landtagswahlen keine 5% mehr erreicht.
     
  9. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Wenn wir hier Georg Elser selber zu Wort kommen lassen wollen.

    Auszug aus dem Verhörprotokoll:

    »die Verhältnisse der Arbeiterschaft bessern und einen Krieg vermeiden«.

    Das kann man hier nachlesen:

    Georg Elser "Ich habe den Krieg verhindern wollen" - Eine Dokumentation

    Es gab einen Widerstand, der aber nicht bereit war ein Staatsoberhaupt zu töten. Nach dem Attentat im Burgbräukeller wurde die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Versuche Hitler zu töten gab es eine Menge:

    Chronik aller Attentate auf Hitler


    Wie gesagt es gab Widerstand und Menschen die bereits 1933 die Zeichen erkannten.

    Ein grosses Problem war, dass 1933 (von dieser Zeit sprechen wir hier ja eigentlich) die Arbeiterschaft nicht organisiert waren. Die SPD und die KPD bekämpfte sich lieber gegenseitig, als das man die Gefahr von der NSDAP zusammen bekämpfte. Die SPD sah in der KPD ihren Feind.

    Deshalb gelang es auch nicht einen gemeinsamen Arbeiterwiderstand aufzubauen. Und nachdem die KPD verboten, ihre Führer in den KZ's sassen oder ins Exil gingen, ebenso bei der SPD, war es schon zu spät. Mit der Zerrschlagung der Gewerkschaften wurde es sehr schwer einen gesammten Widerstand aufzubauen.



    Nicht die Zeiten durcheinander bringen.

    1929 bis zum Jan. 1933 gab es noch keine KZ-Häftlinge. Das erste KZ war Dachau (22. März 1933). Zuvor gab es wilde KZs.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. August 2011
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  10. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Ich möchte aber doch festhalten, das es Hitler und seiner Partei nie gelungen ist, in freien Wahlen die Mehrheit der Stimmen wahlberechtigten Bevölkerung für sich zu gewinnen.

    Des Weiteren sind die Wahlerfolge der NSDAP unbedingt im Kontext der Weltwirtschaftskrise seit 1929 und deren spezifische Auswirkungen auf die Republik zu sehen. Die Menschen wollten ,verständlicherweise, das es Ihnen besser geht und "der Führer" hat ihnen das Blaue vom Himmel versprochen.

    Außerdem ist die autoritäre Umgestaltung Deutschlands mit dem Beginn der Präsidialregieungen und der Verfassungsrealität in Rechung zu stellen.

    Ob die Leute tatsächlich wussten, welch furchtbares Monster sie sich da holten oder ob die Menschen nur das hörten, was sie tatsächlich hören wollten, das laße ich einmal offen.

    Wenn du heute auf die Straße gehst und und die Bürger und Bürgerinne nach der Parteiprogrammatik der CDU oder SPD fragst, wird dir fast keiner ein vernünftige Antwort geben können. Weshalb sollte es damals anders gewesen sein.
     
  11. excideuil

    excideuil Neues Mitglied

    Eben.
    Die Untersuchung nach heutigen Maßstäben, ob die Menschen damals hätten wissen können oder nicht, unterschlägt den Faktor Mensch. Viele Menschen, ob damals oder heute sind/waren völlig unpolitisch. Hinzu kommt eine Negierung der menschlichen Charaktereigenschaften wie Neid, Hass, Gleichgültigkeit ...

    Wenn es also ein ein Ergebnis geben kann, dann doch nur eines: die Masse eines Volkes wird einer wie auch immer gearteten Diktatur nicht im Weg stehen. Früher nicht und - da wir zur Kenntnis nehmen müssen, dass moderne Medien eben nicht den politischen Menschen erzeugen - heute auch nicht.

    Grüße
    excideuil
     
  12. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Man verzeihe mir ausnahmsweise den aktuellen (fast schon geschichtlichen?) Zeitbezug, aber damit wir nicht anfangen muessen, depressiv zu werden:

    Ægypten beweist -Gott sei Dank- das Gegenteil.

    Gruss, muheijo
     
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  13. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Dein Vertrauen in das Demokratiebedürfnis in allen Ehren, der rasante Demokratieabbau und die Entwicklung zum Überwachungsstaat in verschiedenen demokratischen Gesellschaften wurde und wird von den meisten "mündigen Bürgern" doch gar nicht oder kaum zur Kenntnis genommen, und von Massenmedien kaum thematisiert. Videoüberwachung, Privatisierung öffentlicher Räume, zunehmende Verzahnung privater Sicherheitsunternehmen mit staatlichen "Gefahrenabwehrbehörden", Schleierfahndung und biometrische Daten, verdachtsunabhängige Kontrollen, das sind doch Phänomene die von der Masse gar nicht begriffen werden, weil es ihnen die meisten Massenmedien verschweigen oder ihnen glauben machen wollen, das diene ihrer Sicherheit.
     
  14. rrttdd

    rrttdd Neues Mitglied

    Eigentlich auch eine interessante Frage:

    Ist eine totalitäre Diktatur ohne Massenmedien und Propaganda eigentlich machbar?


    -Die "klasssischen Diktaturen" kamen ja so richtig erst im 20. Jahrhundert.

    -Vorher gab es nur Monarchien, die sich auf Gottesgnadentum beriefen.

    -Dann wurde das Volk zu gebildet (dank Informationsverfügbarkeit) und nahm den Königen das so nicht mehr ab.

    -> Wenn man jetzt Diktator werden wollte musste man die Informationskanäle unter Kontrolle bekommen, um sie manipulieren zu können.

    Das zeigt auch, wie wichtig beispielsweise ein freies Internet ist, und wie bedenklich jede Art von Versuch, auf Informationsverfügbarkeit einfluss zu nehmen.
     
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  15. Afkpu

    Afkpu Aktives Mitglied

    Es gab durchaus Monarchien die das nicht taten, vor dem Gottesgnadentum gab es vorgängertheorien woher das "Königsheil" stammt bzw die Legitimierung desselben.

    Aber dennoch eine interessante Fragestellung. Meiner Meinung nach Nein, auch wenn "unabhängige Medien" sich heutzutage in ihrem Drank Einschaltquoten u.ä. zu erzielen allzu oft selbst "zensieren". Was nicht mehr interessant ist wird nicht mehr gezeigt und verschwindet schnell aus dem konsensualen Kurzzeitgedächtnis. Oder hört man noch oft etwas von Haiti? Auch wenn die Lage sich nicht unbedingt gebessert hat.

    Hier sollten wir aber auch aufpassen nicht in die Tagespolitik und OT abzurutschen.
     
  16. rrttdd

    rrttdd Neues Mitglied

    Da würde ich zustimmen wegen der Tagespolitik...

    Zum Abschluss noch eine weitere Theorie von mir, die damit halbwegs zusammenhängt.

    Gerade wenn man sich heute alte Leute anschaut, scheinen die doch etwas aus der Zeit gefallen zu sein.

    -Im Altersheim wird beim Gemeinschaftsessen jahrelang nicht mit dem Tischnachbarn geredet (was soll ich mit dem) aber Wohlstand gerne vorgezeigt. Ärzte sind uneingeschränkte Autoritäten.

    -Es ist die Generation die beim Schwiegervater förmlich um die Hand der Tochter angehalten hat und beim Musikantenstadl halbdebil mitklatscht...

    -Es wird alles sehr ernst genommen, bis hin zu Stoibers Erzählungen bezüglich Problembär und Transrapid, wo jüngere Leute sich nur weglachen...:grübel:

    Was heute 80 und drüber ist, ist also mental noch eine völlig andere Generation von Deutschen. Die über die schon die Briten gelästert haben sie könnten nur an Fasching "auf Kommando lustig" sein.

    Meiner Theorie nach war die ganze Außendarstellung der NSDAP auf diese Generation Deutscher maßgeschneidert. So wird auch das seltsam-theatralische Gebaren Hitlers verständlich, was uns heute etwas ratlos zurücklässt.

    Daraus ergibt sich aber auch eine Gefahr, die heute evtl. etwas unterschätzt wird. Es ist klar, dass wir immer achtgeben müssen, dass sich "sowas wie das Dritte Reich" nie wiederholt, darüber besteht Konsens. Ich frage mich nur, ob das "vierte Reich" vom Feeling her so daherkommen würde wie das Dritte. Ich glaube nämlich nicht! Reden halten wie Hitler wird natürlich nicht funktionieren. Insofern sind Szenarien wie z.B. in G.Pausewangs "Schlund" eher unwahrscheinlich. Das vierte Reich würde doch eher, wenn es einigermaßen clever konzipiert ist, vom "allgemeinen Gefühl" her wieder genau auf die Stimmungslage großer Bevölkerungsteile abgestimmt sein. Und darin liegt für mich die größere Gefahr, das wir -die ja alles so gründlich und effektiv angehen- erst dann merken, dass wir einen Riesenmist gebaut haben, wenn Befreiungstruppen mal wieder Berlin eingekesselt haben...

    Und dann wird wieder jemand kommen und fragen: wussten wir schon vorher, welche Entwicklung wir Jahre zuvor anstießen?

    Will sagen, wenn man mit seinem Konzept die Stimmungslage trifft und plausibel erscheint, sowie die Mittel hat, es zu verbreiten, geht wahrscheinlich alles. In einer Demokratie ist das ja das wesentliche Element, der Wettstreit von Meinungen und Konzepten. Vielen Wählern erschien die NSDAP 1929 - 1933 offenbar als das beste Angebot. Dazu kam in diesem Fall noch ein Versagen von Institutionen.

    Wenn man sich das Wort "erschien" im Kontext der Fragestellung anschaut, bekommt das Thema noch einen erkenntnistheoretischen Dreh. Was wusste der Wähler und was glaubte er subjektiv zu wissen...
     
  17. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Sie wussten durchaus, wen sie wählten, denn auf unzähligen Kundgebungen und Massenveranstaltungen hatte Hitler keinen Zweifel daran gelassen.

    Mit der ganzen ganzen "Wucht des Volkes" sollten die "Novermberverbrecher" bestraft werden, ferner das "sozialistische Lumpenpack" und die "marxistischen Volksverräter". Dem "dreisten Judenpack" sollte der Garaus gemacht werden, Und zur Demokratie stellte Hitler klar, dass sie eine "verlogene jüdische Einrichtung" ist, die das Volk nur knechten und dem "Weltjudentum" ausliefern will:

    "Daher ist diese Art von Demokratie auch das Instrument derjenigen Rasse geworden, die ihren inneren Zielen nach die Sonne zu scheuen hat, jetzt und in allen Zeiten der Zukunft. Nur der Jude kann eine Einrichtung preisen, die schmutzig und unwahr ist wie er selber." (Adolf Hitler, Mein Kampf, München 1925/Auflage 1939, S. 98)

    Noch deutlicher kann man seine Absichten überhaupt nicht äußern und was oben aus "Mein Kampf" zitiert ist, war genau so Bestandteil unzähliger Massenkundgebungen. Nichts von alledem, was kommen sollte, war verschwiegen worden, aber diese Wahrheit wurde so klar und mit brutaler Nacktheit ausgesprochen, dass man sie gerade deshalb nicht glaubte, nicht einmal unter den am schwersten Betroffenen, den Juden, als die Henker schon Hand angelegt hatten.
     
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  18. Rephaim

    Rephaim Neues Mitglied

    Hiernach Weimarer Republik 1918-1933 Reichstagswahlen - bersicht
    stimmt da so nicht.

    Ich habe nur 6,7 Wahlbezirke angeschaut, zieh das von diesen mal auf das gesamte Land, in jenen war eine Wahlbeteiligung von über 90% 1933.

    Einen besseren Beleg für politisches Interesse gibt es nicht.
     
  19. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Leider haben 43,9% dieser "politisch Interessierten" am 5. März 1933 die NSDAP gewählt.
     
  20. Friedrich II.

    Friedrich II. Neues Mitglied

    Politisches Interesse begründet sich nicht nur in der Wahlbeteiligung, vor allem, wenn die Zeiten an der eigenen Existenz der Bevölkerung "nagen", weshalb ich Rephaim rechtgebe. Es gilt das Römische Prinzip von "Brot und Spielen". Das ist auch der Grund, warum die Politisch Extremen Parteien auch heute noch, wenn es wirtschaftlich und gesellschaftlich den "Bach herunter" geht , einen imensen Rückhalt aus der Bevölkerung erhalten.
     

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