Wussten die Deutschen was (!) sie 1929-1933 wählten?

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von qwe1, 1. Juni 2011.



  1. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Dass die Bürger von Staaten, die in existentiellen Krisen stecken, vielfach dazu neigen, extreme Parteien und politische "Heilsbringer" zu wählen, ist eine alte Tatsache. Das entbindet allerdings die Wählerinnen und Wähler nicht von ihrer staatsbürgerlichen und humanitären Verantwortung, was auch in bezug auf die Wähler der NSDAP gilt. Es geht nicht an, auf der einen Seite den "mündigen Staatsbürger" zu postulieren und auf der anderen von den bedauernswerten "Verführten" zu sprechen.
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wobei zu fragen wäre, warum diese nicht minder "existentiellen Krisen" in anderen Ländern zT abweichende Folgen hatten bzw. andere oder geringere Anfälligkeiten zu beobachten waren?

    Der mündige Staatsbürger 1932 ist mglw. abweichend zu dem des Nachkriegsdeutschland zu sehen.
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Um das herauszufinden, empfehle ich dir Daniel Goldhagens "Hitlers willige Vollstrecker". :D

    "Mündigkeit" hätte man auch von den Vorkriegsdeutschen erwarten dürfen, auch wenn der von mir zitierte Begriff in der Tat ein Produkt der "aufgeklärten" Nachkriegszeit ist.
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Erscheint mit unbefriedigend, da der plausible Vergleich mit zB Frankreich, Großbritannien und den USA in der WWK 1929/32 fehlt.

    Neben den Wählern spielt die "Funktionsfähigkeit" der gesellschaftlich-politischen Institutionen und tragender Personen eine Rolle (oder meinetwegen: ihre Widerstandskraft).
     
  5. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Mag sein - aber er tritt bedenkenswerte Hypothesen an, warum gerade die Deutschen eine besondere antisemitische Disposition aufweisen.

    Die Funktionsfähigkeit der demokratischen Institutionen war durchaus gegeben, doch standen die antidemokratischen, konservativen und monarchistischen Kräfte dagegen, wobei wir wieder bei Goldhagen wären.
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    ... was bereits das Problem in Bezug auf die Themenstellung hier aufweist, dass Wählerschichten und somit Teile der Deutschen zu betrachten sind. Da die empirischen Analysen hierzu vorliegen (Manstein, Falter, etc.), ist Abschichtung erforderlich und kann das "die" vor 1933 gestrichen werden. Abgesehen davon sind die Wahlimpulse "pro-NSDAP" durch massiv propagierten Antisemitismus ebenfalls umstritten. Hier sind also Differenzierungen erforderlich.

    Nun hatte ich das Wort "demokratisch" vor Institutionen absichtlich weggelassen. Institutionen verhalten sich nicht demokratisch oder antidemokratisch, sondern die sie besetzenden Personen. Das gilt vor und auch nach dem 30.1.1933.

    Der Hinweis war eine Anspielung auf Brünings "100 Meter vor dem Ziel", über den man ebenso streiten kann wie über Goldhagens Thesen.
     
  7. Friedrich II.

    Friedrich II. Neues Mitglied

    Entschuldigung, wenn es so rübergekommen ist, als ich die Deutschen NSDAP-Wähler von 1929-1933 verteidigen. Ich habe vielmehr die fehlende Politische Interesse der Bürger ankreiden wollen, die - wie bereits gesagt - heute noch in weiten Teilen der Bevölkerung nicht oder unzureichend vorhanden ist. Mein Urgroßvater war Überzeugter Zentrums-Wähler bis zum Schluss (1933) und sprach mit meiner Mutter oft über das Leben im Dritten Reich. Dabei hätte er mehrmals erwähnt, dass er bereits sehr Früh "Mein Kampf" von Adolf Hitler gelesen hätte und dadurch sein sowieso schon geringes Verständnis für die Nationalsozialistische Bewegung gänzlich einstellte. Es ist im Bezug darauf allgemein bekannt, dass dieses "Leitbuch" der NS-Bewegung lediglich eine gigantische Aufage hatte, es aber nur wenige Menschen wirklich und bewusst lasen, wo wir wieder bei der fehlenden Politischen Interesse sind.

    Entschuldigung, wenn es als Verteidigung der Wähler herüberkam ;)
     
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  8. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Den Eindruck hatte ich keineswegs! :winke:

    Ich vermute, angesichts der krisenhaften wirtschaftlichen und politischen Entwicklung und des Straßenterrors von links und rechts war das politische Interesse der Menschen am Ausgang der Weimarer Republik eher stärker ausgeprägt als heute.

    Das ehrt deinen Großvater, denn häufig war gerade das Gegenteil der Fall. Nicht, dass die Deutschen mehrheitlich "Mein Kampf" verschlungen hätten, aber die von Hitler und seinen Anhängern auf unzähligen Wahlveranstaltungen propagierten Kernsätze daraus, die kannten sie, was zu Wahlergebnissen von rund 45% führte - leider.
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    siehe:
    Die Reichstagswahl vom 5. März 1933

    Es handelt sich nicht mehr um eine freie und gleiche Wahl, was u.a. aufgrund der vorausgehenden Verfassungsbrüche auch nicht ernsthaft bestritten wird. Das war aber schon mal diskutiert worden.:winke:
     
  10. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Schon zuvor erzielte die NSDAP enorme Gewinne und man geht nicht fehl in der Annahme, dass etwa die Hälfte der Deutschen mit der NSDAP sympathisierten. Da helfen auch keine Spitzfindigkeiten wie die Frage, inwieweit die Wahl von 1933 nun frei war. Die Wahlen von 1932 ergeben kein gravierend anderes Bild.
     
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  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Sicher hast Du eine valide empirische Studie zur Hand, bei der man die (nun offenbar schon aufgerundet) 50% Sympathisanten per März 1933 nachlesen kann?

    Dann wüsste ich gern, welche Literatur die Charakterisierung der März-Wahl als rechtswidrig und verfassungsbrechend als Spitzfindigkeit herausstellt?

    Schließlich wäre interessant zu wissen, welche Untersuchung zum Dritten Reich keinen gravierenden Unterschied zwischen den Ergebnissen/"Bildern" der März-Wahl 1933 einerseits, und der Juli-Wahl 1932 und der November-Wahl 1932 anderseits sieht?

    Kannst Du mir die drei Stellen geben? Dann verstehe ich besser die Basis Deiner hier schon mehrfach vorgetragenen "Hälfte"-Betrachtung für den belegten Zuspruch zum NS zwischen Januar und März 1933 .:winke:
     
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  12. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Dieses Ergebnis ist keine Hexerei, sondern lässt sich ganz leicht aus dem Wahlergebnis vom 5.3.1933 ablesen. Dort erreichte die NSDAP 43,9% der Stimmen und die ultrakonservative DNVP, deren Mitglieder und Wähler mit der NSDAP sympathisierten, 8%. Es wäre Haarspalterei, bei diesem Ergebnis entweder von der Hälfte deutscher NSDAP-Sympathisanten zu sprechen, oder von mir aus auch von "nahezu" der Hälfte. Das ändert am bedauerlichen Ergebnis herzlich wenig.

    Im übrigen: Auch wenn man die Behinderung politischer Gegner bei der Reichstagswahl 1933 in Rechnung stellt, so wurde doch kein Wähler gezwungen, sein Kreuzchen bei der NSDAP zu machen, wie auch keiner daran gehindert wurde, in dieser durchaus noch geheimen Wahl sein Kreuz bei der SPD oder KPD zu machen. Langfristige Wählerbindungen waren maßgebend.

    Der enorme Aufschwung der NSDAP seit der Reichstagswahl vom 20.5.1928, wo sie lediglich 2,6% der Stimmen erhielt, ist überhaupt nicht zu bestreiten. Die armen "verführten" Deutschen haben in Scharen kräftig faschistisch gewählt und die NSDAP ist weder vom Himmel gefallen, noch waren es fremde braune Marsmännchen, die sie wählten - und nach 1945 - ruckzuck - wieder verschwanden.
     
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  13. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Zunächst möchte ich anmerken, dass die verfassungstragenden Parteien schon seit 1920 keine Mehrheit im Reichstag hatten. Die KPD hatte schon am 20.05.1928 über 10% der Stimmen erhalten. Am 14.09.1930 hatte die KPD 13,1%, die NSDAP 18,3 %, DNVP, DVP und Co. auch immerhin 18,8 % der Stimmen. Die Parteien, die sich auf dem Boden der Weimarer Verfassung bewegten hatten nur 37,9 % der Stimmen errungen.

    Das dürfte ja wohl nicht zu Letzt auch an der seit 1929 andauernden Weltwirtschaftskrise gelegen haben, die zu jenem Zeitpunkt mit voller Wucht im Deutschen Reich angekommen ist. Hitler hatte den Menschen genau das versprochen, was sie hören wollten. Hitler nutze die Ängste und Sorgen der Menschen überaus geschickt aus. Die Menschen waren nicht von heute auf morgen zu überzeugten Nazis geworden. Des Weiteren verfügte die NSDAP wohl über einen überaus erfolgreich arbeitende Propaganda. Die NSDAP galt als modern, dynamisch und entschlossen. Denke nur an die genial inszenierten Flüge Hitlers mit dem Spruch „Hitler über Deutschland.“
    Keine Partei hatte einen größeren Nutzen aus der Weltwirtschaftskrise gezogen wie die NSDAP.

    Aber natürlich hatte auch die fortschreitende Erosion der Weimarer Demokratie und die ganzen verantwortungslosen üblen Intrigen- und Ränkespiele einem Hitler den Boden bereitet.
     
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  14. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Dass die Weltwirtschaftskrise den Aufstieg der NSDAP begünstigte und Hitler sich als geschickt als Heilsbringer gebärdete, ist eine altbekannte Tatsache. Die Frage ist aber doch, warum nicht auch die USA, Frankreich oder Großbritannien - die gleichermaßen betroffen waren - einen "Hitler" hervrobrachten?

    An diesem Punkt behauptet Daniel Goldhagen in Hitlers willige Vollstrecker, dass die Deutschen eine besondere antisemitische Disposition besäßen - seine Thesen sind zumindest bedenkenswert, auch wenn die deutsche Forschung sie unisono ablehnt.

    Die "Goldhagen-Debatte" : ein Historikerstreit in der Mediengesellschaft / Michael Schneider
     
  15. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Die von dir genannten Länder haben keinen Weltkrieg verloren. Im Deutschen Reich gab es eben eine nicht zu verachtende Anzahl von Menschen, die restaurative Ansichten und sich eine Rückkehr zu alten Gesellschafts- und Sozialordnung wünschten. Hitlers Parolen fielen hier auf überaus fruchtbaren Boden.
     
  16. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ja, alle Wähler der DNVP und DVP, die sich in ihren Parteiprogrammen zur Monarchie bekannten: "Die monarchische Staatsform entspricht der Eigenart und geschichtlichen Entwicklung Deutschlands. (Parteiprogramm der DNVP vom 9.9.1920).

    Aber: Mit Weltwirtschaftskrise und verlorenem Krieg (u.ä. Versatzstücken) lässt sich das Phänomen "Hitler", dem Millionen Deutsche zujubelten, nicht erklären.
     
  17. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Die Weltwirtschaftskrise ist für den kometenhaften Aufstieg Hitlers in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen.

    Und wie ich weiter oben schon schrieb, befand sich die Weimarer Republik in einen Erosionsprozess, der Hitler begünstigte.

    Dann sollte man sich beispielsweise die einzelnen gesellschaftlichen Gruppierungen ansehen. Was versprachen diese sich von Hitler? Nimm beispielsweise das Militär. Die Herren wollten die Aufhebung des Versailler Vertrages un die damit verbundenen Rüstungsbeschränkungen. Und sie wollten die verloren gegangenen Ostgebiete zurück holen. Notfalls auch mit Gewalt.

    Mit der Aufhebung des Versailler Vertrages stand das Militär nicht allein, das sahen ganz sicher sehr viele Deutsche so.

    Es ist ein ganzes Bündel an Faktoren, die einen Hitler möglich gemacht haben.
     
  18. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Das würde ich aber nicht so sehen: Bei Wahl von 1920 63 % für SPD, Zentrum, DDP und DVP. Sogar 67 %, wenn man die konservativere BVP noch dazu rechnen will.
     
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  19. Turgot

    Turgot Neues Mitglied


    Bei der Reichstagswahl vom 06.06. 1920 gab es das folgende Ergebnis:

    Reichstagswahl ? Wikipedia


    MSPD, DDP und Zentrum kamen auf 43,6 %. Die DVP würde ich zu jenem zeitpunkt nicht als verfassungstragende Partei bezeichnen. Die DVP hatte sich während des Putsches von Wolfgang sogar mit den Putschisten solidarisiert und den Putsch nicht verurteilt. Die DVP war 1920 noch nicht in der Republik angekommen.
     
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  20. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Selbstverständlich stand die DVP auf dem Boden der Verfassung, was eine erzkonservative monarchische Richtung nicht ausschließt. In ihrem Parteiprogramm bekannte sich die DVP 1919 eindeutig zur zur neuen Staatsform der Weimarer Republik. Dazu führte sie in ihrem Parteiprogramm aus:

    "Die Deutsche Volkspartei wird den Wiederaufbau des Reiches mit allen Mitteln fördern. Daher wird sie im Rahmen ihrer politischen Grundsätze innerhalb der jetzigen Staatsform mitarbeiten ... Verantwortliche Mitarbeit der Volksvertretung an der Regierung, ohne Ausbeutung der jeweiligen Parteimacht, gilt uns als Grundlage jeder Verfassung." [1]

    [1] Aus dem Parteiprogramm der DVP vom 19.10.1919, zit. nach: W. Treue, Deutsche Parteiprogramme, Göttingen 1954, S. 128
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Oktober 2011
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