Wussten die Deutschen was (!) sie 1929-1933 wählten?

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von qwe1, 1. Juni 2011.



  1. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Und wie erklärst du denn ihre zumindest äußerst zweispältige Haltung zum Putsch des Jahres 1920?

    Wenn die verfassungstreu, wie im Parteiprogramm zum Ausdruck gebracht, dann hätte die DVP den Putsch und die Putschisten ja wohl verurteilen müssen.
     
  2. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

  3. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Hast Recht, ich hatte mich verzählt.
     
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  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Haltung der DVP zur Weimarer Republik und ihren Repräsentanten lässt sich - phasenweise - am besten als zwiespältig bezeichnen. In ihrem Parteiprogramm ("Grundsätze" vom 19.10.1919) betonte die DVP in Anknüpfung an imperialistische Traditionen der Nationalliberalen den nationalen Machtstaatsgedanken, befürwortete die legale Restauration des Kaisertums, wobei sie die Beteiligung am Wiederaufbau des Reichs "innerhalb der jetzigen Staatsform" (sic!) in Aussicht stellte. Allerdings wandte sie sich gegen den "Sozialismus" und setzte sich bei Ablehnung der Mitbestimmung in Unternehmen massiv für die Interessen der Privatwirtschaft ein.

    Es besteht somit ein Missverhältnis zwischen den in den Grundsätzen erklärten Zielen und dem zuweilen zwiespältigen Verhältnis zur Verfassung der Weimarer Republik. Insofern ist dein Einwand berechtigt, dass das Sympathisieren mit Kapp - von dem sie sich erst nach dem Scheitern seines Putsches distanzierte - ein gestörtes Verhältnis zur demokratioschen Verfasstheit des Staates zeigt.

    Andererseits muss man einräumen, dass die DVP ab 1920 zu einer Mitarbeit an der Regierung bereit war und so zur Stabilisierung beitrug (Kabinett Wirth, Fehrenbach, Cuno, Große Koalition 1923, Rechtskoalition 1928-30).

    Immerhin war Stresemann Fraktionsvorsitzender DVP im Reichstag, dem man kaum vorwerfen kann, dass er die Verfassung von Weimar hätte sabotieren wollen.
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Beantwortest Du noch meine drei Fragen? Dazu steht leider nichts in dem post.

    _______
    Selbst wenn man die Wahl vom März 1933 unter dem Aspekt zählen würde bzw. zu den neu aufgerissenen Aspekten: Von "langfristigen" Bindungen kann keine Rede sein, hier gibt es vielmehr Brüche, wie der Vergleich mit dem Nov32 zeigt (übrigens auch die Verschiebungen nach der Strukturanalyse -> siehe Falters Studien).

    Die stoische Wiederholung "der Hälfte" wird auch durch durch die passend gebogene Zählweise (Addition der Stimmen von Kampffront Schwarz-Weiß-Rot, DNVP trat übrigens nicht separat an) nicht richtiger. Siehe wiederum Falter: abgesehen von den strukturellen Unterschieden wurde eben nicht NSDAP, sondern Kampffront gewählt. Selbst wenn man die 3,136 Mio. zu den 17,277 der NSDAP hinzu zählen würde, ergeben sich rd. 20,4 Mio., im Vergleich zu den 44,7 Mio. wahlberechtigten Deutschen (auf den Unterschied weist auch Falter hin).

    Somit bleibt es unter diesen zwei Aspekten - Arithmetik und irreguläre Wahlen März 1933 - gemäß Literatur Unsinn, im März 1933 vom Zuspruch der Hälfte der Deutschen/Sympathisanten (gemeint waren wohl die "wahlberechtigten" Deutschen) zu sprechen.

    Es ist auch keine Spitzfindigkeit, über diese Frage den Stand der Literatur zu berücksichtigen (abgesehen davon ist es auch keine Spitzfindigkeit, sondern eine Notwendigkeit, zwischen regulären und irregulären Wahlergebnissen zu unterscheiden):
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. Oktober 2011
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  6. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Die DVP Stresemanns hatte sich in einem Aufruf vom 13.März mit dem Zielen der sogenannten Regierung Kapp solidarisiert. Es war auch Stresemann der sich für die von Wolfgang Kapp geforderte sofortige Volkswahl des Reichspräsidenten einsetzte. Später war man bemüht, das ganze zu verniedlichen. Der Putsch von Kapp und Lüttwitz stieß gerade in der Klientel, gemeint sind die schwerindustriellen und großagraischer Kreise, der DVP auf Sympathien.
     
  7. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Die Wahl fand am 05.März 1933 statt. Am 28.Febraur wurde vom Reichspräsident von Hindenburg die sogenannte Reichstagsbrandverordnung erlassen. Diese sah erhebliche Einschränkungen der Presse- und Versammlungsfreiheit vor. Die Bestimmungen waren so wischi waschi formuliert, dass der politische Gegner problemlos zum Schweigen gebracht werden konnte und wurde. Aber schon am 04.Febraur gab es einen Erlass, der die Pressen- und Versammlungsfreiheit auch schon nicht unerheblich einschränkte.

    So ging beispielsweise in Preußen Göring rigoros brutal gegen den politischen Gegner vor. Goebbels notierte in seinem Tagebuch dazu: „Göring räumt in Preußen auf mit einer herzerfrischenden Forschheit.“ Am 17.Februar 1933 hat Göring dann auch der sogenannte Schießerlaß erlassen, in dem er die Polizei zum rücksichtslosen Gebrauch von der Waffe auffordert.

    Unter den geschilderten Umständen kann man nicht von einer freien und demokratischen Wahl sprechen und deshalb auch das Ergebnis nicht so bewerten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. Oktober 2011
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  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ganz richtig. Insbesondere ist die Veränderung zur November-Wahl 1932, in der der Zuspruch für die NSDAP erstmals stagnierte bzw. sich sogar rückläufig entwickelte, nicht durch irgendwelche "langfristige Bindungen" erklärbar. Die Wähler der Kampffront, ebenfalls rechtsaußen, wählten auch nun einmal "Kampffront" und nicht NSDAP.

    Weiterhin sind durchaus strukturelle Änderungen in der NS-Wählerschaft zu beobachten. Besonders interessant sind dabei die negativen Korrelationen arbeitsloser Arbeiterwähler, was zu dem Phänomen der Wirtschaftskrise führte, dass beschäftigte Arbeiter stärker NSDAP wählten als arbeitslose Arbeiterwähler. Das ist ein Indiz, dass die NSDAP im besonderen Maße Verlustängste im Wählerbereich ansprach, was ihr auch bei der von der Wirtschaftskrise existentiell betroffenen Mittelschicht gelungen ist. Auch hier sind es weniger die tatsächlichen Verlierer, als vielmehr die vom potenziellen Verlust Betroffenen, die NSDAP wählten.

    All das hat wenig mit "langfristigen Bindungen" zu tun, da diese Affinitäten kurzfristig und eher situativ auftraten. Mit dieser "Arithmetik" gelang es Hitler eben, auf dem Höhepunkt der WWK 29/33 rd. 17 Mio. Wähler anzusprechen. Mit der Machtübernahme, dem dann verfügbaren Instrumentarium der Exekutive, Unterdrückung, Terror etc. einerseits, dem massenweisen (zT opportunistischen) Überlaufen bisheriger NS-Nichtwähler in Ecke der neuen Machthaber andererseits wurden diese Potenziale aufgebohrt. Nicht zuletzt zeigt der Massenansturm auf die Parteimitgliedschaft, der in einer ersten - kleineren - Welle 1932 (!) begann, dass man zu den vermeindlich neuen Herren überlief. Umgekehrt verhielt es sich mit den Parteiaustritten (Quoten vor 1930: 60% der Mitglieder von 1926, 49% der von 1927, 32% der von 1928 eingetretenen Mitglieder sind bis 1930 wieder ausgetreten. Der Austrittsqoutient von 1932 belegt noch 25% der Mitgliedseintritte von 1930/32, der nach 1933 nur 0,4%. An diesen Mitglieds- und Wahlanalysen wird der Wendepunkt "Machtübernahme" deutlich. Man geht nach den vorliegenden Analysen davon aus, dass die NS ihre krisengetriebenen Potenziale Anfang 1933 bereits ausgeschöpft hatten.

    Noch zur Themenüberschrift: hier wäre weiter danach zu differenzieren, welche ppropagandistischen Schwerpunkte die NSDAP tatsächlich gesetzt hat. Hier gibt zB Analysen, die einen "Bruch 1930" behaupten, die Schwerpunkt-Verlagerung von Anti-Versailles auf Antisemitismus.

    Literatur siehe Manstein: Die Mitglieder und Wähler der NSDAP 1919-1933 - Untersuchungen zu ihrer schichtmäßigen Zusammensetzung.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Oktober 2011
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  9. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Etwas weiter weg von Wahlergebnissen:
    Das Schauspiel "Professor Mamlock" von Friedrich Wolf, 1933 geschrieben. Die Premiere fand am 19. Januar 1934 im Jüdischen Theater Warschau statt, wo es in jiddischer Sprache unter dem Titel „Der Gelbe Fleck“ aufgeführt wurde.
    Friedrich Wolf war selbst Jude und als Antifaschist ein politischer Mensch.

    Eine Parole der KPD zur Reichspräsidentenwahl 1932 lautete: „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, wer Hitler wählt, wählt den Krieg."
    Das war dann ja auch so.
     
  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ich greife das nochmal ein einem exemplarischen Beispiel auf, bezogen auf Max Liebermann. In dem Museum der Liebermann-Villa, 300 Meter von der Villa entfernt, in der die Wannsee-Konferenz 1942 stattfand, wird einiges zu dieser antisemitischen Grundströmung in der Weimarer Republik deutlich, die auch gerade von akademisch gebildeten Kreisen ausging, und die breite öffentliche Meinung auch abseits des "Stürmers" permanent befeuerte. Ein beispielhafter Hetzbrief 1924 (!) - auf dieser breiten Basis von Hass auch ohne Bezug zum Versailler Vertrag setzte die NS-Bewegung auf:
     

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  11. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Ich würde das nicht überbewerten, denn solche Briefe bzw. Hetztiraden gab es schon immer und gibt es auch heute: Fernsehkommentatoren bekommen sie, nur weil sie als jüdisch (Marcel Reif) geoutet wurden oder anhand des Namens eine nichtdeutsche Herkunft (Béla Réthy) zu erkennen ist.

    Aber das nur nebenbei, denn das Thema des Threads interessiert mich sehr:
    Das mit Versailles hatte sicher sehr vielen, wenn nicht allen gefallen. Und das mit der Hegemonialmacht nicht nur wenigen. Das hätte auch heute Zustimmung gefunden – zumindest bei gewissen Kreisen. Dass heute nur die dritte Strophe des Deutschlandliedes gesungen wird, hat schon seinen Grund.


    287.000 Exemplare – das wäre auch nach heutigem Maßstab ein Bestseller.


    Die deutschen Ottonormalverbraucher als Wähler wussten damals von der Politik so viel, wie die heutigen von der heutigen – das Verhalten der Masse ist überall auf der Welt ziemlich gleich. Ein Spruch Hilters aus dem „Mein Kampf“ gilt heute noch:

    Die Aufnahmefähigkeit der großen Masse ist nur sehr beschränkt, das Verständnis klein, dafür jedoch die Vergesslichkeit groß. Aus diesen Tatsachen heraus hat sich jede wirkungsvolle Propaganda auf nur sehr wenige Punkte zu beschränken und diese schlagwortartig so lange zu verwenden, bis auch bestimmt der Letzte unter einem solchen Worte das Gewollte sich vorzustellen vermag.

    Immerhin gab es bei den entscheidenden Wahlen eine enorme Wahlbeteiligung, die in unseren Zeiten nie wieder erreicht wurde. Was beweist: Die Menschen waren damals politisierter als heute.


    Ja, man sah, las und hörte das alles – und tolerierte es. Weil die etablierte Politik es ganz offensichtlich nicht schaffte, die nun schon 3 Jahre dauernde Wirtschaftskrise zu meistern, dachten sehr viele, man müsse neue Wege gehen und einem anscheinend starken Mann eine Chance geben.


    Der großen Mehrheit ging es ja gut im Hitler-Deutschland. Das war schon 1933 zu spüren gewesen und steigerte sich bis zum Krieg permanent. Man darf nicht vergessen, in der NSDAP steckten 2 Wörter (sozialistisch und Arbeiter), die diese Partei ernst nahm: Sie taten was für die Arbeiter und die sog. kleinen Leute – siehe Beschäftigungs- und Häuserbauprogramme. Die ersten 6-7 Jahre der Diktatur wurden von den Zeitgenossen wirtschaftlich als euphorisch empfunden. Und auch Anfangserfolge im Krieg waren nicht dazu angetan, Bedenken gegen den Führer zu schüren. Später, nach Stalingrad und Städtebombardierungen, kam noch Trotz dazu: Wir stehen zusammen, egal was kommt.

    In meiner Verwandtschaft in Celle hat man mir glaubhaft versichert, dass sie die ersten KZ-Insassen bei Aufräumarbeiten nach Bombardierungen gesehen hatten. Vorher wussten sie zwar von der Existenz dieser Lager, aber glaubten, da seien Asoziale und Arbeitsscheue untergebracht, um umerzogen zu werden. Das fanden sie voll in Ordnung, denn gegen solche „Elemente“ hat die große Mehrheit noch heute Vorurteile – siehe die Pauschalisierungen über die Hartz IV Empfänger. Nicht umsonst konnte Thilo Sarrazin Säle füllen mit Leuten, die jeden Kritiker niederbrüllten. Und das waren beileibe keine einfache Leute, sondern welche im feinen Zwirn – ich hab es selbst erlebt.
     
  12. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Die Frage ist komplizierter, als sie auf den ersten Blick scheint- Auf der einen Seite lässt Hitlers "Mein Kampf" keine Zweifel an seinen Absichten. Das Bürgertum war auch durchaus in der Lage, sich Zugang zu diesem Buch zu verschaffen und es entsprechende zu interpretieren.

    Mein Vater (*1929) war erstaunt, im Nachlass meiner Großeltern auch eine Ausgabe von "Mein Kampf" zu finden. Meine Großeltern waren überzeugte Antifaschisten. Mein Großvater wollte seinen alten Kaiser Wilhelm zurück, die Nazis waren für ihn "Pöbel, der auf den Straßen randaliert". Meine Großmutter, akademisch gebildet und aus alter Bildungsbürgerfamilie, fand es ein Unding, dass eine Regierung sich anmaße, ihr vorzuschreiben, die jüdische Nachbarin nicht mehr zu grüßen. Natürlich grüße man seine Nachbarn, das sei eine Frage des Anstands. Sie hat meinen Vater ermutigt, diese Nachbarin zu besuchen, allerdings mit dem Hinweis, doch lieber durch den Garten als über die Straße zu gehen (der Hamburger SS-Chef wohnte nur ein paar Häuser weiter).
    Sonst wurde über Politik in Anwesenheit meines Vaters nicht viel gesprochen - vielleicht aus gutem Grund. Die jüdische Nachbarin überlebte das "Dritte Reich" physisch unbeschadet in Hamburg, die Söhne emigrierten 1937 nach Lateinamerika, konnten das Familienvermögen dank irgendjemandes Hilfe ebenfalls dorthin transferieren, und unterstützten nach 1945 meinen Großvater massiv beim Wiederaufbau seines Geschäfts. Ob und wie weit meine Großeltern bei alldem ihre Hände im Spiel hatten, haben mein Vater und ich oft diskutiert. Ausser der Tatsache, dass mein Großvater als Versorgungsoffizier privilegierten Zugang zu dänischer Butter und Sahne hatte, was er u.a. dazu nutzte, meinen Vater vor einem Schulverweis zu retten (mein Vater hatte die Aussprache seines Englischlehrers kritisiert, woraus nicht zu Unrecht auf regelmäßiges BBC-Hören geschlossen wurde), förderten diese Diskussionen jedoch wenig an belastbaren Erinnerungen zu Tage.
    Wie auch immer - "Mein Kampf" im Besitz meiner Großeltern bezeugt, dass zumindest das Groß- bzw. Bildungsbürgertum in der Lage war, sich ein Bild von Hitlers Absichten zu machen, und dies auch tat.

    Auf der anderen Seite gibt es das alte Sprichwort "Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird". Die Erwartung, dies träfe auch auf Hitler bzw. die NSDAP zu, war wohl ebenfalls weit verbreitet. Exemplarisch dafür steht der Hamburge Bankier Max Warburg, der nicht nur als Jude, sondern auch als Mitglied der deutschen Delegation bei den Friedensverhandlungen von Versailles allen Grund hatte, den Nazis zu mißtrauen. Trotz der nach 1933 erfahrenen Demütigungen (u.a. Verlust der Sitze im Reichsbankrat, und im Aufsichtsrat der IG Farben, der HAPAG und des Norddeutschen Lloyd) unterstützte er noch 1937/38 die Reichsregierung aktiv bei der Kreditbeschaffung in den USA. Ohne seine Verbindungen dorthin (sein Bruder Paul M. Warburg war Teilhaber der Investment-Bank Kuhn, Loeb & Co., die später mit Lehman Brothers fusionierte, und gilt als "Vater" der amerikanischen Federal Reserve Bank) wäre es den Nazis wohl schwerlich gelungen, die für die Aufrüstung benötigten Devisen zu beschaffen.
    Wenn also selbst ein erfahrener und international vernetzter deutsch-jüdiischer Bankier und Politiker die Nazis so massiv unterschätzte, welchen Schluß kann man dann für "Otto Normalbürger" ziehen?

    Ich denke, viele NSDAP-Wähler 1939 stimmten zunächst und vor allem für den "Wechsel" - wirtschaftlich, auch politisch. Die "etablierten Parteien", zu denen inzwischen auch SPD und Demokraten gehörten, hatten ihre Glaubwürdigkeit verloren. Es mag sogar den einen oder anderen NSDAP-Wähler gegeben haben, der darin einen Weg sah, das Brüningsche "Erlaßregime" zu beenden und endlich wieder eine stabile, parlamentarisch legitimierte Regierung zu bekommen. Die Erwartung, es würde nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wurde, und die Machterlangung würde die Nazis entradikalisieren und pragmatisieren, ist durchaus nachvollziehbar - auch aufgrund der Erfahrung mit der SPD nach 1918.
    Viele andere Wähler sahen die NSDAP kritisch, sei es als überzeugte Kommunisten, Sozialdemokraten, Demokraten, Christen (Katholiken), oder wertkonservative Bildungsbürger wie meine Großeltern. Ob die Mehrheit von ihnen gewusst hat, gegen was sie stimmten, ist allerdings ebenfalls fraglich. NSDAP-Prinzipien wie Gewalt gegen Andersdenkende, Ausgrenzung von Minderheiten und Einschränkung der Meinungsäußerung waren offensichtlich, verurteilenswert, und für Menschen mit ethischem und politischen Bewußtsein eigentlich unwählbar. Aber ob die Mehrheit der Nicht-NSDAP-Wähler 1933 wusste, dass sie gegen Angriffskrieg und Völkermord in historisch beispiellosem Ausmaß stimmten, wage ich zu bezweifeln.
     
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  13. tvinnefossen

    tvinnefossen Neues Mitglied

    @Augusto: Danke für diesen aufschlußreichen, anschaulichen Beitrag.

    Vielleicht noch ein kleiner Hinweis an jene, die ihren Vorfahren aufgrund damals vorhandener Parteiprogramme, Wahlkampfreden und Kampfschriften, all zu bereitwillig einen Vorwurf stricken möchten. Ja, aus heutiger Sicht, kann man sagen, sie hätten es wissen können.

    Aber schauen wir mal ins Heute. Ein Thema, das mittlerweile viele bewegt ist ...

    [MOD: Bitte Forenregeln beachten. Tagespolitik ist nicht Gegenstand des Geschichtsforums]

    Es kann uns also auch passieren, daß wir in den Augen unserer Nachkommen versagt haben. Weil wir es doch hätten wissen können. Ja! Das hätten wir, aber wir setzten nunmal andere Prioritäten (leider) und denken uns "...so schlimm wird es schon nicht werden..."
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 16. Mai 2015
  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Was besagt die Tatsache, dass ein Buch sich im physischen Besitz einer Person befindet darüber aus, ob sie es gelesen hat? Das Hochzeitsdatum deinr Großeltern spricht immerhin dafür, dass es kein Hochzeitsgeschenk von Seiten des Standesamtes war. Mehr aber auch nicht. Lesespuren, die könnten etwas aussagen.

    Zunächst einmal halte ich es für falsch, hier zwei Gruppen aufzumachen, nämlich die Gruppe der Nazis und die Gruppe der Deutschen. Die Nazis waren eine Teilmenge der Deutschen und jeder Deutsche, der in irgendeiner Form "nazifiziert" war, war es in einem anderen Ausmaß. Es gab Nazis, die keine Antisemiten waren und Antisemiten, die keine Nazis waren. Es gab Leute, die Antisemiten waren aber Gewalt verabscheuten und andere, die weder Nazis noch Antisemiten waren, aber später am Massenmord aktiv mitwirkten und zwar nicht, weil sie eine besondere Disposition zu Gewalt hatten, sondern weil die Situation sich eben so ergab...
    Zum zweiten vergisst du, dass manche Leute sich auch auf ihren Prominentenbonus etwas einbildeten und meinten, dass der sie schützen würde. In manchen Fällen hat das geklappt (von Galen, aber auch da gab es entsprechende Planungen, die auf die Zeit nach dem Endsieg verschoben waren), in anderen Fällen eben nicht.

    Wer die Nazis 1932/33 wählte, der wusste ganz genau, was auf den Straßen abging, was die Schlägerbanden der SA anrichteten.

    Zumindest die KPD machte damit Wahlkampf: "Wer Hitler wählt, wählt Krieg."
    Aber ich würde sogar noch weitergehen als du: Wenn man am 1. September 1939 denjenigen, welche in den folgenden sechs Jahren zu Massenmördern wurden, dieses gesagt hätte, die hätten es nicht geglaubt.
    Das zu wissen ist wichtig. Denn darin steckt ein kategorischer Verhaltensimperativ auch für uns heute noch. Für jeden Menschen.
     
  15. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    1 natürlich wußten die Wähler, was sie wählten. Zum einen weil 33 bereits über 1Mio Exemplare von “Mein Kampf“ verkauft worden waren. Zum anderen war die menschenverachtende NS-Programmik seit 1920 im Parteiprogramm ausformuliert worden

    2 es war für viele Wähler eine Protestwahl, wie Falter und Childers zu Recht herausstellen. Die durchaus bestimmten sozialen Schichten zugeordnet werden kann und absolut nichts mit dem “kleinen Mann“ zu tun hat.

    3 der Zeitpunkt für die Machtergreifung hätte nicht verzögert erfolgen dürfen, da sich die Wirtschaft nach 3 Jahren wieder erholte und die NS Bewegung Auflösungserscheinungen zeigte, da sie programmatisch sehr heterogen war.

    4 konzidieren kann man bestenfalls, dass 33 keiner wußte welche Dimension die bereits 1920 !!!! ausformulierte Entrechtung bzw. Entzug der staatsbürgerlichen Rechte für Deutsche mit vor allem jüdischen Glauben annehmen würde.

    Ansonsten wäre es hilfreich, die Darstellung dieser Periode nicht primär über Onkel, Tanten, Oma oder Opa laufen zu lassen,damit meine ich nicht “Augusto“, sondern objektiver anhand der entsprechenden Literatur. Nicht zuletzt deswegen, da die Darstellung des 3. Reichs in letzter Zeit teilweise “leicht merkwürdig“ erscheint
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Mai 2015
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  16. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Ich habe MK aus dem Nachlass meiner Großeltern damals (1983) auch gelesen. Annotiert war es nicht, es wirkte aber auch nicht ungelesen. Leider erinnere ich nicht mehr, aus welcher Ausgabe das Exemplar stammte.
    "Prominentenbonus" erklärt das Phänomen Max Warburg nur unvollständig. De facto hat er die deutsche Kriegsvorbereitung aktiv, über Devisenbeschaffung, unterstützt. Wohl aus nachvollziehbaren Motiven (Schutz deutscher Juden), aber auch in massiver Unterschätzung dessen, was das Regime mit dem Geld vorhatte.
    Yup.
    Wehret den Anfängen!
     

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