Zum Schragentisch

Dieses Thema im Forum "Kunstgeschichte" wurde erstellt von Mashenka, 25. Juli 2015.

  1. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied


    Vom Ursprung des Schragentisches

    Im Mittelalter scherte man sich noch weniger um Tische. Bei größeren Anlässen wurde improvisiert; man stellte zwei Holzböcke hin, zwei »Schragen«, legte darauf eine große Holzplatte und überdeckte das Provisorium mit einem frisch gewaschenen Tuch. Solche ›Schragen Tafel‹ waren gut genug für die Herrscher riesiger Reiche und sogar gut genug für ehrenhafte Maler, um dahinter Jesus abzubilden. Doch damit war natürlich der eigentliche Schragentisch noch lange nicht entwickelt.

    Irgendwo – vermutlich in den Alpen – hatte ein Mann die Nase voll vom ewigen Zusammenstellen der Böcke und Platten. Kurzerhand sägte er einen Holzbock der Länge nach in zwei Stücke und montierte sie unter eine quadratische Holzplatte – sein schäbiges Häuschen war auch zu klein für eine längere Tafel und die zahlreichen Kinder konnten ihre Mahlzeit ja weiterhin am Ofen zu sich nehmen. Nur dass diejenigen, die nun am Tisch saßen, manchmal kalte Füße kriegten und sich ebenfalls zum Ofen verdrückten.

    Eines Tages war ein Tischler Gast bei der Familie. Der Mann war gebildet, schließlich war er in seinen Wanderjahren ganz schön herumgekommen. Er zeigte sich beeindruckt von der Konstruktion des Gastgebers, worauf die Hausfrau schnippisch die Nachteile der neuen Hausordnung herausstrich und auf ihre kalte Füße hinwies. Da erinnerte sich der Handwerker an Möbel in fremden Ländern, bei denen unten ein Brett montiert war, auf denen man die Füße setzen konnte. Der Gastgeber ärgerte sich, dass ihm das nicht selber in den Sinn gekommen war, und schlug mit der Faust so kraftvoll auf den Tisch, dass dessen Beine versagten und sogar die Platte brach.

    Paar Tage später kam der Tischler mit dem reparierten Stück wieder. Nun wurden die Beine unten von flachen Brettern zusammengehalten.
    »Vergelt’s Gott!«, rief die Hausfrau erleichtert und fortan wurden die Bretter »Vergeltsgott« genannt. Aus Jux hatte der gute Mann in die Mitte der Tischplatte sogar eine massive Schieferplatte eingelegt, damit der Tisch den Schlägen des Hausherrn standhielt. Somit war der »Schragentisch« erfunden. Das stabile Modell wurde danach in vielen anderen Dörfern kopiert, auch wenn mancherorts ohne Schieferplatte hergestellt… vielleicht, weil man den Sinn nicht verstand, oder einfach nur, weil man weniger häufig auf den Tisch klopfte.


    Diese kleine Entstehungsgeschichte des Schragentisches ist hier natürlich frei erfunden, und soll nur als Erläuterung dieses Möbelstücks dienen.



    Zu meinen bisherigen Erkenntnissen über Schragentische

    1. Schragentische gab es im Alpenraum und in der Südhälfte von Deutschland (evtl. auch nördlicher?) mindestens seit dem späten 15. Jh.

    2. Schragentische mit eingelegter Schieferplatte sind bis heute besonders in Graubünden und benachbarten Gebieten verbreitet.

    3. Der »Montafoner Tisch« aus Vorarlberg ist ein typischer Schragentisch mit Schiefertafel und Fußstegen. (Beispiel aus 1786)

    4. Der »Jogltisch« aus dem Joglland (nördl. Steiermark) ist ein Synonym von »Schragentisch«, d.h. in der Form von anderen Modellen kaum zu unterscheiden. Laut Wikipedia soll ein »Mönch des Augustiner-Chorherrenstiftes Vorau« so ein Ding »um die Mitte des letzten Jahrtausends« zum ersten Mal »geschichtlich erwähnt« haben. Worin der Mönch was genau erwähnt hatte, bleibt leider genauso vernebelt, wie die Zeitangabe.

    5. Tatsache ist aber, dass Schragentische um 1500 bereits bildlich festgehalten wurden:

    Dürer überliefert aus 1511 auf seinem Holzschnitt Die Herodias empfängt das Haupt des Täufers einen zwar länglichen, aber sonst waschechten Schragentisch mit Flachstegen.

    Aus 1514 stammt Dürers Meisterstich Der heilige Hieronymus im Gehäus, auf dem er einen Wangentisch zeigt.(Wangentisch: Tisch mit zwei quergestellten Stützelementen, die seitlich, quasi als ›Wangen‹ angeordnet sind)
    1525 greift Lucas Cranach d. Ä. das Thema wieder auf, und zeigt Kardinal Albrecht von Brandenburg als heiliger Hieronymus im Gehäus an einem sehr ähnlichen Wangentisch, diesmal aber auf breite Bretter montiert, wodurch das Modell eigentlich zum Schragentisch mutiert.

    Dass Cranachs Version nicht das Urmodell in der Entwicklung des Schragentisches sein kann, beweist eigentlich Dürers Holzschnitt aus 1511, wo bereits eine voll entwickelte Version gezeigt wird. Dennoch weist Cranachs Abbildung auf die Möglichkeit hin, dass der Schragentisch ursprünglich eine Weiterentwicklung des Wangentisches sein könnte, und nicht direkt der fixe Zusammmenbau der provisorisch zusammengestellten ›Schragen Tafel‹ war.(d.h. meiner obigen Darstellung mit dem Mann, der einen Holzbock auseinandersägte, widerspricht)

    Und trotzdem lässt sich der Wangentisch nicht eindeutig als Ausgangsmodell für den Schragentisch ausmachen. Dürer zeigt auf einem Holzschnitt Das letzte Abendmahl aus 1523 ein äußerst massives Exemplar eines Schragentisches, das mit Wangentischen nichts gemein hat.(die vier Beine sind konventionell in den Ecken angeordnet) Die flachen Schwellen, auf dem der riesige Tisch ruht, dienen hier eindeutig als Stützen für die Füße.

    Generell kann man vmtl. behaupten, dass Schragentische nur auf Bildern von deutschsprachigen Malern auftauchen. Ein als Fußablage dienendes flaches Brett an Möbeln muss aber bereits im frühen 15. Jh. auch in Flandern Usus gewesen sein. Auf dem Merode Tryptichon, das heute Campin zugewiesen wird, sitzt Maria bei der Verkündung auf genau so einem Fußbrett, anstatt auf der dazugehörenden Sitzbank.(hinter ihr ist allerdings ein Wangentisch zu sehen, bei dessen Fuß die eine Hälfte gerade geschnitten ist, damit man den Tisch nahe an sich heranziehen kann.)

    6. Auch der »Rhöntisch«, aus der Region des Rhöngebirges, gehört eindeutig zu den Schragentischen, auch wenn dieser mit seinem oft wuchtigen Unterbau an spätgotische Kastentische erinnert.

    7. In Frankreich entspricht am ehesten das sog. »table à l'italienne« dem Schragentisch, wobei die flachen Stege als Verstrebungen der Tischbeine für die Bezeichnung maßgebend sind. Diese Tische haben im Gegensatz zum Schragentisch, anstatt quadratische Tischplatten, meist eine längliche Form und wurden (soweit mir bekannt) nie mit Schieferplatten versehen.
    Beispiel: typisches table à l'italienne mit neun Füßen aus Lothringen, um 1600–1620.

    In den italienischen Palazzi konnte ich zwar zahlreiche Tische mit Stegen ausmachen (ähnliche Tische sind ja auch auf Mosaiken aus der Römerzeit bekannt), aber keine Hinweise auf das angeblich typische »table à l'italienne« mit flachen Stegen finden.


    Meine Frage an Euch wäre: weiß jemand mehr über die Verbreitung, oder sogar über die Entstehung der Schragentische?
     
  2. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Nun seid Ihr aber keine große Hilfe… Für diejenigen, die sich die Mühe genommen haben, meine kleine Abhandlung über Schragentische durchzulesen, paar Korrekturen und neue Erkenntnisse zum Thema:


    962 sei angeblich Burchard der Schwarze von Irxleben, einer der Gefolgsleute von Otto I., anläßlich der Kaiserkrönung in den Ritterstand erhoben worden und soll den Titel »Erbküchenmeister« erhalten haben. Sein Wappen sei von da an ein schwarzer Schragen, ein Tischgestell zum Auflegen einer Tischplatte in silbernem Felde gewesen. Der letzte Namensträger war Otto von Irxleben, der 1418 in Wolmirstedt verstorben war. Die Gemeinde Irxleben, unweit von Magdeburg, benutzt heute noch den Wappen, wie dies dieser hübsche Gullydeckel zeigt.

    Auch wenn ein Ritter Irxleben erst im 12. Jh. in Dokumenten auftaucht, und der Tischschragen im Wappen bereits im 10. Jahrhundert ungewöhnlich früh anmutet, muss das Insignie spätestens im 14. Jh. vorhanden gewesen sein.


    Das ändert natürlich alles und kompliziert die Entstehungsgeschichte des Schragentisches:

    Nebst den üblichen Holzböcken, die unter Tischplatten aufgestellt wurden, gab es also zusätzlich den Schragen, der im Gegensatz zum Holzbock zusammenklappbar und mit zwei Trägerbalken ausgerüstet war, worauf eine Tischplatte gelegt werden konnte.

    Auf Dürers Holzschnitt Der heilige Hieronymus im Gehäus ist also ein Schragentisch zu sehen, dessen Schragen sich bereits zum fixen Untergestell des Tisches verschmolzen haben, sodass die Schragen-Form nur noch stilisiert ist und die Konstruktion dem Wangentisch gleicht (weshalb ich das Modell vorher fälschlicherweise so bezeichnet habe).

    Übrigens: Barthel Beham aus Nürnberg zeigt aus 1524 auf dem Holzschnitt Spinnstube ebenfalls einen Schragentisch ohne Fußstege und etwa aus der gleichen Zeit auch Hans Holbein d. J. in seinem Ablasshandel.


    Da aber die typische Schragen-Form heute kaum mehr präsent ist, betrachtet man eher die nach innen weisenden Tischbeine (wie beim Holzbock), zusammen mit den flachen Stegen als maßgeblich für die Bezeichnung »Schragentisch«. Die meisten Bündner Schragentische und der Montafoner Tisch haben gerade, sich nicht mal andeutungsweise überkreuzende Beine. Dieser Typ geht auf den ›Fußbretttisch‹ zurück, den uns Dürer aus 1511 überliefert hat. Narziß Renner (1502–1536) aus Augsburg hat 1517 ein ähnliches Modell in Jacob Fuggers Büro verewigt: »Jacob Fugger mit seinem Buchhalter Matthäus Schwarz«, Aquarell aus der Modebildsammlung Das Schwarzsche Trachtenbuch.

    Hingegen stehen sowohl der Jogltisch, wie auch der Rhöntisch auf stilisierten Schragen (von modernisierten Versionen abgesehen) und sind eine Kreuzung des Schragentisches mit dem ›Fußbretttisch‹. Dass dies bereits um 1500 geschehen war, zeigt ja Lucas Cranach d. Ä. aus 1525.


    Was mich immer noch interessieren würde, ob es im nördlicheren Deutschland (wo ja die Füße manchmal ebenfalls frieren) keine Tische mit flachen Fußstegen gab.
     
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  3. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied


    Ich bin zwar beeindruckt über so viel Erudition zu einen so seltsamen Thema, beitragen kann ich leider nicht viel. Wenn ich jedoch in Zukunft vor einem mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Bild stehe, werde ich garantiert auf die Form der Tischbeine achten.
     
  4. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Hei danke, Bdaian! :)

    Das Thema ist doch gar nicht so seltsam! Habt Ihr nicht schon kilometerlange Threads gefüllt z.B. über einen Holzstecken, namens Bogen?

    Gut, in »Berlino« wird man wahrscheinlich nicht so häufig an einem Schragentisch sitzen. Oder doch? Mich jedenfalls haben die flachen Stege solcher Tische schon mehrmals genervt. Doch jetzt, wo ich weiß, wie geschichtsträchtig die sind, werde ich mich in Zukunft geehrt fühlen, an einem solchen Tisch zu sitzen.
     
  5. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Konnte mich von den Schragentischen nicht lösen:

    Endlich verrät ein interessanter Schragentisch (aus ca. 1650) im Landesmuseum Zürich, dessen Beine in deutlicher Schragenform zur Abwechslung gekreuzt sind, den eigentlichen Sinn der eingelegten Schieferplatte (die weder als Schneidebrett, noch zum Auflegen heißer Töpfe gedacht war): die Blatteinlage zeigt immer noch Spuren von weißer Kreide, mit den Resten von Rechenoperation (Bild).

    Ursprünglich kann also ein Tisch mit eingelegter Schieferplatte (sei es ein Schragen-, Wangen-, Kasten-, oder eben Schrägpfostentisch :D ) auch als eine Art Schreibtisch gedient haben, als Papier noch keine Selbstverständlichkeit war. Solche Tische mit Schieferplatte waren also auch »Rechentische«, wie das Museum dieses Modell nennt. Später kann dann das gute Stück auch zum Notieren von Ergebnissen beim Kartenspiel gedient haben.
     
  6. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Der Vollständigkeit halber hier noch eine kleine Typologie mittelalterlicher Tische mit Fußgestell.


    Zunächst die unterschiedlichen Gestellformen, die nicht nur als Untergestell für Tische genutzt wurden, sondern auch die Form der Stühle wesentlich beeinflussten:

    1. Gestell mit min. drei vertikalen Füßen, einfach oder mehrfach verbunden, entweder durch horizontale Stege und/oder zuoberst durch Zargen. Im Altertum wurden solche Gestelle auch mit zusätzl. diagonalen Streben verstärkt. Zum Sitzen wurde entweder eine Platte auf das Gestell gelegt, oder Leder/Stoff aufgespannt. (die Bespannung bereits stilisiert: ein hölzerner Hocker aus Ägypten, um 1400/1300 v. Chr.)

    2. Zwei rechteckige Rahmen, X-förmig miteinander verbunden, zunächst klappbar, später auch fix, dann auch stilisiert; die einfachste Variante des zusammenlegbaren Gestells. Zum Sitzen wurde auf das geöffnete Gestell auch hier entweder eine Platte, bzw. Leder/Kissen gelegt, oder ein Tuch gespannt. (vgl. Klapphocker von Daensen, um 1400 v. Chr., sowie etwa zeitgleich: Faltstuhl aus dem Tutankhamun-Grab)

    3. Zwei mit Stegen verbundene, S-förmige Rahmen, gekreuzt und klappbar, die S-Form gespiegelt; der sog. »Schragen«, der zum Sitzen wie die bereits genannten Gestelle ausgestattet wurde.

    Eine komplexe Anwendung der Form stellt der im Spätmittelalter entstandene, heute meist »Savonarola Stuhl« genannte Rippenstuhl dar, dessen Seiten aus vielen, parallel verlaufenden, S-förmigen Sprossen bestehen.

    Die Form war bei den Römern als sella curulis präsent, wonach die ursprüngliche stilistische Inspiration vmtl. Tierhörner geliefert haben.(?) Die überkreuzte S-Form der Stützen der sella curulis diente auch auf röm. Münzen als Statussymbol, wodurch der kurulische Stuhl als Vorlage für den Schragen durchaus in Frage kommt.

    4. Zwei A-förmig angeordnete Latten (oft mit Steg), zuoberst mit einer Querlatte verbunden, diente als Paar ebenfalls als Gestell für Platten; heute als »Holzbock« geläufig. Zumindest im Spätmittelalter gab es auch Gestelle, die nur einseitig in A-Form gebaut waren, während auf der anderen Seite ein einfacher vertikaler Pfosten die Querlatte stützte.

    5. ein horizontaler Balken, darauf 1–2 vertikale Sprossen, zuoberst mit einer weiteren horizontalen Querlatte abgeschlossen, die Konstruktion zweimal hingestellt und mit Stegen verbunden.



    All diese Arten von Gestellen wurden im Mittelalter auch als Tischbeine genutzt, später (wie bei Stühlen) fix montiert und die Form dann stilisiert:

    1. Der ›ordinäre Tisch‹ mit vertikalen Füßen war nicht nur im Altertum, sondern auch im MA verbreitet. Eine ebenfalls im MA und v.a. in der frühen Neuzeit gebräuchliche Abwandlung repräsentieren die Schrägpfostentische, deren Füße zur größeren Stabilität nach innen geneigt sind; das Wort ist ein Konstrukt aus der Not einer fehlenden Bezeichnung (auch von schweizer Museen verwendet), während bei entsprechenden rustikalen Stühlen mit dem schweizerischen Wort »Stabelle« auf die Bauart hingewiesen werden kann. (wobei es sich weder beim Tisch, noch beim Stuhl die Herstellung auf das Alpengebiet beschränkt)

    2. Sog. »Scherentische« mit den x-förmigen Füßen an beiden Seiten gehören zu den Wangentischen. Eine Tischplatte wurde zunächst nur bei Bedarf auf das klappbare Gestell gelegt, später dauerhaft montiert und die X-Form der Beine scherenschnittartig umgestaltet.

    3. Schragen wurden im MA nicht nur als Stühle, sondern auch als Tischgestelle genutzt und zumindest im Spätmittalter auch fix als »Schragentische« gebaut. Spätestens ab dem 15. Jh. erfolgte auch hier eine Stilisierung der Form, wodurch die Einordnung, ob »Scheren-« oder »Schragentisch«, manchmal schwer fällt, und sich die weniger präzise Bezeichnung »Wangentisch« anbietet.

    Dass heute in der Schweiz mancher rustikale Schrägpfostentisch als »Schragentisch« bezeichnet wird, entspringt dem modernen Verständnis des schweizerdeutschen Wortes »Schrage«, das über die Jahrhunderte den Bezug zur ursprünglichen Schragenform verloren hat.

    4. Provisorische Tische auf A-förmigen Holzböcken sind auf einigen Bildern aus dem MA zu sehen. Die Form konnte sich wegen der fehlenden Kniefreiheit jedoch nicht zu fix eingebauten Tischfüßen entwickeln.

    5. Die 90° gedrehten H-Gestelle führten zur Variante der Wangentische mit seitlich je einer Mittelsäule. (vgl. Pietro Lorenzetti, »Episodio della vita della beata Umiltà«, 1316). Eine Sonderform waren Wangentische, deren Wangen anstatt mit einem Steg, mit einer Platte verbunden waren, quasi als Sichtblende.

    Doch häufig bestand das Mittelstück der zwei Wangen aus zwei, oder auch aus mehreren Sprossen, was die obere Querlatte zusätzlich stabilisierte; die Voraussetzung für schwere Aufbauten, wie z.B. beim gotischen »Kastentisch«.



    Damit hoffe ich, alle gängigen Tischtypen im MA erfasst zu haben, abgesehen von eingebauten Spezialkonstruktionen und von Modellen, die anstatt auf einem Gestell auf Blöcken und Säulen standen (bei Altären aus Stein), sowie von Fantasieprodukten auf Abbildungen, die mehr von der Architektur als vom Mobiliar inspiriert waren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Oktober 2015
  7. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Deshalb hat man auch bis vor nicht so lange vergangener Zeit davon gesprochen, "die Tafel aufzuheben", wenn das Essen beendet war. Der Ausdruck war ursprünglich wörtlich gemeint.
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  8. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Die Redewendung kannte ich nicht. Es macht nachdenklich, dass bis vor etwa 600–700 Jahren die Menschen kaum gesessen sind, und ihre Tische nach dem Essen gleich wieder zusammengelegt haben.

    Es war die Fähigkeit zu schreiben und die Beschäftigung damit, was andere geschrieben haben, was die Menschen an die Tische band. Tischplatten mit eingelegten Schieferplatten sind hier eine Zwischenstufe. Erst die Verbreitung der Papierherstellung trieb die Entwicklung des ›Stehmenschen‹ zum ›Sitzmenschen‹ voran. (Allerdings wird an der Vielsitzerei die langsame Abschaffung des Papiers nichts ändern.)


    Wie ungern man sich an den Tisch setzte, zeigt das Sitzverhalten der Franzosen, die sich bis etwa 1700 höchstens seitlich sitzend ihren Papieren hingaben.(abgesehen natürlich von den seltenen Vielschreibern, wie z.B. den Mönchen) So hatte der gentilhomme des 17. Jhs. an seinem prunkvollen bureau Mazarin, immer nur ein Knie unter dem Tisch (die relativ schmale und nicht allzutiefe Einbuchtung in der Mitte hätte beide Knie etwas eingeengt), während er das andere Bein auf der Seite, wo auch sein Schwert hing, läßig draußen behielt. Erst um 1700 setzte bei Männern die volle Hinwendung zu ihren Papieren ein (ob das mit dem Kopfsteuer von Louis zu tun hat?), was an der Entwicklung des franz. Schreibtisches gut abzulesen ist, während sich die Damen noch lange Zeit mit zierlichen Schreibtischchen abmühten, was eher als Beistelltisch zum Reifrock gesehen werden muss.
     
  9. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Zum Thema »Schragentisch«

    Zum Begriff »Schragen« eine ergänzende Erkenntnis, die manche meiner vorherigen Behauptungen relativiert: bei meiner Recherche ließ ich mich zu sehr von Wappenbildern zur Annahme verleiten, der Schragen sei ursprünglich ausschließlich ein Gestell mit gekreuzt montierten Beinen in S-Form gewesen. :tuete:
    Im Zusammenhang mit klappbaren Lehnstühlen, deren Form die Renaissance auf die römische »sella curulis« zurückführte, tauchte die Frage erneut auf.

    Tatsache bzgl. »Schragen« sind nur folgende Punkte:
    • im MA war der Schragen ein mobiles, für verschiedene Zwecke einsetzbares Holzgestell;
    • der Schragen hatte »schräge« Beine.

    Zu den folgenden Punkten konnte ich aber keine Anhaltspunkte finden:
    • ob man unter »Schragen« ausschließlich Gestelle mit gekreuzten Beinen verstand;
    • ob der mittelalterliche Schragen ausschließlich s-förmig geschwungene Beine hatte.

    Daraus folgt die Erkenntnis, dass ursprünglich
    • auch das x-förmige »Scherengestell« (mit geraden Beinen),
    • und sogar auch ein Bock mit Beinen in A-Form
    möglicherweise als »Schragen« bezeichnet wurde.

    Dies würde gegen eine semantische Verschiebung des Begriffs »Schragen« sprechen: die heutige schweizerische Bezeichnung »Schragentisch« für das Modell mit schräg montierten Beinen (passend zu den Stabellen), welches früher in ganz Europa verbreitet war, müsste demnach der früheren Bedeutung von »Schragen« nicht unbedingt widersprechen.

    Nach ausgiebiger Lektüre zum Thema scheint mir die Bezeichnung »Schrägpfostentisch« für diese Modelle eine Wortkreation eines einzelnen Historikers zu sein, der mit viel Fachwissen als Vorbild für andere Autoren dient (in einem Fachgebiet, in dem ohnehin viele Autoren versuchen, neue Begriffe zu etablieren).

    Abschließend kann ich deshalb nur festhalten, dass die Verwendung des Begriffs »Schragentisch« sowohl bei »Scherentischen«, als auch bei Tischen mit gekreuzten und s-förmig geschwungenen Beinen, und sogar bei solchen mit lediglich schräg montierten Beinen nicht abwegig ist.



    Zum Vorbild des Klappstuhls der Renaissance mit Armlehnen und gebogenem Rahmen

    Der klappbare Lehnstuhl der Renaissance ist nicht ganz unwichtig bei der Entstehung von Möbelformen; die Form ist maßgeblich verantwortlich für den Fauteuil, sowohl für den Begriff, wie auch für das Aussehen bis ins frühe 19. Jh.

    Auf vielen Abbildungen aus der Antike besteht die sella curulis aus zwei Halbbögen, der obere Bogen umgekehrt auf den unteren Bogen montiert, wodurch die Konstruktion an eine Wippe erinnert. Auf manchen Abbildungen aber ist die S-Form der gekreuzten Beine deutlich zu erkennen, was die ursprüngliche Klappbarkeit nahelegt und funktional auch mehr Sinn macht.

    Der ursprüngliche Grund für die S-Form gekreuzter Beine bei Gestellen:
    • die Benutzung von Tierhörnern als Beine, wobei die Bearbeitung von Horn aufwendiger ist als von Holz (weshalb die Ausführung aus Hörnern eher als die teure Abwandlung einer bereits üblichen Holzkonstruktion gelten kann);
    • die seitliche Sicherung von Baumstämmen (die wäre allerdings auch mit geraden Beinen gewährleistet, wodurch die S-Form lediglich als eine aufwendigere, bzw. kunstvollere Variante darstellt);
    • die horizontale Ausrichtung der flachen Enden, damit diese flach auf dem Boden liegen, bzw. als flache Auflage dienen können (mit dem schrägen Absägen der Enden wäre dies aber auch mit geraden Beinen zu bewerkstelligen, was die S-Form auch für diesen Zweck als die aufwendigere Variante, nicht aber als Notwendigkeit hinstellt).


    Ob die sella curulis tatsächlich das Vorbild für den Klappstuhl der Renaissance war? Oder kopierte die italienische Renaissance mittelalterliche Herrscher-Klappstühle aus dem Norden und leugnete ihre Referenz, indem sie auf die eigene Geschichte hinwies?

    • Charakteristisch für das Mobiliar des Mittelalters sind multifunktionale, oft auch mobile Konstruktionen. Insbesondere die Klappbarkeit von Lehnen und Tischplatten war verbreitet. Der Verzicht auf massige Möbel (mobile Einrichtungen) kann auch als ein aus den Wanderungen übriggebliebenes Überbleibsel der Mentalität gedeutet werden (und muss nicht nur der Reiseherrschaft zugeschrieben werden, da die Mode auch das bürgerliche und kirchliche Mobiliar betraf).
    • Ein nach Dagobert I. benannter herrschaftlicher Klappstuhl aus dem 9. Jh. weist Funktionen auf, welche das Vorhandensein von Schragen in diversen Formen nahelegen und die sella curulis als Vorbild nicht erkennen lassen. Einzig die einem Herrscher vorbehaltene Komplexität der klappbaren Konstruktion stellt eine Parallele zum römischen Statussymbol dar. Hingegen ist das Erscheinungsbild des Dagobert-Throns dem Klappstuhl der Renaissance deutlich näher als die des kurulischen Stuhls.
    • Fest steht, dass der klappbare Schragen mit geschwungenen Beinen allerspätestens um 1200 in Gebrauch war. Burchard der Schwarze von Irxleben mit einem s-förmigen Schragen im Wappen soll diesen ab dem 10. Jh. getragen haben. Manche spätmittelalterliche Klappstühle hatten bereits gebogene Beine, wie auch ein Stuhl aus dem Benediktinerstift Admont (heute im Museum für angewandte Kunst in Wien), der im 13. Jh. hergestellt wurde, d.h. etwa 200 Jahre vor der Ausbreitung der Renaissance nach Norden.

    Gewiss war die auflodernde Produktion des Klappstuhls in der Renaissance durch das Erscheinungsbild der sella curulis begründet. Die eigentliche Vorlage könnte aber ebenso aus dem Norden stammen, wo klappbare Gestelle und Stühle mit gebogenen Beinen bereits verbreitet waren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. August 2016

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