Zur Bedeutung rechtsradikaler Einstellungen in der deutschen Gesellschaft

Dieses Thema im Forum "BRD | DDR" wurde erstellt von thanepower, 13. Oktober 2010.



  1. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Nein, ich denke nicht, daß diese Problematik auf die Ausführung von Befehlsgewalten zurück zuführen ist. Das ist dann mehr das Problem nachdem die Ideologie "regiert".

    Aber dieses rechte Gedankengut, wo hat es seinen Ursprung? Und wieso kann es sich doch immerwieder so fest in den Köpfen halten? Ich erinnere mich mit Grausen an die Aktionen in den 90igern in Rostock, als auch augenscheinlich ganz normale Bürger wie ein wütender Mob loszogen und dabei rechtsextremistische Sprüche klopften.

    Hier gab es keine Gehrinwäsche durch rechtsextremistische Verbände oder Parteien. Und dieses Grundverhalten steckt auch heute noch in vielen Köpfen und diese war auch sicherlich schon vor dem emporsteigen der NSDAP vorhanden.
     
  2. Lili

    Lili Moderatorin

    Spontan würde ich den Ursprung in der Theorie zu sozialen Gruppen und bei den gruppendynamischen Prozessen suchen (Stichworte wären bspw. Abgrenzung oder Beziehungsstruktur Inner- und Outer-Group). Eine weitere Möglichkeit wären Theorien zum Selbstkonzept, um so auch die individuelle Ebene abzudecken. Man kann schließlich auch individuell rechts denken. Wenn dich sozialpsychologische Erklärungsansätze dazu interessieren, kann ich mal schauen, was ich finde.
     
  3. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @Köbis17

    Die haben gar nichts falsch gemacht, die waren nur von dem Paradigmenwechsel bei einigen Jugendlichen überrascht. In der DDR gab es eine rigide repressive Erziehung, die sich in vielen Inhalten und Formen manifestierte.*

    Totalitäre Regimes ähneln sich in den Machtmechanismen und diese wurden von klein auf "eingeübt". Der Wechsel von "rot" zu "braun" war jedenfalls in Bezug auf Formen und, mit vielen Einschränkungen bei den Inhalten, bei den Inhalten insbesondere von den Legitimationsgrundlagen abgesehen, einigermaßen identisch. (Das bedeutet keine Gleichsetzung zwischen NS-Diktatur und DDR-Diktatur).

    M. :winke:

    *Mal paar rhetorische Fragen:

    Das ist nicht polemisierend gegen Dich, bitte verstehe das richtig, sondern in Bezug auf unsere Mitdiskutanten, die das nicht erleben mußten.

    Fandest Du Fahnenappelle cool? Warst Du gern bei den Pionieren, der FDJ? An der Uni im ML Seminar; "Das Sein bestimmt das Bewußtsein" usw., klar habe ich diese These bejaht, einfach um Ruhe zu haben und nicht "anzuecken" und Du?
    Hast Du Deine Lehrer nicht angelogen, bei bestimmten politischen Fragen (?), ich habe es.
    Hast Du nicht gelernt und wurdest Du nicht so sozialisiert, daß der Recht hat, der die unmittelbare Gewalt hat, jenseits jeder juristischen Überprüfbarkeit?
    Wußtest Du nicht, daß es zwischen formellen Recht und informellen Konsequenzen eine große Diskrepanz gab?
     
  4. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Na, daß ist aber weitab vom Thema.


    Aber was doch offensichtlich ist, daß die Jugend unmittelbar nach der Wende und später in den 90iger empfänglicher für rechtes Gedankengut war, als gleichaltrige aus dem Westen. Auch wird mit dem Mauerfall das Entstehen bzw. der extremen Vergrößerung der Mitgliederzahl von konservativen bis rechtsextremistischen Parteien wie z.B. den REPs oder der DVU verzeichnet.

    Aber gerade die Bevölkerung in der DDR und dabei die 18 - 30ig Jährigen sind in der DDR aufgewachsen und wurden auf deren Ideologie gesellschaftlich eingebunden und erzogen und dennoch ist das rechte Gedankengut in den Köpfen nicht verschwunden. Im Gegenteil, es trat nach dem Ende des DDR Regimes noch verstärkt ans Tageslicht. Warum?
     
  5. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Die Reps waren schon vor dem Mauerfall im Westen aktiv und es wurde von den Medien in der DDR keine Gelegenheit ausgelassen, darauf eilfertig hinzuweisen. Nun machen viele junge Menschen aus Prinzip das Gegenteil, was man von ihnen will.
    Da @Köbi ausdrücklich Rostock-Lichtenhagen anspricht, das sehe ich als Ausnahme, weil viele Hunderte Roma ohne ausreichende Versorgung draussen im Wohnviertel rund ums Heim kampierten. Damit waren Behörden und Anwohner überfordert. Gegen Vietnamesen ging es dort jedenfalls nicht. Dennoch fürchteten sich danach sogar Skandinavier vorm Anreisen mit der Fähre, das Bild in der internationalen Presse war verheerend.
    Den Ruf ist die Stadt nie wieder los geworden.

    Außerdem halte ich es für falsch, rechtes Gedankengut auf junge Leute zu beschränken, das zeigen auch die Älteren. Auch wenn diese vielleicht keine Mollis werfen oder offen demonstrieren. Braunes Gesocks gibt es in allen Altersgruppen.
     
  6. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Naja, BeBe, den Bezug auf die Jugend hatte ich gewält, weil hier keine Vorbelastung mit Erfahrungen aus der Zeit des 3. Reiches bestehen konnten.
    Aber Grundsätzlich muß es doch einen Nährboden für solche Gedanken vorhanden sein. Das wird doch nicht durch das Lehren an sich in einer Bevölkerungsgruppe übertragen, oder doch? Das schlummert in einer anderen Gegend des Gehirns...ein sogenannter "Schläfer" vielleicht?
     
  7. Melchior

    Melchior Neues Mitglied


    Die Jugendlichen in der DDR, die repressiv erzogen und sozialisiert waren, liefen in der "Wendezeit", bis in die Anfänge der 1990'er Jahre in ein "Macht- bzw. Deutungsvakuum", manchmal vllt. auch nur gefühlt. Dieses "Macht- bzw. Deutungsvakuum" mußte gefüllt werden. Natürlich boten sich dann totalitäre Erklärungsmuster an, die ja bereits eingeübt waren, die mit vermeintlich einfachen Lösungsansätzen halfen, das gefühlte "Macht- und Deutungsvakuum" zu füllen. Hinzu kam der vollständige Autoritätsverfall des gleichsam vorher allmächtig empfundenen "DDR-Machtapparates". Ich denke, diese Gemengenlage hat viel ostdeutsche Jugendliche im Uz zu rechtsradikalen Organisationen "getrieben".

    M. :winke:

    P.S.: Hättest Du seinerzeit irgendwelche, sich als rechtsradikal bezeichnende/bekennende Jugendliche befragt, was z.B. die "Brechung der Zinsknechtschaft" bedeutet, die Antworten wären bestimmt satirereif.
     
  8. Ingeborg

    Ingeborg Premiummitglied

    Nun ja, der Begriff 'Jugend' wäre vielleicht Definitionssache. Jedoch kann ich mit meinen inzwischen (noch) 56 Jahren eindeutig ausschließen, daß bei mir Erfahrungen aus der Zeit des 3. Reiches bestehen.

    Autoritäre Ideologien sind aber zb für Personen 'interessant', die mit einem einfachen Weltbild gut zurechtkommen bzw auf dieses angewiesen sind (wobei dies zwei unterschiedliche Personenkreise sein können). Wenn sich noch ein Gefühl des Zukurzgekommenseins (ob gefühlt oder tatsächlich) dazu gesellt, wird die Möglichkeit der Akzeptanz einer autoritären Ideologie größer.
     
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  9. Barbarossa

    Barbarossa Neues Mitglied

    Wobei man auch dazu sagen muß, daß es bei den Kravallen in Rostock einen regelrechten "Kravalltourismus" gegeben hat - rechtsgerichtete Jugendliche aus ganz Deutschland sind eigens dazu angereist. Allerdings gab es auch tausende "Schaulustige", die dazu Beifall klatschten. Die Bürger des Stadtteils waren insgesamt sehr aufgebracht über die Zustände um das Asylbewerberheim, das mitten im Stadtteil lag - sie erzählten in den Interviews übereinstimmend u. a. von vielen Diebstählen. Schon Monate vorher hatten sich die Bürger darüber beschwert, aber zu lange geschah nichts. Ich denke, hier war das Maß des Erträglichen einfach voll und wenn dann noch eine hohe Arbeitslosigkeit bei der Bevölkerung dazu kommt, dann braucht sich niemand darüber wundern, wenn es irgendwann knallt. (Bitte nicht falsch verstehen - ich bin natürlich dagegen, Probleme gewaltsam lösen zu wollen. Das funktioniert auch gar nicht.)
    Die Kravalle fielen zeitlich in die Phase der Ernüchterung, die auf Grund von Massenentlassungen in den Betrieben der Einheitseuphorie folgte. Man rief noch nach den Politikern, war aber zunehmend enttäuscht von ihnen. Ich bin deshalb auch nicht der Meinung, daß enttäuschte Bürger gleich als rechts abgestempelt werden. Aber letztendlich entstehen Radikalisierungen von Teilen der Bevölkerung fast immer aus sozialen Spannungen heraus.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Oktober 2010
  10. beetle

    beetle Aktives Mitglied

    die Republikaner waren (und leider sind) in Bayern sehr aktiv. Ich erinnere mich an Kundgebungen, reisserische Stimmen, Schönfärbereien in meiner Geburtstadt (Oberbayern) auf dem Hauptplatz Ende der 80er. Von weitem habe ich zu gehört. Reden konnte jemand wie Schönhuber.

    In meinen Augen ist dieses Redetalent - das vielen Köpfen rechtsgerichteter Organisationen gegeben scheint - so etwas wie das Mittel des Rattenfängers. Persönlich denke ich, dass rechtsgerichtete Organisationen oftmals sehr viel besser organisiert sind, als "Linke"
     
  11. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Beim Lesen des sehr empfehlenswerten Buchs von Mai, Europa 1918 - 1939. Mentalitäten, Lebensweisen, Politik zwischen den Weltkriegen ist mir einmal mehr wieder deutlich geworden, wieviele Konzepte es gibt, die als Begriff bzw. Konstrukt für die Weimarer Republik und weiter auch für das Dritte Reich verwendet wurden und dennoch in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit eine deutliche inhaltliche Transformation erlangt haben.

    Der Bruch im Überganz vom Kaiserreich zur Weimarer Demokratie, die traumatischen Erlebnisse des WW1 und der kollektive wirtschaftliche Abstieg, auch vor dem Hintergrund des als nationale Schande empundenen Versailler Vertrags, bildet eine historische Kulisse, die trotz des totalen Zusammenbruchs am Ende des 3. Reichs nicht mit der post WW2-Situation zu vergleichen ist.

    Unter dieser Voraussetzung kann man den Rechtsextrmismus der pre WW2-Phase mit dem der post WW2-Phase mit Hilfe der gleichen Konstrukte theoretisch erfassen, dennoch ergibt sich eine Spannung im Vergleich der beiden Epochen.

    Dieses Problem wird besonder deutlich, sofern man den Aufsatz von Broszat (Soziale und pychologische Grundlagen des Nationalsozialismus, in: Feuchtwanger: Deutschland-Wandel und Bestand, S. 129ff) heranzieht, um die Elemente der NS-Bewegung analytisch zu greifen.

    Relevant erscheint mir diese Carakterisierung der NS-Bewegung deswegen, weil in der Tat strukturelle Ähnlichkeiten bewußt oder unbewußt vorhanden sind.

    Als komplexe Merkmale, die faschistische Bewegungen definieren, führt Broszat folgende Merkmale an:
    1. Rückwendung zur Vergangenheit
    2. nationalen Heroismus bzw. Größe
    3. Streben nach Reinheit und Reinigung des Volkskörpers
    4. Streben nach der Wiederbelebung vermeintlicher urtümlicher völkischer Lebensäußerungen
    5. Verkündung einer sozialen Erneuerung unter Berücksichtigung korporativer Organisationsformen
    6. Verfolgung der Ziele einer Einfachheit des sozio-kulturellen Lebens
    7. fanatische Verurteilung des internationalen Sozialismus
    8. Verachtung des politischen Liberalismus und der Demokratie
    9. Bedeutung einer neuen nationalen Elite und eines Führertums
    10. Prinzip von Befehl und Gehorsam im Rahmen definierter Hierarchien

    Bringt man diese Prinzipien von faschistischen Bewegungen in einen Bezug, auch zur These von Melchior, dass insbesondere in Zeiten krisenhafter sozialer und ökonomischer Entwicklunge rechtsextreme Bewegungen an Zulauf gewinnen, dann verweist die These auch auf das Problem der Legitimation politischer Systeme.

    Und dieses Problem setzt an der zunehmenden Komplexität politischer und ökonomischer Systeme an, die auf eine Eigendynamik hinauslaufen, die sich der Intervention durch den menschlichen Akteur entzieht.

    Vor diesem Hintergrund der Entfremdung der Staatsbürger, und in diesem Fall insbesondere der Schichten mit einem formal niedrigeren Bildungsabschluss, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass "einfache" politische Konzepte akzeptiert werden.

    Das Resultat schlägt sich in den entsprechenden Studien zu einem rechtsextremen Weltbild im Rahmen z.B. der Sinus-Studie nieder.

    Und betrachtet man den Tenor der obigen Prinzipien, dann reduzieren sie die zunehmende Differenzierung des gesellschaftlichen Lebens auf eine Reihe simpler Prinzipien. Und vor allem delegieren sie die Verantwortung an einer "übermenschlichen" Führer, der assistiert wird von einer besonders talentierten nationalen Elite.

    Und genau an diesem Punkt verläuft die Schnittlinie zwischen der längeren historischen Schnittlinie und der Schnittlinie der Historie der Entwicklung rechtsextremer Bewegungen in den achtziger Jahren. Und macht deutlich, welch hohe Attraktivität die rechtsextreme Ideologie besitzt in Zeiten zunehmder Wirtschafts-, Gesellschafts- und Politikkrisen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Oktober 2010
  12. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    So richtig verstehe ich nicht, was du damit sagen willst.
    Siehst du Parallelen bei den genannten 10 Punkten zwischen der Weimarer Republik und den 80er Jahren oder gerade nicht?
     
  13. Barbarossa

    Barbarossa Neues Mitglied

    Direkte Vergleiche kann ich da nicht anstellen - dazu reichen meine Infos nicht aus.
    Aber um noch einmal auf die Ereignisse von 1992 zurück zu kommen:
    Ich habe mir am Abend einmal alte Videomitschnitte angeschaut, die ich gemacht habe, als die Randale in Rostock liefen, um mir das nochmal genauer ins Gedächtnis zu rufen. Und da wurde u.a. auch einer der Randalierer interviewt und der sagte ganz klar, daß damals Flugblätter an alle Kameraden verteilt wurden, auf denen stand, wo und wann man sich zu den "Aktionen" trifft. Das heißt, das Ganze lief schon sehr koordiniert ab und es gab ja tatsächlich eine ganze Serie von Angriffen vor allem auf Asylbewerberheime - außer in Rostock vor allem auch in Hoyerswerder u.a. Und übrigens gab es genau in der Woche der Randale in Rostock ein weiteres sehr bedrückendes Ereignis. Bei meinen Mitschnitten war auch die Sendung "Vor Ort" des ORB in Eberswalde (Land Brandenburg) dabei. Diese Sendung konnte nicht, wie geplant unter freiem Himmel stattfinden, sondern fand statt dessen in einem Gebäude unter Polizeischutz statt, weil selbst diese Livesendung von rechten Gruppen bedroht wurde.
    Nicht zufällig suchten sich die Rechten übrigens insbesondere ostdeutsche Städte aus, da sie ganz genau wußten, daß es dort eine große Unzufriedenheit der Bevölkerung gab. Mit einem Eingreifen der Bevölkerung gegen die Rechten war deshalb nicht zu erwarten - auch das wußten sie.
    Insgesamt muß man für das Jahr 1992 wohl von einem "Großangriff" der Rechten auf den demokratischen Staat sprechen, mit dem Ziel, den Staat im Chaos versinken zu lassen. Diess Ziel wurde zwar nicht erreicht, doch das Image einiger Städte war durchaus ruiniert.
     
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  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Gut, ich gestehe ich war zeitlich getrieben, da ich "Neues aus der Anstalt" sehen wollte und habe gemessen an der Komplexität des Themas ein wenig schluderig formuliert. :S

    Die Aussage ist dennoch relativ einfach. Es ergeben sich m.E. Parallelen zwischen Weimar und der BRD in den siebziger und achtziger Jahren als in beiden Fällen die republikanischen Traditionen (vgl. z.B. Peter Reichel: Die politische Kultur der Bundesrepublik, S. 126ff) nicht verankert bzw. verinnerlicht waren auf der Ebene der kollektiven politischen Werte in einzelnen gesellschaftlichen Schichten.

    Das subjektiv wahrgenommene Politikversager durch Teile der Gesellschaft, das objektiv möglicherweise gar nicht vorhanden war, führte zu einer Entfremdung vom politischen System. Die einen antworteten im Rahmen einer politischen Radikalisierung im Rahmen der APO, andere durch die aktive bzw. passive Abwanderung in des rechtsextreme Lager.

    Im Umfeld dieses politischen Vakuums ist es für eine rechtsextreme Bewegung vergleichsweise einfach, insbesondere in der politisch nicht einem bestimmten Milieu zugehörigen Unterschicht, erfolgreich zu agieren, da sie "Erlösungsversprechen" vornimmt. Diese Versprechen, die der aktuellen politischen Agenda angepasst werden, werden in das Umfeld der obigen Prinzipien von faschistischen Bewegungen gestellt.

    Die Folge ist, wie die historischen und aktuellen Daten (von Sinus bzw. vom Spiegel-Link siehe #1) zeigen, dass bei Teilen der Bevölkerung ein rudimentäres bzw. vollständiges rechtsextremes Weltbild vorhanden ist, wie z.B. ersichtlich aus folgendem Item:

    "Wir sollten wieder einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert"
    Zustimmung in %
    - Sinus-Studie aus den 80er Jahren 14 %
    - aktuelle Studie von 2010 13, 2 %

    Dass es aber auch starke Unterschiede zwischen dem historischen Original und den Nachfolgeorganisationen gibt, hat die Diskussion in diesem Forum über die NS-Bewegung als "Jugendbewegung" gezeigt. Ein Pänomen, an das die rechtsextreme Bewegung in den siebziger und achtziger Jahre in dieser Form nicht anknüpfen konnte.

    Und somit ergibt sich, in Anlehung an Mai und die Darstellung der völlig unterschiedlichen Situation in den zwanziger Jahren, die Einschätzung, dass sich äußerlich rechtsextreme Bewegungen ähneln, sie aber nicht lediglich eine schlichte Wiederholung des historischen Originals sind.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Oktober 2010
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  15. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Seit bitte so freundlich und seht mir meine Zitierweise nach (farbig [blau] markiert und dem Mitdiskutanten zugeordnet). Die Nutzung der Zitierfunktion wäre mir jetzt zu unübersichtlich.

    @Barbarossa

    Was Du in #49 und #53 beschreibst spiegelt sehr gut die Desorientierung und Deformation der ostdeutschen Bevölkerung in 1992 wider, und zwar als die Folgen der Wiedervereinigung sich sozial manifestierten. Der Transformationsprozeß lief auf ökonomischen Gebiet gleichsam auf "Hochtouren", der soziale und mentale Transformationsprozeß folgte dem ökonomischen naturgegebenermaßen nur zögerlich, das ist m.E immer so. Der Spagat beider Transformationsprozesse erzeugte nicht nur soziale Unsicherheit (Lebenssicherung, Zukunftssicherung etc.), sondern auch eine gefühlte Desillusionierung zwischen den projezierten vermeintlichen "Verheißungen" der Wiedervereinigung und dem persönlich erfahrenen Ergebnissen der Wiedervereinigung. Das gilt in besonderem Maße für Kinder und Jugendliche, die gleichsam über Nacht ihr Werte- und Bezugssystem verloren haben. Ihre Unsicherheit, also genau das Fehlen eines nachhaltigen Werte- und Bezugssystem, projezierten sie auf das schwächste und auch für viele Ostdeutschen unverständlichsten Teil des neuen gesellschaftlichen Systems, nämlich die Asylbewerber. Diese politische, ökonomische und soziale Gemengenlage am Anfang der Transformationsprozesse und deren Spagat war der m.E. der Ausgangspunkt der von Dir geschilderten Krawalle, logisch lösen soche Krawalle immer auch bestimmte Vorkommnisse, individuelle Determiniertheiten, gruppendynamische Prozesse usw. aus. Klar haben rechtsradikale Organisationen dieses auch genutzt und vllt. auch im weiteren Verlauf organisiert, das weiß ich aber nicht. Die Kids selbst waren nicht rechtsradikal, vllt. hätten die sich selbst so bezeichnet; aber die haben gespürt, daß diese "Aktionen" die höchste Aufmerksamkeit erzeugt, medial und leider auch bei ihren Eltern bzw. dem persönlichen Umfeld.

    "...Insgesamt muß man für das Jahr 1992 wohl von einem "Großangriff" der Rechten auf den demokratischen Staat sprechen, mit dem Ziel, den Staat im Chaos versinken zu lassen. Diess Ziel wurde zwar nicht erreicht, doch das Image einiger Städte war durchaus ruiniert." (Barbarossa #53)

    Entschuldige bitte, aber da möchte ich Dir widersprechen. Was spricht gegen Deine These. Die Angriffe erfolgten gegen die Schwächsten, die Asylbewerber, und nicht gegen Institutionen des Staates (z.B. Polizei, Justiz, Politik etc.). Von einem "Marsch auf Berlin" waren eventuelle rechtsradikale Organisatoren, die sich diese spontanen Aktionen zu nutze gemacht haben, weit entfernt, die Kids sowieso. Natürlich wurden nicht nur das Image von Städten zerstört, sondern auch das Image der "Ostdeutschen", als fremdenfeindliche, widerwärtige Spießer. Da hast Du allerdings recht.

    @thanepower

    "...Unter dieser Voraussetzung kann man den Rechtsextrmismus der pre WW2-Phase mit dem der post WW2-Phase mit Hilfe der gleichen Konstrukte theoretisch erfassen, dennoch ergibt sich eine Spannung im Vergleich der beiden Epochen.

    Dieses Problem wird besonder deutlich, sofern man den Aufsatz von Broszat (Soziale und pychologische Grundlagen des Nationalsozialismus, in: Feuchtwanger: Deutschland-Wandel und Bestand, S. 129ff) heranzieht, um die Elemente der NS-Bewegung analytisch zu greifen.

    Relevant erscheint mir diese Carakterisierung der NS-Bewegung deswegen, weil in der Tat strukturelle Ähnlichkeiten bewußt oder unbewußt vorhanden sind. ..." (thanepower #51)

    Ich habe mir die entsprechenden Parteiprogramme angeschaut (eine Verlinkung erspare ich mir, zumal ich keine "virtuellen Kopfnüsse" riskieren mag ;) - die ich im übrigen verstehen würde). Natürlich werden Parteiprogramme dieser Parteien auch mit Blick auf die Überprüfung durch den VS, den polizeilichen Staatsschutz und Gerichte abgefaßt*. Die zehn Punkte die Broszat formuliert hat, beziehen sich auf die Traumatisierung der deutschen Gesellschaft nach dem I.WK (Versailles, Hyperinflation usw.) und explizit auf die NS-Bewegung, Du sprachst es in #51 an. Rena8 hat es in Ihrem Beitrag #52 auf den Punkt gebracht:

    "Siehst du Parallelen bei den genannten 10 Punkten zwischen der Weimarer Republik und den 80er Jahren ..." (rena8 #52)

    Ich jedenfalls sehe zwischen der Weimarer Republik und der Bundesrepublik der 1980'er und 1990'er Jahre kein Kontinuum, im übrigen auch kein Kontinuum bei den rechtsradikalen Parteien bzw. Organisationen (die DRP wäre vllt. gesondert zu untersuchen).

    o.t.

    Ich wohne in Berlin-Köpenick, leider befindet sich da auch die Zentrale der NPD, weißt was mich ruhig schlafen läßt, daß diese Zentrale wenn notwendig, durch die Berliner Polizei bewacht wird und nicht durch irgendwelche paramilitärischen Ableger der NPD, so sie diese hat. O.k. unwissenschaftliche Argumentation, aber sehr beruhigend.

    @beetle

    "...Persönlich denke ich, dass rechtsgerichtete Organisationen oftmals sehr viel besser organisiert sind, als "Linke"." (beetle #50)

    Während sich Rechtsradikale meist gegen Schwache wenden, Asylbewerber, Ausländer allgemein, Obdachlose, sind die Aktionen von Linksradikalen häufig gegen Vertreter der Wirtschaft, gegen die Polizei usw. gerichtet. Die Organisationsstrukturen sind halt anders und werden somit auch anders wahrgenommen, die Rechten, thanepower erwähnte es, eher hierarchisch, die Linksextremen eher graswurzelrevolutionär.

    Sorry, wegen der Länge des Postings.

    M.

    * Ich weiß, ein Ausflug in die Politik.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Oktober 2010
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  16. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Hm, verstehe ich nicht diese Äußerung. Habe selber auf den Bruch bzw. die Transformation der Ideologie hingewiesen!

    Die Kriterien sind übergreifend für faschistische Bewegungen in Europa definiert worden und besitzen somit einen Allgemeinheitsanspruch im Sinne eines generellen analytischen Rasters. In diesem Sinne sind sie m.E. heute noch aktuell und es lassen sich durchaus empirische Beispiele finden für das Vorhandensein dieser Kriterien.

    Das Kontinuum bezieht sich auf die Nutzung der transformierten ideologischen Inhalte, die den historischen Bezug verdeutlichen und gleichzeitig ausreichend realitätsbezogen sind, um im politischen Wettbewerb bestehen zu können.

    Ansonsten eine ähnliche Einschätzung zur Bedeutung des rechtsextremen Potentials im Spannungsverhältnis zur organisatorsichen Basis auch bei:

    Rechtsextremismus in der Bundesrepublik - Google Bücher

    (insbesondere S. 117)
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Oktober 2010
  17. Lili

    Lili Moderatorin

    Ich habe etwas Bauchschmerzen mit zwei Aussagen von dir, @thanepower, die ich deshalb nicht unkommentiert stehen lassen möchte:
    Keine der faschistischen Bewegungen der Vergangenheit erwuchs aus der "ungebildeten Unterschicht". Klar hatten sie dort auch die entsprechenden Unterstützer und Befürworter, nichts desto trotz ist der Ursprung und die breite Unterstützung eher in der bürgerlich-konservativen (teilweise monarchistischen) Fraktion zu suchen. Genau das zeigen u.a. auch die Studien auf die du verweist und die du teilweise zitierst: diese rechtsextremistischen Aussagen kommen eben nicht mehrheitlich von den gesellschaftlichen Rändern bzw. von "der Unterschicht", diese Aussagen kamen mehrheitlich aus der bürgerlichen Mitte und zwar unabhängig von Bildungsniveau, Herkunft, Einkommen, Alter und in der 2010er Studie erstmals auch Geschlecht (in den Vorgängerstudien waren Männer anteilmäßig rechtsextremer als Frauen). Die entsprechenden Studien stehen en detail online, da ein Verlinken mE zu tagespolitsch wäre, gibts die Links Bei Interesse gerne per PN.
     
  18. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Hallo, die Aussagen bezogen sich auf die siebziger und achtziger Jahre und nciht auf die dreißiger. Und deuteten an, dass soziale Ungleichheit ein Grund sein kann, ein rechtsextremes Weltbild zu entwickeln, ergänzt durch andere situative Aspekte (Sinus Studie, 1981, S. 102).

    Und sind auch vor dem Hintergrund der Arbeiten zum autoritären Charakter zu interpretieren.

    Ansonsten bestätigen die aktuellen Studien zu diesem Thema die "Deprivationsthese" und die "kollektiver Niedergang"-These als Ansatz zur Erklärung.
     
  19. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das sind immanente Wesens- und Charakterzüge des Menschen, die ihm lediglich durch eine Jahrtausende währende Disziplinierung, Zivilisierung und hierarchische Ordnung abtrainiert wurden. Sie schlummern unter der Oberfläche und kommen bei einer spezifischen Charakterstruktur und auslösenden Faktoren zum Durchbruch.

    Wie Lili schon sagte, ist der Rechtsextremismus nicht auf die "ungebildete Unterschicht" beschtänkt, sondern findet durchaus einen Nährboden unter Intellektuellen. Man denke nur an Geert Wilders, Jean-Marie Le Pen, den verblichenen Jörg Haider oder die Führer der italienischen Neofaschisten. Oft ist es freilich so, dass solche Leute nicht die schmutzige Arbeit erledigen, sondern den Mob und Pöbel für ihre Zwecke instrumentalisieren.

    Allerdings gibt es eine Grauzone zwischen Rechtsextremismus und einem strammen Konservatismus, die nicht immer leicht zu durchschauen ist. Was ist z.B. die österreichische FPÖ? Ist sie noch extrem konservativ oder bereits rechtsextrem?

    Wie dem auch sei: Wir müssen uns mit der pessimistischen Analyse begnügen, dass der Rechtsextremismus - Ausländerfeindlichkeit, antidemokratisches Selbstverständnis, autorität geprägte Sicht, nationalistische Denkweisen usw. - nicht aussterben wird. Wir können höchstens wachsam sein und darauf achten, dass er nicht über den immanenten trüben Bodensatz hinauswächst und in den gesellschaftlichen Institutionen Macht gewinnt.
     
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  20. Lili

    Lili Moderatorin

    Genau, du sagst es richtig "ein Grund sein kann" aber eben nicht muss. Die beiden vorherigen Abschnitte von dir, die ich zitiert habe, haben sich für mich allerdings so gelesen, als würde ein eindeutiger Kausalzusammenhang bestehen, daher mein Kommentar dazu.

    Welche Arbeiten meinst du genau?

    Die aktuellen Studien zum Rechtsradikalismus bestätigen die Deprivationsthese eben genau nicht. Vielmehr kommen diese Studien zu dem Schluss, dass es sich um ein Phänomen quer durch die gesellschaftlichen Schichten, Altersgruppen, Wohnlagen, Einkommensgruppen etc. zieht. Die Deprivationsthese wird beispielsweise durch die Dollard'sche Frustrations-Aggressions-Theorie gestützt, allerdings ist dort die Untersuchungszielgruppe bereits radikalisiert und die Vergleichsgruppe eben nicht.
     

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