Zwischen Willfährigkeit und Widerstand-Die Rolle der Kirchen im 3. Reich

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Scorpio, 14. Juni 2018.

  1. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Irgendwie fehlt mir im Unterforum Drittes Reich ein Thread, in dem die Rolle der Kirchen in der Zeit des Nationalsozialismus diskutiert wird. Der Aufstieg des Nationalsozialismus wurde von vielen evangelischen Pastoren mit wohlwollendem Interesse, teils sogar mit Begeisterung aufgenommen. Ländliche protestantische Milieus haben sich vielerorts als ein fruchtbarer Nährboden für den NS erwiesen. In Nordhessen war in manchen Landkreisen die NSDAP bereits vor 1933 die stärkste Fraktion.

    Die evangelische Kirche war eng mit den Herrschenden verbandelt, seit der Reformation waren die Landesfürsten Oberhaupt der jeweiligen Landeskirche. Die Sozialdemokratie wurde von vielen evangelischen Landpastoren Protestanten als Bedrohung wahrgenommen und Errungenschaften der Weimarer Republik wie das Frauenwahlrecht abgelehnt. Staatliche Sozialpolitik stand bei vielen Protestanten im Verdacht, nur Faule und "unnütze Fresser" zu unterstützen. Der Wahlsieg der NSDAP 1933 wurde vielerorts wohlwollend aufgenommen. Von der "Volksgemeinschaft" versprachen sich viele Protestanten eine Widerherstellung der Verhältnisse im Kaiserreich. Wurden Gebiete "heim ins Reich" geholt, wurden die Glocken geläutet und dem "Führer" gedankt. Selten nur haben Pastoren vor Antisemitismus gewarnt. Wer Halb- Dreiviertel- oder Achteljude war, hätte sich vielerorts kaum eruieren lassen, wenn nicht evangelische Gemeinden bereitwillig Kirchenbücher herausgegeben hätten. Der Krieg gegen die Sowjetunion wurde in vielen evangelischen Gemeinden ausdrücklich begrüßt. Auch eugenische Eingriffe wie Sterilisationen stießen auf wenig Vorbehalte, erst als sich abzeichnete, dass die Maßnahmen und massiven Eingriffe praktisch jeden treffen konnten, haben namhafte protestantische Geistliche wie Theophil Wurm öffentlich dagegen protestiert. Auch innerhalb der bekennenden Kirche war Antisemitismus weit verbreitet. Selten nur haben Vertreter der evangelischen Kirchen gegen Maßnahmen des Naziregimes protestiert. In den meisten Fällen blieb Widerstand der bekennenden Kirche beschränkt auf kirchenpolitische Belange. Konflikte zeigten sich erst, als es um die institutionelle Autonomie der Kirche und die Freiheit des Glaubensbekenntnisses ging. Ein Teil der protestantischen Geistlichen und Laien, die sich in Pfarrernotbünden und der bekennenden Kirche zusammenschlossen, haben zäh und beharrlich Widerstand gegen Übergriffe des NS-Staates auf die Unabhängigkeit ihrer Kirche geleistet. Viele Männer und einige Frauen gingen dabei mit großem Mut erhebliche persönliche Risiken ein. Sie konnten dabei im "Kirchenkampf" mit den "Deutschen Christen" des Reichsbischof Müller durchaus Erfolge verbuchen, die wohl in jedem anderen gesellschaftlichen Bereich in der NS-Zeit undenkbar gewesen wären. Die Gleichschaltung der Kirche ließ sich in der von den Nazis geplanten Form nie ganz durchsetzen. Es blieb allerdings, abgesehen von wenigen Ausnahmen und dem Engagement von wenigen "Einzelkämpfern" der Widerstand der bekennenden Kirche auf kirchenpolitische Belange beschränkt. Karl Barth, ein Theologe der bekennenden Kirche und einer ihrer schärfsten Kritiker schrieb 1935:

    Die Bekennende Kirche hat für Millionen von Unrecht Leidenden noch kein Herz. Sie hat zu den einfachsten Fragen der öffentlichen Redlichkeit noch kein Wort gefunden. Sie redet-wenn sie redet noch immer nur in eigener Sache."
    Dabei blieb es, abgesehen von wenigen "Einzelkämpfern" bis zum bitteren Ende, als schon die Briten und Amerikaner vor der Tür standen. Es gab von den Landeskirchen und kirchlichen Organisationen kein oder kaum ein kritisches Wort zur Verfolgung und Ermordung zahlloser politischer Gegner des NS, und auch zur Verfolgung und Entrechtung der Juden erhob die Kirche nicht ihre Stimme. Kein Wort des Unbehagens anlässlich der Nürnberger Gesetze von 1935 war zu hören, keine Stellungnahme zur Reichspogromnacht 1938, als in ganz Deutschland Gotteshäuser in Flammen aufgingen. Wenn sich die Bekennende Kirche mit der Situation der verfolgten Juden befasste, ging es fast ausschließlich um die Lage der getauften Juden. In ihrer Gesamtheit war die evangelische Kirche bis zum bitteren Ende weit davon entfernt, dem NS-Staat die Loyalität aufzukündigen.

    Während sich ländliche protestantische Gegenden als sehr empfänglich für den NS erwiesen, waren viele Katholiken etwas reservierter gegenüber dem NS. Vermutlich spielten die Erfahrungen des Kulturkampfes in der Bismarckzeit eine Rolle und das radauhafte Verhalten der SA gegen "die Reaktion". Hitler, Himmler und Goebbels waren bis zuletzt Mitglieder der katholischen Kirche. Goebbels war allerdings exkommuniziert. Nicht wegen Volksverhetzung, Antisemitismus und vielfacher Aufforderung zum Rassenhass, sondern weil er die geschiedene Protestantin Magda Quandt geheiratet hatte. Der Vatikan war der erste Staat, der diplomatische Kontakte mit Nazideutschland aufnahm und ein Konkordat mit ihnen schloss. Damit war eine starke Aufwertung des NS-Regimes verbunden, und der Vatikan ist später dafür-durchaus zu Recht kritisiert worden. Allerdings gelang es dadurch den katholischen Jugendverbänden sich länger der Gleichschaltung zu entziehen, als das anderen Jugendverbänden gelang, die entweder verboten oder in die HJ übernommen wurden. Katholische Schule und Einrichtungen konnten noch eine Zeitlang sich eine gewisse Eigenständigkeit bewahren.

    Was auf die evangelischen Landeskirchen zutraf, galt im Großen und Ganzen auch für die Katholische Kirche. Auch in ihren Reihen war Antisemitismus weit verbreitet, und Geistliche wie Bernhard Lichtenberg, der sich kritisch zur Verfolgung, Entrechtung und Ermordung der europäischen Juden äußerte, waren die Ausnahme. Es sind nur wenige Stellungnahmen oder Warnungen von Seiten der Katholischen Kirche erfolgt. Der Rasse- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion wurde u. a. von Clemens August Graf Galen, der mit seinen Protesten dazu beitrug, dass die Aktion T 4, die systematische Ermordung von Behinderten 1941 gestoppt wurde, ausdrücklich begrüßt. Katholische Geistliche haben Waffen gesegnet, und Kirchenfürsten wie Alois Hudal haben sich als Fluchthelfer für NS-Kriegsverbrecher betätigt.


    Ich bin im Moment etwas schreibfaul, um mehr zum Verhältnis der Katholischen Kirche zum NS zu schreiben. Mir geht es auch nicht darum, Bashing gegen die Kirchen zu betreiben. Wenn man das liest, könnte man den Eindruck gewinnen, dass Vertreter der Kirchen und die Nazis Brüder im Geiste gewesen seien.
    Das war nicht der Fall. Nach dem Krieg haben die Kirchen sich aber gerne auf Persönlichkeiten wie Dietrich Bonhoeffer, Martin Niemöller, Bernhard Lichtenberg und Maximilian Kolbe berufen und sich oft recht großzügig eine grundsätzliche Gegnerschaft zum NS-Staat attestiert.

    Ich hoffe auf eine lebhafte Diskussion!
     
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  2. beetle

    beetle Aktives Mitglied

    Scorpio hat einige Vertreter, die Widerstand leisteten, schon genannt.

    Karl Barth, Clemens August Graf von Galen, Dietrich Bonhoeffer, Alfred Delp, der Jesuitenpater Augustin Rösch (München), der Priester Max Josef Metzger (Gründer der "Una Sancta")

    Hier werden noch weitere Personen gennant: https://www.gdw-berlin.de/vertiefung/themen/5-widerstand-aus-christlichem-glauben/

    von Martin Niemöller stammt folgendes Zitat:

    "Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."

    Was Scorpio sehr gut in Bezug auf die evangelische Kirche dargestellt hat, wird auch auf dieser Internetseite deutlich:
    http://www.zukunft-braucht-erinneru...le-der-evangelischen-kirche-im-dritten-reich/

    ein Blick auf die katholische Darstellung:
    http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/kreuz-und-hakenkreuz

    (ein Auszug aus dem Text: "Ab 1940 wurden sie in Dachau in einem eigenen 'Priesterblock' interniert; insgesamt waren dort bis 1945 mehr als 3.000 Priester und Ordensleute inhaftiert, rund 1.000 von ihnen kamen ums Leben.")
     
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  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied


    Das Reichskonkordat ist bis heute umstritten und kontrovers bewertet worden. Man hat es zuweilen auch als "Pakt mit dem Teufel" bezeichnet. Auf jeden Fall verfolgte Rom die Absicht, mit dem Konkordat eine juristische Waffe in die Hand zu bekommen, um die Katholiken in Deutschland zu schützen. Dass sich Hitler Prestige und Anerkennung davon versprach, gehört ebenso zum Konkordat, wie die Absicht Pacellis, Katholiken, katholische Vereine, Erziehungsanstalten sowie Bischöfe und Ordensleute so weit als möglich vor dem Zugriff des totalitären Staates zu bewahren. Die deutschen Bischöfe zogen in der Folge ihre Warnungen vor der NSDAP zurück, hielten allerdings an der Verurteilung der NS-Weltanschauung fest.

    Mit dem Konkordat hatte Rom einiges für die deutschen Katholiken erreicht. So unter anderem den Schutz kirchlicher Aufgaben in den Bereichen der Seelsorge, des Erziehungswesens sowie im kulturellen und karitativen Bereich. Dennoch kam es zu Repressionen der NS-Regierung gegenüber der katholischen Jugend und Arbeitervereinen. Bischöfe, Priester und Ordensleute wurden teilweise unter großem propagandistischen Aufwand diffamiert.

    Kritiker werfen dem Papst vor, dass er sich mit dem Konkordat zu sehr auf die Belange der Katholiken konzentrierte und kein Wort zur Entrechtung und Verfolgung der Juden fand. Ich finde diesen Vorwurd unberechtigt. Angesichts der kirchenfeindlichen Politik des totalitären Staates war eine rechtliche Absicherung der Katholiken das maximal Erreichbare. Eine päpstliche Verurteilung der Judenpolitik hätte das Konkordat gefährdet oder sogar verhindert. Insofern war Pacelli in einer misslichen Lage. Als Bischof Preysing von Berlin ihn bat, für „die vielen Unglücklichen einzutreten“, deren „letzte Hoffnung“ er sei, schrieb Pius XII. am 30. April 1943 zurück, es gelte „die Gefahr von Vergeltungsmaßnahmen“ abzuwägen, „größere Übel zu vermeiden“, und dies sei auch „einer der Gründe“ seiner Zurückhaltung.

    Dieser Zwiespalt des Papstes ist nach 1945 oft in Publikationen und Theaterstücken thematisiert worden. Meist zuungunsten Pacellis.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Juni 2018 um 18:03 Uhr
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  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hierzu muss man die Vorgeschichte kennen. Die Nazis hatten in den Niederlanden die zum Christentum konvertierten Juden zunächst nicht deportiert, als aber Jan Kardinal de Jong 1942 die Judendeportation in einem Hirtenbrief anprangerte, reagierte die Gestapo mit der Verhaftung katholischer Juden. Prominentestes Opfer dieser Verhaftungen dürfte Edith Stein sein.
     
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  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ein positives Beispiel für eine gelungene Rettung der Juden war Dänemark im Jahre 1943. Der dänische König kündigte an, öffentlich den Judenstern zu tragen. Hitlers Statthalter Werner Best duldete die Flucht der dänischen Juden nach Schweden. Best hatte wohl auch den "dänischen Oskar Schindler" Ferdinand von Duckwitz über Deportierungstermine informiert, die dieser an die jüdischen Gemeinden weitergab.
    So konnten 7000 dänische Juden gerettet werden.
    Bis heute ist nicht ganz klar, warum Werner Best, der sich vorher durch Brutalität ausgezeichnet hatte so handelte. Vielleicht hoffte er, sich dadurch "Persilscheine" für die Zeit nach dem absehbaren Zusammenbruch des Nazireichs beschaffen zu können, vielleicht ging es ihm aber auch darum, dass er so Hitler Dänemark als "judenfrei" präsentieren konnte. Die Rettung der dänischen Juden nach Schweden wäre jedenfalls nicht möglich gewesen, wenn Best und verschiedene Wehrmachtsdienststellen nicht großzügig weggeschaut hätten. Nun war die Lage aber 1943 in Dänemark eine andere, als 1942 in Norwegen. In Norwegen, einem Land mit einer ähnlichen Geschichte und ähnlichen demokratischen Traditionen wurden die meisten Juden ermordet.

    Die Frage nach der Verantwortung Pius XII. und seinem Verhalten angesichts der Shoah wurde in Deutschland vor allem angeregt durch die Aufführung des Dramas "Der Stellvertreter" von Rolf Hochhuth nach der Öffnung der Vatikanarchive ist bekannt, dass Pius XII. nicht tatenlos war und in römischen Kirchen und Klöstern Juden Zuflucht gewährte.
    Die Frage, die sich stellt, ist ob das genug war. Vielleicht hätte Papa Pacelli die Deportationen stoppen können. Die öffentlichen Proteste von Clemens August Graf von Galen führten 1941 dazu, dass die Aktion
    T 4, die systematische Ermordung von Behinderten, 1941 ausgesetzt wurde. Allerdings wäre den Nazis durchaus zuzutrauen gewesen, dass man Ende 1943 Pius XII. als Geisel genommen hätte. Pacelli war jahrelang Diplomat gewesen, und er hatte die Verantwortung für fast 1 Milliarde Katholiken. Vielleicht hätte man von einem Menschen mit seiner Persönlichkeit und Prägung, mit seiner Verantwortung deutlichere oder noch deutlichere Worte einfach nicht erwarten können.
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    De facto war Pius XII. spätestens nach Mussolinis Sturz eine Geisel. Was die Bewertung der Frage ob das, was er getan hat, genug war angeht, so muss man sagen (siehe Hinweis auf Kardinal de Jong), dass er sich in einem Dilemma befand. Wie er die Sache auch anging, es war falsch. Auf der einen Seite käme er seiner moralischen Pflicht nicht nach (obwohl die entsprechende Enzyklika ja bereits in seiner Schreibtischschublade lag), auf der anderen Seite gefährdete er weitere Menschenleben. Selbst in Yad wa-Shem ist man sich bis heute nicht sicher, wie man mit Eugenio Pacelli umgehen soll.
     
  7. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Immerhin gab es auch solche Aussagen von Papst Pius XII., wie er sie in seiner Weihnachtsansprache vom 24. Dezember 1942 vortrug und damit seiner Sorge um die Verfolgungen wegen Rasse oder Nationalität Ausdruck gab:

    „Hunderttausende, die ohne eigenes Verschulden, bisweilen nur aufgrund ihrer Nationalität oder Rasse dem Tod oder fortschreitender Vernichtung preisgegeben sind“.

    Ob eine formale Verurteilung der Greueltaten des Naziregimes - vielleicht in Form einer Enzyklika - die Situation der Juden erleichtert hätte, ist kaum anzunehmen. Vermutlich hätte sie eher Racheakte des NS-Regimes zur Folge gehabt, wie sie bei der Verfolgung und Deportation holländischer Juden erfolgten.

    Die Handlungsweise des Papstes war also nicht von einem Mangel an Barmherzigkeit diktiert, sondern angesichts eines brutalen Terrorregimes von einer Güterabwägung, welche Stellungnahme noch größeres Unheil verursacht hätte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Juni 2018 um 15:29 Uhr

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