Ab wann geriet das Tragen des Wappens auf Kleidung oder Schutzwaffen außer Mode?

Dieses Thema im Forum "Rittertum und Kreuzzüge" wurde erstellt von -muck-, 11. Januar 2021 um 02:38 Uhr.

  1. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Hallo liebe Freunde der Sonne,


    zu o.g. Frage verwirrt mich die Quellenlage.

    So zeigen viele Illuminationen des Spätmittelalters nurmehr wenige – oder gar keine – Wappen auf Wappenkleid bzw. Rüstung der Kombattanten (oder auch auf Chanfrein und Croupiére der Pferde).

    Vielleicht ist hier noch daran zu denken, dass die (mit räumlicher und zeitlicher Distanz arbeitenden) Illustratoren schlicht nicht genug über die Darzustellenden wussten, um jedermann sein Wappen beizugeben.

    Natürlich führten aber das Fortschreiten der Rüstungstechnik (etwa der schleichende Wegfall des Schilds) und auch soziale Umwälzungen dazu, dass sowohl die Wappen als auch die Wappenträger allmählich auf dem Schlachtfeld immer unsichtbarer wurden.

    Wann aber war dieser Prozess abgeschlossen? Ließe sich das festlegen? Fände sich vielleicht sogar eine Anekdote über irgendeinen "aus der Zeit gefallenen" Edlen, der mit beträchtlichem Abstand zum Mittelalter wegen seiner mittelalterlichen Mode Staunen oder gar Spott erregte?

    Einige Gedanken hierzu:

    Der für seine exzellent recherchierten Gemälde bekannte englische Maler Graham Turner zitiert das Tragen wappengeschmückter Wappenkleider noch in der Spätphase der Rosenkriege und, zumindest für einzelne Kombattanten, bei der Schlacht von Flodden Field.

    Eine der spätesten namentlichen Erwähnungen eines Ritters, der sein Stammwappen auf Mann- und Rosspanzer zur Schau trug, fand ich in der Gestalt des Pierre du Terrail de Bayard (1524 in Italien gefallen). Freilich war Bayard im Mittelalter sozialisiert.

    Schon in seinen jungen Jahren kamen (wohl ausgehend von Italien) die wenig "mittelalterlich" anmutenden Bases auf, die im Tonnenrock ihr gepanzertes Pendant fanden und das offenbar eine Zeitlang dominierende Waffenkleid wurden.

    Mehr als hundert Jahre später malte Rubens Maximilian I. mit seinem Wappen auf diesem rockähnlichen Kleidungsstück.

    Jedoch scheinen mir Gemälde und Museumsfundstücke darauf hinzudeuten, dass Waffenkleider und Panzer aus dieser Zeit schon eher mit Motiven aus der Fabelwelt oder der Antike geschmückt waren. Auch die zeitgenössischen Turnierkleider sind eher farbenfroh zu nennen, als dass sie ihre Träger identifizieren sollten.

    Wäre die Zurschaustellung des eigenen Wappens aber nicht zumindest ein Anliegen der konservativen, um ihren Status ringenden Ritterschaft im Kaiserreich gewesen?

    Freue mich auf alle Hinweise und Denkanstöße zu dem Thema.


    P.S.: Euch allen ein verspätetes frohes (und gesundes) neues Jahr!
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Darüber gibt es sogar einen ganzen Roman. Und zwei Fortsetzungen:
    El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha (1606), eine unautorisierte Fortsetzung von Avellanada und als Reaktion auf diese unautorisierte Fortsetzung eine von Cervantes selbst (1616)

    Nur eine These:
    Was die Unterschiede zwischen Gemälde und Realität anbelangt, so mag das daran liegen, dass bei einem Turnier die Leute wahrscheinlich einfach wussten, wer, wer war und daher das Tragen der entsprechenden Wappenröcke nicht mehr unbedingt notwendig. Bei einem Gemälde konnte der Maler womöglich den Anachronismus nutzen, um darzustellen, wer gemeint war. Wobei Adelsfamilien, die etwas auf sich halten, ja bis heute ihre Wappen führen...
     
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  3. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Ich muss gestehen, ich habe mich mit der Entstehungsgeschichte von Don Quijote nie befasst. Freilich wird der Protagonist als so aus der Zeit gefallen dagestellt, dass der o.g. "Endpunkt" wohl früher anzusetzen ist.
    Das mag bei den Turnieren des 16. Jahrhunderts zutreffen, die ja kaum mehr als eine Spielerei des Hochadels waren.
    Gewiss, aber in welcher Form? Wappen begegnen uns ab dem Barock eigentlich nur noch in der Architektur, gegebenfalls auf Fahnen und bisweilen als Beiwerk in Gemälden. Deswegen sprechen Heraldiker von der "toten" oder "Papierheraldik", weil Wappen in ihrer Ursprungsform nicht mehr anzutreffen waren.

    Komischerweise machen sich die Autoren zu heraldischen Themen selten die Mühe auch nur des Versuchs, diese Phase zeitlich einzuordnen. Oder besser gesagt, anders einzuordnen, als dass sie auf das Mittelalter folgte, was eigentlich keiner Erwähnung bedarf …
     
  4. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Bezüglich Wappen auf Pferdedecken:
    Maître à la Ratière, ein Zeitgenosse der Schlacht von Marignano 1515, malte ein Bild zu dieser Schlacht. Ich glaube darauf noch solches zu erkennen. BnF - François Ier, pouvoir et image
    Auch auf den zeitgenössischen Bildern zur Schlacht von Ravenna 1512. Battle of Ravenna (1512) | Wikiwand
    Später wird man vermutlich nicht mehr sehr viel finden.

    Bezüglich Schutzwaffen:
    Bei der Schlacht von Giornico 1478 wurden den Mailändern von den Eidgenossen etliche Rundschilder (Rotelle) Rondache abgenommen. Diese lagern jetzt im Museum in Luzern. Einige davon zeigen ein Familienwappen.
    Beschreibung (siehe auch Anhang): Die Mailänder Rundschilde im Zeughause zu Luzern
    Bilder: Rotelle Milanesi Ugo Pozzati Web Site
    Da diese Rundschilder anders als im HRR in Italien, Frankreich und Spanien noch relativ lange in Gebrauch waren, gehe ich davon aus, dass auch Familienwappen weiterhin darauf zu sehen waren.
    Im HRR finde ich Schilder mit Wappen nur noch als sog. Aufschwörschilder beim Deutschen Orden.
    https://www.zobodat.at/pdf/Rudolfinum_2005_0197-0231.pdf
     
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