Achsenzeit: Jaspers Thesen parallelen Entwicklung von Zivilisationen

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von thanepower, 6. März 2019.

  1. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Richtig. Deswegen der Versuch, es möglichst breit "auszurollen". Und in der Tat ist es für mich ein Thema, das mich in der vollen Komplexität überfordert. Zumal ich nicht komparativ die historische Entwicklung der Achsenzeit-Gesellschaften hinsichtlich der sozialen und politischen Prozesse, der religiösen Entwicklung inklusive der "Ideengeschichte" der jeweiligen Kulturkreise beherrsche.

    Den Hinweis verstehe ich nun nicht ganz. Für die Formulierung der Thesen von Jaspers waren mit den "Webers" zwei deutsche Soziologen maßgeblich beteiligt, exemplarisch diese beiden Werke.

    Weber, Alfred (1960): Kulturgeschichte als Kultursoziologie. München: Piper
    Weber, Max; Otto, Eckart (2008): Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen. Tübingen: Mohr Siebeck

    Mit Eisenstadt, Bellah oder Taylor - um nur drei zu nennen - sind drei bekannte und renomierte US-Soziologen mit dem Thema beschäftigt. In Deutschland vor allem Joas.

    Die Breite der Diskussion ist in den jeweiligen Bänden dokumentiert.
    Eisenstadt, S. N. (Hg.) (1987): Kulturen der Achsenzeit. Ihre Ursprünge und ihre Vielfalt. Frankfurt am Main, Germany: Suhrkamp
    Eisenstadt, S. N. (1992): Kulturen der Achsenzeit II. Ihre institutionelle und kulturelle Dynamik. 2 Bände. Frankfurt am Main: Suhrkamp

    Die neueste Sammlung relevanter Aufsätze:
    Árnason, Jóhann Páll; Eisenstadt, S. N.; Wittrock, Björn (Hg.) (2005): Axial civilizations and world history. Leiden, Boston: Brill

    Auf diese Publikationen wird noch ausführlicher einzugehen sein.

    Das Erklärungsmodell besteht zum einen aus der Deskription der oben beschriebenen Entwicklung. Die mittlerweile eine gewisse Geltung zur Bezeichnung einer Epoche beanspruchen kann und auch so von einzelnen Autoren verwendet wird, die "Globalgeschichte" schreiben, wie Steven Pinker oder Ian Morris. Beispielsweise auch diskutiert in diesem Sinne in "Geschichte der Welt. Die Welt vor 600.."

    Eine zentrale Rolle für die Erklärung nimmt die Aussage von Eisenstadt ein, der die zunehmende Bedeutung einer "reflexiven Weltsicht" betont, die durch spezialisierte "Agenten" war genommen werden. Diese in der Rolle von "Intellektuellen" - Priester etc. - eine zunehmende Deutungshoheit über das "Göttliche" beanspruchten.

    Vor diesem Hintergrund sind die eher analytisch, empirisch orientierten Arbeiten von Baumard u.a. interessant, die aus der zunehmende Fähigkeit zum Unterhalt größerer - vor allem urbaner - Populationen einen Ansatz für die Entwicklung zur rollenteiligen Spezialisierung herausliest. Durch ihre Arbeiten werden Veränderungen in den Reproduktionsbedinungen der Achsenzeitgesellschaften thematisiert, die erklären können helfen, warum diese Veränderung in der Periode einsetzte. Ist aber eigentlich ein Vorgriff auf eine spätere Betrachtung.

    Baumard, Nicolas; Hyafil, Alexandre; Boyer, Pascal (2015): What changed during the axial age: Cognitive styles or reward systems? In: Communicative & integrative biology 8 (5).
    Baumard, Nicolas; Hyafil, Alexandre; Morris, Ian; Boyer, Pascal (2015): Increased affluence explains the emergence of ascetic wisdoms and moralizing religions. In: Current biology : CB 25 (1), S. 10–15.

    Interessanterweise sind diese Überlegungen mit den Thesen von M. Mann (Geschichte der Macht 1) nicht zusammengeführt worden, der Herrschaft als Netzwerk unterschiedlicher Machtressourcen definiert, u.a. religiöser (ideologischer) Natur.
     
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  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Vielen Dank für die Ergänzungen!

    Genau die empirische Orientierung meinte ich.
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    In dem Beitrag von Whitehouse et al. wird als Grundlage zur Analyse von frühen Formen der Religion u.a. auf das Werk von Bellah verwiesen. Einem der exponiertesten Vertreter der "Achsen-These" im Rahmen der Evolution von Formen der Religion, neben Eisenstadt.

    Bellah arbeitet sich in seinem "Standardwerk" in einem komparativen Sinne an den frühen Formen von Religion ab. Diese Beschreibung von Formen der "Tribal Religion" und den Varianten von "Archaic Religion" bildet dann die Vergleichsgrundlage für die neue Situation im Rahmen der Achsen-Kulturen. Ich folge da mittlerweile Eisenstadt, der von "Achsen-Kulturen" spricht und nicht mehr von "Achsenzeit-Kulturen".

    Dabei bezieht sich Bellah (S. 210 ff) in weiten Teilen seiner Schilderung auf die komparative Studie von Trigger, der das "alte Ägypten, Mesopotamien, China (spätes Shang bis westliches Zhou), die Azteken (15 u. 16. Jahrh.), die klassischen Maya, die Inkas (16. Jahrh.) und die Yoruba (Westafrika) strukturell untersucht. Und Trigger kommt - entgegen seiner ursprünglichen These - zu dem Ergebnis, dass die Unterschiede im Bereich der Wirtschaft ausgeprägter waren wie im Bereich der sozialen und machtpolitischen Prägung von Religion.

    An diesem Punkt sollte kurz deutlich gemacht werden wie breit und komparativ die Diskussion zur Achsenzeit aufgestellt ist. Eine Sicht, die bereits ausgeprägt bei Jaspers zu finden ist.

    Und es sich eine Vielzahl von Bezügen zur Untersuchung von "Religion" ergeben und ein Verständnis für die evolutionäre Entwicklung der Achsen Kulturen bis in die Moderne eröffnen , was aber offensichtlich keinen interessiert hatte. Leider Gottes lassen sich die Verbindungen schwer mit einem Geodreieck bearbeiten.

    Bellah, Robert N. (2011): Religion in human evolution. From the Paleolithic to the Axial Age. First Harvard University . Cambridge, Massachusetts: Belknap Press of Harvard University Press.
    Trigger, Bruce G. (2007): Understanding early civilizations. A comparative study. Cambridge, New York: Cambridge University Press.

    https://books.google.de/books?hl=de&lr=&id=jTZIBAAAQBAJ&oi=fnd&pg=PR7&dq=bruce+g+trigger&ots=KJMV6frFMj&sig=jmIIUbpxkBm0IAUw8j0rDhVhiVo#v=onepage&q=bruce g trigger&f=false

    Whitehouse, Harvey; François, Pieter; Savage, Patrick E.; Currie, Thomas E.; Feeney, Kevin C.; Cioni, Enrico et al. (2019): Complex societies precede moralizing gods throughout world history. In: Nature 568 (7751), S. 226–229.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Juni 2019
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    An die Vorstellung eines Bruchs von religiösen Vorstellungen im Rahmen der "Achsenzeit" knüpft Habermas ab Abschnitt II, "Die sakralen Wurzeln der achsenzeitlichen Überlieferungen" - und folgende Abschnitte - in seinem neuen Werk zu einer Philosophiegeschichte an.

    Ausgehend von dieser "begrifflichen Weichenstellung" während der Achsenzeit entwickelt er das Verhältnis bzw. die Interaktion der antiken und der religiösen Weltbilder als Symbiose von "Wissen" und "Glauben" im Rahmen der römisch-katholischen Kirche.

    Und führt den Faden, ähnlich wie Eisenstadt, in die Moderne über die Entwicklung der "Aufklärung" fort.

    Zum Zeitpunkt der Erstellung des Thread war mir noch nicht klar, dass Habermas sich in seinen Betrachtungen in den Bezugsrahmen der Achsenzeit verortet, aber aus meiner Sicht verweis es darauf, dass das Konstrukt einen sinnvollen analytischen Rahmen anbietet, Religions- und Philosophiegeschichte zu erzählen.


    Habermas, Jürgen (2019): Auch eine Geschichte der Philosophie. Band 1: Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen Band 2: Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen. 1. Auflage. 2 Bände. Berlin: Suhrkamp.
     
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  5. Tom

    Tom Mitglied

    So sieht es bei Jaspers selbst aus:

    [​IMG]

    (Hier nach der Webseite von Hubert Brune, aber es ist eine exakte Kopie aus „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte.“)

    Jaspers bezeichnet es als „einfaches Schema“, aber es erscheint mir doch etwas zu simpel. In der Achsenzeit sind Kulturen/Zivilisationen/Epochen zusammengefasst, die irgendwie geistig-weltanschaulich wichtig geworden sind. Aber diese Kulturen oder Epochen sind recht unterschiedlich. In Indien, Israel und China haben wir es mit der Begründung von (wieder sehr verschiedenen) Religionen und Ideologien zu tun, in Griechenland dagegen mit der Auflösung einer Religion. Die griechischen Philosophen waren in gewisser Weise Aufklärer, sie überwanden die traditionelle griechische Religion. Ihre Stellung in der Gesellschaft war der der späteren europäischen Aufklärer durchaus ähnlich, man denke nur an die verschiedenen Asebie-Prozesse, Verbannungen oder das Todes-Urteil gegen Sokrates.

    Wir haben es in der Achsenzeit nicht nur mit verschiedenen Gesellschaften, sondern auch mit einem unterschiedlichen Entwicklungsstand dieser Gesellschaften zu tun. Was sie verbindet, ist eben nur ihre „Wichtigkeit“ für die weitere, vor allem geistig-kulturelle Entwicklung, und das erscheint mir für eine sinnvolle historische Einteilung doch ein bisschen wenig.

    (Man müsste dazu noch viel mehr sagen, es ist ja ein ganz großes Thema. Obiges sollte auch nur eine kurze Zusatzbemerkung sein.)
     

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