Ägypten, erstaunlich ereignislos?

Dieses Thema im Forum "Das Alte Ägypten" wurde erstellt von Logiker2, 28. Februar 2019.

  1. Logiker2

    Logiker2 Gast

    Hallo,

    mir ist aufgefallen: Die alten Ägypter haben eine Geschichte, die sich im Bereich 6000 v. Chr. bis zur Islamisierung abgespielt hat, sofern man die Kopten dazuzählen will, also bis ca. 5 Jh. n. Chr.

    Wenn man sich nun mit dieser Epoche befasst, dann fällt eine enorme Konstanz auf. Egal ob beim Bau von Tempeln, der Kunst usw. Die Ägypter scheinen von Beginn der Menschheit bis ins Mittelalter nur wenige Neuerungen zugelassen zu haben.
    Betrachtet man dagegen die Welt von 1450 bis 1900, dann haben sich in dieser Zeit quasi Weltweit bedeutende Änderungen ergeben, egal ob in Zentralasien, Ostasien oder in Amerika.

    Wie kommt das? Fehlen uns nur die Quellen oder warum gab es so wenig Variation?
    Die Ägypter schienen weder ein Kommunikationsnetz, noch großen Fernhandel, noch politische Umstürtze gekannt zu haben.
     
  2. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Wenn man die Dinge mit einem umgekehrten Fernrohr betrachtet, ja. Sieht man genauer hin, entdeckt man jede Menge Neuerungen und Krisen. Die größte innere Krise war sicher die Revolution durch Echnaton, die das religiöse Leben dieses Landes - und damit den wichtigsten Aspekt - mit der Etablierung des proto-monotheistischen Gottes Aton und der Unterdrückung der Amun-Re-Priesterschaft und ihres Gottes Amun-Re gründlich durchgepustet hat. Nach Echnatons Tod hatten die Amun-Re-Priester religiös wieder das Sagen, fügten ihrem Gott aber unter dem Einfluss der Erinnerung an den "einzigen" Aton neue Wesenszüge hinzu, die er vorher nicht hatte (z.B. Schöpfungskraft). Viel später, um 700 BCE, machte der Pharao Shabako aus dem Gott Ptah aus Memphis den ersten Gott der westlichen Religionsgeschichte, der die Welt "aus dem Geist" erschafft und damit das Vorbild für den jüdischen Gott wurde.

    Diese wenigen Beispiele, die sich fortsetzen ließen, zeigen doch, dass es höchst bedeutsame kulturgeschichtliche Neuerungen im Alten Ägypten gab. Die extrem autoritäre religiöse Struktur des Alten Ägypten ist sicher ein Grund dafür, dass politische Unruhen eher selten waren, schließlich gab es keinen Herrschertyp in der Menschheitsgeschichte mit einem höheren Nimbus als den Pharao (= Gott Horus).
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Februar 2019
  3. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Zunächstmal ist es durchaus nicht so ereignislos, wie du es darstellst, nur sind die Quellen in der tat ein Problem. So ein durschnittliches Papyros hält nunmal nicht 6.000 Jahre, zudem wurde insgesamt wesentlich weniger schriftlich hinterlassen.
    Die Hyroglyphen zu lesen, sofern man das überhaupt allumfasend kann ist sicher niht einfach. dazu kommt, dass in Ägypten eine Unsitte, die wir heute als "damnatio Memoriae" bezeichnen würden, sprich die Mutwillige Zerstörung von Artefakten um die Spuren unbeliebter Herrscher in der Geschichte zu verwischen, durchaus nicht unbekannt war. Hinzu kommt auch der sprichwörtliche Raub diverser Artefakte im 19. Jahrhundert durch die Europäischen Mächte, wodurch Fund und Erschließungskontexte unwiderbringlich verloren sind.
    Insofern kein Wunder, das die Überlieferung sehr lückenhaft ist. Aber vergleich es mal, etwa mit Nordeuropa im Früh- Hochmittelalter. Da sieht es sehr ähnlich aus, kann aber nicht so völlig ereignislos gewesen sein, die Nachbarregionen bis in den Mittelmeerraum bekamen es mitunter zu spühren.

    Übrigens würde ich bei deinem Verständniss dessen, was für altägyptisch zu gelten hat inklusive der Abgrenzung zur islamischen Expansion nicht mitgehen, denn dass geht über die Zeit der persischen, der hellenistsichen und der römischen Herrschaft ja glatt hinweg.
    Schaut man sich die Zeit näher an, wird man alleine im Bezug auf die Geschichte der Diadochenreiche und im Bezug zu Rom so einiges, sehr interessantes finden.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der Fragesteller liebt mehr die veloziferischen Zeitalter ;)
    Also wenn die Geschichte Ägyptens, im Sinne der ägyptischen Kultur, ca. 6.000 vor Chr. beginnt, dann ist uns etwa die Hälfte der Geschichte Ägyptens allein archäologisch überliefert. Denn Schrift beginnt erst gegen 3.200 v. Chr. Bis wir dann vollständige Texte haben, dauert es noch eine Weile, und da muss man nicht einmal die Haltbarkeit von Papyri heranziehen (die überdauern in der Trockenheit der ägyptischen Wüste außerordentlich gut).
    Man kann den Ägyptern eine innovative Gemächlichkeit vorwerfen, wenn man will. Nur welches Licht wirft das auf den Rest der Menschheit? Die Ägypter haben schon Großbauwerke errichtet, da haben die Menschen hierzulande sich gerade aus dem Nahen Osten die ersten Kulturpflanzen mitbringen und Haustiere zuführen lassen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Februar 2019
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  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wobei die Frage ist, ob die Echnaton /Akhn-Aton-Revolution wirklich so wichtig war, wie sie uns heute vorkommt, oder ob hier nicht die Gleichsetzung Akhn-Atons oder eines Akhn-Aton-Beamten mit Moses der Geschichte erst Bedeutung gibt und sie ohne diese Gleichsetzung nicht eher Anekdote geblieben wäre. (?)
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Deinen Beobachtungen widerspricht eine These von Jaspers, der epochenübergreifende revolutionäre Veränderungen in der Periode von ca. 800 BC bis ca. 200 BC Jahr diagnostizieren.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Achsenzeit

    Ein wichtiger Einschnitt, den Jaspers als globales Ereignis diagnostiziert hatte, war die "Achsenzeit". Zeitgleich entwickelten sich die bis heute noch bedeutsamen Weltreligionen. Teils als Folge aus den alten Hochkulturen, u.a. Ägypten, teils parallel zu ihnen.

    Und Jaspers schreibt:"Die Achsenzeit wird zum Ferment, das die Menschheit in einen Zusammenhang der Weltgeschichte." (S. 76)

    Und aus der Sicht von Jaspers entstaden zwei Gruppen von Völkern, die "Achsenvölker" und die "Völker ohne Durchbruch". (ebd. S. 76)

    "1. Die Achsenvölker - Es sind die Völker, welche in Kontinuität mit ihrer eigenen Vergangenheit den Sprung vollzogen haben....Chinesen, Inder, Iranier, Juden, Griechen."

    Die Völker der alten Hochkulturen grenzt er gegen diese Gruppe ab, da diesen alten Hochkulturen die "menschenverwandelnde Reflexion" fehlte, und sie reagierten nicht mehr auf den außerhalb ihres Bereichs geschehenen Durchbruchs. Die Konsequenz war, dass sie noch eine Zeitlang zu hohen kulturellen Leistungen fähig waren, allerdings schrittweise von anderen überflügelt bzw. assimiliert wurden.

    Eine relativ neue Betrachtung zu dem Thema hat gerade Assman vorgelegt, in dem die Thesen von Jaspers als "Gründungsmythos" der Moderne beschrieben wird, da in dieser Periode, die Grundkategorien unseres Denkens und unseres Wertesystems "erschaffen" worden sind. Und diese Realität für uns noch heute eine praktische und normative Bedeutung hat. (vgl. Assmann, S. 197)

    Dabei konstatieren Bellah und Joas in ihrer "Introduction", dass das Konzept der "Achsenzeit" bzw. des "axial age" zwar eine wichtige formative Zeit für die Moderne beschreibt, allerdings eine Vielzahl weiterer Einflussfaktoren ebenfalls relevant waren.

    Die kurze Darstellung sollte deutlich machen, dass die "Timeline" nicht korrekt aufgespannt worden ist. Und das das Konstrukt der "Achsenzeit", die bisher im Forum fast vollständig ignoriert wurde, ein wichtiger Ansatz ist, die komparative Entwicklung von Zivilisation, Religion bzw. Kultur zu beschreiben.

    Assmann, Jan (2018): Achsenzeit. Eine Archäologie der Moderne. München: C.H.Beck.
    Bellah, Robert N.; Joas, Hans (Hg.) (2012): The Axial Age and its consequences. Cambridge, Mass.: Belknap Press of Harvard University Press.
    Jaspers, Karl (1988): Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. München, Zürich: Piper
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Februar 2019
  7. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Mir geht es selbstverständlich um die inner-ägyptische Relevanz dieses Ereignisses, ich schrieb ja: "größte innere Krise". Mit irgendeinem ohnehin rein spekulativen Bezug zur Mosesfigur, die ja selbst historisch ungesichert ist, hat das gar nichts zu tun, zumal auch die Fragestellung des UP nur auf innere ägyptische Angelegenheiten zielt. Und innerägyptisch war die Echnaton-Revolution natürlich sehr relevant.

    Dass sie nach seinem Tod rückgängig gemacht wurde, berührt ebenfalls nicht die Fragestellung des UP, die - meines Erachtens irrig - davon ausgeht, dass es in der ägyptischen Geschichte eine "enorme Konstanz" gibt. Die Tatsache der Echnaton-Revolution, die in ihrer Art in der Weltgeschichte einmalig ist und schon von daher nicht zur "Anekdote" verniedlicht werden kann, trägt zur Widerlegung dieser Behauptung bei, unabhängig von ihrer Dauer.

    Außerdem hat die Aton-Theologie, wie ich ja angedeutet habe, ihre Spuren in der nachfolgenden reformierten Theologie der Amun-Re-Priesterschaft hinterlassen (Amun-Re = Schöpfergott). Von nun an hatte der höchste ägyptische Gott wie Aton obligatorisch über Schöpferkraft zu verfügen. Verfolgt man die weiteren Auswirkungen dieser theologischen Neuerung, gelangt man über mehrere Stationen zum Schöpfergott Ptah, der in puncto geistige Schöpfung das Modell für Jahwe war und somit indirekt für den christlichen und den islamischen Gott. Über diesen Umweg hat die Aton-Theologie den abrahamitischen Monotheismus also vor-modelliert, wenngleich ein direkter Einfluss auf die hebräische Religion nicht nachgewiesen werden kann und schon aus chronologischen Gründen unplausibel ist.

    Aber auch diese außer-ägyptische Bezugnahme ist für die Fragestellung des UP nicht relevant, da die von mir erwähnte theologische Neuerung des Pharao Shabako (Ptah = geistiger Schöpfer) als ein Beispiel für die altägyptische Fähigkeit zu bedeutenden Neuerungen dienen soll, die der Fragesteller ja angezweifelt hat. Ich habe den außer-ägyptischen Bezug bei Ptah nur als ein Extra hinzugefügt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Februar 2019
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  8. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Ich halte das Konzept, das mir schon lange bekannt ist, für wenig hilfreich, da es praktisch keinen Erklärungswert hat.

    Die relativ simultan auftretenden Neuerungen in den verschiedenen Zonen haben einfach zu wenig inhaltliche Gemeinsamkeiten, um das Bild einer "Achse" zu rechtfertigen. Die chinesischen und indischen Kulturen waren ohnehin benachbart, da sind Parallelen zu erwarten. Das hebräische Prophetentum hat mit den Neuerungen in diesen Kulturen gleich gar nichts gemeinsam. Der Mazdaimus hat wiederum so individuelle Züge, dass auch er mit den jeweiligen anderen Neuerungen kaum mehr als oberflächliche Gemeinsamkeiten hat. Ebenso sind die griechischen Innovationen ganz eigener Natur und inhaltlich mit denen der anderen Kulturkreise kaum zu vergleichen. Gewisse spirituelle Parallelen zu den östlichen Neuerungen gründen einfach in der Natur des menschlichen Geistes, der in seinen tieferen Schichten universal (bei allen Menschen gleich) ist.

    Die Metapher der Achse ist in meinen Augen also überflüssig und verstellt den Blick auf die spezifischen Merkmale der geistig-kulturellen Neuerungen, die unter ihren besonderen Bedingungen zu erforschen sind, ohne dass man ihnen das artifizielle Konzept "Achsenzeit" überstülpt.
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das ist ja genau mein Punkt. Die Akhn-Aton-Geschichte erfreut sich doch heute vor allem wegen dieses - spekulativen, ja eher sogar zu verwerfenden - Mosesbezugs einer Bekanntheit über die ägyptologische Fachdisziplin hinaus. Wäre das nicht gegeben, wäre Akhn-Aton vermutlich ziemlich unbekannt. So ist er wahrscheinlich einer der fünf bis zehn bekanntestens Pharaos.
     
  10. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die inhaltliche Kritik ist unsinnig, da sie am Punkt von Jaspers vorbeigeht. Die Gemeinsamkeit, die beispielsweise Eisenstadt herausstreicht ist, dass es ein grundsätzlich neues ontologisches Verständnis ist, das entwickelt wurde. "Der Hauptaspekt dieser Revolutionen bestand, wie wir oben angedeutet haben, in der Bildung und Institutionalisierung der neuen Grundkonzeptionen des Bruchs zwischen transzendenten und weltlichen Organisationen." (Eisenstadt, S.9)

    Insofern ist diese Unterscheidung von durchaus relevanter Bedeutung, wenn man ihre Konstanz bis in die heutige Zeit betrachtet. Und natürlich - wie fast bei allen komparativen Ansätzen - ist die Granularität der Sichtweise "gröber" und muss Kompromisse machen hinsichtlich der Unterschiedlichkeit auf feinereren Stufen des Vergleichs.

    Ansonsten greift gerade Assmann (S. 13-26) die These von Jaspers auf, nicht weil er sie als einen nicht zu hinterfragenden Mythos versteht, sondern gerade als Ägyptologe - also aus der Distanz - sie fruchtbar für die Formulierung einer - den Eurozentrismus überwindenden - Globalgeschichte kritisch hinterfragt und sie für ausgesprochen fruchtbar hält.

    Und vor allem ist das Konzept brauchbar, um über die Jahrtausende, eine Bewertung des alten Ägypten im Vergleich zu nachfolge Gebilden zu bekommen.

    Assmann, Jan (2018): Achsenzeit. Eine Archäologie der Moderne. München: C.H.Beck.
    Eisenstadt, S. N. (1998): Heteroxien und Utopismus in den Kulturen der Achsenzeit. In: S. N. Eisenstadt und Georg Stauth (Hg.): Die Antinomien der Moderne. . Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 7–42.
     
  11. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Der "Punkt von Jaspers" ist mir schon klar, ich sehe nur nicht, welchen konstruktiven Nutzen man daraus ziehen kann. Dass es relativ zeitgleich in den diversen Zonen zu einem "neuen ontologischen Verständnis" kam, ist ja ganz interessant, ohne ein ausreichendes Maß an Gemeinsamkeit dieser jeweiligen Ontologien aber eine Erkenntnis ohne substantiellen Erkenntniswert, also eine leere Erkenntnis. Eine komparative Sichtweise auf die Kulturen dieser Zeit kann man auch ohne das Achsenzeit-Konzept haben. Ich selbst habe oft genug Vergleiche zwischen westlichen und östlichen Ideen gezogen, ohne an Jaspers und sein Konzept auch nur zu denken.

    Ich bleibe also dabei, dass das Achsenzeit-Konzept nur eine Gedankenspielerei ohne Erkenntniswert ist. Viel anders scheinen das auch professionelle Wissenschaftler nicht zu sehen. In den letzten 100 Studien, die ich durchgesehen habe, ist der Name Jaspers und der Begriff Achsenzeit nicht einmal gefallen. Dem Konzept wird in der wissenschaftlichen Literatur also null Bedeutung beigemessen. Das Thema wird jetzt von Jan Assmann hochgepusht, weswegen man ihm Beachtung schenkt. Wäre das ein Fritz Müller, würde keiner auch nur hingucken.

    Wenn du das anders siehst, dann präsentiere doch bitte exemplarisch eine Analyse eines historischen Themas unter Verwendung des Achsenzeit-Konzepts, um dessen Wert zu demonstrieren.

    Ich finde überhaupt nicht, dass Akhenaton und Aton nur wegen des spekulativen Mosesbezugs außerhalb der Ägyptologie bekannt sind. Die Aton-Theologie wird von vielen als der erste Monotheismus der Religionsgeschichte eingeschätzt (wobei strittig ist, ob es eher ein Henotheismus war), was natürlich die Frage aufgeworfen hat, ob und in welcher Form es einen Einfluss auf die jüdische Religion gab.

    Bekannt ist die Aton-Theologie also wegen der durchaus spektakulären Tatsache, dass sie das erste monotheistische Glaubenssystem war, noch vor dem Mazdaismus und dem Judentum, sowie wegen der radikalen Art und Weise, wie Akhenaton das System durchgesetzt hat.

    Denkst du wirklich, das wäre zu wenig, um ihr eine Bekanntheit über die Ägyptologie hinaus zu sichern, wenn Moses kein Thema wäre?

    Abgesehen davon ist diese Frage für das Thread-Thema irrelevant, da es dabei um das Innovationspotential des altägyptischen Denkens geht und nicht um den Bekanntheitsgrad der jeweiligen Innovationen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. März 2019
    Lafayette II. gefällt das.
  12. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es geht nicht darum, was wir denken oder finden. Das ist ja keine Meinungssache im engeren Sinne. Natürlich ist ist Akhn-Aton spektakulär. Das ändert aber nichts daran, dass die Prominenz, die Akhn-Aton auch außerhalb der Fachwissenschaft genießt, wohl vor allem durch den Moses-Mythos, der seit etwa 100 Jahren immer wieder mit Akhn-Aton verknüpft wurde, ausgelöst ist. Es kann natürlich sein, dass ich mit dieser These falsch liege. Aber das Gegenargument kann ich nicht "Ich finde nicht..." lauten.
     
  13. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    "Ich"...ersetzt weder inhaltliche Kenntnis und auch keine Nähe zum Thema. Eigentlich war zu erwarten, dass "Du" "Dich" nochmal aus einem anderen Kontext im Rahmen eines Zitats selber referenzierst.

    Ansonsten zur Hybris Deines "Ich" eine gegenteilige Einschätzung: "

    "Inzwischen hat das Konzept der Achsenzeit eine weitverzweigte internationale Forschung inspiriert." (Habermas, 2012, S. 29 und auch 2015)

    Darüberhinaus zeigt Deine Kommentierung von Assmann Deine komplette Ahnungslosigkeit in Bezug auf die Diskussion, ich wiederhole mich, leider. Nicht zuletzt weil sich Assmann durchaus kritisch und distanziert mit dem Konzept auseinandersetzt und sich mit Stroumsa auch deutlich gegen Jaspers zeitliche Einordnung der Achsenzeit positioniert (S. 292). Nicht zuletzt die "normative Überhöhung" des Konzepts, auch als forschungsleitendes Paradigma für kritikwürdig einstuft. Dazu hätte man allerdings erst mal lesen müssen, worüber man urteilen möchte.

    Ebenfalls gilt Deine m.E. inkompetente Kommentierung auch für die Arbeiten von Eisenstadt, Bellah, Mumford, Joas, Armstrong oder Morris, um wenigstens ein paar der bekannten Protagonisten zu benennen, deren Arbeiten das Konstrukt der "Achsenzeit" aufgreifen. Die aber - Deiner Meinung nach - natürlich absolut irrelevant sind, weil Du in "den letzten 100 Studien" das Konzept der Achsenzeit nicht erkannt hast. Was ich Dir sofort glaube.

    Und damit bin ich aus dieser völlig sinn- und literaturfreien Diskussion raus.

    Assmann, Jan (2018): Achsenzeit. Eine Archäologie der Moderne. München: C.H.Beck.
    Habermas, Jürgen (2012): Nachmetaphysisches Denken II. Aufsätze und Repliken. Berlin: Suhrkamp.
    Habermas, Jürgen (2015): Zeit der Übergänge. Frankfurt am Main: Suhrkamp, bes. S. 185 zum "Ersten Gebot"

    Auswahl von wichtigen Arbeiten zum Thema:
    Armstrong, Karen; Bayer, Michael; Schuler, Karin (2006): Die Achsenzeit. Vom Ursprung der Weltreligionen. München: Siedler.
    Bellah, Robert Neelly; Joas, Hans (Hg.) (2012): The Axial Age and its consequences. Cambridge, Mass.: Belknap Press of Harvard University Press.
    Eisenstadt, S. N. (1987): Kulturen der Achsenzeit. Ihre Ursprünge und ihre Viefalt. 2 Bände. Frankfurt am Main, Germany: Suhrkamp
    Eisenstadt, S. N. (1992): Kulturen der Achsenzeit II. Ihre institutionelle und kulturelle Dynamik. 2 Bände. Frankfurt am Main: Suhrkamp
    Eisenstadt, S. N.; Stauth, Georg (Hg.) (1998): Die Antinomien der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp
    Morris, Ian (2012): Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden. Frankfurt, M., New York, NY: Campus-Verl.
    Mumford, Lewis (1981): Hoffnung oder Barbarei. Die Verwandlung des Menschen. Frankfurt M.: Eichborn
    Stroumsa, Guy G. (2012): Das Ende des Opferkults. Die religiösen Mutationen der Spätantike. Berlin: Verlag der Weltreligionen.

    Und noch als Ergänzung
    Dieter Metzler: Achsenzeit als Ereignis und Geschichte (S. 169ff)
    http://www2.rz.hu-berlin.de/nilus/net-publications/ibaes10/publikation/ibaes10_pub_text.pdf
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. März 2019
  14. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    wenn wir grad bei Thesen sind, gibts welche zu nicht-religiösen Motiven Echnatons?
    Ägypten war "Königsland" und Amon besaß davon schon ein Drittel, dem König blieb irgendwann kein Land mehr das er verschenken hätte können, Konflikt "König vs Gott" geht nicht wirklich, aber "Gott vs Gott" ist inszenierbar um die Macht im Staate wieder zu erlangen
     
  15. Logiker2

    Logiker2 Gast

    Okay, folglich hat sich in der ägyptischen Geschichte schon zahllose Male eine Reformation ergeben, technische Innovation, gesellschaftliche Umbrüche, wir wissen nur nix davon.

    Spannende Idee.
     
  16. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Fangen wir doch mal an:
    - die Ägypter haben aus dem Neolithikum heraus, welches sie vorwiegend von ihren Nachbarn im fruchtbaren Halbmond übernahmen - wobei z.B. Esel und Katzen vermutlich in Ägypten domestiziert wurden - a) ein Zahlensystem entwickelt - weil sie eine Verwaltung hatten!
    - aus diesem Zahlensystem haben sie b) frühe Mathematik entwickelt
    - sie haben c) ein Schriftsystem entwickelt, bzw. sogar mehrere Schriftsysteme, beides hat natürliche Parallelen und wahrscheinlich auch gegenseitige Einflüsse mit dem Zweistromland und vermutlich auch mit dem Industal
    - aus der Schrift, die ursprünglich auch Verwaltungszwecken diente, haben sie Propaganda und Geschichtsschreibung entwickelt
    - sie haben Tempel gebaut, diese mit Reliephs, Halb- und Vollplastiken dekoriert
    - sie haben haben Pyramiden gebaut
    - sie haben mumifiziert, was das Zeug hielt
    - sie haben Staudämme, Kanäle und Bewässerungssysteme gebaut
    - sie konnten riesige Heerscharen an Arbeitern organisieren und versorgen
    - sie haben Nilometer errichtet, welche tw. bis zum Bau des Aswanstaudamms (Aswan/Assuan) in Funktion waren

    Nur weil wir als Otto-Normal-Verbraucher über die ägyptische Geschichte nur unzureichend Bescheid wissen, heißt das nicht, dass es sie nicht gäbe.
    Neben der Überlieferung dürfte auch ein Problem sein, dass wir uns Ägypten als relativ statisch vorstellen, so in etwa in den Grenzen des heutigen Ägyptens. Dass Ägypten aber zeitweilig auch große Teile Syriens und Zyperns beherrschte, ist zwar historisches Faktum, kommt aber in unserem Geschichtswissen so gut wie nicht vor. Das ist Wissen, welches weitgehend nur Fachwissenschaftlern zu eigen ist, die sich mit der Frühgeschichte der Region befassen und ins öffentliche Geschichtsbewusstsein bisher keinen Eingang gefunden hat.
     
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  17. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Die Hinterlassenschaft der Ägypter ist ja in sich nicht unabhängig. Die offizielle Geschichtsschreibung ist ähnlich gut organisiert gewesen wie die Baustellen der Pyramiden. Wer will es dann verdenken, dass Stabilität und nach einem Dynastiewechsel die Legitimierung allerhöchste Priorität hatte?
    Wer die militärische Entwicklung zum ersten überlieferten Friedensvertrag so schreibt wir die Ägypter, wer hält die Überlieferung dann nicht für einseitig und unvollständig?
    Von der Geschichte anderer Kulturen wissen wir immer dann mehr, wenn nicht nur eine Partei darüber geschrieben hat und am liebsten damit Politik machen wollte. Obwohl unser Wissen über die Römer deutlich größer ist, manches ist dann doch nur wenig - z.B. über die Germanen und Kelten.
     
  18. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Wir wissen, sofern wir nicht völlig ignorant sind, eine gane Menge davon, alleine schon durch die übriggebliebenen Baudenkmähler.
    Wenn man jetzt nich à la Erich von Däniken davon ausgehen will, das Pyramiden, Tempel, Sphinxen ect. von irgendwelchen Außerirdischen errichtet wurden, wird man die entsprechenden Taten wohl der ansässigen Bevölkerung ankreiden müssen.
    Über die notwendigen Vorraussetzungen das leisten zu können (ausgehend von einer spätneolitischen Geselschaft), kann man, wie El Quijote das andeutete einge ganze Menge über die Wirtschafts- Technik und Sozialgeschichte des alten Ägypten in Erfahrung bringen. Einzig was fehlt, sind in weiten Teilen schriftliche Überlieferungen. Wenn die aber die einzige aussagekräftige Quelle in Sachen Geschichte wären, sag mir mal wofür es die Archäologien (in diesem Sinne die Ägyptologie) gibt.

    Kommt im Besonderen für die populäre Darstellung noch hinzu, dass Abgrenzungsprobleme (was kann überhaupt für "ägyptisch" gelten) insgesamt viel zu wenig thematisiert werden, was dann, wie es auch im Eröffnungspost durchklingt zu anachronistischen "Volksbegriffen" führt, die außer Acht lassen, dass diese Vorstellung insgesammt fehlerbehaftet und im Bezug auf die vormoderne Welt völlig unangebracht ist.
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. März 2019
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  19. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich hatte gerade, als Teil meines vorherigen Beitrags, eine Darstellung geschrieben, die die Geschichte der Entdeckung Amerikas bei uns präsent ist und wie sie von dem abweicht, was eigentlich bekannt sein könnte, dadurch, dass es überliefert ist, ich habe das dann wieder gelöscht, um die Diskussion nicht ausfasern zu lassen. Aber grundsätzlich gilt das für alle Bereiche der Geschichte: Alles was mehr als zwei Generationen her ist, ist nicht mehr präsent und muss sich mühsam erarbeitet werden. Die meisten von uns könnten das römische Reich von Romulus und Remus bis zu Romulus Augustulus in fünf Sätzen darstellen (wobei ja schon der Reichsbegriff problematisch wäre). Oder das Mittelalter. Oder den Dreißigjährigen Krieg. Und wir würden über die fünf Sätze hinaus ins Schwimmen kommen, weil das Wissen, welches wir gemeinhin haben, wenn wir uns mit einem Thema nicht näher beschäftigt haben, eben diffus ist. Wir sollten eben nicht von unserem diffusen Wissen ausgehend ein Urteil darüber bilden, ob die Geschichte eines Landes Jahrtausende stagnierte. Es ist die Diffusität unseres Wissens, nicht die Stagnation der Geschichte, die unser Urteil leitet.
     
  20. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Ergänzend dazu sollte man sich einfach mal vorstellen, man würde unsere eigene Geschichte aus der Untersuchung unserer Friedhöfe und dem Bewerten der Inschriften auf den Grabsteinen rekonstruieren.
     
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