Amerikanische Technik/Taktik rückständig mitte des 19.Jahrhunderts?

Dieses Thema im Forum "Technikgeschichte" wurde erstellt von Lupicor, 16. Dezember 2017.

  1. Lupicor

    Lupicor Neues Mitglied

    Guten Tag zusammen.

    da ich mich momentan mit den miliätärischen Konflikten der 19. Jahrhunderts beschäftige ist mir eines aufgefallen. Im amerikanischen Bürgerkrieg bis 1865 kämpften Union und Konföderation noch mit Vorderlader-Musketen, Vorderlader-Kanonen und in Lineartaktik. Nur 5 jahre später, im deutsch-französischen Krieg 1870/71, verfügten beide Seiten schon über Hinterladergewehre, Hinterleder-"Schnellfeuerkanonen" und kämpften im "zerstreuten Kampf".

    Da es mir unwahrscheinlich erscheint, das die Entwicklung von Technik und Taktik in nur 5 Jahren einen solchen Sprung gemacht hat (zumal das Dreyse-Zündnadelgewehr, bereits 1848 bei der preußischen Armee als Standart eingeführt wurde), stellt sich mir da die Frage, ob die amerikanische Militärtechnik und Taktik mitte des 19. Jahrhundert wirklich so veraltet war oder ob die europäischen Armeen (insbesondere die preußische und französische) ihrer Zeit nur weit vorraus waren.

    Wenn die amerikanische Technik/Taktik so veraltet war, welche Gründe hatte dies?
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Dezember 2017
  2. Alfirin

    Alfirin Aktives Mitglied

    Ohne den Spezialisten vorgreifen zu wollen: War nicht erst Königgrätz 1866 der Durchbruch für das Zündnadelgewehr und die aufgelöste Schützenformation? Sprich: Vorderlader und Lineartaktik bei den Österreichern, Hinterlader und aufgelockerte Aufstellung der Schützen bei den Preußen?
     
  3. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Die Preußen haben ihre Neuerungen natürlich geheim gehalten.

    Wichtiger war aber, dass die USA keine richtige Armee hätte, weil die Staaten dem Bund nicht soviel Macht geben wollten. Das zeitigte so einige seltsame Folgen, z.B.:

    - Es gab für viele, auch wichtige Bereiche keine Dienstvorschriften, selbst für die Ausbildung nicht. Die Improvisation der Offiziere führte natürlich zu verschiedensten Mängeln.
    - Die Disziplin ließ zu wünschen übrig: Es wurde teilweise nur befolgt, was verstanden wurde. Das lag auch daran, dass
    - Selbst kriegserfahrene Offiziere ihr Handwerk verlernt hatten und es sich nun wieder aneignen mussten, natürlich oft auf altem Stand.
    - Natürlich stand auch eine Tradition dem Neuen im Weg.

    Aber:
    - Vieles war einfach eine Verkettung verschiedenster unglücklicher Zustände. Z.B. die uneinheitliche Ausrüstung, wie es woanders schon über hundert Jahre überwunden war.
    Anders ausgedrückt: Die USA waren ganz einfach nicht auf einen Krieg vorbereitet und müssten jetzt so ziemlich alles improvisieren...
     
  4. Lupicor

    Lupicor Neues Mitglied

    Das mag ja sein, nur scheint mir das kein hinreichender Grund dafür sein, das man in Europa schon fast den modernen Krieg kämpfte, aber in Amerika noch wie zu Zeiten Napoleons in die Schlacht zog. Zumal der zerstreute Kampf ja sogar wesentlich weniger Disziplin und Ausbildung der Truppe vorrausetzt als die Lineartaktik (weshalb ja auch die französichen Revolutionsheere zu Kolonnentaktik übergingen, da ihre Revolutionskämpfer unfähig waren die Linien zu halten) und die Amerikaner durch Unabhängigkeits- und Indianerkriege viel Erfahrung damit gehabt haben müssten.
    Und so geheim kann man neue Entwicklungen auch nicht halten, wenn man ganze Armeen damit ausrüstet, wie es auch geschehen sein muss, wenn nur 5 Jahre nach dem Bürgerkierg die kompletten Armeen Preußens und Frankreichs damit ausgestattet und daran ausgebildet waren. Auch die Engländer, die ja mit der Konföderation symphatisierten und auch inoffiziell Waffen und Beobachter schickten dürften schon darüber verfügt haben.
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

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  6. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    @ Lupicor: Lies mal nach, wie Rommel die Kriegführung noch zu Beginn des 1. Weltkriegs beschreibt.

    Und die Preußen haben in der Tat geschafft, vieles geheim zu halten. (Es gab auch Waffen, die erst im Ernstfall oder wenn sie nicht mehr 'neu' waren, an die Truppe gingen. Anderes widersprach wohl einfach dem taktischen Vorstellungsvermögen seiner Gegner.) Du brauchst auch keine Vermutungen anzustellen, dass ist sogar in den Handbüchern erwähnt.

    Know how ist eben manchmal simpel und dennoch nicht vorhanden. Und auch die Schwierigkeiten Steller Du Dir falsch vor. Gibt mir 500 Mann. In einer Woche bedienen die ihr Gewehr halbwegs und marschieren in Dreierreihen hintereinander. In einer weiteren Woche kriegen sie das mit der Linie hin. (Der Gegner kann es ja auch nicht besser.) Für die Tirailleur-Taktik braucht es wegen der ständigen Formationsänderungen länger. Ein Karree zu bilden wird dann zum Abschluß zwei- oder dreimal geübt. (Wobei mir auch noch niemand erklärt hat, warum die im Bürgerkrieg offene Karrees statt geschlossene bildeten.)

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  7. Lupicor

    Lupicor Neues Mitglied

    @ Riothmas

    Wenn die Lineartaktik so einfach wäre, dann hätte die französische Revolutionsarmee Ende des 18. Jahrhundert nicht extra die Kolonnentaktik erfinden müssen, weil die schnell einberufenen Rekruten es offenbar auch durch eine Schnellausbildung durch erfahrene Offiziere nicht hinbekamen in Linearformation zu kämpfen und es deshalb aufgeben wurde.

    Im übrigen gehört zu einer Linieartaktik nicht nur sich in Reihen aufzustellen, man muss auch Richtungsänderungen,/Schwenks und Neuformierung als geschlossene Linie hinbekommen, das schnelle Aufgehen einer Kampflinie aus einer geschlossenen Marschformation und auch das gleichzeitige Nachladen und Feuern der einzelnen Reihen/Pelotons scheint in langen Linien nicht so einfach hinzubekommen sein wie es zuerst wirkt ... insgesamt scheint die Lineartaktik sogar eine der am schwersten zu beherrschenden zu sein, da dazu langer Drill, starke Disziplin und Aufmerksamkeit jedes einzelnen auch unter Beschuss notwendig ist (wie es auch Clausewitz in "Vom Kriege" in den wenigen Passagen über Taktik in der Schlacht mehrfach erwähnt)

    Gerade für die hastig zusammengewüfelten Freiwilligeneinheiten des amerikanischen Bürgerkriegs war die Lineartaktik die schlechteste Wahl (was Jahrzehnte vorher schon Napoleon bei seinem ebenso gearteten Revolutionsheer erkannt hatte und deshalb die Kolonnentaktik entwickelte). Das dann viel zu lange daran festgehalten wurde (u.a. auch den veralteten Waffen geschuldet) kann man an Katastrophen wie u.a. "Picket's Charge" bei Gettysburg erkennen. (Im übrigen war dies nicht der letzte Fehlgrif in dieser Beziehung, man schaue sich nur den Irrsinn an, den die Briten noch im Burenkrieg 1880 anstellten (obwohl sie und ihre Gegner schon Waffen hatten, die die Lineartaktik obsolet machten .. von dem Festhalten an leuchtend roten Uniformen mal abgesehen) und mächtig dafür zahlen mussten, auch wenn ihre Truppen bei weitem besser gedrillt und diszipliniert waren.)
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Dezember 2017
  8. ervie

    ervie Gast

    Also ich kenn mich in Militärtaktik nicht so aus, aber soweit ich weiß, war die USA technisch um 1850 weiter entwickelt als sie es taktisch waren. Viele der neu ernannten Offiziere wussten kaum etwas über Strategie und Taktik und deren Lehrbücher orientierten sich noch an Napoleons Kriegen. Technisch waren u.a. die neu eingeführten Springfield Gewehre auf dem aktuellen Stand. Großbritannien führte auch einige dieser Gewehre ein und importierten amerikanische Maschinen, um während des Krimkrieges die Enfield-Werke aufzubauen.

    Natürlich kann sich in fünf Jahren taktisch einiges ändern, da viele Lehren aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg gezogen wurde. Technisch war die USA ja fortschrittlich - auch bildungsbürgerlich. In New England z.B. konnten 95% der erwachsenen Bevölkerung lesen und schreiben.
    Andererseits muss auch beachtet werden, dass Europa eine viel längere kriegerische Tradition aufzuweisen hat und es mir deshalb auch plausibel erscheint, dass Europa dahingehend "fortschrittlicher" war.
     
  9. Lupicor

    Lupicor Neues Mitglied

    @ervie
    Hätten sie sich an Napoleon orientiert, dann hätten sie für ihr Freiwilligenarmeen wenigstens die Kolonnentaktik angewendet, denn die war eine der grossen Lehren aus den napoleonischen Kriegen für wenig gedrillte Verbände, mit denen viele besser gedrillte Heere der damligen Zeit, die auf Lineartaktik setzten, von Napoleon geschlagen wurden. Eher zogen die Bürgerkriegs-Generäle offenbar ihre Schlüsse auf Grundlage der Taktiken Friedrich des Großen etc. aus der Mitte des 18.Jahrhunderts.
     
  10. ervie

    ervie Gast

    Die Kolonnentaktik wurde in West Point ja gelehrt. Genau so wie Napoleons Taktik, die Infanterie mit Hilfe der Artillerie vorrücken zu lassen - wie du ja mit der Andeutung von "Picketts Charge" bemerkt hast.
    Aber während des Bürgerkriegs wurde die Taktik den neuen Waffen angepasst, die u.a. gedrillte Kugeln, sog. Minié balls, hatten.
    Durch den Übergang der glattläufigen Muskete zum Gewehr mit gezogenem Lauf hatte auch zur Folge, dass die Defensive mehr an Bedeutung gewann und dass Kavallerieattacke gegen Infanterie keinen Erfolg mehr hatte, da gute Schützen die Kanoniere und vor allem die Pferde auf Entfernungen bis zu einer halben Meile abschießen konnten.
    Mal abgesehen davon, kämpften im Amerikanischen Bürgerkrieg zwei Armeen mit dem nahezu gleichen Ausbildungsstand gegeneinander - die Motivation der Südstaaten war aber größer.
     
  11. Lupicor

    Lupicor Neues Mitglied

    @ervie

    Ja, aber die Frage ist hier doch, warum Technik und Ausbildung in den amerikanischen Staaten im Vergleich zu Europa recht antiquiert waren .... während in Euopa schon 1848 die ersten Hinterlader als Standartbewaffnung eingeführt wurden (und niemand kann behaupten das eine flächendeckende Einführung einer solch neuen Waffe 15 Jahre lang geheim gehalten werden kann), schoss man 1865 in Amerika noch mit Vorderlader-Musketen, wenn auch schon mit gezogenem Lauf, und mit Vorderladerkanonen, während in Europa schon Hinterladerkanonen mit viel höherer Schussfolge verbreitet waren.

    Und wenn die Kolonnentaktik gelehrt wurde, warum wurde sie dann nicht angewandt (mir wäre kein Fall bekannt), wie es bei einem eher unausgebildeten Freiwilligenheer angebracht gewesen wäre? Das und die eher halbherzige, unkoordinierte und verplante Artillerieunterstützung bei Gettysburg lassen darauf schliessen das die amerikanischen Generäle die Lehren aus den napoleonischen Kriegen nur unzureichend umsetzten, praktisch einen Krieg wie vor 100 Jahren führten (lieber Lineartaktik wie Friedrich der Grosse, auch wenn die Truppen dafür meist unbrauchbar waren und sie durch die neuen Waffen praktisch obsolent wurde) und selbst nach 3 Jahren Krieg damit nicht umgehen konnten oder wollten.

    Zumal gerade die Amerikaner wie gesagt aus Unabhängigkeitskrieg (wo sie ja damals schon, wenn sie es mit ihren Freiwilligen- und Miliztruppen in offener Schlacht in Lineartaktik versuchten hatten, all zu oft verheerend gescheitert sind) und Indianerkriegen einige Erfahrung mit zerstreutem Kampf gehabt haben sollten. Warum hat man wieder besseren Wissens diese ganzen Lehren und Erfahrungen grösstenteils ignoriert?
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Dezember 2017
  12. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ganz so veraltet war die Ausrüstung und Taktik aber nun auch wieder nicht. Die napoleonischen Taktiken wurden an Militärakademien gelehrt, und Formationswechsel Anmarsch in Kolonne, Entfaltung in zwei Glieder tief gestaffelte Linie wurde angewendet. Im Kriegsverlauf wurden u. a. Fesselballons, Seeminen, Minnie-Geschosse, erste rudimentäre U-Boote und Panzerkreuzer eingesetzt. Als der Krieg begann fanden im Großen und Ganzen noch die Taktiken und Waffen der napoleonischen Kriege Verwendung, als er endete hatte die Kriegsführung bereits große Ähnlichkeit mit der des 1. Weltkrieges. Der Krimkrieg, der Mexikanisch-Amerikanische Krieg war nicht spurlos vorbeigegangen. Die Eisenbahn und der Telegraph wurden im Kriegsverlauf eingesetzt um Truppen schneller mobilisieren zu können, und in West Point lehrte man bereits vor der Sezession, das künftige Kriege mit Geschwindigkeit entschieden würden. Als der Krieg zuende ging waren Hinterladerladerkarabiner, Repetiergewehre, die gatling Gun ein frühes Maschinengewehr bekannt und fanden Verwendung. Die Sharps Rifle, ein 1-schüssiger gezogener Hinterlader war bereits vor dem Beginn des Sezessionskrieges patentiert worden und wurde im späteren Kriegsverlauf auch in größerer Stückzahl ausgegeben und verwendet. Minnie-Geschosse wurden schon im Krimkrieg verwendet und wurden auch Im Bürgerkrieg von beiden Seiten verwendet. Ferdinand von Zeppelin nahm als Militärbeobachter auf Unionsseite am Bürgerkrieg teil und sah dort Fesselballons im Einsatz. Bei der Belagerung von Paris flohen Teile der französischen Regierung in Ballons, und Zeppelin kam wohl dabei die erstmals die Idee, ein lenkbares Luftschiff zu konstruieren. 1861 lief die USS Monitor vom Stapel. Das erste Panzerschiff mit drehbaren Geschützkuppeln 1862 lieferte sie sich in der Hampton Road ein gefecht mit der Virginia. Das war das erste Duell mit Panzerkreuzern. Spezialeinheiten wurden im späteren Kriegsverlauf auch mit Henry Repetiergewehren ausgerüstet.
    Die Taktiken und Waffen der napoleonischen Kriege waren gut bekannt, das Problem war, dass sie spätestens mit dem Krimkrieg veraltet waren, und manche Militärs und Intendanturen hatten das bis zuletzt nicht kapiert. Die Einführung des Sharps Karabiners musste auf persönliche Fürsprache Lincolns geschehen, manche Intendanten hatten die Sorge, dass die Soldaten Zuviel Munition verbrauchen würden(!) Dass Taktiken und Waffen zu Beginn des Krieges nicht auf der Höhe der technischen Möglichkeiten waren, lag an einem schwerfälligen Intendantursystem, am Mangel von gut geschulten Offizieren und Korruption und Lobbyismus im Kriegsministerium. Außerdem hatten die einzelnen Bundesstaaten zu Beginn des Krieges ein erhebliches Wort mitzureden, und personell waren das häufig Leute, denen militärische Erfahrungen fehlten, die vielleicht ein Kommando in der State Miliz geführt hatten, aber technisch und taktisch noch auf dem Stand des Unabhängigkeitskrieges oder des Krieges von 1812-14 stehengeblieben waren. Gerade der industrialisierte Norden brauchte sehr lange, bis er seine demographische und wirtschaftliche Überlegenheit ausspielen konnte.
     
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  13. ervie

    ervie Gast

    Hinterlader gab es auch 1861 schon. Der Sharps-Karabiner oder der siebenschüssige Spencer-Karabiner. Aber diese hatten eine kürzere Reichweite als die Springfields oder Enfields und waren auch störanfälliger.

    Du kannst aber danach fragen, welche Offiziere überhaupt eine militärische Ausbildung genossen haben? Denn im Norden wie im Süden ernannte der Präsident die Generäle, vorbehaltlich der Bestätigung durch den Senat. So spielten politische Kriterien eine Rolle bei der Ernennung von Generälen und Offizieren niederer Ränge. Lincoln und Davis versuchten so, sich die Loyalitäten ihrer Offiziere zu sichern. Zu Beachten ist auch weiterhin, dass sieben der acht Militärakademien des ganzen Landes in den Sklavenstaaten lagen. Die meisten Offiziere des Nordens kamen dagegen aus dem Zivilleben und mussten das Kriegshandwerk durch Erfahrung lernen.

    Und wie lange wurde in Europa Krieg geführt und wie lange in Amerika?
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 17. Dezember 2017
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  14. Lupicor

    Lupicor Neues Mitglied

    @ervie

    Die Indianerkriege gingen durch das gesamte 19. Jahrhundert, mehr als genug Zeit aus den Erfahrungen des zerstreuten Kampfes und dem Vorteil schnellfeuernder Waffen zu lernen und wenn die US-Militärakademien in einer solchen abgeschotteten Blase gelebt haben, ohne einen Blick nach Übersee zu werfen und sich anzupassen, dann kann man sie wohl mit Fug und Recht als veraltet betrachten. Das mit den Offizieren ist natürlich richtig, allerdings lief dies in Europa auch nicht anders, teilweise wurden Leute nur aufgrund ihres Adelstitels zum Befehlshaber berufen, obwohl sie auch von Tuten und Blasen keine Ahnung hatten.
    Auch die Störanfälligkeit der Waffen dürfte logisch betrachtet kein Grund gewesen sein, wenn man bedenkt, das noch bei Gettysburg ca. 20.000 Vorderlader-Musketen eingesammelt wurden, bei denen die Nutzer zig Kugeln in den Lauf gerammt hatten ohne einen Schuss abzufeuern. Angesichts eines solchen "menschlichen Versagens", das nur bei diesen veralteten Waffen vorkommen konnte, dürfte die Störranfälligkeit einer Repetiergewehrs das kleinere Übel gewesen sein und dies war den Generalstäben durchaus bekannt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Dezember 2017
  15. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Wie bereits gesagt, war die Ausrüstung und Waffentechnik im amerikanischen Bürgerkrieg keineswegs antiquiert im Vergleich zu Europa. Die Sharps Rifle war sicher nicht schlechter, als das Zündnadelgewehr, und Minnie-Geschosse fanden auf beiden Seiten Verwendung. Die Sharps wurde schon 1848 patentiert. Die Kolonnentaktik war im Unabhängigkeitskrieg bekannt, und Formationswechsel von der Kolonne aus dem Marsch in zweifach gestaffelte Schützenlinie wurde selbst in den Staatsmilizen bis zum erbrechen exerziert. Das Problem war eher, dass Truppen mit den Taktiken der napoleonischen Kriege gegen Waffentechnik des Krimkrieges anrannten. Die Frage stellt sich, warum es auf beiden Seiten so lange dauerte, bis das begriffen wurde, wobei es viele gab, die es bis Kriegsende nicht begriffen hatten.

    Der Süden hatte den Vorteil, dass er zu Beginn des Krieges über bessere Kommandeure und erfahrenere Offiziere verfügte, die im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg praktische Erfahrungen gesammelt hatten. Lincoln hatte übrigens Robert E. Lee das Oberkommando über die Unionsarmee angeboten, was Lee aber abgelehnt hatte, da er wie er sagte nicht gegen seine Heimat Virginia das Schwert ziehen wollte. Wider Erwarten hatte Virginia sich aber für die Sezession entschieden. Ein Teil Virginias, der heutige Bundesstaat West Virginia war dem allerdings nicht gefolgt und war in der Union verblieben. In Maryland und seiner Heimat Kentucky hatte Lincoln so viele Truppen stationiert, dass diese Staaten gar nicht sezessionieren konnten. Diese Staaten sowie Delaware und Missouri erlaubten übrigens Sklaverei, die dort erst 1865 mit dem 13. Zusatzartikel abgeschafft wurde. Der Norden hatte eigentlich den Vorteil dass er stärker industrialisiert war und über gewachsene zentrale Administration verfügte, allerdings waren Lincoln politische grenzen gezogen. Zu Beginn des Krieges war die Habeas Corpus Akte und die Pressefreiheit eingeschränkt worden. Die Blockade der Südstaaten wurde im Verlauf des Krieges immer drückender. zu Beginn aber musste sich Lincoln fragen lassen, warum er zu diesem Mittel griff, wenn es sich doch bei der Sezession nur um eine Rebellion handelte. die Blockade kam in gewisser weise einer unfreiwilligen Anerkennung der Konföderierten gleich. Großbritanniens Textilindustrie war von Importen aus den USA abhängig, und es war zu befürchten, dass Großbritannien und Frankreich die Konföderierten anerkennen und sie unterstützen könnten. Frankreich war unter Napoleon III. in Mexiko involviert und hatte daher Interesse an einer Schwächung der Union. Lincoln wollte daher vermeiden, allzu stark in Souveränitätsrechte der einzelnen Bundesstaaten einzugreifen. Bewaffnung und Ausrüstung der Truppe lag zu Beginn des Krieges bei den Bundesstaaten, und in den Magazinen stapelten sich noch das Inventar, das während des Amerikanisch-Mexikanischen Krieges oder sogar während des Krieges von 1812 angeschafft worden war. Die Intendanturen waren häufig inkompetent und korrupt. Heeresaufträge waren nicht nach Effizienz, sondern nach Höhe der Bestechungsgelder vergeben worden. Noch dazu lag das US-Kriegsministerium in der Hand von "Boss" Simon Cameron, einem inflexiblen und korrupten Politikers, dem es mehr um Vermehrung der eigenen Macht, als um moderne Ausrüstung der Truppe ging.

    In den Südstaaten war die Lage noch schlimmer. es fehlte zwar nicht an motivierten Kriegsfreiwilligen und erfahrenen Offizieren, den Versuchen eine zentrale Verwaltung und Koordination zu schaffen, waren im Süden aber noch engere Grenzen gesetzt, als im Norden. Die Ausrüstung und Bewaffnung der Truppen war im Wesentlichen Sache der einzelnen Bundesstaaten, die eifersüchtig auf diese Rechte pochten. auch dort wurden Heeresaufträge häufig mit Schmiergeldzahlungen forciert, und Ausrüstung, Bewaffnung und Proviant war häufig veraltet, in schlechtem Zustand und die Intendanturen meistens noch konservativer, als im Norden.
     
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  16. ervie

    ervie Gast

    Es macht aber einen Unterschied, ob es ein Indianerkrieg ist oder ob man gegen Armeen mit z.B. Kanonen kämpft. Und wenn dann die gegnerische Seite präzise Gewehre einsetzt, dann bringen einem Schnellader nichts, die eine kürzere Entfernung hatten. Die meiste militärische Erfahrung wurde bei den amerikanischen Offizieren, wie Scorpio schon anmerkte, in Mexiko gesammelt. Dort wurde mit Büchsen mit glattem Lauf gekämpft, deren effektive Reichweite an einem windstillen Tag bei vielleicht 80m lag. Durch den gezogenen Lauf verlängerte sich diese Reichweite um gut das Vierfache.
    Die Taktik war einfach veraltet, bzw. war die technische Entwicklung zu schnell, um die Bedeutung der technischen Entwicklungen für die militärische Strategie zu erkennen. In den USA muss man übrigens auch in anderen Entfernungen denken.

    Zu den Offizieren: Das ist schon richtig, dass diese politisch ausgewählt wurden und v.a. die Südstaaten machten keinen Unterschied zwischen Kabinettsmitgliedern oder einen Postamtsvorsteher. Hier galt es nämlich vordergründig, sich politische Loyalität zu verschaffen. Eine Liste von Generälen, die KEINE militärische Ausbildung hatten:
    Norden: Benjamin F. Butler, Daniel E. Stickles, John A. McClernand, John A. Logan, Generäle die Einwanderer waren und für den Norden kämpften: Carl Schurz, Franz Sigel, Thomas Meagher
    Süden: Robert A. Toombs, John B. Floyd, Henry A. Wise
     
  17. Lupicor

    Lupicor Neues Mitglied

    @Scorpio

    Also heist das quasi, das der amerkanische Bürgerkrieg aufgrund von Korruption und Unfähigkeit der Politik und Wirtschaft wir vor 100 Jahren geführt wurde? Das erklärt aber noch nicht, warum die Generäle in Taktiken dachten, die mehr als 50 Jahre alt waren und dies selbst nach mehreren Jahren Krieg und anderer Erfahrungen nicht änderten ....
     
  18. ervie

    ervie Gast

    Doch würde es, wenn man beachtet, dass Korruption und Unfähigkeit ein Modernisierungsverhinderer ist. Und inwiefern war es überhaupt nötig, sich militärisch zu rüsten?
     
  19. Lupicor

    Lupicor Neues Mitglied

    @ ervie

    Die Präzision war in diesem Fall aber auch egal, da die Einheiten in Lineartaktik eingesetzt wurden .... Grundsatz der Lineartaktik war, so schnell wie möglich nachzuladen und zu feuern und so einen möglichst schnellen, dichten Kugelhagel zu erzeugen.
    Es kam nicht auf die Zielgenauigkeit an, sondern einzig auf die Menge der in einer Salve abgefeuerten Kugeln und wie schnell diese Salven abgefeuert wurden, weshalb die meisten Schützen auch nicht gross zielten sondern ihnen beigebracht wurde, einfach nur so schnell wie möglich zu laden und zu feuern. Dementsprechend lief die eingesetzte Taktik selbst dem geringen technischen Fortschritt der eingesetzen Waffen zuwieder ...

    Aber Korruption und Unfähigkeit erklären immer noch nicht diese unerklärliche Weigerung der Generäle auf offentsichtliche Änderungen ihrerseits taktisch zu reagieren ....
     
  20. ervie

    ervie Gast

    Doch, weil die Büchsen effektiv die Artillerie ausschalten konnten, wenn sie präzise waren. Was meinst du, weshalb Artillerie als Offensivwaffe an Bedeutung verlor? Und welche Vorteile eine präzise Waffe mit hoher Reichweite hat, zeigte der Krimkrieg - dort wurde mit amerikanischer Technik gekämpft.
     

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