Arabischer Nationalismus/Baath Parteien

Dieses Thema im Forum "Judentum | Israel | Naher Osten" wurde erstellt von Zoki55, 10. September 2013.

  1. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Heikles Thema denn in Syrien scheint es so zu sein, dass die letzte Partei die sich zu diesem bekennt zu verschwinden sein. Wenn wir zu tagespolitisch werden, kommt sicher ein Moderator

    Frage die sich aufwerfen und die ich bearbeiten würde.

    -Was machte diese so attraktiv.
    -Warum scheinen vor allem religiöse Minderheiten Christen Alawiten, Säkulare e.t.c sich für zu diesen hingezogen fühlten und fühlen. Liegt es daran, dass damit die Möglichkeit bestand endlich "völlig gleichberechtig" zu werden.
    -Warum scheint Bewegung an Zustimmung verloren zu haben Niederlagen gegen Israel, soziale Probleme u. Dikaturen e.t.c.
     
  2. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Die Partei war anfangs eine panarabische Partei mit revolutionären Ideen.
    Sie stellte in zwei unterschiedlichen Ländern die Regierung.
    Die jeweiligen Dikatoren besetzen jeweils die Schlüsselpositionen mit Familienmitgliedern und versuchten sich in der Dynastiegründung.
    Ab den 80ern standen sich bei konkurrienden Diktatoren sogar feindlich gegenüber.
    Die beiden Baath-Parteien waren nur noch die Fan-Clubs des jeweiligen Regimes und die ursprüngliche Ideologie spielte keine Rolle.

    Die Bevölkerung ist in beiden Ländern ziemlich heterogen. Zu der religiösen Diversität kommen auch noch ethnische Minderheiten. Die kurdischen Siedlungsschwerpunkte dürften einer panarabischen Ideologie eigentlich entgegen stehen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. September 2013
  3. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Die Araber begannen schon in der Endphase des Osmanischen Reiches und während der kolonialistisch-mandatistischen Epoche zwischen grob 1918 und den 1950ern nach einer eigenen politischen Identität zu suchen. Der Islam kam als politischer Faktor aus zwei Gründen damals nicht zur Geltung. Zum einen waren die politischen Eliten so säkular wie in Europa auch, fünf Mal am Tag beteten die unteren Schichten. Zum anderen waren die Türken, von denen die Araber sich jetzt lösten, ebenfalls Muslime. Schlimmer: der Sultan war als Kalif sogar geistlicher Führer gewesen.

    Also suchte man das Heil in der Nation. Allerdings bestand das Problem, das Arabertum und Islam kaum trennbar sind. Der arabische Nationalismus versuchte nun das Konstrukt, alle arabisch Sprechenden einzubinden und den Islam eher als Kultur denn als Religion zu verstehen. Damit war eine Brücke zu den nicht-islamischen Arabern geschlagen. Und damit wurde der arabische Nationalismus (AN) für Minderheiten attraktiv. Protagonisten des AN waren daher oft Christen: Zuraiq, Rabath oder Al-Husri.

    Auf dieser Welle ritt auch Michel Aflaq, syrischer Christ und Gründer der Ba´th. Er forderte darüber hinaus, dass der Arabische Nationalismus panarabisch und revolutionär (also sozialistische) sein müsse.

    Dieses etwas gezwungene Konstrukt der Identität von Nation, Kultur und Religion (plus einem schwach definierten Sozialismus) gab Minderheiten natürlich viele Möglichkeiten zur Eingliederung in eine eigentlich abweisende Umwelt und sogar zum Aufstieg.
    Wobei man das Minderheitenthema differenziert betrachten muss. Die Sunniten im Irak, die dort die Ba´th dominierten, sind ja keine Minderheit, sondern eine von drei starken Volksgruppen (Sunniten, Schiiten, Kurden). Die Nasseristen in Ägypten sind vor allem Sunniten und damit Teil der religiösen Mehrheit. Die Alawiten in Syrien sind allerdings tatsächlich eine religiöse Minderheit.

    In der Ba´th sammelten sich eher alle Aufstiegswilligen. Die Zusammensetzung der Partei entspricht im Wesentlichen der von Armeen in starren Gesellschaften: auch dort sammeln sich (unterhalb der Erb-Positionen ganz oben) häufig Ehrgeizige, die in festgefahrenen Zivilgesellschaften wenig Chancen haben. In Arabien waren das die mittelständische, städtische Intelligenz und die Minderheiten. Nicht zu vergessen Abenteurer wie Saddam Hussein, die in der Zivilgesellschaft schlicht nicht zu gebrauchen waren. Die Symbiose zwischen Armee und Ba´th ist also kein Zufall.

    Das hat sich über die Jahre nicht geändert. Ich würde mal sagen, dass nicht unbedingt die Ba´th an Attraktivität für ihre ursprünglichen Zielgruppen verloren hat. Aber alle, die nicht von der Partei profitierten, haben das im Laufe der Jahre und beschleunigt durch Internet u.ä. irgendwann mal gemerkt.

    Dazu kommt natürlich der (Wieder-)Aufstieg eines politischen und intoleranten Islam.

    Also kurz und knapp auf deine Fragen:
    - Attraktivität s.o.
    - Der Minderheitenansatz ist nicht falsch, schau aber nicht nur auf offensichtliche Ausgrenzungsmerkmale wie Religion
    - Die Zustimmung geht auch wegen der besseren Informationsmöglichkeiten der Ausgeschlossenen zurück
    - vor allem aber, weil die bestehenden Regime im Irak, Syrien, Ägypten den Ehrgeizigen keinen Zugang zu den Fleischtöpfen mehr gewährten oder gewähren. Womit sie ihre Kernkompetenz verloren haben!





    PS: ich habe mich weitgehend auf Ba´th beschränkt. Im Grunde gilt das o.a. aber auch für Nasseristen, pakistanische Nationalisten, Kemalisten etc.,
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. September 2013
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  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    @ steffen: eine informative und zum Glück knappe Zusammenfassung! :winke:

    Das halte ich für einen ganz zentralen und wichtigen Punkt, zumindest aus Sicht der nichtmuslimischen Welt. Was geschieht, wenn der entfällt, kann man gegenwärtig verfolgen.
     
  5. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Im Libanon jedenfalls scheint es so das sich aus den verschiedenen Religionsgruppen, die früher im osmanischen Milet System verschieden akzeptiert waren, Nationen entwickelt haben.

    Damit scheint der Untergang des arabisches Nationalismus im Libanon seinen Anfang genommen zu haben, die Maronite haben ja offen mit Israel zusammengearbeitet.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. September 2013
  6. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Das war nur ein kleiner Teil der Forces Libanaises unter Hobeika. Die Mehrheit der Libanesischen Christen war m.W. nicht davon begeistert.

    Und gerade auf der anderen Seite waren Palästinensischen Christen gut vertreten unter den Gründern von Fatah und Schwarzen September.
     
  7. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Die heutigen arabischen Staaten sind noch relativ jung. Nach dem 1. Weltkrieg haben die Europäer quasi willkürlich die Grenzen der Mandatsgebiete gezogen.

    Michel Aflaq wurde 1910, also noch in Osmanischer Zeit geboren.
    Die Gründung der Baath-Partei erfolgte 1943. Da war Syrien noch französisches Mandatsgebiet.

    Zu Beachten ist auch, dass nach dem Ende der Osmanischen Herrschaft eine Auswanderungswelle unter den Christen im Nahen Osten ausbrach. 1000 arabischen Christen wanderten nach Amerika aus. Mittlerweile leben in keinem anderen Land mehr arabischen Christen als in Brasilien.
    Im Zusammenhang mit dem aufschwellenden Konflikt um Palästina oder Israel wurde nahezu alle Juden aus diesen Ländern vertrieben.
    Gleichzeitig wurden Flüchtlinge aus Palästina aufgenommen.
    Das wesentliche Ergebnis davon ist, dass der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung binnen weniger Jahrzehnte stark angestiegen ist.

    Die Grenzen des Libanon, Syriens oder des Iraks mögen noch so willkürlich durch fremde Mächte gezogen worden sein, sind aber nach all den Jahren doch etabliert.
    Die panarabische Idee blieb eine kurzzeitige Schwärmerei. Ein drastisches Bild liefert der Libanesische Bürgerkrieg. Man mag hier natürlich vorhalten, dass das ein Beispiel dafür ist, dass der libanesische Nationalismus nicht funktioniert. Tatsächlich ist es aber so, dass Libanesen gegen Syrer und Palästinenser kämpften. (Dieser Aspekt war natürlich nur zusätzlich zu den Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen Religonsgruppierungen.) Das Eingreifen Syriens wurde nicht als panarabische Schützenhilfe verstanden - zumindest nicht von allen. Insofern stand dem auch ein libanesischer Nationalismus entgegen.
    Eindeutig ist zumindest, dass der panarabische Nationalismus in der Zeit schon längst tot war.
    Beachtenswert ist auch der Irak und Syrien, obwohl sie ja beide Dikatoren Anhänger einer Baath-Partei waren, unterschiedliche Parteien im Libanon unterstützten und sich so quasi einen Stellvertreterkrieg lieferten.
     
  8. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Der Anteil der orthodoxen Christen an der vorderasiatischen Bevölkerung muss zu osmanischen Zeiten und vermutlich noch bis zum Zweiten Weltkrieg beträchtlich gewesen sein. Die altorientalischen Kirchen blicken immerhin auf ein beträchtliches Alter zurück, weit vor der Ausbreitung des Islam. Genauere Zahlen zum Bevölkerungsverhältnis Christen - Muslime in der Zeit vor den Weltkriegen sind mir leider nicht bekannt.

    Wie kommt es, dass sich Christen gerade im Libanon mit einem Bevölkerungsanteil von rund 40% halten konnten, während sie in den anderen arabischen Ländern dezimiert und vertrieben wurden?
     
  9. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Ich seh schon, das ist jetzt ein Bruch in der Debatte.
    Ich möchte trotzdem meinigen obigen Beitrag ergänzen und ein Stück weit relativieren. Zum einen war die Ba´ath deutlich „linker“ als ich das in Erinnerung hatte. Ich hab den arabischen Sozialismus eher als Ranwanzen an den Waffenlieferanten Sowjetunion verstanden. Außerdem war der Widerstand aus religiösen und bürgerlichen Schichten in syriene gegen die Ba´ath von Anfang an sehr stark und wurde mit Gewalt niedergehalten.

    Ich habe ältere (72 - 82) Artikel von Thomas Koszinowski (TK) vom Deutschen Orient-Institut gefunden. Kurz ein paar Anmerkungen daraus zur syrischen Ba´ath.

    1963 Machtübernahme der Ba´ath in Damaskus

    16. 11. 1970 übernimmt Hafiz al-Assad die Macht.
    Er löst Salah Jadid ab, einen Vertreter der innerparteilichen Linken. Koszinowski bezeichnet diese Gruppe als linksextrem und dogmatisch. Auslöser war die militärische Niederlage der syrischen Armee auf seiten der PLO gegen das jordanische Königshaus (Schwarzer September). Luftwaffenchef Assad hatte den immerhin 16.000 syrischen Soldaten die Luftunterstützung verweigert, um Jadid zu schwächen.

    7. März 72 wird eine „Progressive Nationale Front“ aus Ba´ath, Arabischer Sozialistischer Union, der Kommunistischen Partei Syriens, der Organisation der Sozialistischen Unionisten und der Bewegung der Arabischen Sozialisten gebildet. (Warum erinnert mich das bloß an einen Monty-Python-Film??). Diese Front war nun höchste politische Instanz. Von 17 Sitzen der Führung übernahm die Baá th neun Sitze plus der Position des Vorsitzenden: Assad.

    12. März 73: Per Volksabstimmung wurde eine Verfassung verabschiedet. Da diese den Islam nicht als Staatreligion (oder überhaupt) erwähnte, kam es zu Unruhen in sunnitischen Hochburgen. Darunter auch Hama. Hama wurde 1982 wiederum nach einem sunnitischen Aufstand bombardiert. Es soll rund 30.000 Tote gegeben haben.
    Interessante Formulierung aus dem Innenministerium 1973: „Den imperialistischen, zionistischen und reaktionären Kräften ... töteten vier Zivilisten, darunter ein Kind. .... die Sicherheitsorgane unterbanden den Aufruhr, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen.“ Wenn man´s ausdrücklich erwähnen muss...!

    Koszinowski erwähnt Aufstände
    1965: Bazaris und städt. Mittelstand wegen Verstaatlichungen
    1967 Bazaris und städt. Mittelstand wegen eines islamfeindlichen Artikels in einer Armeezeitschrift



    Dann hab ich noch eine Formulierung aus einem Artikel aus „Orient“ von 1980 (?) über Minderheiten im Mittleren Osten gefunden: “ .... daß sie (die Alawiten) praktisch die gesamte Führung der syrischen Baath stellen....“.

    Die syrische Baath war also sehr schnell eine geschlossene Gesellschaft und wohl kaum durchgängig für andere Bevölkerungsteile. Das beantwortet noch einmal die Frage nach der nachlassenden Attraktivität der Partei und ihres Gedankengutes.

    Das Orient-Institut war übrigens damals ganz begeistert von Assad sen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. September 2013
  10. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das ist ja ein Phänomen: Wie lässt sich erklären, dass gerade eine religiöse - und vielleicht inzwischen auch ethnische? - Minderheit wie die Alawiten die Macht in einer Partei und im Staat übernehmen kann? Wie konnte es einem alawitischen Clan gelingen, die Gewalt im Staat an sich zu reißen? Spielte seinerzeit das Glaubensbekenntnis in arabischen Staaten nur eine untergeordnete Rolle? Wie wir wissen, gelten Alawiten vielfach nicht als "echte" Muslime.

    Nicht nur die! :D
     
  11. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Es gibt auch eine ganz simple Erklärung: Assad I. besetzte Schlüsselpositionen des Regimes mit Angehörige seiner Familie bzw. seines Clans. Und das waren nunmal Alawiten.

    Saddam Hussein hat das ganz genauso gemacht. Der Unterschied ist nur der, dass Saddams Tikrit-Clique eben nicht durch eine exotische Konfession auszeichnete.

    Assad I. verdankt seinen Aufstieg zweifellos seiner Militärkarriere. (Hier wäre dann auch die Frage zu stellen, ob das wirklich eine ideologische Diktatur war oder eben nur eine Militärdiktatur.)
    Zuvor hatten bereits Angehörige weitaus randständigerer religiöser Minderheiten durchaus vergleichbare Karrieren in der syrischen Baath-Partei bzw. dem Militär vollbracht. Am Ende hat sich Assad I. in den parteiinternen Machtkämpfen durchausgesetzt.

    Spielarten des Sozialismus war praktisch die dominierende Ideologie im Nahen Osten der 60er und 70er. Baath-Partei, Kommunisten und Nasseristen waren konkurriende politische Strömung.
    Rechts davon es im Grunde nr die Muslimbruderschaft.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. September 2013
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  12. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Gefahr ist natürlich: Macht sich eine lange herrschende religiöse Sekte im Volk unbeliebt, so muss diese religiöse Minderheit nach ihrer gewaltsamen Abwahl die Rache der Mehrheit fürchten.
     
  13. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Wenn ich mich Recht erinnere waren die Alawiten nie beliebt und wahrscheinlich die religiöse Minderheit die im osmanischen Reich am meisten verachtet wurde.

    Sonst stimmt das und ist ja ein Problem heute, was passiert in einer Post Assad Ära mit den Alawiten (möglicherweise Christen).

    Jedenfalls scheint der Assad Clan wenigstens in religiösen Fragen sehr tolerant in der Vergangenheit gewesen zu sein. Ähnlich Saddam Husseins.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. September 2013
  14. steffen04

    steffen04 Gesperrt


    Beobachter haben es damals auch für möglich gehalten, dass Assad die Baath gleich auflöst und eine lupenreine Junta installiert. Sein Ansatz mit Partei, Armee und Geheimdienst zu regieren hat er möglicherweise von östlichen Vorbildern übernommen. Hat auf jeden fall gut funktioniert.
     
  15. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    In Palästina war um 1900 der Anteil an Christen auch ähnlich hoch. In Syrien gibt heute noch einen sowohl zahlenmäßig wie sozial bedeutenden Christlichen Bevölkerungsteil. Im Irak und Ägypten zwar geringer aber vorhanden. In Algerien gab es m.W. zwar keine einheimischen Christen, aber schon vor der französischen Eroberung gab es eine bedeutende Kolonie an italienischen und spanischen Händlern und Handwerkern.

    Letztere zogen nach der Unabhängigkeit mit den Franzosen ab. In anderen Ländern (auch dem Libanon) war die Bereitschaft der eher westlich orientierten Christen zu emigrieren, höher als die der Moslems. In Chile gint es heute ca. 300.000 Personen mit palästinensischer Abstammung, die meisten davon Christen. In Argentinien gibt es Syrisch-Libanesische Maroniten und Nestorianer, In Brasilien und Venezuela auch.

    Diese Bereitschaft , kombiniert mit einer höheren demographischen Dynamik der Moslems, hat zu einer Verschiebung der Anteile geführt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. September 2013

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