Aufgeklärter Absolutismus und tatsächliche Herrschaftsverhältnisse

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Scorpio, 11. Januar 2021 um 18:46 Uhr.

  1. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich bin durch einige benachbarte Threads auf das Thema gekommen, bei denen aber nicht so ganz klar wurde, um was es dem Ersteller konkret geht.

    Herrscher, die sich zu den Werten der Aufklärung bekannten gab es im 18. Jahrhundert einige, darunter sicher durchaus beeindruckende Persönlichkeiten, und kulturell und politisch hat das Zeitalter des Absolutismus und der Aufklärung ein bedeutendes Kulturerbe hinterlassen. Zu Vertretern des aufgeklärten Absolutismus zählen "große" Herrscher wie Friedrich II. von Preußen, Joseph II., Leopold II. Katherina II. von Russland. Auch unter den Fürsten des Reiches verstanden sich etliche als Fürsten der Aufklärung, zu erwähnen wären Karl August von Weimar, Franz Ludwig von Erthal, der Fürstbischof von Bamberg und Würzburg, Franz von Schönborn, Karl I. von Braunschweig, Friedrich II. von Hessen-Kassel.

    Von Bewunderern von Herrschern wie Friedrich II. von Preußen wird gerne erwähnt, dass das friderizianische Preußen in gewisser Weise ein Rechtsstaat gewesen sei und dass der aufgeklärte Absolutismus die Notwendigkeit einer Revolution überflüssig gemacht habe.

    Am Ende des Zeitalters des Absolutismus standen trotzdem drei Revolutionen, die das Ende des Ancien Regimes begründeten: Die Amerikanische Revolution, die Französische Revolution und die Industrielle Revolution.

    Insgesamt blieben die Reformen relativ spärlich, sei es in Preußen, sei es in Österreich und erst recht im Reich der großen Zarin.

    Bin momentan etwas schreibfaul, aber wie denkt ihr darüber?
     
    Brissotin und thanepower gefällt das.
  2. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Es gibt ein relativ bekanntes Gegenbeispiel zu der These, dass Preußen unter Friedrich II. tatsächlich ein Rechtsstaat war: Der Müller-Arnold-Fall.
    Friedrich hob dabei Gerichtsurteile auf, sprach einem Müller Schadenersatz zu und sorgte dafür, dass drei Richter 9 Monate Haft in der Festung Spandau verbüßten. Rein subjektiv wird dem Müller wahrscheinlich per Gericht eine Ungerechtigkeit widerfahren sein. Friedrichs Eingreifen war aber gegen seine eigenen Gesetze, gegen seine Rechtsordnung und somit im Widerspruch zu dem, was einen Rechtsstaat ausmacht. Es war ein königlicher "Ukas".
     
  3. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Eben.

    Egal wie man es betrachtet: Einem "gerechten" Potentaten können ungerechte folgen – und das Ganze ist beim Teufel. Augustus, der erste Kaiser Roms, und Hogwu, der erste Kaiser der Ming-Dynastie, waren „weise, gute und vielleicht sogar gerecht“, was dazu führte, dass man ihnen immer mehr Macht übertrug. Aber das war nur solange erfolgreich, bis sich auch die folgenden Kaiser an deren Maximen hielten – siehe dazu auch den Thread Warum prosperierenden Staaten doch untergehen.

    Aus diesem Grund ist jede Machtkonzentration auf eine Person oder auf ein erbliches oder nicht zeitlich begrenztes Amt abzulehnen, weil letztlich zum Scheitern verurteilt.
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Frage nach der Bedeutung des "aufgeklärten Absolutismus", Scorpio hatte es bereits angedeutet, hat eine starke persönliche Komponenten und auf der anderen Seite die offizielle Seite der Form der Staatsführung.

    Es gab eine Reihe von "aufgeklärten Monarchen" in Europa, die Teile des Gedankenguts der Aufklärung positiv aufgenommen haben. Allerdings ist der Grad der Umsetzung der reformerischen Ideen nicht unbedingt ein Abbild ihres "aufgeklärten Weltbilds".

    Enlightened absolutism - Wikipedia

    In diesem Sinne formuliert Baumgart: "Alle diese Maßnahmen auf dem Sektor des Justizwesens dienten letztlich der Errichtung des Rechtsstaates sowie der Gewaltenteilung im Geiste Montesquieus. Und dies wiederum geschah mit Billigung und Förderung durch einen Monarchen, der für sich in Anspruch nahm, ein absoluter Herrscher zu sein.

    Friedrich der Große hat in der Theorie diesen Grundsatz nie aufgegeben, sondern ihn lediglich durch eine naturrechtliche Theorie vom Staatsvertrag rational zu begründen versucht. Er verzichtete als Repräsentant eines "aufgeklärten Absolutismus" bewußt auf das ältere Gottesgnadentum der Könige und gab das christlich-protestantische Selbstverständnis des Vaters als "Gottes Amtmann" völlig preis.

    Er trennte die Person und die Dynastie vom Staat und machte den Souverän zum Vollstrecker der auf Sicherheit, Rechtswahrung, aufgeklärte Wohlfahrtspolitik zielende Staatszwecke; er konnte ihn daher als "ersten Diener" ....des Volkes bezeichnen." (S. 103)

    Baumgart, Peter (1981): Wie absolut war der preußische Absolutismus. In: Gottfried Korff (Hg.): Preußen - Versuch einer Bilanz. Preußen. Beiträge zu einer politischen Kultur. 5 Bände. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt (Preußen - Versuch einer Bilanz, 2), S. 89–106.
     

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