Aufstieg Konstantins

Dieses Thema im Forum "Das Römische Reich" wurde erstellt von Eumolp, 29. Oktober 2020.

  1. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Wenn man sich mit den Bürgerkriegen nach der Abdankung von Diokletian beschäftigt (305-323), gerät man - wie ich - leicht in die Verzweiflung. Um mir und anderen die verschiedenen Konstellationen zu verdeutlichen, habe ich eine Liste erstellt, ich hoffe, sie ist korrekt (bitte überprüfen! Insbesondere die Dyarchie 314 ist unsicher). Man sieht hieraus, dass das System der Tetrarchien nicht lange gehalten hat, dynastische Erwägungen waren wichtiger.
    (Das "+" heißt: gestorben)


    1. Tetrarchie, 293
    ==================

    Osten .............. Westen
    -----------------------------------------------
    A: Diokletian ...... A: Maximianus Herculius
    C: Galerius ........ C: Constantius Chlorus

    Abdankung Diokletian und Maximianus Herculius


    2. Tetrarchie, 305
    ==================

    Osten .............. Westen
    -----------------------------------------------
    A: Galerius ........ A: Constantius Chlorus
    C: Maximinus Daia .. C: Severus

    Constantius Chlorus + 306
    Usurpation: Maxentius


    3. Tetrarchie, 306
    ==================

    Osten .............. Westen
    -----------------------------------------------
    A: Galerius ........ A: Severus
    C: Maximinus Daia .. C: Konstantin

    Usurpation: Maxentius, Maximianus Herculius
    Severus + 307


    4. Tetrarchie, 308
    ==================

    Osten .............. Westen
    -----------------------------------------------
    A: Galerius ........ A: Licinius
    C: Konstantin ...... C: Maximinus Daia

    Usurpation: Maxentius, Maximianus Herculius, Domitius Alexander
    Maximianus Herculius + 310
    Galerius + 311
    Schlacht an der Milvischen Brücke, Maxentius + 312
    Maximinus Daia + 313


    Dyarchie, 314
    =============

    Osten .............. Westen
    -----------------------------------------------
    A: Konstantin ...... A: Licinius
    (C: ?)

    1. Krieg Konstantin / Licinius 314-316


    5. Tetrarchie, 317
    ==================

    Osten .............. Westen
    -----------------------------------------------
    A: Konstantin ...... A: Licinius
    C: Crispus ......... C: Licinius Licinianus
    Constantinus II

    2. Krieg Konstantin / Licinius 324


    Alleinherrschaft, 325
    ====================

    A: Konstantin
    C: Constantinus II




     
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  2. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Sehr schöne Darstellung!

    Auf die Idee, mir das so aufzubereiten, um einen besseren Überblick zu bekommen, bin ich auch schon einmal gekommen.

    Daher ein paar Anmerkungen:
    - Bei der 4. Tetrarchie wurden doch wohl die Caesares vertauscht: Konstantin war im Westen, Maximinus Daia im Osten.
    - Außerdem stieg Maximinus Daia (der sich bereits 310 eigenmächtig zum Augustus proklamiert hatte) 311 mit dem Tod von Galerius zum Augustus des Osten auf.
    - Auch bei der Dyarchie wurden Ost und West vertauscht. Außerdem begann sie eigentlich schon mit dem Tod von Maximinus Daia im Spätsommer 313.
    - 316-317 war Valens Caesar (von Konstantin nicht anerkannt) von Licinius, wobei er den Augustus-Rang beanspruchte.
    - Bei der 5. Tetrarchie sind wiederum Ost und West vertauscht.
    - 324 war Martinianus gemeinsam mit Licinius Augustus (von Konstantin nicht anerkannt).
    - Zur Alleinherrschaft: Crispus war noch bis 326 Caesar. Constantius II. wurde 324 Caesar, 333 Constans, 335 Dalmatius.

    Ein paar Usurpationen könnte man auch noch ergänzen:
    - Allectus 293-296
    - Iulianus ca. 297
    - Domitianus 297-298
    - Achilleus 298
    - Eugenius 303
    - Konstantin machte sich bereits 306 eigenmächtig zum Augustus, auch wenn er nur als Caesar anerkannt wurde.
     
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  3. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Vielen Dank für die Antworten, Ravenik. Ich habe mir bei der Aufstellung die Zeittafel von E. Herrmann-Otto ("Konstantin der Große") zu Hilfe genommen, und da muss ich erst einmal kritisch nachlesen, wie es sich verhält. Bei den vielen Namen kommt man ja ständig durcheinander. Entsprechend werde ich eine verbesserte Liste bringen, sie soll ja korrekt sein, wenn jemand sie beim Durchlesen benötigt.
    z.B. sagt sie explizit bei der 4. Tetr: Konstantin = Caesar im Osten. Ist mir auch aufgefallen, aber... vielleicht vertut sie sich ja selbst? Ich merke schon, das Nachprüfen wird nicht einfach.
     
  4. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    So, ich habe noch einmal den Text bei Herrmann-Otto quergelesen und gebe Ravenik in jedem Punkt Recht. Eines ist damit klar: Konstantin war immer im Westen aktiv (Trier), erst später hat er sich langsam Richtung Osten bewegt. Eine Tetrarchie ist hinzugekommen, das macht die Sache nicht einfacher, aber ich hoffe, dass die Liste jetzt korrekt ist.


    1. Tetrarchie, 293
    Osten ............ Westen
    A: Diokletian .... A: Maximianus Herculius
    C: Galerius ...... C: Constantius Chlorus


    Usurpationen: Allectus 293-296, Iulianus ca. 297, Domitianus 297-298, Achilleus 298, Eugenius 303
    Abdankung Diokletian und Maximianus Herculius 305

    2. Tetrarchie, 305
    Osten ............ Westen
    A: Galerius ...... A: Constantius Chlorus
    C: Maximinus Daia C: Severus

    Constantius Chlorus + 306
    Usurpation: Maxentius

    3. Tetrarchie, 306
    Osten ............ Westen
    A: Galerius ...... A: Severus
    ..................... (Konstantin)
    C: Maximinus Daia C: Konstantin

    Usurpation: Maxentius, Maximianus Herculius
    Severus + 307



    4. Tetrarchie, 308
    Osten ............ Westen
    A: Galerius ...... A: Licinius
    C: Maximinus Daia C: Konstantin

    Usurpation: Maxentius, Maximianus Herculius, Domitius Alexander
    Maximianus Herculius + 310
    Galerius + 311


    5. Tetrarchie, 311
    Osten ............ Westen
    A: Maximinus Daia A: Licinius
    (Licinius)
    C: ? ............. C: Konstantin

    Schlacht an der Milvischen Brücke, Maxentius + 312
    Krieg Licinius / Maximinus Daia, Maximinus Daia + 313


    Dyarchie, 313
    Osten ............ Westen
    A: Licinius ...... A: Konstantin
    C: (316 Valens)

    1. Krieg Konstantin / Licinius 314-316

    6. Tetrarchie, 317
    Osten ............ Westen
    A: Licinius ...... A: Konstantin
    (Martinianus 324)
    C: Licinianus Lic. C: Crispus
    ..................... Constantinus II

    2. Krieg Konstantin / Licinius 324



    Alleinherrschaft, 325
    A: Konstantin
    C: Constantinus II

    bis 326 Crispus
    333 Constans
    335 Dalmatius
     
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  5. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Interessant finde ich, dass sich das gleich zweimal in der römischen Geschichte gezeigt hat:

    Zuerst beim sog. Adoptivkaisertum, das mitunter als "Herrschaft der Besten" (statt einer Dynastie) verklärt wird, bei dem aber häufig übersehen wird, dass Nerva, Traian und Hadrian keine leiblichen Söhne hatten, für sie also, wenn sie ihre Nachfolge selbst beeinflussen wollten, die Adoption eines geeigneten Kandidaten nahelag. (Dass Nerva Traian primär adoptierte, um sich gegen das Militär und die Prätorianer abzusichern, und dass Hadrians Adoption durch Traian zweifelhaft ist, lasse ich einmal beiseite.) Antoninus Pius hatte zwar zwei Söhne, die aber beide bereits vor seiner eigenen Adoption verstorben waren. Mit Marcus Aurelius war das Adoptivkaisertum dann auch schon am Ende; seinen leiblichen Sohn Commodus wollte (oder konnte) er bei der Nachfolgeregelung nicht übergehen.

    Bei der Tetrarchie war es dann ähnlich: Diokletian hatte keinen Sohn, insofern war es für ihn leicht, eine nicht-dynastische Nachfolgeregelung zu wählen. Bei seinem Kollegen Maximianus sah das schon anders aus; sein Sohn Maxentius wollte sich nicht von der Herrschaft ausschließen lassen. Ebenso Constantius' I. Sohn Konstantin I. Bemerkenswert immerhin, dass Galerius möglicherweise bereit war, seinen Sohn Candidianus zu übergehen.

    Das alles finde ich umso bemerkenswerter als es im römischen Reich eigentlich keine dynastische Erbfolge gab und der Sohn eines Kaisers keinen Anspruch auf die Nachfolge kraft Geburt hatte. Dennoch war es nicht möglich, Versuche der Dynastienbildung längerfristig auszuschalten. Kaisernachkommen beanspruchten nicht nur selbst die Herrschaft, sondern fanden meist auch Unterstützer. (Besonders deutlich zeigte sich das etwa 238 nach dem Tod von Gordianus I. und Gordianus II., als der Senat Balbinus und Pupienus zu Kaisern erhob, das stadtrömische Volk aber die Erhebung von Gordianus' I. Enkel Gordianus III. zum Caesar und somit designierten Nachfolger durchsetzte.)
     
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  6. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Ich vermute, dass die unklare Nachfolgeregelung der Kaiser mit dem anarchischen Status des Prinzipats zu tun hatte. Denn in Wirklichkeit handelte es sich dabei doch um eine Monarchie, die aber auf keinen Fall so genannt werden durfte, sondern als Fortführung der Republik propagiert wurde. Dadurch fiel eine Nachfolgeregelung flach, wie z.B. bei einer Erbfolge-Monarchie.

    Karriereregelungen hatte der Römische Staat ja: der Cursus honorum in der Verwaltung oder die militärische Laufbahn. Nur bei den Kaisern war man weitgehend vom Zufall abhängig, und wenn man den 20jährige Bürgerkrieg bis zu Konstantins Alleinherrschaft betrachtet, dann konnte das bis zur Selbstzerfleischung führen. Das ging ja im Byzantinischen Reich lustig weiter: Die Wirren nach Tzimiskes' Tod 975, oder die nach der Einsetzung von Alexios II 1180, die in über 20 Jahren dann (dank Alexios III) zum 1. Fall Konstantinopels 1203 führte.

    Man wundert sich, dass diese labile Institution namens Kaisertum so lange Bestand hatte, trotz aller Usurpationen, Familientragödien, Bürgerkriegen etc. Immerhin knapp 1500 Jahre. Und das Ende des Byz. Reiches hatte wohl nichts mit der Nachfolgeregelung zu tun.

    Notiz am Rande:
    Was dynastische Erwägungen zustande bringen, mag man an dem kleinen Cäsar Licinianus sehen (s. oben in der Liste), der mit 2 Jahren dieses Amt innehatte, oder, kurz mal auf die Sassaniden geschielt, an Schapur II, der schon als Embryo die Amtsgeschäfte übernahm!
     
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  7. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Umgangen wurde die Nicht-Erblichkeit des Kaisertums in der Praxis, indem der Kaiser zu Lebzeiten seinen Sohn oder sonstigen Wunsch-Nachfolger in Stellung brachte, indem er ihm entsprechende Titel oder Befugnisse verlieh. Das begann mit Augustus und zog sich bis zum Ende des byzantinischen Reiches hin. Zunächst waren das etwa die Verleihung der tribunicia potestas oder (beginnend mit Galba) des Caesar-Titels. Einen entscheidenden Schritt machte Marcus Aurelius, indem er seinen Sohn Commodus zu seinen Lebzeiten nicht nur zum Caesar erhob, sondern schon 177 auch zum Augustus, also theoretisch zum vollwertigen Kaiser. Auch Septimius Severus machte seine Söhne Caracalla und Geta bereits zu seinen Lebzeiten zu Augusti, ebenso etwa Macrinus seinen Sohn Diadumenianus, Philippus Arabs seinen Sohn Philippus II. oder Decius seine Söhne Herennius und Hostilianus. (Nebenbei: Da Herennius in der Schlacht bei Abrittus kurz vor seinem Vater fiel, war korrekterweise er der erste römische Kaiser, der gegen einen auswärtigen Feind fiel, und nicht, wie oft zu lesen ist, Decius.) Die Tetrarchie war eigentlich eine Unterbrechung dieser Entwicklung, indem die Nachfolger-Mitregenten formal nur Caesares wurden. Aber schon in der Valentinianischen Dynastie wurde die Erhebung zum Augustus wieder aufgenommen, und auch Theodosius machte seine Söhne Arcadius und Honorius schon zu Lebzeiten zu Augusti. Im späteren Weströmischen Reich kam das außer Gebrauch, was aber daran lag, dass die meisten letzten weströmischen Kaiser nur Marionetten von Heermeistern waren oder vom Oströmischen Reich eingesetzt wurden. Im Oströmischen Reich setzte sich diese Vorgangsweise seit der Dynastie des Herakleios voll durch.
    Auch beim Tod von Johannes Tzimiskes war die Nachfolge eigentlich klar, schließlich gab es mit Basileios II. und Konstantin VIII. bereits zwei weitere Kaiser.
    Aber freilich, ein vollwertiger Ersatz für eine echte Erbfolge kraft Geblüts oder gar eine Herrscherlegitimation kraft Zugehörigkeit zu einer bestimmten Dynastie (die gleichzeitig alle Nichtzugehörigen von einer Eignung für die Kaiserwürde ausgeschlossen hätte) war das alles nicht.

    Vielleicht auch gerade deshalb, weil allzu junge oder unfähige Kaiser oft nicht lange an der Macht blieben. Im 3. Jhdt. wurde das Reich zwar von permanenten Bürgerkriegen erschüttert, die aber immerhin auch dafür sorgten, dass immer wieder fähige tatkräftige Männer mit militärischer Erfahrung an die Macht gelangten. Ob es dem Reich wirklich besser bekommen wäre, wenn stattdessen vielleicht 50 Jahre lang unangefochten eine Person regiert hätte, die nicht willens oder nicht fähig gewesen wäre, auf die Herausforderungen der Zeit zu reagieren? Zumal die Herrschaft einer solchen Person auch nicht unbedingt für innenpolitische Stabilität sorgt, sondern zu Günstlingswesen, Hofintrigen etc., also zu Machtkämpfen in der zweiten Reihe, führen kann, oder es übernimmt jemand anderer faktisch die Herrschaft, ohne formal Kaiser zu werden, was aber bedeutet, dass die Position dieses faktischen Herrschers oft erst recht instabil ist. Man denke etwa an die Herrschaft von Honorius und von Valentinianus III., der sich 30 Jahre an der Macht halten konnte, aber kaum selbst regierte, oder an Theodosius II., der sogar 48 Jahre Kaiser war (42 als Alleinherrscher).
     
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