Augusteische Ehegesetze (Lex Iulia et Papia)

Dieses Thema im Forum "Das Römische Reich" wurde erstellt von Ovidius, 14. Januar 2011.

  1. Ovidius

    Ovidius Neues Mitglied

    Hallo, welches Motiv seht ihr in den augusteischen Ehegesetzen?

    1) damit der Staat an Reichtum gelangt, also eine fiskalpolitische Zielsetzung des Staates (Tac. ann. 3, 25.)
    2) als bevölkerunspolitischer Zielsetzung, wie u.a. Nörr meint,

    3) Festigung der Moralvorstellungen/Wiederherstellung des guten Zustandes (neuere Forschung: u.a. Mette-Dittmann).

    Ich finde die dritte Begründung ja am plausibelsten, wenn man berücksichtigt, dass Augustus viel Wert auf die Tradition legt. Allerdings was mich an dieser Theorie erheblich stört ist:
    YouTube - Augustus - Der erste römische Kaiser (4/6)
    (Bei 7,32 min).
    Wenn der Kaiser Moral predigen würde und selbst nicht besser ist, ist die Theorie irgendwie unlogisch. Er sollte dann doch immerhin Vorbild sein. Aber ich würd gern mal die Stelle wissen, auf die sich Prof. Hopkins bezieht :D
     
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  2. Amalaswintha

    Amalaswintha Aktives Mitglied

    Ich denke, Du liegst richtig, wenn Du nicht alternativ, sondern kumulativ denkst.
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es wäre interessant, wie Nörr argumentiert, kannst du das kurz wiedergeben?
    Ansonsten würde ich mich der hochgeschätzten Amalaswintha anschließen, in ihrem Vorschlag, kumulativ zu denken, denn es ist ja in der Tat so, dass Augustus ein Programm zur Wiederherstellung der Moral hatte und obwohl Tacitus ja rehct negativ gegenüber dem Kaiserhaus eingestellt ist, musste der erst einmal auf die Idee kommen, die Ehe als fiskalpolitisches Steuerungselement darzustellen.
     
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  4. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ein weiterer Aspekt war anscheinend, das Aussterben der alten patrizischen Geschlechter und Familien zu verhindern. Das war nämlich gerade in der späten Republik und frühen Kaiserzeit ein enormes Problem, nicht nur der Tradition wegen, sondern weil es immer noch Priesterämter gab, die nur von Patriziern bekleidet werden durften. Daher wurden auch mehrmals plebejische Familien in den Patrizierstand erhoben.
     
  5. Ovidius

    Ovidius Neues Mitglied

    Nörr sagt, bevölkerungspolitische Überlegungen seien weit verbreitet gewesen, listet dann die Konsequenzen bei Unter- und Überbevölkerung auf und stellt dann die neueren Untersuchungen zur Demographie dar. " [...] so sind die beiden letzten Jahrhunderte der römischen Republik durch die Stagnation, wenn nicht durch den Rückgang der römischen Bevölkerung gekennzeichnet. Zwar zeigen die römischen Zensuszahlen eine steigende Tendenz; doch beruht dies auf die Zunahme von Einbürgerungen und Freilassungen - mit der Folge der Vermehrung des nichtrömischen Elements der römischen Bürgerschaft. Als äußere Gründe für die Stagnation werden diskutiert: die ständigen Kriege, die wachsende Verstädterung, die geringe Heiratshäufigkeit (auch in den Unterschichten), nicht zuletzt aber eine negative, mit den Mitteln der Abtreibung und (vor allem) der Kindesaussetzung betriebene Familienplanung."

    Quelle:
    Nörr, Dieter: Planung in der Antike. Über die Ehegesetze des Augustus, in Horst Baier: Freiheit und Sachzwang. Beiträge zu Ehren Helmut Schelskys, Opladen 1977, S. 310.
     
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  6. Water

    Water Neues Mitglied

    Hab mir jetzt das Video nicht angeschaut... aber bei "selbst nicht besser sein" fällt mir natürlich gleich ein, welche Vielweiberei betrieben wurde, als Antonius noch lebte. ;) Bei Sueton steht das alles, der zitiert Briefe zwischen Octavian und Antonius, wo es um irgendwelche Frauen geht (fremdgehen und so).

    Aber so unlogisch finde ich das gar nicht... ist doch üblich, dass man irgendwas predigt, und das dann für einen selbst nicht gilt. Da ist Augustus nicht der einzige, wo das der Fall wäre, wenn die Beschreibung bei Sueton so stimmt. Ich denke aber mal schon, dass sie glaubwürdig ist, weil die Ehegesetze - wenn auch widersprüchlich - kein Grund wären, das anzuzweifeln. Was das Volk darf und nicht darf, interessiert doch den Herrscher nicht. ;)

    Das Problem bei Suetons Schilderungen ist, dass solche "Lästereien" natürlich gut geeignet sind, um einen Gegner schlecht zu machen. Und dass es deshalb vielleicht doch erfunden ist.

    Die Heiratspolitik ist sicherlich auch gut gewesen, um die Besetzung politischer Ämter zu kontrollieren. Man musste dann für bestimmte Ämter (weiß nicht genau, obs der Senat war) verheiratet sein. Ein bisschen intrigiert, ne Scheidung eingefädelt oder Hochzeit verhindert und schon waren wieder ein paar unbeliebte Männer von der politischen Bühne gefegt.
     
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  7. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Dass Octavian aber wirklich kein Kind von Traurigkeit war, zeigte seine Heirat mit Livia, die ein absoluter Skandal war. Livia war mit Tiberius Claudius Nero verheiratet und im 6. Monat von ihm schwanger (mit Drusus), als sie sich auf Octavians Drängen scheiden ließ und Octavian heiratete. Das war nicht nur ein Skandal, sondern eigentlich auch illegal. Außerdem fiel dieser Vorfall in eine heikle Phase, nämlich die Zeit, als Octavian versuchte, sein Image als blutrünstiger proskriptionsgeiler Triumvir allmählich gegen das des gütigen Landesvaters einzutauschen.

    Augustus plante tatsächlich ein Gesetz, das die Ehe für Senatoren verpflichtend machte, sah aber dann davon ab. In der Lex Iulia begnügte er sich daher damit, Verheiratete zu privilegieren. Dass das
    ein Motiv war, glaube ich allerdings nicht, das wäre doch etwas zu kompliziert gewesen.
     
  8. Amalaswintha

    Amalaswintha Aktives Mitglied

    Ich darf noch anfügen, dass die rechtlichen Privilegien auch unverheirateten und (zumindest bezüglich ehelicher Kinder) kinderlosen Männern zugesprochen wurden.
     
  9. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Unverheiratet und kinderlos? Kinderlose wurden doch im Erbrecht benachteiligt und Familienväter bei der Ämterlaufbahn bevorzugt.
     
  10. Ovidius

    Ovidius Neues Mitglied

    Weißt du in welchem Werk Suetons es steht und ungefähr wo?

    Also, dass er auch Kinderlose und Unverheirateten Privilegien zusprach, wäre mir neu, heißt es doch
    Quelle: Cass. Dio 56, 6, 5
    Cassius Dio ? Book 56

    Ineressant für die Ehegesetzgebung 56, 2-10
     
  11. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Von wem Livia wirklich schwanger war (armer Tiberius), darüber wurde schon damals spekuliert.
     
  12. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Von Octavian jedenfalls nicht, da Livia zur Zeit ihrer Schwängerung mit ihrem Gatten und dem kleinen Tiberius in Griechenland war.
     
  13. Water

    Water Neues Mitglied

    Sueton, Augustus... hmm wo... 68/69 und vielleicht noch mehr, bin jetzt zu müde alles nochmal zu lesen. ;)
     
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  14. Plinius d.J.

    Plinius d.J. Neues Mitglied

    Ich halte die Argumentation im Film nicht als Gegensatz zur dritten These. Viele Personen mit öffentlichen Ämtern waren in die Öffentlichkeit anders als privat.
     
  15. Shine

    Shine Neues Mitglied

    Standespolitik des Augustus - Ehegesetze des Augustus

    Hallo,

    für eine Aufgabe meiner Hausarbeit benötige ich die Beantwortung einer Frage bezüglich Augustus und seiner betriebenen Standespolitik. Welche Ziele verfolgte er nämlich mit seiner Standespolitik. Das Thema ist die Ehegesetze des Augustus. Kennt sich da jemand genügend aus?
     
  16. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

  17. Rheinländer

    Rheinländer Aktives Mitglied

    Weiß jemand die Textstelle, in der Tacitus über die Sittengesetzgebung des Aug schreibt?
     
  18. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Da sein Werk erst mit dem Tod des Augustus beginnt, wird es so eine Stelle nicht geben. Tacitus erwähnt die Lex Papia Poppaea aber im 3. Buch, 25. Kapitel der Annalen. Fündig wirst Du allerdings vor allem im 54. und vor allem 56. Buch des Cassius Dio, ebenso in Suetons Augustus-Biographie (34. Kapitel).
     
  19. Rheinländer

    Rheinländer Aktives Mitglied

    Ah okay, danke, Dio und Sueton hat ich auch schon. Gruß
     

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