Augustiner

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von fingalo, 12. November 2004.

  1. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Ich arbeite an der Armenfürsorge in Island in katholischer Zeit. Dazu gehört auch die Rolle der Klöster. Dort gab es 7 Männerklöster, davon eine Reihe "Augustiner" (wahrscheinlich 5). (Die "" bedeuten, dass näheres nicht bekannt ist).

    1. Auf der einen Seite heißt es, dass Augustinus sein Kloster verlassen und eine Kommunität an seinem Bischofssitz gegründet habe. Eine Regel habe er für diese nicht erlassen, sondern lediglich gefordert, "wie die Apostel zu leben". Eine schriftliche Regel sei zuerst von Chrodegang verfasst und auf der Synode von Aachen 816 erlassen worden. Auf der anderen Seite gibt es eine Regel des Augustinus in zwei Fassungen. Aber den 816 beschlossenen Text finde ich bislang nicht.
    2. Karl Bosl behauptet in seinen Ausführungen zu den Augustinern, dass sie wesentliche Träger der Seelsorge zur Karolingerzeit und danach gewesen seien und auch die Armenfürsorge betrieben hätten - also im Gegensatz zu den kontemplativen Benediktinern eher weltzugewandt gewesen seien. Auf der anderen Seite wird von Augustiner-Eremiten gesprochen, was ja nicht gerade einen weltzugewandten Eindruck hinterlässt.

    3. In den norwegischen und isländischen Quellen wird immer wieder von der Sitte der Proventbriefe gesprochen, dass sich Laien in das Kloster einkauften und gegen Übertragung von Vermögen sich einen Lebensabend im Kloster sicherten. Aus Bosls Ausführungen ist zu entnehmen, dass es offenbar damals auch auf dem Festland "gemischte" Bewohner der Konvente gab, also auch Laien, die ihren Besitz behielten und keine Gelübde ablegten. Frage ist, ob das eine Besonderheit der Augustiner war, so dass man aus den Proventbriefen darauf schließen kann, dass das Kloster augustinisch war.

    3. Auch ist mir immer noch nicht klar, was es mit den Augustiner-Chorherren genau auf sich hatte. Auf der einen Seite wird gesagt, dass es sich um Weltgeistliche an einer Kirche handelte, die keine Mönche waren, aber sich zu gemeinschaftlichem Leben verpflichteten. Auf der anderen Seite sind in Island "Klöster" weit ab von der Kirche gegründet worden, die eine bedeutende Rolle in der Armenfürsorge spielten.

    4. Ein Bischof in Hólar (Nordisland) bekam die größten Probleme, weil er mit seiner Armenfürsorge das Bistum in den Ruin zu treiben drohte. Die Armenfürsorge hatte bei ihm so radikale Priorität, dass ich den Verdacht habe, dass er von dem Ordo novus, der auch in Norwegen Einzug gehalten haben soll, "infiziert" war. Aber sicher bin ich mir da auch nicht, weil ich weder den Ordo antiquus noch den Ordo novus kenne.
    Insbesondere wäre von Interesse, ob es in den beiden Ordines passus über Armenfürsorge gab.

    Fingalo
     
  2. Mercy

    Mercy unvergessen

  3. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Danke. Soweit war ich ungefähr gekommen.

    Ich habe Hans Urs v. Balthasar, Die großen Ordensregeln;
    Und einen Aufsatz von Karl Bosl über die Augustiner in der Bayrischen Akademie der Wissenschaften (hab's irgendwo verlegt, aber es gibt nur einen) und die höfliche aber vernichtende Kritik von Weinfurter dazu.
    Ansonsten kommen sie in Bosls Aufsätzen über Armut im Mittelalter und die Mittelalterliche Gesellschaft vor.
    LexdMA, Herder Handbuch der Kirchengeschichte und Herder, Die Geschichte des Christentums sind auch greifbar.

    Dann habe ich einen Aufsatz in der Zeitschrift für Kirchengeschichte gefunden, der sich aber nur mit dem Augustiner-Orden und seinen Regeln von 816 / 817 befasst, nicht mit den Kanonikern.

    Es ist seltsam: Über Benediktiner gibt's Literatur wie Sand am Meer. Bei Augustinern ist Funkstille.



    Fingalo
     
  4. Schini

    Schini Neues Mitglied

    Ich habe mal etwas geucht und folgende Texte (nur auf die Schnelle) gefunden:

    Martina Stein-Wilkeshuis: The right to social welfare in early medieval Iceland. In: Journal of Medieval History, Volume 8, Issue 4, December 1982, Pages 343-352

    Abstract: As a rule poor relief in medieval Europe was practised in the form of charity by Church, monasteries and rich people. They distributed their alms to the poor, who received them gratefully and humbly. From early medieval Iceland elaborate social laws have come down to us that are remarkable in their originality for the period. We shall describe these laws, and investigate their history, development and the reason of their existence.

    Melville, Gert [Hrsg.]: Regula Sancti Augustini. Normative Grundlage differenter Verbände im Mittelalter ; Tagung der Akademie der Augustiner-Chorherren von Windesheim und des Sonderforschungsbereichs 537, Projekt C "Institutionelle Strukturen religiöser Orden im Mittelalter" vom 14. bis zum 16. Dezember 2000 in Dresden. Paring, 2002.

    und eventuell auch die ersten Bände der "Kurzgefaßten Geschichte der Augustiner-Chorherren" (Die Anfaenge des Kanonikerinstitutes bis zur Gesetzgebung von Aachen. ) aus 1961. (Den Verfasser habe ich jetzt nicht auf Lager, leider...)
     
  5. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Danke, das hilft schon weiter. Die Zeitschrift habe ich schon mal bestellt.

    Fingalo
     
  6. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Ich habe den Titel in der kvb gefunden. Ich werde ihn über die Fernleihe bestellen.

    Vielen dank! :bussi:

    Fingalo
     
  7. Mercy

    Mercy unvergessen

    Das Lexikon für Theologier und Kirche (LThK) 3. Aufl. Bd. 1 bietet ebenfalls Grundlegendes zu den Augustiner-Chorherren und den Augustiner-Eremiten.
    Aus den Literaturhinweisen interessant:
    E. Gindele, Bibliographie zur Geschichte und Theologie des Augustiner– Eremitenordens bis zum Beginn der Reformation, Berlin, New York 1977
    Ist möglicherweise auch im LdM genannt.
     
  8. Schini

    Schini Neues Mitglied

    Ich habe noch einmal nachgedacht: Der von mir genannte Band reicht wohl nur bis 816. Der Folgeband ist vermutlich für dich ebenso interessant, also setz ihn mal auch auf die Bestelliste.

    Außerdem bin ich noch über folgende bibliographische Angaben getoßen, vielleicht helfen sie dir weiter:

    "The Power and Wealth of the Icelandic Church: Some Talking Points." In The Sixth International Saga Conference 1985, vol. 1, pp. 89-101. Copenhagen: Det arnamagnæanske Institut, 1985
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. November 2004
  9. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Habe ich getan :)

    Stein-Wilkeshuis habe ich heute Morgen von Subito gemailt bekommen. Muss man zwar zitieren, um zu belegen, dass man auch die englischsprachige Literatur ausgewertet hat - aber auch dort werden nur die Sagas und die Grágás ausgewertet, die nur seehr dürftiges hergeben. Im Literaturverzeichnis wird zwar das Diplomatarium Islandicum aufgeführt, wurde aber offensichtlich nicht ausgewertet. Dabei muss man bei der Grágás überhaupt sehr zurückhaltend sein, weil sie im Verdacht steht, gar kein offizielles Gesetzbuch gewesen zu sein. Aber ich habe den Aufsatz erst mal nur überflogen. Ich muß ihn mir noch genauer zu Gemüte führen und vor allem seine Fundstellen nachlesen!

    Sieh an! Ich dachte, die befassen sich nur mit Literaturgeschichte. War mal in München dabei. Trifft zwar nicht genau mein Thema, aber man weiß nie, was der Text nachher so bringt! Wir haben da eine befreundete Nordistin in Erlangen. Die haben das sicher und können mir das faxen!

    Inzwischen habe ich auch den Aufsatz von Albert Werminghoff, Die Beschlüsse des Aachener Concils im Jahre 816, (NA Bd. 27 von 1901) bekommen. Der bringt mal endlich was Erhellendes zum Augustinerproblem.

    Danke schön :bussi:

    Fingalo
     
  10. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Steht hinter mir im Schrank :)

    Steht schon auf der Beschaffungsliste. Trotzdem danke.

    Steht hinter mir im Schrank :)

    Ich muß hier mal bekennen, dass ich sehr gerührt bin über den Eifer und die Hilfsbereitschaft derer, die dazu in der Lage sind. Ich habe das nicht erwartet.
    Ich hoffe, ich kann das mal vergelten.

    Fingalo
     
  11. Schini

    Schini Neues Mitglied

    Ich kann jetzt nur für mich sprechen: Bei einem interessanten Forschungsthema, wo sich der Fragende eigene Gedanken gemacht hat und feine Forschungsfragen formuliert, helfe ich mit meinen bescheidenen Mitteln gerne. Im Dienste der Forschung, weil es Spaß macht und mich auch selbst weiterbringt! ;)
     

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