"Bandengründungen" in DE nach Französischer Revolution? Waisen?

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Lien, 1. März 2008.

  1. Lien

    Lien Neues Mitglied

    Versuchten sie sich auch von der legalen Gesellschaft regelrecht abzugrenzen?
    Ich denke da z.B. an Kleidung.
    Obwohl... man verriet sich als Räuber eher nicht, oder?

    Ihre eigene Sprache (Rotwelsch) hatten sie ja schon.
     
  2. Lien

    Lien Neues Mitglied

    Noch eine andere Frage:

    Kam es auch vor, dass Banden neue Mitglieder suchten?
    Wenn ja, wie ging das von statten?
    Kann man sich das wie heute bei der Mafia vorstellen, dass es "Eignungstests" gab?
    Gingen sie gezielt auf Leute zu, oder mussen Leute, die sich einer Bande anschließen wollten, auf die Bande zugehen?
     
  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die berühmten Mersener Bocksreiter hatten ein regelrechtes Aufnahmeritual, bei dem jeder Neuaufgenommene einen Eid schwören mußte, niemanden zu verraten.

    Eine Bande, die ebenfalls eine starre Hierarchie hatte, war die Bande des Krummfingers Balthasar, der ein eigenes Wappen führte und fiktive Adelstitel an seine Leute verlieh. Als Zeichen seiner Chefwürde führte Krummfingers Balthasar ein Brecheisen wie ein Zepter. Ein Brecheisen trugen auch die Banditen der Großen Niederländischen Räuberbande. Bei ihnen standen besonders erfahrene Räuber, die sich schon ausgezeichnet hatten, am höchsten im Rang. Ihnen folgten die Baldower, die meistens nicht selbst am Coup teilnahmen. Darauf folgten erfahrene Veteranen. Wenn sie Leute brauchten, warben sie junge Leute für einen Coup an, die wurden dann aber mit geringer Beute entlohnt, und oft genug wurden sie auch geschnappt, während die erfahrenen Chefs längst über alle Berge waren. Diese Hierarchie war aber nur während des Raubes gültig. Da konnten sich die Veteranen herausnehmen, unerfahrene oder feige Räuber zu schlagen. Als ein Coup durch die Feigheit und Unerfahrenheit einiger Räuber der Angriff mißlang, zwangen Picard und Fetzer die Kollegen beim nächsten Coup mit vorgehaltenen Pistolen in Reih und Glied zu bleiben.

    Prinzipiell aber war den Gaunern und Banditen die Vorstellung eines unangefochtenen Chefs fremd. Dass ein Anführer unbedingten Gehorsam fordern oder gar über Leib und Leben seiner Kollegen verfügen konnte, war eine Vorstellung der Trivialliteratur. In der Gaunersprache gibt es gar kein eigenes Wort für Anführer, während mehr als 1 Dutzend verschiedene Bezeichnungen für unterschiedliche Formen des Diebstahls existierten.

    Ein vielversprechender Kandidat hatte sozusagen das Brecheisen im Tornister. Meistens wurde ein solcher Räuber, der sich durch Geschicklichkeit und Mut auszeichnete, als Schildwache eingesetzt, um den Rückzug zu decken. Wer sich dabei bewährte, wurde zu neuen Coups eingeladen. In der Regel wurde dem Räuber das Kommando übertragen, der sich bereits bewährt hatte und der sich am besten in der Gegend auskannte.
     
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Im 16. Jahrhundert und in der Zeit des 30 -jährigen Krieges gab es viele Banden, die Erkennungszeichen wie bunte Federn und Schärpen verwendeten, im 18. und 19. Jahrhundert war das aber nicht üblich. Bei den Banditen im 16. und 17. Jahrhundert spielten auch Pferde eine Rolle, während im 18. und frühen 19. Jahrhundert die Banditen meistens zu Fuß gingen. Hoch zu Ross erschienen erst am Ende des 18. Jahrhunderts die Räuber der Großen Niederländischen Bande. Picard, Fetzer und andere Chefs oder Veteranen mieteten sich Pferde oder eine Kutsche, um zum Tatort zu reisen, das taten sie allerdings auch nur in ihrer "Blütezeit", während sie bei späteren Coups zu Fuß gehen mußten.

    Auf eine elegante Garderobe legte Schinderhannes Wert. Er trug immer ein Fernrohr und eine Jagdtasche mit seinem aufgestickten Kriegsnamen "Johannes durch den Wald". Eine Spezialität des Schinderhannes war Schutzgelderpressung. So verkaufte er an Bauern und Händler Schutzbriefe und Pässe, wenn sie durch sein Hauptrevier, den Hunsrück reisen wollten. Diese unterschrieb er mit seinem Namen, was natürlich für die französische Verwaltung eine ungeheure Provokation darstellte.

    Schinderhannes war ein begnadeter PR- Agent in eigener Sache, schon dass er von den Bauern nie verraten wurde, war eine Meisterleistung.

    Seine Hinrichtung in Mainz war ein Riesenevent, zum ersten Mal konnte auf deutschem Boden die berüchtigte Guilliotine in aktion beobachtet werden. Es wurden für teures Geld Eintrittskarten verkauft.

    Nach seinem Tod führte man ausgesprochen makabere Versuche an den toten Delinquenten durch. Das Skelett des Schinderhannes nahm ein bekannter Anatom mit nach Heidelberg.

    1982 entwickelte sich daraus eine Provinzposse. Eine Zeitung berichtete als sommerente darüber, darauf wollten die Mainzer gerne den Schinderhannes, oder was von ihm übrig war, wiederhaben. Es bildete sich eine Bürgeriniative, die selbst den damaligen OB Jockel Fuchs als Fürsprecher gewann, der sogar androhte, die Fernsehfassnacht ausfallen zu lassen. Das anatomische Institut in Heidelberg ließ daraufhin den Schinderhannes im Archiv verschwinden, und die Angelegenheit löste sich schließlich in Rauch auf.

    Dem historischen Banditen Johann Bückler, alias Schinderhannes wird es recht gewesen sein, denn er hatte sicher nicht gerade die angenehmsten Erinnerungen an das "goldene Mainz".

    http://www.geschichtsforum.de/f75/j...n-plädoyer-fuer-einen-ungewöhnlichen-Banditen


    Irgendwie klappt es nicht so ganz, den Link zu diesem alten Beitrag einzustellen.

    Ich bin darauf gekommen, indem ich bei "Persönlichkeiten Neuzeit" Johann Bückler vulgo Schinderhannes" eingegeben habe.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. März 2008
  5. Lien

    Lien Neues Mitglied

    Ich möchte mich nochmal wirklich für deine ausführlichen Antworten bedanken. Du hast mir sehr geholfen und ich hoffe, ich bin dir nicht allzu sehr mit meiner Fragerei auf die Nerven gegangen...:red:

    Das gilt natürlich auch für andere, die sich um Antworten (aber auch Fragen) bemüht haben.

    Also: Danke.


    Aber ich kann nicht garantieren, dass ich nicht noch auf die ein oder andere Sache stoßen werde, die mir Kopfzerbrechen bereitet und bevor ich unwissend daran verzweifele, werde ich wohl eher das Forum füttern und euch eure Freizeit rauben.

    MfG
    Lien
     
  6. amberbernstein

    amberbernstein Neues Mitglied

    Ich belebe diesen Thread mal wieder, weil meine Frage hier wohl ganz gut reinpasst. Zeit und Setting sind etwas anders, aber das Grundthema ist ähnlich. Es geht ebenfalls um eine Romanidee.

    Frankreich 1718. Ein Bauernsohn aus dem Languedoc (Nähe Massif Central, wegen schlechter Böden ganz besonders arme Familie, aber durchaus von ehelicher Geburt) kommt nach Paris und schließt sich dort einer Räuberbande an. Nach einigen Jahren hat er es durch Glück und Kalkül geschafft, eine beträchtliche Summe zurückzulegen. Er kauft davon ein Wirthaus in der Stadt, dessen Besitzer gestorben ist und dessen Erbe Schulden hat und deswegen dringend verkaufen will. Der ehemalige Räuber wird also Gastwirt, da er jedoch seine kriminellen Kontakte nicht los wird und diese ihn verpfeifen können, ist er trotz neuer Prosperität gezwungen in Zukunft als Hehler zu fungieren.

    Folgende Fragen stellen sich mir hier: Waren Gastwirte zünftig organisiert? War zum Einstieg der Erwerb des Pariser Bürgerrechts erforderlich (davon gehe ich mal stark aus) und wie genau konnte dieses erworben werden? Ist mein Szenario möglich?

    Um Antworten und Literaturtipps wäre ich sehr dankbar!
     
  7. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Für Frankreich kann ich es dir nicht sagen, aber Das Fürstetum Siegen vergab Zunftbriefe bzw. Privilegien an Wirte, zumindest ist eines in folgendem Archiv verzeichnet
    Aus http://www.archive.nrw.de/LAV_NRW/jsp/findbuch.jsp?archivNr=1&tektId=765&id=0334&klassId=76

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass solches einem bekannten Räuber oder Räuperhauptmann zuteil würde. Sicher musste man dafür bestimmte Voraussetzungen erfüllen.

    Auch in der Schweiz waren die Wirte in einer Zunft, wie man hier lesen kann Zunft zu Gartnern

    Also nichts von wegen, "Wer nichts wird, wird Wirt". :)
     
  8. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Manche Gauner und Räuber schafften es, als Gastwirte ein Gewerbe zur Tarnung aufrechtzuerhalten und als Hehler es sogar zu einem gewissen Wohlstand zu bringen. So unterhielt der Bandit Nickel List ein gutgehendes Gasthaus und betätigte sich als Hehler, ehe er 1699 wegen seines Diebstahls der berühmtenen "Goldenen Tafel" einem Religiquienschrein gefangen und exekutiert wurde. List soll in seinem Haus übrigens eine eigene Folterkammer gehabt haben und nur Kollegen geduldet haben, die eine Folterung aushalten konnten, ohne zu "kappen", andere zu veraten.


    Um 1770 gab es in Würzburg einen erfolgreichen Gastronom, der ein Kaffeehaus betrieb und dort als erster Zeitungen auslegte. Das Cafe´ wurde auch von vornehmen Kunden frequentiert, doch der Besitzer wurde zuweilen verdächtigt, "kochem" zu sein und es mit Gaunern zu halten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Mai 2009
  9. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    "Sein Komplize Pant wußte es besser:
    Graf Nickel von der Mosel/ wie sie den Dieb zuweilen genennet/ wäre nich capable solche auszuhalten/ sondern wenn er angegriffen würde/ wäre es mit ihm und allen seinen Cammeraden gethan.
    Tatsächlich gestand List noch in Hof [= Ort des Prozesses] unter der ersten 'scharfen Frage'" (Danker, Räuberbanden im Alten Reich um 1700, S. 140).

    Im Übrigen Dank für die luziden Ausführungen zum Thema!
     
  10. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Einige von Lists Kollegen waren folterresistenter, als der Maestro der wie gesagt nach dem ersten Verhör auspackte. Einer von ihnen soll Opiumtinktur eingenommen haben, um die Schmerzen besser ertragen zu können.

    Besonders zäh war der Bandit Krummfingers Balthasar, von dem sein Stiefsohn aussagte, dass ihm das Ungeziefer große Löcher ins Fleisch gefressen habe. Krummfingers Balthasar gehörte übrigens zu den wenigen Banditen die nie gefasst wurden.
     
  11. amberbernstein

    amberbernstein Neues Mitglied

    Ja, genau so etwas in der Art schwebt mir vor. Vielen Dank für die Antworten und die Anregungen! Nun frag ich mich nur noch, ob der Gauner erst Gauner oder erst Gastwirt war. Also, wie wahrscheinlich es ist, dass ein dahergelaufener Gauner mit Geld unerklärter Herkunft sich - von mir aus mit Bestechung - das Bürgerrecht und die Gastwirtslizenz kaufen kann. Brauchte man da einen Leumund? Irgendwie wird das doch machbar gewesen sein.
     
  12. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Adrian Bosbeck war ein berüchtigter Räuber, der mit seien Bruder Franz und Banditen wie abraham Picard und Abraham Moyses von 1790 - 1800 Holland und Belgien unsicher machte. 1800 wurde sein Bruder exekutiert und er selbst in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Daraufhin flüchtete er mit seiner Frau nach Hamburg und etablierte dort eine Kneipe mit Bordell in St. Pauli, wo er mehrere Jahre lebte. allerdings schrieb seine Frau Briefe nach Holland, und davon wurde einer abgefangen, der sie verriet. Daraufhin wurden beide verhaftet, und Bosbeck sollte nach Holland ausgeliefert werden, doch gelang ihm unterwegs die Flucht.
     
  13. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Natürlich waren bestimmte Wirtschaften stets Treffpunkt für Banden und Wer Gehilfen für bestimmte Tätigkeiten suchte wußte auch, wo er willige Knaben finden konnte, wie man ja auch vom "Schinderhannes" weiß.

    Die Frage war jedoch, ob man zum Betrieb einer Wirtschaft zu einer Zunft gehören musste und welche Voraussetzungen es dafür gab.
     
  14. amberbernstein

    amberbernstein Neues Mitglied

    Early modern Europe: issues and ... - Google Buchsuche


    Ein Edikt von 1673 verpflichtete Gastwirte/Innkeeper in Paris und anderen französischen Städten zur Bildung einer Zunft. Diesem scheint auch Folge geleistet worden zu sein.

    Erst nach der französischen Revolution wurden die Zünfte in Frankreich meines Wissens nach aufgelöst.

    Das erschwert meinen Plan... selbst wenn ein Bandit das Bürgerrecht erwerben könnte, müsste er sich wohl zunächst einmal als Lehrling eines Gastwirts ausbilden lassen. Ohne Ausbildung durfte man so einen Betrieb wohl nicht einfach übernehmen, selbst wenn man das Geld hatte ihn zu kaufen.

    Weiß jemand, wie es - alternativ - mit Kaffeehäusern aussieht? Die waren ja eine sehr viel neuere Erscheinung und demnach vielleicht nicht zünftig organisiert.
     
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  15. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    1.
    Haben die Franzosen zuvor die Guillotine nicht in ihren Departements verwendet? Sie hatten ja seit 1798 Zeit.:grübel: Das klingt mir schon ein bisschen skuril. Womit wurde denn dann in den französischen Departements seit 1798 hingerichtet?

    2.
    Das ist eine doppelte Posse, weil Dr. Mark Scheibe schon betonte, dass das Stück in Heidelberg ohnehin nicht dem Schinderhannes zuzuordnen war, weil es keinerlei Merkmale des berühmten Räubers (Verletzungen und Krankheitsspuren) aufwies.

    Sicher eine spannende Homepage: http://www.forschungsportal-schinderhannes.de/Warum_ein_Forschungsportal.html
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Mai 2009
  16. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied



    Ad 1) Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, ob bereits vorher die Guilliotine verwendet wurde. Andere bekannte Räuber und Banditen wurden in den französischen Departements und in Satellitenstaaten kurzerhand gehängt. Die einzigen Räuber, die meines Wissens guilliotiniert wurden waren Schinderhannes und seine Leute und Mathias Weber, genannt Fetzer.


    Fetzer war ein viel bedeutender Räuber als Schinderhannes, gemeinsam mit dem Juden Abraham Picard war er an vielen großen Coups beteiligt. Schinderhannes, der mit den beiden am Überfall auf das posthaus von Würges beteiligt war, ordnete sich dabei den erfahreneren Räubern unter.

    Ein Kriminalist nannte Schinderhannes einen Poltron von einem Straßenräuber, der bestenfalls ein Handlanger des Picard sei.


    Während Schinderhannes glaubte, mit dem Leben davonzukommen, indem er ein "Lebensgeständnis" machte, hatte Fetzer keine Illusionen. Er wollte alles über die Guilliotine wissen und bemalte seine Zelle in Köln mit Guilliotinen.

    Fetzer und Picard waren bedeutende Räuber, Schinderhannes ein bekannter Räuber.

    Das Bandenwesen wurde zu einer echten Herausforderung für die französische Justiz und mit der Exekution so bekannter Räuber wollte man offenbar ein Zeichen setzen.

    Dafür hielt man offenbar die berüchtigte Guilliotine für geeigneter, als den Galgen.
     
  17. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    @ Scorpio
    War es nicht eben das neue an der französischen Strafjustiz, dass man vor der Justiz gleich war? Nannte man deswegen nicht auch die Guillotine Gleichmacherin, weil diese ohne Achtung auf den Stand alle köpfte?

    Ich bleibe mal deswegen am Ball und schaue, wie weit in den neuen Departements die neue französische Justiz griff. Ist mir ja fast nach meiner Klöppelkriegsdarstellung peinlich, darüber nicht mehr zu wissen.:rotwerd:


    Wichtiger als diese neue Justiz ist für das Bandenwesen gewiss gewesen, dass im Zuge der Revolutionskriege Wirren herrschten, welche die öffentliche Ordnung untergruben. Schinderhannes selbst war ja auch damit in Berührung gekommen und hatte noch vor seiner Überstellung nach Mainz gehofft mit Militärdienst davon zu kommen.

    Im Zusammenhang mit dem Schinderhannes und seiner Ergreifung ist es ja nicht verwunderlich, dass eben die Zeit grenzüberschreitender, wenn auch mühsammer, Ermittlungen gegen die Räuber in eine Periode kurzen Friedens zwischen dem Friedensschluss von Lunnéville 1801 und den erneuten Kriegsausbruch 1805 zwischen Österreich und Frankreich fallen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. Mai 2009
  18. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Als es den Franzosen gelang, die Ordnung wieder herzustellen, gelangen tatsächlich zwischen 1800 und 1811 einige bedeutende Fahndungserfolge. Erstmals konnten grenzüberschreitende Razzien durchgeführt werden, und die französischen Justizbehörden fanden in der preußischen Justiz eine Ergänzung. In Köln wurde ein Straftribunal gegründet, das Urteile auf Indizienbasis fällen konnte, und die Urteile wurden sehr schnell vollstreckt, wobei keine Berufung möglich war. Die auslieferung an die Franzosen war daher sehr gefürchtet. Der oben erwähnte Abraham Picard wurde 1805 in Bergen bei Frankfurt festgenommen. Da er die Auslieferung über alles fürchtete, gab er zu als Subalterner bei einem großen Coup in Kurhessen beteiligt gewesen zu sein, und er erfand einen weiteren in der Nähe von Kassel. So wurde er schließlich in Marburg inhaftiert, wo er 1807 im Kerker starb, ohne gestanden zu haben.

    Ich würde allerdings die fahndungserfolge der modernen Justiz auch nicht überbewerten. Viele Beamte waren korrupt, und die Zusammenarbeit der Behörden sehr schwierig. Oft zogen sich Untersuchungen über Jahre hin.

    Mit dem Zusammenbruch der französischen Herrschaft boten sich Gaunern und Banditen noch einmal Chancen. 1813 ließen die Russen in Marburg und Kassel etliche "schwere Jungs" frei, die bald wieder neue Banden gründeten.


    Dennoch ging es nach 1815 mit dem Bandenwesen zuende, und die Gründe dafür werden überaus kontrovers diskutiert.

    War es die Modernisierung der Justiz, oder lag es vielmehr daran, dass durch die Verarmung weiter Teile der bevölkerung einfach nichts mehr zu holen war?


    Ich persönlich tendiere eher zu letzterer These.
     
  19. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Nun ja, ich wäre ohnehin nicht davon ausgegangen, dass man arme Leute beraubte. An Pferd, Kutsche und Kleidung war doch auf einen Blick erkennbar ob etwas zu holen war. Ich denke nicht, dass man einem abgebrannten kleinen Bauern beraubte, dessen Kleidung vielleicht in Fetzen hing, jedenfalls schon durchscheinend abgewetzt war ...

    Reiche Händler und Bürger gab es ja immer noch zuhauf, sie trugen nur keine Titel ... :D
     
  20. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Lässt sich ein solcher Prozess der Verarmung in einem solchen Maße wirklich erkennen? Klar drückte die napoleonische Wirtschaftsregulierung mit allen Zwangsmaßnahmen auf die wirtschaftliche Entwicklung. Aber verarmten weite Landstriche so sehr? Und wenn ja, hätte das nicht sogar das Bandenwesen wie im vorrevolutionären Frankreich erst recht aufblühen lassen müssen?

    Überdies muss es ja auch zu einer schrittweisen Erholung gekommen sein. Das war natürlich unterschiedlich, je nach dem, welche Gebiete auf welche Weise bsw. vom Krieg verzerrt wurden. Dabei verlagerten sich ja ab 1801 die Kampfschauplätze endgültig ins Bayerische, auch wenn wir dort schon im ersten und zweiten Koalitionskrieg bedeutende Kampfhandlungen haben, so wurde der Krieg von 1805 und 1809 dann zu einem großen Teil in Bayern ausgetragen oder im Schwäbischen (Schlacht bei Ulm).

    Ich würde wirklich das Ende der wirklich kleinen Territorien wie der Reichsritterbesitzungen und die Fortentwicklung des Polizeiwesens für wesentliche Faktoren halten. Außerdem trat ja dann in der Tat ab 1815 eine längere Phase des Friedens ein. Innerhalb Deutschlands können wir dann doch erst 1866 wieder von einem großen militärischen Konflikt sprechen. Vergleicht man das mal mit den Kriegen des 18. Jh.! Span. Erbfolgekrieg, Großer Nordischer Krieg, Poln. Thronfolgekrieg, Österreichischer Erbfolgekrieg, Siebenjähriger Krieg, Bayerischer Erbfolgekrieg, Revolutionskriege... und einige andere kleinere regionale Konflikte da und dort. Das war sicherlich ein immer wieder guter Nährboden für das Banden(un)wesen.
     

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