Begriff Angel-Sachsen

Dieses Thema im Forum "Die angelsächsischen Reiche" wurde erstellt von Pausanias, 11. März 2018.

  1. Pausanias

    Pausanias Mitglied

    Moin,
    man findet ja immer wieder den Begriff Angel-Sachsen und angel-sächsisch, häufig auch in den Kombinationen anglo-amerikanisch, anglo-irisch etc. Dabei bilden die Angel-Sachsen seit der normannischen Eroberung 1066 nicht mehr die Herrschaftsschicht. Daher frage ich mich, wann und warum dieses Begriffspaar wieder aufgegriffen wurde.
     
  2. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

  3. CaptainJack

    CaptainJack Mitglied

    Hallo,
    wie ich das sehe, ist der Begriff nie verschwunden.
    Ja - aber, das, was sie erobert haben, ist immer noch das Land der Angli und Saxones oder Anglisaxones. Es ist wohl nicht ganz klar, warum sich der Name "Angli" in den Vordergrund geschoben hat, der Namen der Saxones ist ja immer noch da, auch wenn wir heute "England" (vom Namen Angli) als den größten Teil des Staats United Kingdom haben, gibt es weiterhin Sussex (Süd-Sachsen), Wessex (West-Sachsen), Essex (Ost-Sachsen) und sicher noch andere, die mir gerade nicht einfallen.
    Wenn später von "anglo-amerikanisch" die Rede ist, ist wohl schon der Name "England" vordergründig.
     
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  4. CaptainJack

    CaptainJack Mitglied

    Ach ja, wie oberflächlich - oder eher oberschichtig - die Eroberung war, spiegelt sich bis heute in der englischen Speisekarte.
    "pork" ist das, was man isst, wenn man es sich leisten kann. Das Tier, um das sich vorher der einfache Mann (oder Frau) kümmern muss, heißt "pig".
    "beef" (von boeuf?) steht auch auch nur auf der Speisekarte - die Tiere heißen anders (ox, cow, cattle...)
    Im Deutschen gibt es das nicht. "Schwein" ist Schwein, sowohl im Stall als auch im Schweineschnitzel. "Rind" ist Rind, wie im Rindergulasch so auf der Weide.
     
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  5. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Im Geschichtsbewusstsein der Engländer sind die Normannen die bösen Buben und die Angelsachsen die guten Jungs. Populär wurde das Thema in neueren Bearbeitungen von Robin Hood ausgehend vom Literaten Walter Scott.

    Recht aufschlussreich ist die Darstellung in der englischen Wikipedia zur Nutzung der Bezeichnung Anglo-Saxon in der Moderne. Die Bezeichnung sind meistens ethnisch oder rassisch gemeint. Durch die Nutzung der spätantiken Vokabel erhält die Begriffsbildung natürlich einen gelehrten Anschein. Antike Bezüge sind im europäischen Rassismus üblich. Der Angelsachse ist für die Engländer das, was für die Deutschen der Germane ist - der sagenhafte Vorfahr.
    Der Anglo-Amerikaner ist das Gegenteil vom Afro-Amerikaner oder Latein-Amerikaner. Es geht also nicht nur um die Sprache, sondern auch um Abstammung oder "Rasse". Wer genau gemeint ist, wird mit der Begriffserweiterung White Anglo-Saxon Protestant deutlich.
    Die protetestantische Konfession ist auch sehr wichtig, um die Anglo-Iren von den gewöhnlichen Iren zu unterscheiden.
     
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  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Auf der anderen Seite hat Wilfried Stroh (Latein ist tot.Es lebe Latein 2008) Englisch aufgrund seines durchs Anglonormannische so wesentlich beeinflussten Wortschatzes wohl scherzhaft als "halbromanische Sprache" klassifiziert.
     
  7. RAEDWALD

    RAEDWALD Mitglied

    So weit ich informiert bin, hängt die Bezeichnung mit den ersten Raubzügen dänischer Wikinger und der Besiedlung durch diese und Norweger in East Anglia, Northumbria und Mercia ( Was wohl das Königreich der Mittel-Angeln gewesen war) im 9. Jahrhundert zusammen. All diese drei Königreiche (die außer Merzien an der Ostküste Englands gelegen haben) wurden - so wird nicht nur anhand der Namen dieser Königreiche, sondern auch wegen der Überlieferung ( z.B. Beda) und Archäologie angenommen- im 5. und 6. Jahrhundert von den Angeln besiedelt und da die Dänen vom Osten kamen und dort zu erst an Land gingen, gaben sie diesem Land dem Namen Engal-Land. Sicher kann ich das aber auch nicht belegen, da es auch in der Angelsächsischen Chronik für das "englische Volk" den Begriff "Angletheod " und bei Beda "Englum", aber eben nie als Landesbezeichnung auftaucht. Plausibel klingt die Namensgebung der Skandinavier aus dem 9. /10. Jahrhundert auf jeden Fall.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Essex is natürlich nur ein Teil von East Anglia. Auf der anderen Seite ging East Anglia später in anderen Köigreichen auf.
     
  9. RAEDWALD

    RAEDWALD Mitglied

    Das ist aber wohl erst im 7. Jahrhundert geschehen. Davor war Essex das, was der Name erkennen lässt: Siedlungsgebiet der Ost-Sachsen. Ebenso enstanden Wessex und Sussex. Alles, was nach der Landnahme geschah, war eine Expansionspolitik mal der Northumbrier, der Mercier und zuletzt dann der Westsachsen unter Ecbert, Alfred und seinen Nachfahren bis 1066. Die politischen Verschiebungen der jeweiligen Landstriche waren eben genau diese Gebietserweiterungen, die aber nichts mehr mit den verschiedenen Stämmen zu tun hatten, die im 5. und 6. Jahrhundert diese Gebiete besiedelt hatten, sondern lediglich Namensfortführungen von der expandierenden Macht.
     
  10. Mfelix

    Mfelix Mitglied

  11. RAEDWALD

    RAEDWALD Mitglied

    Ich bin kein Sprachwissenschaftler, da kenne ich mich zu wenig aus. Aber es klingt tatsächlich sehr interessant. Da gibt es auch tolle Videos, in denen das faeder ure, das Vater unser also auf Altenglisch aufgesagt wird. Zu deiner Empfindung des Altenglischen kann man allgemein glaube ich feststellen, dass, je weiter man in der Zeit zurückgeht, sowohl bei romanischen, als auch germanischen Sprachen, desto ähnlicher sind die Sprachen natürlich auch ihrer Urform. Im Falle der romanischen Sprachen kann man es mit einer erhaltenen Urform, dem Latein, ja sogar nachweisen, wohingegen das Urgermanische ja rekonstruiert werden musste. Ich würde auf jeden Fall unterschreiben, dass das Altenglische sich mit seinem aus den Runen, dem Futhork, erhaltenden "Thorn" und dem "Ash" auf jeden Fall sehr archaisch anhört :)
     
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  12. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Genauso ist es.
    Wobei man mitunter in modernen Sprachen noch einige "archaische" Merkmale findet.
    Wer findet - ohne nachzuschauen - die moderne Sprache heraus?

    1. Faðer uor som ast i himlüm, halgað warðe þit nama, tilkomme þit rikie
    2. Fadar ûsa, thu bist an them hôhon himila rîkea, geuuîhid sî thîn namo, cuma thîn rîki
    3. Fæder ūre, þū þe eart on heofonum; sī þīn nama gehālgod, tō becume þīn rīce
    4. Vatar usar, ta do pist ime himmele, gaholagat sait dai name, kime daine raich
    5. Fater unser thû thâr bist in himile, si giheilagôt thîn namo, queme thîn rîhhi
     
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  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wenn 3 Gotisch ist und 1 Isländisch, dann weiß ich welche. Oder ist es umgekehrt? Obowhl... im Gotischen war es noch himinam? Die æ-Ligatur und ð sind jedenfalls - neben þ - im Isländischen normal. "Bist" auf Isländisch ist ert. Also ist doch 3 Isländisch? Och Mensch!
     
  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nach der Recherche: Oh ha....
     
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  15. RAEDWALD

    RAEDWALD Mitglied

    Nummer 5 sieht Althochdeutsch aus, 1 Isländisch wobei ich mir da nicht sicher bin, 3 Altenglisch, Gotidch würde mit "Atta" anfangen...Ich sage Nummer 4 gibt es. Aber ich hab keine Ahnung was es sein könnte, von flämisch bis kimbrisch würde ich alles unterschreiben.
     
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  16. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich erinnere mich wieder, stimmt. Allerdings: Nur weil es so überliefert ist. Auch fadar (Gal. 4,6) kommt vor.
     
  17. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Essex und East Anglia waren verschiedene Königreiche. Essex geriet im frühen 9. Jhdt. zuerst unter die Oberhoheit Mercias und fiel wenig später an Wessex. East Anglia geriet im 9. Jhdt. unter die Kontrolle der Wikinger und wurde im 10. Jhdt. an Wessex angeschlossen.
     
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  18. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Wobei das kein Kunststück ist. Schließlich ist im 9. Jahrhundert fast ganz England unter Skandinavischem Einfluss gewesen. Nachher sogar ganz Britannien unter Knut dem Großen.
    Erst mit den Normannen kam wieder ein kräftiger Schuss Romanik in die englische Sprache.
     
  19. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Sagen wir mal so: Es scheint schon so zu sein, dass um 400/500 Britannien eher keltisch- als lateinsprachig war (wahrscheinlich mit einem Stadt-Land-"Gefälle"), so dass Lateinisch eher ein Superstrat auf das Inselkeltische darstellte, als das Inselkeltische ein Sub- oder Adstrat auf das "Insellateinische", wenn man von der Sprache ausgeht, welche die Diglossie überleben sollte. Nun ist es aber so, dass nach dem Abzug der römischen Militärverwaltung die Angelsachsen nicht nur die letzten Lateinsprecher verdrängten, sondern auch die Keltisch-Sprecher in die Peripherien abdrängten. Ob das nun ein kurzer oder langer Prozess war, sei dahingestellt, er scheint nach allem, was man so liest, eher fix vonstatten gegangen zu sein.

    Nun hat vorn Jahren ein britischer Linguist gemeint, dass das Angelsächsische gar nicht so sehr Westgermanisch gewesen sei (also eher sächsisch) sondern eher Nordgermanisch (also eher norrønt). Es gibt das eine oder andere Wort, welches darauf hinweisen könnte. Andere Worte weisen eher ins Westgermanische. Die Schwierigkeit besteht darin, dass zwischem dem Westgermanischen und dem Nordgermanischen ein Dialektkontinuum bestand. Sprich: Manchmal ist es gar nicht so einfach zu entscheiden, ob ein Wort denn nun mit der Angelsächsischen Besiedlung gekommen ist oder später durch die Skandinavier entweder überformt wurde oder aber erst gebracht wurde.

    Wie stark unterschied sich um 600 das Sächsische von der Sprache der Angeln? Wie stark das Anglische vom Dänischen? Noch um 800 scheinen sich Sachsen und Dänen prächtig verstanden zu haben.

    Der romanische Einfluss auf das Englische scheint mir daher - von einigen biblischen oder liturgischen Begriffen angesehen, die vor der angelsächsischen Landnahme ins Inselkeltische eingegangen sind - doch in allererster Linie auf das Anglonormannische zurückzugehen sowie den kirchlich-gelehrten Kontext.
     
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  20. RAEDWALD

    RAEDWALD Mitglied

    Es scheint ein paar wenige Wörter zu geben, die die Sachsen auf ihrem Weg nach Britannien und schon davor durch den Einfluss des Römischen Reiches mit in ihren germanischen Wortschatz aufgenommen zu haben. Dazu zählt "ceastre" also von castrum. Archäologisch nachgewiesen sind sehr frühe Gründungen bei römischen Siedlungen. So entstanden wohl auch die Ortsnamen Exeter = Exanceaster, Winchester = Wintanceaster, Dorchester = Dornwaraceaster, usw...

    Als Quelle dafür hab ich nur einen Literaturhinweis von Wikipedia, wo das wohl drinstehen soll: Albert C. Baugh, Thomas Cable: A History of the English Language. 6. Auflage. Routledge, London / New York 2013
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Juli 2019
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