Bewachung des Interessengebietes des KZ Auschwitz

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Necron, 2. November 2019.

  1. Necron

    Necron Neues Mitglied

    Ich habe bisher in keiner Quelle konkrete Hinweise auf die Bewachung des "äußersten Randes" des Interessengebietes gefunden. (Interessengebiet des KZ Auschwitz – Wikipedia )
    Bisher nur den Hinweis, dass "SS-Männer patrouilliert haben". Wie hat man sich die "Bewachung" der äußersten Grenze vorzustellen? Teilweise war es ja durch Flüsse begrenzt, teilweise nicht. Gab es nur Hinweisschilder a la "Sperrgebiet"? Gab es einen Zaun mit Wachtürmen? Letzteres sicher nicht, oder? Die innere und äußere Postenkette bezogen sich ja nur auf den Bereich innerhalb des Interessengebietes, oder?
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Neben der klar definierten inneren und äußeren Postenkette gab es im Umfeld der Lager eine Bevölkerung, die in der Regel nicht kooperativ war. Die Hilfe für Geflüchtete wurde mit der Todesstrafe für die komplette Familie geandet. Daneben gab es ein Netz von Spionen und Denunzianten, die jeden bedrohten, der Flüchtlingen geholfen hatte. Es gab wohl zusätzlich eine Art "Kopfgeldjäger", die gezielt nach Flüchtlingen gesucht haben.

    Ein Ausbruch scheiterte in der Regel daran, dass sich die Flüchtenden nicht am Leben halten konnten, da sie über keinerlei "Survivalerfahrungen" verfügten.

    Es gab zusätzlich "Suchtrupps" - "Askaris" - die die relevanten Gebiete, entlang von Bahnstrecken oder Lagern, durchkämpten, in denen Flüchtlinge vorhanden waren. Und sich nicht selten "freiwillig" stellten, um danach erschossen zu werden.

    Ähnlich Gilbert in "Endlösung" (S. 102) "Wem die Flucht gelang, der sah sich großangelegten Militäreinsätzen der Deutschen, feindlichen Bauern und Verrat ausgesetzt."

    Insgesamt ein relativ engmaschiges System, dem nur jemand entkommen konnte, der gezielt logistische Unterstützung von Außen erhielt. (vgl. z.B. dazu Benz & Distel: Der Ort des Terrors, Bd 8, S. 353 zum Fluchtversuch während der Eisenbahntransporte)
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. November 2019
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  3. Necron

    Necron Neues Mitglied

    Danke für deine Antwort. Ist es also trotzdem richtig, dass das Interessengebiet von außen nicht durch einen Zaun/Wachtürme begrenzt war? Gab es s da evtl nur „Sperrgebiet“-Schilder?
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Wo ist die Relevanz, ob es "Sperrgebiet" Schilder gab. Zentral ist es doch, das System zu erkennen und die Frage zu beantworten, warum - gemessen an den Opferzahlen - so wenig entkommen konnten. Sicherlich nicht wegen der Schilder.
     
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  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Und noch als Ergänzung zum Umfang der Bewachung des gesamten Interessengebiets: So schreibt Wachsmann: "....surrounded by several thousand SS guards." (Pos. 7207)

    Wie gesagt, das war die direkte Sicherung des Konzentrations- bzw. des Vernichtungslagers.

    Wachsmann, Nikolaus (2016): KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. München: Siedler, W J.
     
  6. Necron

    Necron Neues Mitglied

    Danke für die Antworten. Ich habe mich eben nur gefragt, dass wenn man als polnischer Zivilist von außen auf das Interessengebiet gestoßen ist und es "durch Zufall" betreten hat, dann dort Wachtürme oder ein Zaun es in irgend einer Weise abgegrenzt/ kenntlich gemacht haben.
     
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Sorry, aber wir reden über die gleiche Zeit oder? Es gab keine "Spaziergänger", die sich zufällig dahin verirrt haben.
     
  8. Necron

    Necron Neues Mitglied

    Weißt du denn konkret wie der Übergang in das Interessengebiet aussah? Darum geht's mir ja. War der einfach fließend?!
     
  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Folgt man der Darstellung der Enzyklopädie (S. 108ff), dann gab es als äußere Begrenzung einen vier Meter hohen elektrisch geladenen Stachedrahtzaun (A I und A II). Bewacht von zwischen 2600 und 6000 SS-Wächtern. Ausschwitz II war zudem von einem Netz an Kanälen - ca. 13 km Länge - umgeben. gravierenden

    Dieser Komplex von A II und A II war umgeben in einem Abstand von ca. 1 km von einer Postenkette mit Hunden ("Hundestaffel") .

    Trotz dieser gravierenden Bewachungssysteme gab es im Lager Widerstand und auch Ausbrüche. Es sind ca. 667 aus dem Lager entkommen. 270 wurden in unmittelbarer Nähe des Lagers wieder gefangen.

    Am bekanntesten und am wichtigsten ist die Flucht von Wetzler und von Rosenberg (07.04.1944), die Pressburg erreichten und dort die verbliebenen jüdischen Führer treffen konnten. Im Ergebnis wurde den Alliierten ein detaillierter Brief zugeleitet, in dem sie auf Auschwitz hinwiesen.

    Als Ergebnis verlangten viele jüdische Persönlichkeiten die Bombardierung von Auschwitz, was ab Herbst 1943 von Italien aus technisch kein Problem gewesen wäre. Ähnliches gilt für die sowjetische Luftwaffe, die ebenfalls in der Lage gewesen wäre.

    Gutman, Israel; Jäckel, Eberhard; Longerich, Peter; Schoeps, Julius H. (Hg.) (1998): Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Band I A-G. 2 Aufl. 3 Bände. München: Piper
     
  10. Necron

    Necron Neues Mitglied

    Ich meine den Übergang von AUßEN ins Interessengebiet. War da ein Zaun oder ähnliches um es etwa von einem außerhalb liegenden Dorf in irgendeiner Weise abzugrenzen?! Oder konnte man sagen, dass etwa in der Mitte eines Feldes "plötzlich" das Interessengebiet anfing?
     
  11. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Wenn etwas von innen nach außen beschrieben wurde, dann gilt die Beschreibung auch von außen nach innen. So und jetzt bin ich aus diesem Thema raus.
     
  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    In vielen polnischen Museen kannst Du einsehen, wie so etwas durch die Besatzungsmacht gehandhabt wurde: Aushänge in dt-poln, in den umliegenden Gebieten von Sperrzonen, mit entsprechenden Drohungen auf Bestrafungen. Dazu Zwangsumsiedlungen, leere Zonen im inneren Bereich, wo möglich.
     
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  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wobei das SS-Interessengebiet Auschwitz keine Sperrzone darstellte (eine Frage der Sicherungskräfte), sondern ein verwaltungstechnisches Sondergebiet, sozusagen eine Abgrenzungsregelung der unterschiedlichen Verwaltungsstrukturen der Besatzungsmacht.
     
  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    "Necron gefällt das" :D

    Und generell, sofern man sich nicht lediglich für den "Übergang von AUßEN ins Interessengebiet", sondern ingsgesamt für den Aufbau und die Funktionsweise von Konzentrationslagern, ist nach wie vor Kogon in seiner Darstellung sehr anschaulich.

    Kogon, Eugen (1977): Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager. München: Heyne.
     
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  15. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ich vermute wegen #10, dass die Funktion es Interessengebiets nicht verstanden wurde.
     
  16. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Und noch als Ergänzung:
    Es gab eine 40 km² große Fläche, die um das Lager zur Sperrzone erklärt worden war. (S. 109), die wie ausgeführt nicht mit der Interessengebiet identisch ist. Während des Baus des Lagers kam es zur Zwangsumsiedlung von einheimischer polnischer Bevölkerung.

    Und gleichzeitig gab es um die Lager A II - vor allem hier - und A I, dem eigentlichen Stammlager, eine "äußere Zone". Und diese wurde durch die bereits erwähnte "Postenkette" gesichert.

    Gutman, Israel; Jäckel, Eberhard; Longerich, Peter; Schoeps, Julius H. (Hg.) (1998): Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Band I A-G. 2 Aufl. 3 Bände. München: Piper
     
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  17. Necron

    Necron Neues Mitglied

    Laut wikipedia war es jedenfalls ein "Sperrgebiet"..
     
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das ist Dein Missverständnis. Scharf bewachtes Sperrgebiet war der eigentliche Lagerkomplex, das (wirtsch.-administrative) Interessengebiet mit dagegen sporadischen Kontrollen zog weite Gebiete mit ein.

    Als der Grenzverlauf im Juni 1943 endgültig festgeschrieben wurde, bedeutete dies die administrative Verselbständigung des SS-Interessengebiets. Himmler erreichte damit sein Ziel, das Lagergelände der formalen Verwaltungsaufsicht der Ziviladministration zu entziehen und allein der SS zu unterstellen. Mit Zustimmung der zivilen Behörden avancierte das SS-Interessengebiet nun zu einem eigenen Amtsbezirk. Der Kommandant des Stammlagers – dies war unter den Kommandanten der Konzentrationslager reichsweit einmalig – erhielt die Würde eines Amtskommissars (dem Bürgermeisteramt vergleichbar) und damit Befugnisse in der Zivilverwaltung. Sowohl Höß, bereits seit 1941 auch Mitglied der Arbeitskammer im Gau Oberschlesien, als auch seine Nachfolger Liebehenschel und Baer fungierten als Amtskommissare, und das Wachkommando der Waffen-SS versah im SS-Interessengebiet den Polizeivollzugsdienst.
    Die Stadt Auschwitz zog Vorteile aus der Übereinkunft mit der SS, denn mit der Grenzregelung war der Erhalt des lange begehrten Vorzugsrechts der Deutschen Gemeindeordnung verbunden. Die Verleihung dokumentierte die nahezu abgeschlossene «Eindeutschung» ebenso wie das neue Stadtwappen: ein Adler mit einem großen «A» auf der Brust, der vor der mittelalterlichen Piastenburg thront. Dies war das harmlose Wahrzeichen der Stadt der Massenvernichtung.


    „Amtsbezirk“
    Der Amtsbezirk wurde sodann „Sperrgebiet“, dessen Betreten für nicht dienstlich Abgeordnete von SS, Wehrnacht, Verwaltungsstellen etc verboten wurde. Da ging es weniger um polnische Bewohner, als für Deutsche um Passierscheine, um Seuchenbekämpfung, Fahrzeugkontrollen, SS-Zugang zu Verwaltungsmassnahmen wie Gebäudeabbrüche, Meliorationen etc etc.
     
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  19. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Die Einrichtung und Erweiterung des SS-Interessensgebietes hatten sicherheitspolitische und ökonomische Ursachen. Am 19. Juni 1940 wurden die ersten Polen aus dem Gebiet ausgesiedelt. Dies betraf die Barackenkolonie am Bahngleis. Ein Teil der ausgesiedelten Polen wurden in das Lager Sosnowiez eingeliefert und dann später in KZ Auschwitz verlegt, der andere Teil der Polen wurde ins Deutsche Reich verschleppt, um Zwangsarbeit zu leisten. Im Juli 1940 konnte ein Häftling aus dem KZ Auschwitz fliehen, daraufhin wurde die polnische Bevölkerung, die im Umkreis von fünf Kilometern um das Lager wohnten, vertrieben. In die geräumten Häuser zogen SS-Führer mit ihren Familien ein. Nachdem Himmler im März 1941 das KZ besucht hatte, befahl er in dem Gebiet um das Konzentrationslager herum Produktions- und Landwirtschaftsbetriebe einzurichten. Im selben Monat wurden die Dörfer Plawy, Babice, Brszkowice, Brezezimka (Brikenau), Budy, Harmeze und Rajsko geräumt. Die Einwohner dieser Dörfer wurden deportiert. Nur die Polen, die für die Deutschen in den Kohlegruben bei der Bahn arbeiten oder für deutsche Unternehmen tätig waren durften bleiben.

    Das gesamte ausgesiedelte Interessengebiet erstreckte sich etwa auf 40 km2, im Norden, Osten und teils im Westen von der Weichsel bzw. Sola begrenzt. Im Süden reichte es bis zum Dorf Brzeszcze und Bielany. Im Juni 1943 entstand innerhalb des Gebietes der erste landwirtschaftliche Betrieb, dahin wurde dann auch die KZ Gärtnerei hin verlegt. Der landwirtschaftliche Betrieb wurde von Häftlingen bewirtschaftet. Daneben wurde eine Geflügel- und Fischzuchtbetrieb eingerichtet und landwirtschaftliche Produktions- und Zuchtbetriebe. Zu Beginn mussten die Häftlinge aus dem Stammlager täglich zu ihren Arbeitseinsatz Orten marschieren, später wurde dann auf den Höfen Aussenlager des KZs eingerichtet. Bewacht wurden die meist weiblichen Häftlingen, von Aufseherinnen und Hunden.

    Neben den Landwirtschaftsbetrieben gab es auch noch SS-eigene Unternehmen, wie zum Beispiel die Deutsche Erd- und Steinwerke, die eine Dachpappenfabrik und ein Flusskieswerk unterhielten, In diesen Betrieben, vor allem im Kiesswerk, waren Zivilarbeiter tätig. Die Deutsche Ausrüstungswerke, setzten in ihren Betrieben hingegen mehrere tausend Häftlinge aus Auschwitz für die Produktion ein. Sie übernahmen die bestehenden Werke des Konzentrationslagers. Hier wurden vor allem Fenster, Türen, Bauteile für die Gaskammern und Krematorien und Mobiliar für die Unterkünfte der Häftlinge und SS gebaut. Ab 1942 bestellte die Wehrmacht in den Werken Munitionskisten, Wagen zum Transport von Munition etc. Und ab 1943 gab es eine Reparaturwerkstatt für Militärkraftfahrzeuge und ein Werk für die Demontage abgeschossener Flugzeuge.
    Die SS-eigene Deutsche Lebensmittel GmbH unterhielt einen Schlachthof, eine Brotfabrik, Getreidemühle und einen Milchhof.

    Quelle: Königseder, Angelika. Die Entstehung des Lagers und das "Interessengebiet" Auschwitz. In: Benz, Wolfgang (Hrsg.). Der Ort des Terrors. Geschichte des nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 5 Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. C.H.Beck Verlag. 2007 S. 80 -87
     
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