Bischöfe im Krieg

Dieses Thema im Forum "Die Franken" wurde erstellt von Buftey, 5. Februar 2012.

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  1. Buftey

    Buftey Neues Mitglied

    Hallo Leute,

    Kann mir jemand einen Tipp geben?

    ich schreibe zur Zeit eine Hausarbeit über Bischöfe im Krieg zur Zeit des fränkischen Reiches.
    Dazu erscheint mir als Literatur besonders geeignet das Buch von Friedrich Prinz: Klerus und Krieg im früheren Mittelalter.
    Ich bin schon beim letzten Drittel der Hausarbeit und möchte nun ein Unterkapitel darüber schreiben wie Bischöfe sich im Krieg verhalten haben.
    Unglücklicherweise finde ich darüber keine Quellen oder weiterführende Literatur.
    Nur die von Prinz erwähnten Kriterien die in den Kapitularien Karls des Großen zum Kriegsdienst der Bischöfe und Äbte, lassen vermuten welche Rolle die Bischöfe auf dem Schlachtfeld gespielt haben.

    Ich suche deshalb Quellen, Bücher oder auch nur einen Namen um weiter voran zu kommen.

    Gruß

    Buftey
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nimm dir mal Carl Erdmann, Die Entstehung des Kreuzzugsgedankens vor. Das Buch ist zwar von 1935* (Reprint 1956), aber immer noch Standard!
    Kämpfende Bischöfe, da fallen mir jetzt nur Otto von Freising ein und einige Cluniazenser auf der iberischen Halbinsel, aber das ist definitiv die falsche Zeit.




    *Historiker, Germanisten, Ethnologen ("Volkskundler") u.a. haben ja leider eine gewisse Affinität zum Nationalen gehabt und sich vom Nationalsozialismus korrumpierem lassen, Erdmann ist da eine rühmliche Ausnahme gewesen, was sich für ihn dann auch als Karrierebremse ausgewirkt hat.
     
  3. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Genau aus dem Frankenreich wüsste ich jetzt keinen.

    Von Odo, Bischoff von Bayeux, gibt es jedoch sogar eine Darstellung wie er keuleschwingend gegen die Sachsen reitet:
     

    Anhänge:

  4. tejason

    tejason Aktives Mitglied

    Kleriker als feudale Lehnsherren und Kriegsdienst

    Kleriker begleiteten im frühen Mittelalter ihre Fürsten oft in den Krieg. Das ist vielfach belegt. Sie führten dabei oft ihren Königen ein kopfstarkes Aufgebot an Kämpfern zu. Inwieweit sie dann allerdings aktiv in die Kämpfe eingriffen ist eine andere Frage. Im Kontext mit der Belagerung von Augsburg durch die Ungarn 955 soll Bischof Ulrich die Verteidigung organisiert haben und den Männern Mut gemacht haben. Er gilt auch als Befehlshaber der Truppen. Gerade im Mittelalter ist nicht davon auszugehen, dass sich Befehlshaber immer aus den Kämpfen hätten heraushalten können, da ihre persönliche Präsenz oft erwartet wurde. Im Gefolge von königlichen Aufgeboten stellt sich die Frage ob die Anwesenheit von hohen Klerikern nicht nur wenig über einen „Hofdienst im Feld“ herausgekommen ist? Aber auch hier gilt die Einschränkung, da aus einem solchem „Hofkreis“ im Feld auch immer direkte Feldkommandanten ernannt werden konnten. Man muss sich solche „Hofkreise“ auch als einen potentiellen „Offizierspool“ vorstellen. Eine strikte Trennung zwischen „Hofdienst“ und „Offiziersdienst“ dürfte schwer festzumachen sein, schon weil hohe Kleriker immer ein eigenes Aufgebot von Truppen dem Heer zuführten (wenn es nicht auf eigene Rechnung operierte…). Da mir nicht klar ist, inwieweit du auf den Kontext eingegangen bist, mache ich ein paar wenig vorsortierte Hinweise:

    Ein Beispiel für einen frühen, rauflustigen Bischof wäre der „Gegenspieler“ des Bonifatius, der Bischof von Mainz Gewiliobus zu nennen. Er war der Sohn von Geroldus, seines direkten Vorgängers und fiel im Krieg gegen die Sachsen, genau wie sein Vater. Für den Tod seines Vaters beanspruchte er auch erfolgreich das uralte, germanische Recht der Blutrache. Unter Karl Martell waren einige hohe klerikale Ämter an Adelige ohne entsprechende Ausbildung verliehen worden, was der Stärkung seiner Hausmacht dienen sollte. Beide Männer waren letztlich aus diesem Umfeld in ihre bischöfliche Stellung gelangt.
    Gewiliobus ? Wikipedia

    Im gleichen Link findet sich auch der Hinweis, dass Geistliche laut einem unter Bonifatius abgehaltenen Konzil (Concilum Germanicum, um 742) das Tragen von Waffen verboten worden wurde. Derartige Verbote mussten einen entsprechenden Hintergrund besitzen... An dieses Gebot hielten sich die Kleriker allerdings wenig. Sie stammten in der Regel aus dem Adel und ihnen war der Umgang mit Waffen nicht fremd, sondern standesgemäß verinnerlicht – ungeachtet irgendwelcher Einschränkungen, wie es für derartig hohe Vertreter des Christentums vielleicht zu erwarten gewesen wäre!
    Wenn ich mich recht erinnere wurde die Anweisung, dass Kleriker kein Blut vergießen sollten, recht wörtlich genommen: Man griff auf Waffen zurück, welche direkt keine blutenden Wunden verursachten (wie das traditionelle Schwert…) und verwendete stumpfe Hiebwaffen wie Streitkolben (auf diese Waffe soll sich angeblich auch der „moderne“ Feldherrenstab zurückführen lassen). Wie das mit einer gebrochenen Schädeldecke in Einklang zu bringen ist, was gewiss eine blutende Wunde verursachte, muss offen bleiben… Auf dem von Badian verlinkten Teppich von Bayeux trägt Bischof Odo offensichtlich ebenfalls einen Streitkolben und nicht das sonst zu sehende Schwert! Odo war übrigens Auftraggeber des Teppichs und hatte sicherlich Einfluss auf seine Gestaltung...

    Im Übrigen dürfte es öfters Paradigmenwechsel im Verhältnis zwischen Klerus und Kriegsdienst gegeben haben. Aber vielleicht findest du etwas in deiner Literatur dazu?

    Bischöfe oder Äbte waren auch Grundherren und standen damit einer typisch feudalen Lehenspyramide vor. Dies war auch die Grundlage für die damalige Heeresordnung. Die Könige beriefen das Aufgebot ihrer Vasallen ein um mit diesen Truppen Krieg zu führen. Der Lehensherr befehligte solche Truppen oft persönlich, auch wenn bei königlichen Aufgeboten die persönliche Anwesenheit vieler solcher Kleriker nicht ausdrücklich verlangt wurde. In einem „Personenverband“, wie es ein Feudalstaat war, war es sicherlich immer ein Fehler, nicht öfters persönlich zu erscheinen um bei Hofe „nicht vergessen zu werden“. Der Kriegsdienst bot Gelegenheit die Aufmerksamkeit des Lehensherrn zu erregen und sich für weitere Dienste zu empfehlen. Aus diesem Grund muss die Anwesenheit von Klerikern in einem (königlichen) Heer nicht unbedingt den aktiven Einsatz in der Schlacht bedeuten. Viele hohe Kleriker sind unter den Opfern entsprechender mittelalterlicher Schlachten anzutreffen. Andere, wie etwa der greise Abt Sturmi begleitete Karl den Großen in den Sachsenkrieg (wo er auch eine Burg zeitweilig befehligte), erkrankte und verstarb an den Folgen der Krankheit im Anschluss an den Feldzug.


    Die militärische Bedeutung von Bistümern und Klöstern ergibt sich aus dieser Stellung als Lehnsfürsten und der daraus resultierenden Heerespflicht für ihre Aufgebote. Unter den Ottonen sind die Zahlen solcher Aufgebote öfters überliefert und damit die Relevanz der Aufgebote für das Reichsheer! Die Verteidigung von Augsburg gegen die Ungarn im Vorfeld der Schlacht auf dem Lechfeld 955 wurde bekanntlich vom dortigen Bischof Ulrich geleitet. Bischöfe und Äbte hatten etwa ¾ des Aufgebots von 981 an Panzerreitern für den Italienfeldzug zu stellen. Das Aufgebot soll insgesamt etwa 2090 Panzerreiter umfasst haben. Die Erzbistümer/Bistümer Köln, Mainz und Straßburg hatten je 100 zu stellen, die Bistümer Trier, Salzburg und Regensburg je 70, Würzburg, Lüttich und Verdun als Bistümer jeweils 60 Panzerrreiter. In letzterer Kategorie finden sich mit Fulda und der Reichenau mit gleicher militärischer Leistung die Aufgebote der ersten Klöster an exponierter Stelle. Sie stellten damit mehr Männer als kleinere Bistümer! Die nächstwichtigsten Klöster Lorsch und Weißenburg stellten 50, St. Gallen, Hersfeld, Ellwangen und Prüm je 40 weitere Panzerreiter... Das komplette Aufgebot ist nicht aufgeschlüsselt, doch umfasst meine Aufstellung bereits rund die Hälfte dieser Reichsarmee! [Als Quelle wird angegeben: Indiculus Loricatorum S 633; Übersetzung in „Quellen zur deutschen Verfassungsgeschichte Band 16“ S 62ff].

    Dieses Heer von Kaiser Otto II. wurde 982 in Süditalien in der Schlacht von Cotrone durch die Sarazenen vernichtet und es fielen dabei auch zahlreiche Geistliche.
    Schlacht am Kap Colonna ? Wikipedia
     
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  5. flavius-sterius

    flavius-sterius Aktives Mitglied

    Jetzt bin ich verwirrt. Ich dachte bisher, dass Karl der Große den Geistlichen in weltlichen Angelegenheit (insbesondere dem Kriegsdienst) Vögte beigestellt hat. Die Vögte zogen dann für Bischöfe und Klöster in den Krieg.


    Vogt ? Wikipedia

    Wie verträgt sich dies mit keulenschwingenden Bischöfen auf dem Schlachtfeld?
     
  6. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Vllt. nicht gerade "Keulenschwingend", auch ein späterer Papst, Julius II., zog als Heerführer in den Krieg.

    Sorry, ich wollte Dich an dieser Stelle auf "Uni-Protokolle" verlinken, weil da war es am klarsten und augenfällig, aber der link ist entweder instabil, oder ich bin zu blöd, oder beides.

    Dann also jetzt wikipedia:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Julius_II.

    http://en.wikipedia.org/wiki/Pope_Julius_II

    M.


    M. :winke:
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Februar 2012
  7. Rephaim

    Rephaim Neues Mitglied

    Gregor von Tours schreibt einiges darüber; ist sehr, sehr frühes Mittelalter, aber Frankenreich
     
  8. Buftey

    Buftey Neues Mitglied

    Danke erstmal für die Antworten, das hilft mir weiter.

    Die Enstehung des Kreuzzugsgedanken werde ich mir anschauen, sobald das Buch wieder zurückgegeben wurde.
    Die Verteidigung Augsburgs durch Bischof Ulrich passt auch einigermaßen. Auf Wikipedia gab es Angaben zu weiterer Literatur an die ich nun ranzukommen versuche.
    Bischof Gewiliobus ist ein richtiger Treffer, bei dem ich mich wundere, von ihm noch nicht bei Prinz gelesen zu haben. Mit ihm kann ich sehr gut die Einführung der Waffenverbote untermauern.
    Bei Gregor von Tours bin ich mir nicht sicher aber auch hier werde ich mir einen Überblick verschaffen.
    Julius II. ist sicherlich auch als Papst der Bischof von Rom, passt aber nicht so recht zum Rest der Hausarbeit, da ich mich vor allem auf Reichsbischöfe konzentrieren möchte.

    Zum Thema "Keulenschwingend" kann ich beitragen, dass wir in einem Seminar einen Vortrag über den Teppich von Bayeux hatten, bei dem unsere Professorin ergänzend hinzugefügt hat, dass Bischof Bodo sich Keulenschwingen hat darstellen lassen. Ich habe das so gedeutet, dass er sicherlich mit einem Schwert ins Feld zog und dies später für die Geschichtsschreibung hat korrigieren lassen.
     
  9. Buftey

    Buftey Neues Mitglied

    Mir ist noch zu dem was flavius-sterius schrieb etwas eingefallen:

    Bei Prinz las ich, dass Bischöfe zur Zeit Karls des Großen und auch danach, für den Kriegsdienst persönlich anwesend sein mussten. Ergänzend hatte er hinzugefügt, dass der Kriegsdienst sehr genau definiert war, nämlich mit Aufgebot von Waffen, Versorgung und Einrichtung dergleichen durch die Stiftvasalität.

    Ludwig der Fromme habe eine Verschärfung der persönlichen Anwesenheit erwirkt, bei der das Fernbleiben vom Kriegsdienst nur mit dem Auftreten von Krankheit oder hohen Alters und der Vertretung des Bischofes möglich gemacht worden sei.

    Da vor Karl dem Großen der Kriegsdienst noch nicht in der Form institutionalisiert war, gehe ich davon aus, dass hier tatsächlich auch die Vertretung eines Bischofes durch seine Vasallen weniger eingeschränkt war.

    Leider habe ich bisher noch nicht rausgefunden, welche Rolle die Bischöfe konkret auf dem Schlachtfeld spielten. Eines meiner Unterkapitel soll sich auch noch mit der Seelsorge auf dem Schlachtfeld beschäftigen. Mal sehen was ich da so finden werde.
     
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  10. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Zum Thema Keulen schwingende Bischöfe fallen mir als jüngere Beispiele, die Bischöfe von Senlis und Beauvais ein, die 1214 in der Schlacht von Bouvines aktiv beteiligt waren. Letzterer besaß gar einen ganz kriegerischen Charakter und beteiligte sich zuvor schon ausgiebig im Kampf gegen Richard Löwenherz.

    Allerdings ist dies ein Beispiel aus dem hohen Mittelalter.
     
  11. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Als die Magyaren 955 vor Augsburg standen, war es der Bischof Ullrich, der die Stadt rettete. Augsburg befand sich in schlechtem Verteidigungszustand, doch der streitbare Bischof verlor nicht die Nerven, ließ Schanzen errichten und mischte sich im bischöflichen Ornat, ohne Rüstung ins Kampfgetümmel, ohne Blessuren davonzutragen. Für die Verteidiger war das ein ungeheurer moralischer Ansporn, während die Magyaren am darauffolgenden Tag mit Peitschenhieben zum Angriff angetrieben werden mussten, worauf sie sich bald zurückzogen.
    Was den Augsburgern als Wunder erschien, war aber ein planmäßiger Rückzug, denn der bayrische Graf Berthold verriet den Ungarn den Aufmarschplan des Entsatzheeres unter Otto I.

    In Augsburg ist das Grab des streitbaren Bischofs Ullrich noch heute Wallfahrtsort, und 1955 stellte man ihn anlässlisslich einer Laudatio zum tausendjährigen Jubiläum der Schlacht auf dem Lechfeld so sehr in den Mittelpunkt, dass vom Ruhm Ottos kaum mehr die Rede war.
     
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