Bismarcks Kolonialpolitik - Kontroverse

Dieses Thema im Forum "Die großen Kolonialreiche" wurde erstellt von Lice, 24. April 2006.

  1. Lice

    Lice Gast

    Hallo an alle,

    ich besuche im Moment die 12. Klasse Gymnasium. Vor kurzem ist in unserem Geschichtsunterricht die Fragestellung aufgekommen, inwiefern Bismarcks Kolonialpolitik (die sich ja eher durch Zurückhaltung kennzeichnet) insbesondere im Hinblcik auf die spätere Entwicklung nach Bismarck zu bewerten ist.

    Mein Geschichtslehrer ist der Meinung, dass sich Bismarcks Befürchtungen (Störung des europäischen Gleichgewichts, Konflikte mit anderen Mächten, Einkreisung Deutschlands, Zweifrontenkrieg) zur Kolonialpolitik später ja bewahrheitet hatten, und er somit mit seiner Zurückhaltung Recht hatte.

    Ich widersprach dem jedoch (da es ja darum ging, die freie eigene Meinung zu Bismarcks Kolonialpolitik zu äußern und sie zu beurteilen). Ich fand, dass Bismarck insbesondere in der frühen Phase 1871-1885 (als noch nicht alles aufgeteilt war) ruhig etwas stärker hätte "zuschlagen" können (aus rein deutscher Sicht), um ein Ventil für den inneren imperialistischen Druck zu geben. Die Gesellschaft im Deutschen Reich wurde von konservativen Adels- und Großbürgerkreisen beherrscht, denen eine Expansion immer am Herzen lag. Da man imperialistische Bestrebungen nach dem "Platz an der Sonne" somit als Konstante im Deutschen Reich ansehen könnte, wäre es besser gewesen, hätte Deutschland (salopp formuliert) ein paar mehr Kolonien abbekommen. Dann hätte man nicht mehr sagen können, "Deutschland ist zu kurz gekommen", und das Deutsche Reich hätte den angestauten Druck 1914 nicht mehr nach ganz Europa exportieren müssen.

    Wie seht ihr das Ganze?
     
  2. Mercy

    Mercy unvergessen

    Nicht wenige hatten sich das, was du meinst, erträumt. Doch Bismarck hatte die Gefahren frühzeitig erkannt:

    Mit Hilfe dieser Bündnisse sollte der Kriegsfall möglichst ausgeschlossen werden. Um Europa die Furcht vor weiterer deutscher Expansion zu nehmen, erklärte Bismarck das Reich für „saturiert“, d. h. Deutschland sah von weiteren Gebietsansprüchen ab. Interessant ist folgender Adressentwurf, der im März 1871 im Reichstag zur Verabschiedung vorlag

    http://de.wikipedia.org/wiki/Bündnispolitik_Otto_von_Bismarcks
     
  3. Arne

    Arne Premiummitglied

    Ich würde da eher deinem Lehrer zustimmen (allerdings: Zweifrontenkrieg wegen den Kolonien? Wo ist da die Logik? Konflikte mit Rußland gab es doch nicht).
    Aber zu dir: Was verstehst du unter "aufgestautem Druck"? Machtstreben oder Streben nach Gebietszuwachs? In Europa suchte das DR keine neuen Gebiete - auch 1914-18 nicht.

    In deiner Argumentation siehst du einen Zusammenhang, vielleicht sogar eine unmittelbare Folge der wenigen Kolonien zum Streben nach Vorherrschaft oder sogar neuen Gebieten in Europa, richtig?

    Deutschland erwarb seine Kolonien zwischen 1884 und 1901. Der Erste Weltkrieg begann 1914. Erkläre mir die zeitlichen Zusammenhänge und warum wäre es anders gewesen, wenn das DR schon 1872 irgendwo Kolonien erworben hätte..?
     
  4. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    hier lief schon einiges über dein Thema. z.B.

    http://www.geschichtsforum.de/showthread.php?t=2563

    Bismarcks eigene Einschätzung am Ende seiner Laufbahn :

    Er wünschte ,sich auf den "kolonialen Schwindel " nie eingelassen zu haben. Er zweifelte an der Fähigkeit deutscher Auswanderer ,in d. Kolonien "Geld zu machen ", und Beamten, sie zu verwalten, und dachte daran, die dt. Interessen in Südwestafrika , Ostafrika und Samoa zu verkaufen. Es ärgerte ihn, daß die Kolonien nicht nur keine nennenswerten Gewinn für die dt. Wirtschaft abwarfen, sondern auch die dt. außenpolit. Beziehungen gefährdeten das Ausw. Amt und das Reichsbudget belasteten.
    Salopp gesagt hätten noch ein paar mehr Kolonien die ganze Angelegenheit noch mehr verdüstert !
    Nun, lag Bismarck so falsch ?........m.M. nach leider nicht .
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. April 2006
  5. Lice

    Lice Gast

    Erstmal danke für eure Antworten.

    Zu Arne kann ich sagen: Bezüglich des Zweifrontenkriegs ging es einfach darum, dass die das Deutsche Reich aufgrund von Kolonialpolitik Feinde schaffen würde, und sich selbst "auskreist". Mit Russland hatte das DR nun wirklich keine Kolonialkonflikte, das stimmt. Also "Zweifrontenkrieg" nicht so wortwörtlich nehmen.
    Aber nochmal zurück zu Expansionsbestrebungen. Der Ruf im DR, Deutschland wäre im internationalen Wettlauf "zu kurz gekommen", und bräuchte als große mächtige Industrienation stattdessen einen "Platz an der Sonne", ist doch Ausdruck dessen, dass das DR nach Ansicht vieler als Großmacht in Europa eine ebensolche Macht in der Welt sein sollte (ob das durch Kolonien auch wirklich gewährleistet werden kann ist erstmal außer Frage). Also mit "aufgestautem Druck" meine ich ebenjenes Streben nach mehr Einfluss in der Welt (was nach Ansicht vieler wohl durch Kolonien gewährleistet werden kann).
    Mit "früher Phase" meine ich vor 1884, weil in diesem Jahr die Kongokonferenz stattfand, in der sich die Europäer ihre Einflusssphären aufteilten. Mit dieser Aufteilung wurden die Regeln festgelegt, nach denen gespielt wurde, und man konnte schneller auf ein jähes Ende der eigenen Expansion stoßen. Hätte DR sich einen größeren Kolonialbesitz verschaffen wollen, hätte es früher anfangen müssen (also schon in der Frühzeit Bismarcks).
    Du sagtest, dass die Kolonialerwerbungen bereits 1901 abgeschlossen waren. Ist es nicht dann genauso diese Sache, als Expansion in Afrika 1901 beendet wird, zu einer anderen Kanalisierung des Drucks führt, in Form von Flottenaufrüstung zum Beispiel? Und dieser in anderen Formen kanalisierte Druck führt dann zum Kriegsausbruch 1914. Wie gesagt, um 1900 war es sowieso bereits zu spät, das DR konnte nur an andere Mächte stoßen (siehe Marrokokrisen), d.h. Bismarck hätte sich nich dagegen sträuben sollen, um später Wilhelm II keinen Grund für weitere Ambitionen geben zu können...

    Zu Arcimboldo: Natürlich war Bismarck nie ein großer Anhänger von Kolonien gewesen. Aber abgesehen von den nackten Zahlen, die wirklich nicht für die Kolonien sprachen, gibt es doch noch den "ideellen Wert" der Kolonien. Sie tragen zu einem erhöhten Selbstwertgefühl bei etc etc (wenn wir jetzt mal ganz chauvinistisch sind). Auch Bismarck erkannte diese ideellen Werte, und fand zum Beispiel heraus, dass sich die innenpolitische Stimmung mit den außenpolitischen Erfolgen gekoppelt war. Mit Kolonien ließ sich also wunderbar Innenpolitik betreiben.
     
  6. Arne

    Arne Premiummitglied

    Also ich glaube ich verstehe, was du ausdrücken willst und die Theorie hört sich schon erstmal pfiffig an, aber ich meine, sie hinkt.

    Nehmen wir mal an, das Reich hätte wirklich bereits in den "Kinderjahren" (ab 1871/72) stark expansiv nach Kolonien gestrebt und - ich habe jetzt die Weltkarte der Zeit nicht im Kopf - aber mal so pauschal gesagt, doppelt soviele Kolonien gehabt, als mit dem Einstieg 1884.
    Nach deiner Meinung wäre das Reich dann mit diesem Erwerb (oder Balast, je nach Sichtweise) so zufrieden und beschäftigt gewesen, daß es sich nicht mehr aggressiv gegenüber den Nachbarn verhalten hätte (hat es das überhaupt?). Soweit richtig?

    Was hältst du von der Möglichkeit, daß es dann vielleicht schon früher mit anderen imperialen Mächten Konflikte gegeben haben könnte? Du führst die Flottenpolitik an, die anderen Staaten (GB) zum Ärgernis wurde. Wäre es nicht logisch, daß Deutschland als große Kolonialmacht mit einer notwendigen Schutz- und Versorgungsflotte, so schon früher zum Ärgernis geworden wäre?

    Ich bezweifele, daß eine zeitliche Verschiebung und Ausweitung der Kolonialpolitik einen positiven Einfluß auf den Weltfrieden gehabt hätte, sondern sehe da eher mehr Risiken. Das heißt nicht, daß ich in Deutschlands Kolonialpolitik einen gewichtigen Grund für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs sehe. Andere Staaten betrieben auch Kolonialpolitik (Niederlande, Portugal...) ohne daß dies einen Weltkrieg verursacht hätte. Die Ursachen des Krieges lagen woanders und wären auch da gewesen, wenn sich das Reich mit doppelt sovielen Aufständen herumgeschlagen hätte und doppelt so viel Geld in den Schutzgebieten investiert hätte.
     
  7. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    ...bei wem ! es gab keinen ideellen Wert, nur einen typisch deutschen irrationalen Wert ..alles Wunschvorstellungen!

    Das Gegenteil ist richtig ! siehe Bismarcks eigene Äüßerungen.....
     
  8. Arne

    Arne Premiummitglied

    ideell...irrational...

    Und das von einem Kunstliebhaber? Da sind auch nur Töne, Leinwand oder ein behauener Steinquader.. ..Manche sehen mehr darin, manche weniger.
    :)
     
  9. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied


    Guter Konter :yes: ..alles ist Projektion, Sehnsucht, Sucht.... man suchts....
     
  10. Swanhilt

    Swanhilt Neues Mitglied

    Zum Thema "ideeller Wert der Kolonien" oder auch Kolonien als Projektionsfläche für kollektive und persönliche Wünsche, Entwürfe und Konzeptionen etc. sind mir in den letzten Wochen zwei Bücher in die Hände gefallen:
    Kundrus, Birthe [Hrsg.]: Phantasiereiche
    Susanne Zantop: Colonial Phantasies

    ich finde sie ganz interessant ...
     
  11. HeinrichCrassus

    HeinrichCrassus Neues Mitglied

    Ganz interessante Sichtweise.

    Problem daran ist nur, dass Deutschland kaum früher mit dem Erwerb von Kolonien hätte anfangen können. Denn das die Gründung des DR hat ja zuerst einmal die Ängste der Europäer angefacht, ein neues Reich in Mitteleuropa, stärker als Frankreich! Gerade deshalb hat Bismarck ja immer betont, Deutschlands Hunger sei gesättigt. Außerdem fehlte es der deutschen Kolonialpolitik an einer Vision, bzw. einer Vorstellung, was man erreichen wollte. Ein "Platz an der Sonne" ist kein Konzept, die Briten demgegenüber haben zuerst die Route nach Indien abgesichert und dann von Kairo nach Kapstadt zumindest indirekte Kontrolle eingeführt. Deutschland aber hat sich überall zwischen die Stühle gesetzt.
     
  12. Köbis17

    Köbis17 Gast

    Na ganz so kann man es nicht betrachten, denn sicherlich hat die außenpolitische Bewegung des neuen Deutschlands eine wichtige Rolle gespielt, doch dass wird nicht der Grund sein, warum Deutschland nur zögerlich dazu überging, Kolonien zu erwerben.

    Vor 1871 war schon eine gewissen Tendenz vorhanden Handelsgesellschaften im Außland/Übersee zu gründen. Die größere Problematik trat auf, als die Besiedelten Gebiete deutschen Schutz bedurften, gegen wen auch immer. Die preußische wie auch die neue kaiserliche Marine war bei weiten nicht in der Lage um die 70iger Jahre diese Aufgaben zu übernehmen, zumal es an Stützpunkten mangelte.

    http://www.geschichtsforum.de/f58/kolonien-und-kriegsschiffe-21136/

    So wurden die ersten Kontakte in den ostasiatischen Raum erst nach 1870 geknüpft, während bei den Preußen wie auch später nach der Reichsgründung ein sehr großes Interesse an Südamerika lag, dass zwangsläufig zu Problemen mit der USA führte, nicht aber mit europäischen Ländern.

    Hinzu kommt, das die Kolonialpolitik in Preußen erst nach 1820 begann, während andere Länder wie Großbritannien, Frankreich oder Spanien mehre 100 Jahre Vorsprung hatten.

    Und Schließlich war es Bismarck, der ab Mitte der 80iger Jahre (Kongokonferenz) den Weg ebnete für deutsche Kolonien sowie die Verteilung von Schutzbriefen für Gebiete mit deutschen Handelsgesellschaften.

    http://www.geschichtsforum.de/f57/g-ltigkeitsbereich-der-kongoakte-22035/
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 4. Juni 2008
  13. HeinrichCrassus

    HeinrichCrassus Neues Mitglied

    Man könnte jetzt darüber streiten: Haben die Unzulänglichkeiten der deutschen Marine die Außenpolitik Bismarcks diktiert? Oder hat Bismarck AUCH aus diesen Gründen dafür plädiert, dass Deutschland sich vorerst nicht in die Kolonialpolitik einmischt oder wenn nur Pluspunkte sammelt als neutraler Vermittler, der keine eigenen kolonialen Interessen hat?

    Belegt das nicht die These, dass das neugegründete DR sich in Europa neben Frankreich nicht noch mehr Feinde machen wollte indem es sich in den "Scramble for Africa" einschaltet?
     
  14. Köbis17

    Köbis17 Gast

    Also grundsätzlich hat die preußische Flotte bis zur Reichgründung nur einen gringen Einfluß auf die politische Entwicklungen für Deutschland. So konnte die Flotte nur einen sympolischen Beitrag bei den Kriegen von 1866 und 1870/71 leisten. Nicht einmal für den Schutz der Überseegebiete reichte das Flottenmaterial aus. Wie wollte man damit seine Kolonien militärisch Vertreten und Schützen.
    Bis vor 1871 gab es auch andere Probleme innerhalb der deutschen Staatgemeinschaft zu lösen, wie der Aufbau von Kolonien. Da war das Marineproblem mehr geringerer Natur.
     
  15. manuel

    manuel Neues Mitglied

    Bismarcks Haltung zu Kolonien

    hi wisst ihr welches system von kolonien bismarck grundsätzlich ablehnte ?
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Januar 2010
  16. manuel

    manuel Neues Mitglied

    bismarck

    hi, wir haben in geschichte gerade ein paar fragen zu bismarck bekommen und ich wollte euch fragen ob ihr wisst warum ein deutsches engagement in ägypten verhängnissvolle ffolgen haben könnte
     
  17. Molinarius

    Molinarius Neues Mitglied

    Vielleicht,weil man damit die Briten provozieren würde?!
     
  18. simplicissimus

    simplicissimus Neues Mitglied

    @Molinarius

    Nicht nur das, es hätte zweifelslos zu einer kriegerischen Auseinandersetzung mit England geführt, weil es eben auch um den kürzesten Handelswege nach Indien, dem Suezkanal, ging.

    Der Bau des Suezkanal (1859–1869) machte Ägypten wegen seiner Finanzanleihen derart von Großbritannien (z. T. auch Frankreich) abhängig, dass diese zur eigentlichen Regierung des Landes wurden. Zur Sicherung des Verbindungsweges nach Indien erwarb Großbritannien dann die ägyptischen Kanalaktien, besetzte 1882 das Land und machte es 1914 formell zu einem Protektorat bis 1922. Erst unter Fuad I. wurde Ägypten ein schon weitgehend selbständiges Königreich und erhielt nach dessen Tod 1936 die Souveränität.

    Mit meinen besten Grüßen

    Simplex Simplicissimus
     
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