Boötisches Schild

Dieses Thema im Forum "Antikes Griechenland" wurde erstellt von SergejKorolev, 29. März 2009.

  1. Servus!

    Meine Frage: Mir ist diese Form des Schildes völlig unbekannt, und frage mich daher, wie verbreitet diese Schildform war? Was für einen Vorteil hatte sie gegenüber dem herkömmlichen Aspis, und wozu dienen die Ausbuchtungen?

    Grüße

    Sergej
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 24. September 2011
  2. Fayter

    Fayter Neues Mitglied

    Hey,
    mir ist diese Schildform unter "Dipylonschild" bekannt. Diese eigenartig scheinende Schildform ist auch oft auf Vasen abgebildet. Das Hauptcharakteristikum dieses nicht ganz mannsgroßen, länglichen ovalen Schildes ist eine auf beiden Seiten in der Mittelzone vorgenommene Aussparung, die ihn in eine untere und obere Hälfte zu teilen scheint; möglicherweise ist er auf ältere, mykenische Schildformen zurückzuführen.

    Diese Schildform war anscheinend im 9.-6.Jh.v.Chr. gebräuchlich.

    Durch die Ausbuchtungen konnte man den Speer auf den Gegner richten und sich selbst hinter dem Schild schützen. Das ist meine Interpretation...
    Würde auch in einer geschlossenen Formation Sinn machen. o_O

    Zur Verbreitung kann ich leider auch nichts sagen. :(
     
  3. Zananga

    Zananga Aktives Mitglied

    Das Schild hat eine gewisse ähnlichkeit zum Schild der Peltasten (Pelta) aus Thrakien, der aber nur eine Ausbuchtung hat. Jedoch wird das Boötische Schild auf Vasen von Hopliten, also nicht von Leichtbewaffneten wie die Peltasten, getragen. Die Ausbuchtungen machen das Schild leichter, also beweglicher, ist im vergleich zum üblichen runden Aspis.

    Ich glaube aber nicht das es ein entscheidendes Vorteil gegenüber das Rundschild hatte, sondern eher das es durch die Ausbuchtungen unstabiler war und schneller zerbrach, weil die Hopliten in der Klassischen Zeit das runde Aspis trugen.
     
  4. Würde ich nicht sagen, die Pelte der Thraker hat ihre Ursprünge von der Schwarzmeerküste, wo sie die Skythen verwendeten. Außerdem ist das Boötische Schild ja gewölbt, nicht so die Pelte.

    Ich stimme da Fayter zu, nur das die Taktik eben hieß "Speer über die Schulter".
     
  5. Cato

    Cato Neues Mitglied

  6. Remo1986

    Remo1986 Neues Mitglied

    Ich stimme dir zu, ich würde den Aspis bevorzugen. Nicht nur, dass du mit den Ausbuchtungen ja fast deinen eigentlichen Job in der Phalanx, nämlich deinen Nachbarn mit abzudecken, nur schlecht erfüllen kannst, du bist auch selbst weniger gut gedeckt, wenn du deinen Oberkörper nicht genau zwischen den Ausbuchtungen hast.

    Meine persönliche Interpretation: Der Aspis ist ideal für die Phalanx, den Kampf in enger Formation, da man damit leich einen lückenlosen Schildwall formen kann, wärend der Boötische Schild/Dipylonschild die leichtere Version des Aspis darstellt und damit im Kampf Mann gegen Mann oder in lockerer Formation, trotz seiner Grösse, besser und schneller zu manövrieren ist.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. April 2009
  7. Cato

    Cato Neues Mitglied

    Das scheint plausibel. Diese Schildform war in mykenischer Zeit weit verbreitet, als der Formationskampf noch nicht weit entwickelt war und man Einzelkämpfe bevorzugte. Dafür scheint er ganz gut geeignet gewesen zu sein, das sieht man ja auch im Video. Vielleicht war der Dipylonschild auch ein Vorläufer für den Aspis und wurde durch die Einführung der Phalanxformation im 7. Jahrhundert v. Chr. von diesem ersetzt.
     
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  8. Ergo: Diese Schildform für zB Hypaspisten, Aspise für die Phalanx?
     
  9. Fayter

    Fayter Neues Mitglied

    Ich würde nicht sagen dass das Dipylon durch die Einführung der Phalanx vom Aspis abgelöst wurde.
    So groß sind die Einbuchtungen, meiner Meinung nach, auch nicht. Der Schutz des benachbarten Kampfgefährten ist auch mit den Einbuchtungen gewährleistet.
    Ich glaube dass es anscheinend auch bei antiken Schildformen bestimmte Modeerscheinungen gab.
    Die Frage die ich mir noch stelle ist: Warum waren auf beiden Seiten des Schilds Einbuchtungen?
    Man benötigte doch nur auf der Seite der Waffenhand eine Einbuchtung!?
     
  10. Vermutlich, weil die "serienmäßig" hergestellt wurden. Und da ist es einfacher, eine Version für Links- und Rechtshänder zu machen, als eine eigene Linkshänderversion und eine eigene Rechtshänderversion zu bauen.
     
  11. Fayter

    Fayter Neues Mitglied

    Mhm..

    Zu dieser Zeit, also in der archaischen(?), gab es ja im Prinzip keine uniformelle Ausrüstungen. Daher vermute ich dass es keine Serienproduktion gab.
     
  12. Legat

    Legat Aktives Mitglied

    Der Schild hat auch Ähnlichkeit mit dem römischen/latinischen Ancile. Das was im Link oben als figure-of-eight Schild bezeichnet wird.
    Den gabs bei den Latinern auch nur bis zur Einführung der Phalanx, danach wurde er nur noch zu kultischen Zwecken verwendet.
    Das unterstützt die Theorie, dass er diese Form der Vorläufer des Aspis ist.
    Ancile ? Wikipedia
     
  13. Remo1986

    Remo1986 Neues Mitglied

    Den Schild musste wohl jeder Soldat selber anfertigen (lassen), Serienproduktion schliesse ich eher aus. Die Tatsache, dass auf beiden Seiten eine Aussparung vorhanden ist, erkläre ich mit einer gewagten, der Uhrzeit entsprechend verrückten Idee:

    In welchem Fall braucht der Hoplit eine Lücke im Schild um den Speer durchzustecken? Er kämpft in der Phalanx ja mit dem Speer über/neben dem Kopf, also über den Schild hinweg (womit ich wieder auf den Einzelkampf käme).

    http://sopheum.com/delphi/wp-content/uploads/2007/08/greek_phalanx.jpg

    In einer defensiven Formation würde ich in der ersten Schlachtreihe Soldaten mit Boötischem Schild stationieren. Diese knieen sich hin, etwa so wie die Römer auf diesem Bild:

    http://www.novaroma.org/vici/images/Tábor_második_nap_028.jpg

    Sie decken Ihren zusammengekauerten Körper mit ihrem Schild ganz ab, nur links und recht ergeben sich Löcher, wo sie ihre Speere durchstecken können, etwa so (jede farbe = 1 Schild ,man beachte die Lücken):

    ) () () () () () () () (

    statt

    OOOOOOOOOOOO

    Die zweite Schlachtreihe, die wie jede weitere mit Aspis bewaffnet ist, bildet eine herkömmliche griechische Phalanx, nur dass ihre Beine durch die knieenden Kollegen gedeckt sind und der Schildwall quasi von Kopf bis Fuss alles abdeckt. Etwa so im Endeffeckt (die Punkte markieren die Speerspitzen ^^)

    . . . . . . . . . . . .
    O
    OOOOOOOOOOO

    ) (.) (.) (.) (.) (.) (.) (.) (.

    Dies ist wie gesagt nur ein verrückter Gedanke. Nüchtern betrachtet stimme ich zu, dass es genausogut eine Modeerscheinung gewesen sein könnte.


    Hypaspisten stelle ich mir eher als mit einem Aspis bewaffnet vor. Sie sind eine makedonische Erfindung. Der makedonische Phalangit kämpfte mit der Sarissa und hatte entsprechend einen kleineren illyrischen Schild "angeschnallt". Der Hypaspist mimte eher den klassischen Hopliten mit Aspis, wenn ihm auch andere Aufgaben zugedacht waren, da sie im Gegensatz zu den letzteren auch Wurfspeere mit sich trugen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. April 2009
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  14. Legat

    Legat Aktives Mitglied

    Bezweifle ich ehrlichgesagt. Das wäre dann sicher auf Malereien so abgebildet worden.
    Dieser Schild mit den Ausbichtungen ist eher für den Einzelkampf geeignet. So wie er im Video auch vorgeführt wird (also die Schildhandhabe, die Kombination mit dem Speer wird dort meiner Meinung nach falsch wiedergegeben, da ist sogar Brat Pitt in Troja authentischer).
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. April 2009
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  15. Cato

    Cato Neues Mitglied

    Hallo Fayter,
    ich glaube nicht, dass dieser Schildtyp für die Phalanx geeignet war. Man muss ja bedenken, dass nicht nur der eigene Schild, sondern auch der des Nebenmanns diese Aussparungen hatte und dann würden viel zu große Lücken entstehen, um einen Schildwall sinnvoll bilden zu können.

    @SergejKorolev
    Die "Speer über die Schulter"-Technik haben wir zwar bei den klassischen Hopliten, aber wir wissen ja nicht, ob unser archaischer Mykener seinen Speer auch schon so getragen hat. Vielleicht waren die Aussparungen ursprünglich wirklich für den Speer gedacht. Die zweite Aussparung auf der anderen Seite erkläre ich mir damit, dass der Schild dann besser ausbalanciert ist und zudem ein geringeres Gewicht hat.

    Weiß jemand, ob Dipylonschild und Aspis über längere Zeit nebeneinander existiert haben? Im Hellenismus scheint er jedenfalls nicht mehr verwendet worden zu sein.

    Grüße,
    Cato
     
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  16. Das bestätigt meine Vermutung: Ich vermute, dass dieses Schild das Bindeglied in der Evolution der griechischen Schildformen ist, weg vom 8-förmigen Schild, hin zum Aspis, da sich langsam auch die Taktiken änderten.
     
  17. Zananga

    Zananga Aktives Mitglied

    Meiner Meinung nach war das Dipylonschild nur zur Archaischen Zeit in gebrauch, korrigiere mich wen ich da Falsch liege. Nach der erfindung der Phalanx durch die Spartaner wurde es vom Aspis abgelöst. In der Klassischen Zeit wird das Dipylonschild nicht mehr gebraucht. Zur Hellenistischen zeit erst recht nicht mehr.
     
  18. Der Korinther

    Der Korinther Aktives Mitglied

    Etliche Forscher sind der Meinung, dass es sich beim boiotischen Schild um „a romantic archaism“ gehandelt habe. Das hängt auch damit zusammen, dass meines Wissens noch kein Exemplar eines solchen Schildes gefunden wurde.
    Die Griechen hatten jedoch einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik, was man daran sieht, dass eine Funktionsverbesserung oft auch als Waffenschmuck diente (z .B. Helmbusch). Der Umkehrschluss dass jede Verschönerung der Waffe auch eine Verbesserung der Waffe sein musste ist hier nicht zulässig. Die zumeist ziemlich kleinen Einbuchtungen, beeinträchtigten aber weder die Handhabung noch minderten sie die Schutzfunktion wesentlich.
    Aufgrund seiner häufigen Darstellung des boiotischen Schildes auf den Vasenbildern des 6. Jh., wo er neben Hoplitenschilden dargestellt wird, und seiner Verwendung als Motiv auf Münzstempeln kann man davon ausgehen, dass er auch tatsächlich in Gebrauch war.
    Der Bezeichnung „boiotischer Schild“ ist auch nicht antik. Er hat sich in der Forschung wegen seiner häufigen Darstellung auf boiotischen Münzen eingebürgert.

    coin.jpg

    Im Übrigen legen zwischen der Verwendung des boiotischen Schildes und des Dipylonschildes ca. 2 Jahrhunderte und sie unterscheiden sich wesentlich im Aufbau und der Tragweise. Der boiotische Schild hatte einen Holzkorpus und zumindest einen verstärkten Rand wenn er nicht sogar komplett mit Bronzeblech überzogen war. Gehalten wurde er mittels porpax und antilabe. Er ist also wie ein Hoplitenschild aufgebaut und wird auch genauso gehandhabt.
    Der aus dem 8. Jh. stammende Dipylonschild bestand wahrscheinlich aus einem mit Leder überzogenem Weidengeflecht. Die Wölbung des Schildes war auch nicht so stark wie bei den späteren Ho0plitenschilden. Das Tragsystem bestand aus einem Griff und einem Trageriemen (tellamon) der in der Regel um die linke Schulter des Trägers ging. Das hatte den Vorteil, dass man den Schild auf der Flucht auf den Rücken werfen konnte (Schutzwirkung) und ihn nicht wegwerfen musste wie die späteren Hopliten.
    Die beiden Einbuchtungen des Dipylonschildes könnten dazu gedient haben einen zweiten bzw. dritten Speer zu tragen der dabei an den Seiten herausragte. Bei den beiden mitgeführten Speeren könnte es sich um Ersatzspeere bzw. Wurfspeere gehandelt haben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. August 2009
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  19. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    Wie kann ich mir das vorstellen? Wozu braucht ein am Schild klemmender Speer (darauf läuft es doch grob hinaus) diese Eibuchtungen?
     
  20. Der Korinther

    Der Korinther Aktives Mitglied

    Der Schild wurde wahrscheinlich durch ein sich in der Mitte kreuzendes Strebenpaar stabilisiert, das gleichzeitig als Griff diente oder an dem ein Griff befestigt war. Der Schild war leicht gewölbt und die Einbuchtungen ermöglichten es gleichzeitig den Schild und die mitgeführten Speere zu halten. Ohne die Einbuchtungen hätte man einen zu großen Abstand zwischen Speeren und Schildgriff gehabt, welcher nicht mit einer Hand zu übergreifen war.
    Die Speere wurden also nicht am Schild festgeklemmt sondern gleichzeitig mit ihm festgehalten.
     

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