Boxeraufstand in China: ein Völkermord Kaiser Wilhelm II.?

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von meisterwinter, 23. Februar 2006.

  1. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    Kommt darauf gegen wen sich das Erschießen gerichtet hat, die Boxer waren sicher keine regulären Soldaten im Sinne der Haager Landkriegsordnung.
     
  2. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Wilhelm II. war, meiner Meinung nach, im Grunde ein unsicherer Mensch, der das durch übermäßig forsches Auftreten zu kaschieren versuchte. Eine Fülle undiplomatischer Äußerungen, seine berüchtigten Randglossen mit denen er diplomatische Berichte versah und zahlreiche martialische Sprüche legen dafür Beispiel ab. In eine ganz ähnliche Kerbe wie bei der Hunnenrede schlug er bei einer Ansprache vor Soldaten, denen er sagte, sie müssten notfalls auf Befehl selbst auf Angehörige schießen, wenn es erforderlich sei. Ludwig Quidde, der Historiker fand heraus, dass er noch als Kronprinz signierte Fotografien mit dem Wahlspruch Caligulas "Oderint dum metuant (sollen sie (mich) doch hassen, solange sie mich fürchten). Nach den Erfolgen im 1. Weltkrieg gegen die Armee des Zaren schlug er vor, gefangene Russen auf die Nehrung zu treiben und verhungern zu lassen. "Majestät, das wäre ein Kriegsverbrechen", entgegnete ihm Falkenhayn. Wenn er tatsächlich gemeint hätte, "Pardon wird euch nicht gegeben", warum hätten dann wie er sagte, die Chinesen es noch in 100 Jahren nicht wagen sollen, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.

    Allerdings hatte er auch sensible Seiten, und zumindest war er letztlich dann doch weit entfernt, solche Sprüche tatsächlich in die Tat umzusetzen. Das Vorgehen der Deutschen gegen Boxer unterschied sich nicht von dem anderer Großmächte. Japanische Soldaten posierten vor der Kamera mit enthaupteten Chinesen. Der Vergleich mit heutigen "Antiterrormaßnahmen" ist durchaus zutreffend, allerdings entlarvt er eher dessen Widersinnigkeit und Scheinheiligkeit. Sprengstoffgürtel sind nicht mehr oder weniger Terrorakte, als Flächenbombardements.

    Die Ermordung von Kettelers und der Angriff auf Gesandtschaften war sicher ein Verstoß gegen Völkerrecht, Gesandte sind seit der Antike geschützt, aber es stellt sich die Frage, was die Europäer überhaupt in China zu suchen hatten, und die "Zeit der ungleichen Verträge" die imperialistische Durchdringung Chinas und die "Strafexpeditionen" der Europäer verstießen Vergewaltigung einer uralten Kulturnation musste zu Widerstand führen, der legitim war, auch wenn die Methoden
     
  3. KW1859

    KW1859 Neues Mitglied

    Um noch einmal auf die Entstehung der Hunnenrede, wie sie heute überliefert ist zurückzukommen. Die Rede wurde in der heutigen Form damals nur in einer einzigen Zeitung abgedruckt. Alle anderen beinhalteten eine anderer Version. Um dem Argument vorzubeugen : Der Reichskanzler bat zwar die anwesenden Presseleute, die zuvor schon zu Protokoll gegebende Rede abzudrucken, da der Kaiser vom Manuskript abwich. Hier ging es vor allem aber um den Begriff oder besser gesagt den Teil mit den Hunnen, nicht um den Teil mit dem Pardon wird ( euch ) nicht gegeben. Doch zurück zu der Rede wie wir sie heute kennen. Aufgezeichnet wurde sie von einem Journalisten, der sich heimlich auf ein nahegelegenes Dach gesetzt hatte. Da der Kaiser vom Manuskript abwich, ist diese Aufzeichnung die einzige Quelle, die wir heute zu dieser Rede haben. Nun gilt es die Glaubwürdigkeit dieser Quelle zu prüfen. Laut den Aufzeichnungen dieses Journalistens, habe der Kaiser die Rede mit " Still gestanden!" begonnen. Schon an dieser Kleinigkeit lässt sich mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, dass die Quelle nicht glaubwürdig ist. Denn der Kaiser hat nie, sofern er nicht bei einem Manöver oder ähnlichem war, seine Reden, auch nicht vor Soldaten, mit " Still gestanden!" begonnen. Schon dieser Punkt lässt vermuten, dass dem Journalisten noch andere, beabsichtigte oder versehentliche, Fehler unterlaufen sind.
    Politisch spielte die erwähnte Rede erst im ersten Weltkrieg eine Rolle, und die Erwähnung im Parlament war nicht so bedeutend, dass der Kaiser dazu hätte etwas sagen müssen.
    Doch noch einmal zu dem " Pardon wird ( euch ) nicht gegeben" Ob das Wort euch nun in der vom Manuskript abweichenden Rede erwähnt wurde, oder ob es aufgrund des Zusammenhanges nicht notwendig war, kann nicht mit absolouter Sicherheit gesagt werden. Doch die Indizien dafür sind erdrückend. Waren die chinesischen Aufständischen doch für ihre Brutale Kampfweise bekannt. Es ist überliefert, dass sie ihre Feinde oftmals nicht am Leben ließen, sondern ermordeten. Allein 30.000 Christen ( Siedler, Missionare usw.) wurden von ihnen im Rahmen der Aufstände ermordet. Im Rahmen dessen wird vielleicht auch die Rede von der " gelben Gefahr" verständlicher, auch wenn die Ausdrucksweise uns heute fremd erscheint. Zudem wies er in anderen Reden bezüglich des Boxeraufstandes seine Soldaten daraufhin, sich ehrenvoll zu Verhalten und Zivilisten zu schonen.
    Historiker wie Eckehard Korthals und Jan von Flocken leisteten bei der Aufarbeitung dieses Sachverhaltes meines Erachtens nach meiserhafte Arbeit.
    Zu Schluss noch eine persönliche Meinung, Wikipedia als neutrale und seriöse Geschichtsquelle zu nennen, nach dem Motto, Wikipedia hat immer recht, halte ich in diesem Rahmen für unangebracht.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Januar 2016
  4. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Das stimmt so nicht. Es waren gleich mehrere Lokale Zeitungen (z.B. die Nordwestdeutsche Zeitung aus Bremen,das Hamburger Fremdenverkehrsblatt, die Weserzeitung und das Wilhelmhavener Tageblatt) die die die Rede im Originalwortlaut mit geringen Abweichungen voneinander veröffentlichten.
    Ausserdem war es nicht ein Journalist der "heimlich" auf einem nahen Dach saß, sondern auf einem Foto des Ereignisses (s.u.) kann man sehen, dass auf einem Dach direkt gegenüber des Kaisers, ein ganzer Pulk an Journalisten saß die Mitschrieben.
    Der amtliche Text wurde erst im Nachhinein aus Berlin verteilt und dann auch noch in drei verschiedenen Fassungen, zwei kürzeren und dann einer längeren die der ursprünglichen auch näher kam. Die von der Presse veröffentlichten sind da schon plausibler und schlüssiger.

    Die Rede wurde auch in diesem Sinne von den verabschiedeten Soldaten verstanden und in Briefen zitiert, und es wurd eim Nachhinein im Reichstag besprochen, im Zusammenhang mit der Diskusion über das im Auge einiger Abgeordneten rechtswidrige Verhaltens deutscher Truppen in China und der Erschiessung Gefangener.

    Das Ganze wurde 1976 von Bernd Sösemann in der Abhandlung "Die sog. Hunnenrede Wilhelms II, textkritische und interpretatorische Bemerkungen zur Ansprache des Kaisers vom 27. Juli 1900 in Bremerhaven" veröffentlicht in "Historische Zeitschrift, Band 222" detailliert untersucht.
     

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    Zuletzt bearbeitet: 17. Januar 2016
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  5. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    Was einem so in schlaflosen Nächten mal wieder an - äh: Zumutungen präsentiert wird....

    Korthals deckt längst der grüne Rasen; da kann man ohnehin nicht vom neuesten Forschungsstand ausgehen.

    Dies ist allerdings - wenngleich aus anderen Gründen - auch bei Herrn von Flocken nicht gegeben...

    JvF publiziert seit 2000 offenbar nur noch im Kai-Homilius-Verlag, der auch Elsässers Compact herausgibt.
    https://www.psiram.com/ge/index.php/Kai_Homilius_Verlag
    Vorher erschien er bei Ullstein, Neues Leben, Aufbau; es scheint aber zwischen der letzten Veröffentlichung bei Aufbau und der ersten bei KH eine jahrelange Lücke entstanden zu sein (1994 - 2000). Wissenschaftliche Veröffentlichungen von JvF scheint es dagegen nicht zu geben. Das braucht man schon nicht mehr kommentieren.

    Zwar schrieb er auch für den Focus und die Welt, war aber auch bei der Jungen Freiheit als Autor.

    Weitere Medien und Personen, mit denen JvF kooperiert bzw denen er Interviews gibt:
    - Quer-Denken TV ( https://www.psiram.com/ge/index.php/Quer-Denken.TV )

    - Nuoviso ( https://www.psiram.com/ge/index.php/Nuoviso )

    - JvF wird beim Compact-Magazin von Jürgen Elsässer positiv besprochen ( https://www.psiram.com/ge/index.php/Compact_Magazin )
    https://de.wikipedia.org/wiki/Querfront

    - JvF läßt sich von Michael Vogt interviewen
    https://www.psiram.com/ge/index.php/Michael_Vogt
    https://www.psiram.com/ge/index.php/Secret-TV
    (M Vogt: war auch Mitarbeiter bei secret tv (verschwörungstheoretisch, rechtsesoterisch), das zeitweilig von Jan Udo Holey (alias Jan van Helsing) betrieben wurde.)

    - JvF wird bei Finanzcrash positiv besprochen
    (bietet die ganze Palette an Verdummung bezügl Finanzcrash & Dummenfang Goldverkauf, antisemitisch, verschöwrungstheoretisch, Querfront, Pseudowissenschaften, Pseudomedizin, Chronologie“kritik“ bis hin zum Propagieren von handfesten Rechtsträgern – aus den Buchempfehlungen: Schrenck-Notzing, Nordbruch, Engdahl, Reisegger, Schultze-Rhonhoff, Ulfkotte, Spengler, Zillmer, Christa Meves, Armin Risi, Ken Wilber, Luc Bürgin ... )

    - JvF wird bei Netzwerk Volksentscheid positiv besprochen ( https://www.psiram.com/ge/index.php/Klaus_Lohfing-Blanke )

    - JvF wird von der eigentümlich frei interviewt (Querfront)

    Auftritt als Referent bei „Berliner Kolleg“ des Instituts für Staatspolitik in 2013 (laut Deutschlandfunk die „Denkfabrik der Neuen Rechten“).
    https://de.wikipedia.org/wiki/Institut_für_Staatspolitik

    und wenn wir schon gerade in der Ecke sind:
    - JvF wird auch bei politically incorrect positiv besprochen.

    Also handelt es sich offenbar bei Herrn von Flocken mal wieder um jemand, der seinen persönlichen Durchmarsch nach rechts angetreten bzw absolviert hat. Bei soviel Lob aus dem braunen Sumpf liegt auf der Hand, daß der Herr mitsamt seinen Erkenntnissen und Veröffentlichungen wissenschaftlich nicht (mehr) satisfaktionsfähig ist.

    Also bitte, präsentiere uns hier doch keinen Kronzeugen, der sich mit jedem rechtsgedrehten Schwafelkönig ins Bett legt und aus der braunen Pupsmulde von allen Seiten mit erfreuten Salutschüssen bedacht wird.


    Wikipedia ist allerdings keine Geschichtsquelle und will dies auch gar nicht sein. Vielleicht informierst du dich einmal darüber, was eine Quelle ist.
     
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  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    @Ingeborg: Danke für das Kommentieren dieser "Historiker".

    Wer einen aktuellen Artikel lesen möchte, der ist mit folgenden Artikel wohl gut bedient. So weit ich das erkennen kann, fasst er den aktuellen Erkenntnisstand zu den Ursprüngen und dem Verlauf integrierend zusammen.

    http://www.massviolence.org/IMG/pdf/AN_China-The_Boxer_War.pdf

    Er bezieht sich auch auf Esherick, der wohl das derzeitige "Grundlagenwerk" dazu geschrieben hat.

    https://books.google.de/books?id=jVESdBSMasMC&printsec=frontcover&dq=boxer+rebellion&hl=de&sa=X&redir_esc=y#v=onepage&q=boxer%20rebellion&f=false

    Und damit war der Staatsfeind Nr. 1 gemeint, die Sozialdemokratie bzw. die deutschen Arbeiter, die die Sozialdemokratie gewählt hatten.

    Ähnliche Reden hatte er, nebenbei bei anderen Gelegenheiten gehalten, die im Ton ähnlich gelagert waren. Allerdings voll und ganz den rassistischen Zeitgeist - "The white mens burden" (vgl. Kipling) - in den imperialistischen Mächten widerspiegelte, wie Silbey mit Blick vor allem auf GB und den kolonialen Kriegen vor allem in Indien zu Recht feststellt.

    https://de.wikipedia.org/wiki/The_White_Man%E2%80%99s_Burden

    https://books.google.de/books?id=mF1m1P6BKAYC&printsec=frontcover&dq=boxer+uprising+and+the+great+game&hl=de&sa=X&redir_esc=y#v=onepage&q=boxer%20uprising%20and%20the%20great%20game&f=false

    Und noch kurz zu der Rede selber, die B.v. Bülow immerhin als die "schlimmst Rede" von KW II in seiner Amtszeit, weil außen- wie innenpolitisch fatalste, bezeichnet hatte. Zu der verheerenden Binnen- und Außenwirkung der Rede und der folgenden katastrophalen "Fernostpolitik" von KW II - am AA vorbei - mag man wahlweise Röhl (Wilhelm II. Der Weg in den Abrund) oder Winzen (Reichskanzler Bernhard von Bülow) konsultieren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Januar 2016
  7. KW1859

    KW1859 Neues Mitglied


    Der Versuch, Jan von Flocken durch die Nennung vermeidlicher rechtsexstremer Personen, Zeitschriften und Internetseiten generell als unglaubwürdig darzustellen kann ich so nicht stehen lassen. Keine der Personen, Zeitschriften und Internetseiten mit denen er kooperiert, bekennt sich offen zum Rassismus oder zum Nationalsozialismus. Was andere über eine Person sagen, liegte bekanntlich nicht in deren Macht. Zudem sollten bei einem guten Historiker seine politischen Überzeugungen hinten anstehen, wenn es um die Darlegung der Historie geht. Bei Flockes Ausführungen über die Hunnenrede ist davon auch nichts zu merken.
    Man kann seine politische Überzeugung nicht teilen, ja, aber aufgrund dessen zu sagen, er könne generell nicht ernst genommen werden, ohne weiter auf die Thematik einzugehen, ist nicht in Ordnung.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Lass dir den Satz und seine Logik mal selbst auf der Zunge zergehen...
     
  9. KW1859

    KW1859 Neues Mitglied

    Die materialistische Redeweise des Kaisers ist hinlänglich bekannt. Seine Reden passten sich jedoch erstens, nur dem Zeitgeist an, und zweitens, folgten seinen harten Ansprachen niemals Taten. Es ist niemals zur Erschießung von Sozialdemokraten gekommen, wie weiter oben angeführt wird. Und folglich ist es auch zu keinen Gewaltausbrüchen deutscher Soldaten während des Boxeraufstandes gekommen. Die deutschen Soldaten taten sich hier vor allem durch schnelle Aufbaumaßnahmen nach Beendigung der Aufstände hervor. Es ist also nicht schlüssig, aus der harten Ausdrucksweise des Kaisers, die er in manchen Situationen an den Tag legte, denen aber niemals Taten folgten, zu schließen, er habe seine Soldaten wirklich aufgefordert " kein Pardon" zu geben. Eine Klärung dieses Sachverhalts ist wohl heute nicht mehr möglich. Wir solten es daher vermeiden die Hunnenrede, wie wir sie zu kennen glauben, als unumstößliche Wahrheit anzusehen. Denn, wenn die Soldaten, die die Rede mit angehört hatten, sie als Freibrief fürs Morden angesehen haben, wie ebenfalls weiter oben erwähnt wird, wieso verhielten sie sich dann nicht auch so ?
     
  10. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Was ist das für eine verquere Logik?

    Es gab vor 1918 keine Situation in der es dazu kommen konnte, dass deutsche Soldaten auf deutsche Sozialdemokraten feuerten (danach sehr wohl und sie taten es auch). Sie wurden jedoch 1900 in eine Situation gesetzt in der sie Erschiessungen an wehrlosen Chinesen durchführen sollten und das taten sie da sie ja von ihrem obersten Kiregsherrn dazu ermutigt wurden. Das wurde im Reichstag debatiert, wurde von Teilnehmern an der Expedition festgehalten und auch von den Mitgliedern anderer Expeditionskorps festgehalten.

    Wie bitte???

    Dazu hätte ich doch gerne eine Quelle. Meines Wissens taten sie sich nämlich durch blutige Strafexpeditionen im Pekinger Umland hervor.


    Dass Du es nicht wahrnehmen willst, dass dieses geschah, heisst nicht, dass es nicht passiert sei.

    Aus einer Diskussion im Reichstag am 20. November 1900. Die Rede des Abgeordneten Eugen Richter:

    "Nun komme ich zur Aeußerung: „Pardon wird nicht gegeben! benehmt Euch so, daß auf tausend Jahre die Chinesen es nicht wagen, einen Deutschen auch nur von der Seite scheel anzusehen.“ Ja, wenn das Letztere wörtlich zu nehmen ist, so müßte jeder Handel mit China künftig aufhören; denn ein Chinese, der es nicht wagt, die Deutschen von der Seite auch nur scheel anzusehen, kann doch auch nicht grade große Lust haben, ein Handelsgeschäft mit ihnen anzuknüpfen. Nun soll aber doch die Förderung des Handels ein Hauptzweck der jetzigen Unternehmung sein. Die Frage, ob dieses Wort „Pardon wird nicht gegeben“ anzusehen ist als ein Befehl des obersten Kriegsherrn für die Truppen, ist gestern aufgeworfen worden; sie ist aber von dem Herrn Kriegsminister nicht gelöst, sie ist meiner Ansicht nach umgangen worden.

    (Sehr richtig! links.)

    Es ist aber mit Recht bemerkt worden, die Soldatenbriefe und alle die Vorgänge würden nicht die Aufmerksamkeit erregen, wenn man nicht dazu veranlaßt worden wäre, zu untersuchen, wie weit jene Vorgänge eine Folge jener Parole sind.

    (Sehr richtig! links.)

    Der Herr Kriegsminister wäre nun in der Lage gewesen, mit einem Schlage zu widerlegen, daß eine solche Parole „Pardon wird nicht gegeben“ nicht besteht, wenn er uns chinesische Kriegsgefangene nachweisen könnte.

    (Sehr richtig! links. Heiterkeit.)

    Unzweifelhaft sind doch viele Chinesen gefangen worden; denn bei der geringen Widerstandskraft der chinesischen Truppen ist das anzunehmen; man hat aber bisher nichts gehört, daß chinesische Gefangene irgend wohin in Gewahrsam gebracht worden sind.

    Dann ist von den Soldatenbriefen gesprochen worden. Man hat es so dargestellt, als ob das bestellte Arbeit der Sozialdemokraten sei. Meine Herren, haben Sie denn bloß den Vorwärts gelesen? Nein, Sie finden solche Briefe in allen Blättern, nationalliberalen Blättern, freisinnigen, konservativen, amtlichen Kreisblättern, ganz unparteiischen Blättern — ich könnte Ihnen eine ganze Anzahl nennen. Es geht daraus hervor — und alle stimmen in der hauptsächlichen Ausführung überein —, daß thatsächlich in der Hauptsache solche Dinge vorgekommen sind, wie hier behauptet werden. Es ist gesagt worden: Renommisterei! Herr v. Levetzow sagt: ich habe auch einen Krieg erlebt, und da mögen die Soldaten ähnlich geprahlt haben. Das kommt vor. Aber in früheren Kriegen ist es, glaube ich, nicht vorgekommen, daß der oberste Kriegsherr vorher gesagt hat: Pardon wird nicht gegeben.

    (Sehr richtig! links.)

    Das ist der Grund, warum wir den Dingen jetzt viel mehr nachgehen müssen als früher. Der Herr Kriegsminister giebt zu, einzelne Grausamkeiten könnten vorgekommen sein, diese würden dann streng bestraft. Herr v. Levetzow meint auch, das sei unvermeidlich, daß hier und da Exzesse stattfinden. Gewiß, das ist unvermeidlich; aber darum handelt es sich gar nicht. Es handelt sich nicht um den Exzeß eines einzelnen Soldaten, es handelt sich um die Befehle der Oberen, die wehrlosen Chinesen zu 60, 70, 100, 150 Mann einige Stunden nach beendigtem Gefecht an die Mauer zu stellen und niederschießen oder mit dem Bajonnett erstechen zu lassen.

    (Hört! hört! links.)

    Das ist ein übereinstimmender Thatbestand, der von den verschiedensten Orten in diesen Soldatenbriefen gemeldet wird. Meine Herren, es ist nicht der miles gloriosus, der so schreibt. Wenn man diese Briefe ansieht, findet man umgekehrt, daß die Leute damit gar nicht prahlen

    (sehr richtig!)

    sondern Abscheu, Ekel, zum mindesten Mitleid darüber zum Ausdruck bringen

    (sehr gut! links),

    daß sie zu solchen Exekutionen kommandirt werden, und je eher je lieber wünschen, wie es in einem Briefe heißt, „daß dieses Schlachten ein Ende haben möchte“. Es handelt sich also gar nicht darum, hier eine Sentimentalität zum Ausdruck zu bringen, ein besonderes Zartgefühl; nein, es handelt sich um die einfache Frage, solche Massenexekutionen gegen Wehrlose zu vermeiden.

    Nun hat der Heer Kriegsminister verschiedene Bestimmungen des Militärstrafgesetzbuches und des Einführungsgesetzes dazu angeführt. Gewiß, niemand von uns leugnet, daß, wenn ein Gegner in bürgerlicher Kleidung ohne irgend ein militärisches Abzeichen umhergeht und plötzlich heimtückisch als Soldat auftritt mit Waffengewalt, dies eine verrätherische Handlung ist, und zu allen Zeiten hat man sich dagegen standrechtlich gewehrt. Dagegen können wir nicht sprechen. Aber wir haben den Eindruck, daß das, was jetzt in China geschieht, weit darüber hinausgeht

    (sehr richtig!),

    und daß eben diese Massenexekutionen eine Folge sind der Parole, daß Pardon nicht gegeben wird. Nun hat der Herr Kriegsminister der Sache einen welthistorischen Hintergrund gegeben

    (Heiterkeit links),

    der eigentlich alle Vorwürfe erst recht bestätigt, die hier gemacht worden sind. Er hat dieses Niederschießen nicht zurückgeführt auf einzelne Paragraphen des Militärstrafgesetzbuches, sondern er hat gesagt: „Das ist die Vergeltung der Weltgeschichte!

    (Heiterkeit.)

    Die Mongolen haben vor 1 1/2-Tausend Jahren so gegen uns gehaust, — jetzt kommen wir und vergelten das in Ostasien“. "

    Eugen-Richter-Archiv - Reden
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Januar 2016
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  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Materialistisch oder martialisch?

    Also war er eine Witzfigur? Ist es das, was du uns sagen möchtest?

    Bdaian muss ich nicht paraphrasieren.

    Wenn man den Satz "Pardon wird nicht gegeben" entkontextualisiert und ein "euch" hineinemendiert, dann kann man Geschichtsklitterung treiben. Wenn man aber den Kontext belässt, dann lässt sich auch kein von einem "einzelnen" und "versteckten" Journalisten überhörtes "euch" mehr rechtfertigen.
     
  12. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    In gewisser Weise schon.

    In der Reichstagssitzung vom 20. November 1900 stellte der Abgeordnete Eugen Richter die Sachlage folgendermaßen dar:

    "Und in der That, wir haben ja auch gestern gesehen, daß der Herr Kriegsminister die sogenannte Hunnenrede zu verantworten übernommen hat, so schwer ihm auch die Aufgabe gefallen ist.
    Aber in welche Lage kommen solche Minister damit? Ich hätte wohl neben dem Herrn Staatssekretär Grafen Bülow stehen mögen, als die Rede in Bremerhaven gehalten wurde, in der die Hunnen vorkamen und das Nicht-Pardon-geben; welche Mienen, welche Gesichtsfarbe man dort bei ihm wohl bemerkt haben wird. Der Herr Minister hat ganz deutlich gefühlt, daß er diese Rede eigentlich nicht verantworten kann.
    Was hat nun der Herr Minister vorgenommen? Er hat sie zu vertuschen gesucht; er hat zuerst den Abschnitt über die Hunnen der Oeffentlichkeit vorzuenthalten gesucht. Es ist nicht möglich gewesen; denn die Redakteure der Bremerhavener Blätter sind fixer gewesen als er.
    Der Hunnenabschnitt ist doch in die Oeffentlichkeit gekommen. Der erste Abschnitt, daß kein Pardon gegeben werden sollte, ist durch das Wolff’sche Telegraphenbüreau alsbald verbreitet worden. Dann aber hat man erkannt, daß das auch eigentlich nicht zu verantworten wäre, und so ist noch in der Nacht eine zweite Ausgabe durch das Wolff’sche Büreau an die Zeitungen gegangen, indem man versucht hat, auch den ersten Abschnitt, daß kein Pardon gegeben werde, zu unterdrücken.
    In eine solche schiefe Lage kommt ein verantwortlicher Minister durch solche Reden, wenn man sich nicht vorher seitens des Monarchen über Inhalt und Form verständigt hat. Was nun die Ankündigung, dieser Feldzug müsse ein Feldzug der Rache sein, betrifft, so ist meines Erachtens das Nöthige darüber gestern gesagt worden, daß diese Aeußerung christlicher Anschauung nicht entspricht. "


    Falls diese Darstellung nicht der Wahrheit entsprochen hätte, hätte sie durch den Ohrenzeugen Graf Bernhard von Bülow (inzwischen Reichskanzler) dementiert werden müssen.

    Das tat Bülows mitnichten. Seine Antwort lautete:


    "Die Rede Seiner Majestät in Bremerhaven ist gehalten worden in einem Augenblick, wo allgemein angenommen wurde und angenommen werden mußte, daß alle in Peking eingeschlossenen Europäer eines martervollen Todes gestorben wären. Es war nach meiner Auffassung ganz in der Ordnung, daß Seine Majestät der Kaiser zu den ausrückenden Soldaten in diesem Augenblick als Soldat gesprochen hat und nicht als Diplomat. Daß die Diplomatie dabei nicht zu kurz kommt, dafür lassen Sie mich sorgen!

    Die Hauptsache war, daß unsere Leute wußten, mit wem sie es zu thun haben würden und gegen wen sie geschickt wurden; denn das gestehe ich, daß mir der kleine Finger eines braven deutschen Soldaten mehr werth ist als das ganze Mordsgesindel der Boxer."

    EDIT
    http://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt_k10_bsb00002790_00071.html
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Januar 2016
  13. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Was Kriegsminister Heinrich von Goßler betrifft: Auch er bemühte sich nicht einmal, die Passage mit den "Hunnen" abzustreiten. Im Gegenteil, er versuchte sogar, sie rechtfertigen:

    Im "Vorwärts" spielen die "Hunnenbriefe" jetzt fast täglich eine große Rolle, und der Ausdruck "Hunnen" ist auf eine Rede Seiner Majestät in Bremerhaven zurückgeführt worden. Ja, wenn man diese Kritiken liest, dann kann man doch nur sagen: das ist eine rein äußerliche Betrachtung der Weltgeschichte.
    ...
    Ich meine aber, man muß die Weltgeschichte im ganzen betrachten. Der Vorgang, daß vor anderthalb Jahrtausenden die Mongolen, die Ostasiaten in Europa einfielen und ganze Reiche über den Haufen warfen, bis sie schließlich durch den Rest der europäischen Völker geschlagen wurden und Europa räumten, ist doch von größtem Interesse. Jahrhunderte lang haben wir unter diesem furchtbaren Einfall gelitten. Jetzt nach anderthalb Jahrtausenden - die Vergeltung der Weltgeschichte schreitet sonst schneller - vereinigen sich endlich die Völker Europas nicht um den Hunnen nachzuahmen, sondern um Recht und Gesetz in Ostasien wieder aufzurichten.


    Verhandlungen des Deutschen Reichstags

    Das Vorgehen der Europäer in China könne man also in welthistorischer Perspektive als "Vergeltung" für den Hunneneinfall betrachten.
     
  14. KW1859

    KW1859 Neues Mitglied

    Inhalt der Soldatenbriefe

    Im Rahmen dieser Diskussion, werden oft Soldatenbriefe, verfasst von Angehörigen der deutschen Truppen, als Beweis für verbrecherisches Verhalten der Selbigen angeführt. Selbst im Reichstag wurden sie erwähnt. Doch was besagen diese Briefe? Wenn von Erschießungen die Rede ist, dann handelt es sich um die gezielte, koordinierte Vollstreckung der Todesstrafe an überführten Mördern. Es kam zu KEINEN Willkürakten gegenüber Zivilisten oder bewaffneten Personen, die sich NICHT des Mordes schuldig gemacht hatten. Die Vollstreckung der Todesstrafe gegenüber Mördern, ist KEIN Verbrechen. Von Seiten der chinesischen Bevölkerung ist es, laut einem dieser Briefe, sogar dazu gekommen, dass man die deutschen Truppen gezielt um Hilfe gegen die Boxer gebeten hatte, da diese sich immer brutaler verhielten und immer bestialischer mordeten.
    Zu den vollstreckten Todesstrafen sei noch hinzugefügt, dass die Befehle dazu, auch hier dient ein Brief als Quelle, von den Befehlshabern der Truppe eigenmächtig gegeben worden sind, und nicht auf speziellen Befehl seitens der Reichsregierung hin.
    Der Vorwurf, deutsche Soldaten hätten in China wahllos gemordet, lässt sich NICHT aufrecht erhalten. Die überlieferten Todesurteile gegenüber überführten Mördern, erfüllen den Vorwurf des Verbrechens nicht.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Januar 2016
  15. Xander

    Xander Aktives Mitglied

    Überführte Mörder? Gibt es Prozessakten? Oder handelte es sich nicht vielmehr um Akte kurzer Prozesse? :grübel:

    Wieviele unschuldige Zivilisten wurden in Russland erschossen, weil sie angeblich "überführte Freischärler" waren!
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Januar 2016
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  16. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Ja, was besagt z. B. dieses Zitat?

    "Alles, was uns in den Weg kam, ob Mann, Frau oder Kind, alles wurde abgeschlachtet. Nun, wie da die Weiber schrieen! Aber des Kaisers Befehl lautet: keinen Pardon geben! -; und wir haben Treue und Gehorsam geschworen und das halten wir auch."
     
    hatl gefällt das.
  17. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Da gab es keine Gerichtsverhandlungen. Spontane Erschießungen waren "gedeckt" durch eine Kaiserliche Verordnung über das außerordentliche Verfahren gegen Ausländer und die Ausübung der Strafgerichtsbarkeit gegen Kriegsgefangene vom 28. Dezember 1899.
    Durch diese wurde die Haager Landkriegsordnung unterlaufen:

    Andreas Toppe, Militär und Kriegsvölkerrecht


    Die Bestimmung im § 18 (die Kriegsminister von Goßler ausdrücklich zur Rechtfertigung heranzog) lautete:

    "Durch vorstehende Bestimmung wird die Befugniß der kommandirenden Offiziere nicht ausgeschlossen, Ausländer, die im Kriege verrätherischer Handlungen gegen die Deutschen oder Verbündeten sich schuldig machen, wenn sie auf frischer That betroffen werden, ohne vorhergegangenes gerichtliches Verfahren nach dem bisherigen Kriegsgebrauche zu behandeln."



     
  18. KW1859

    KW1859 Neues Mitglied

     
  19. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    Also mit den Genfer Konventionen hat das aber nix zu tun, zu der Zeit gabs erst eine und die betraf verwundete reguläre Soldaten, was die Boxer nicht waren.
     
  20. KW1859

    KW1859 Neues Mitglied

    Überführte Mörder? Gibt es Prozessakten? Oder handelte es sich nicht vielmehr um Akte kurzer Prozesse? :grübel:

    Wieviele unschuldige Zivilisten wurden in Russland erschossen, weil sie angeblich "überführte Freischärler" waren ?

    Es gibt natürlich keine Prozessakten, in dieser kriegerischen Auseinandersetzung fehlte dafür die Zeit. Sollten dabei einzelne unschuldige zu Opfern geworden sein, so war dies nicht das Ziel, und lag schon gar nicht im Interesse der Truppen. Laut geltenden Recht brauchte es auch keinen langen Prozesse zu geben, ein rechtswiedriges Handeln liegt also bei den Hinrichtungen der Mörder nicht vor. Die Haager Landkriegsordnung braucht auch nicht umgangen werden, weil diese in China damals nicht galt.
    Der Vergleich mit Russland hinkt, wurden dort doch die geltenden Bestimmungen von Anfang an nur als Vorwand genommen, um so viele Menschen wie möglich zu töten. Das gilt für den Boxeraufstand nicht.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Januar 2016

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