Burgen in Skandinavien

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von Wulfryc, 26. April 2014.

  1. Wulfryc

    Wulfryc Neues Mitglied

    Guten Tag,
    mich würde Interessieren warum es in Skandinavien, speziell in Norwegen und Schweden relativ wenige Burgen und andere Verteidigungsanlagen des Hoch- bzw. Spätmittelalters gab oder gibt. In Relation zu einem relativ "burgreichem" Land wie jetzt z.B. Deutschland oder auch Wales.

    Liegt dies einfach daran das gerade die skandinavischen Länder (besonders vielleicht Schweden) sehr stark bewaldet sind und daher Holz häufiger oder üblicher war als Steine, die man ja benötigt um eine mehr oder weniger klassische "Ritterburg" zu bauen. Oder gibt es hierfür andere Gründe ?

    Ich hoffe ich konnte meine Fragestellung einigermaßen präzisieren :).
     
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  2. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    es lag wohl auch an der Gesellschaftsstruktur
    Die Jarls , der Lokaladel bewohnten eher große Höfe und hatten wohl mehr die Rolle des primus inter pares in der ländlichen Gesellschaft als die des üer allem stehenden Feudalherrn inne.So gab es nur wenige große Feudalherren,wie den Bischof von Trondheim mit entsprechenden abgegrenzten Terreritorien
    und kdamit wenig Bedarf und Gelegenheit zum FestungsBau.
     
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  3. Wulfryc

    Wulfryc Neues Mitglied

    Ja das ergibt durchaus Sinn, wenn man es mit anderen Gebieten Europas vergleicht in denen die Feudalherrschaft vertreten war, vergleicht.
    Vielen Dank für die Antwort. :winke:

    Allerdings stellt sich für mich nun die Frage, dass es bei Streitigkeiten oder drohenden militärischen Aktionen (wie sie sicherlich auch bei den Jarls auftraten), wohl ziemlich schwierig war diese Höfe richtig zu verteidigen, geschweige denn das diese richtigen Schutz boten oder?
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. April 2014
  4. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Was auch nicht zu vergessen ist, das ganz Skandinavien dünn besiedelt war und ist. Nur Dänemark macht da eine Ausnahme, hier aber ist zu berücksichtigen das Dänemark sehr viel Landwirtschaftliche Flächen zu bieten hat. Und durch den Sundzoll am Öresund auch eine starke Einnahmequelle hatte.

    Apvar
     
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  5. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Wenn man den richtigen Standort wæhlt, bietet das zerklueftete Gelænde in Norwegen schon guten Schutz. Ich erinnere mich an einen Bauernhof, hoch ueber einem Fjord -ich meine, es war der Geiranger Fjord. Der Zugang war nur ueber Leitern møglich, weshalb man jahrelang keine Steuern gezahlt hatte: Kam der alljæhrliche Steuerschætzer/-eintreiber, zog man einfach die Leiter hoch...

    Es finden sich uebrigens auch viele hundert "bygdeborger" (*) aus der Eisenzeit - also nicht Mittelalter - in Norwegen.
    (*) Ich fand keine deutsche Entsprechung dafuer, auf englisch uebersetzt mit "hill fort"

    Gruss, muheijo
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. Mai 2014
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Zunächst einmal ist zu bedenken, dass wir heute die Steinburgen erhalten haben, während die Holzburgen, die insbesondere in der Frühzeit die überwiegende Mehrheit der Burgen darstellten, eben nicht mehr erhalten sind.
    Die ursprüngliche Motte bestand aus einem von Holzpalisaden umgebenen Holzturm auf einem meist künstlichen Hügel. Viele der Steinburgen, die wir heute kennen, gehen auf solche Motten zurück.
    Es gibt mittlerweile in Freilichtmuseen einige rekonstruierte Holzburgen.
    Auch an Steinen für den Burgenbau hat es in Skandinavien sicherlich nicht gemangelt.
    Die dünne Besiedlung und die Randlage Skandinaviens spielen sicher auch eine Rolle, was die Menge an Befestigungsanlagen angeht. Aber auch sozialgeschichtliche Bedingungen spielen sicher eine Rolle (wobei ich mich mit skandinavischer Sozialgeschichte des Mittelalters nicht auskenne). Also die stärkere Bäuerlichkeit des skandinavischen Adels und ein deutlich schwächer ausgeprägter Feudalismus könnten ebenso Einfluss auf den Burgenbau gehabt haben, wie das Fehlen von Grenzkonflikten etc.
    Manche Burgen erkennt man gar nicht mehr als solche. Ich habe in Friesland mal im Rahmen einer Exkursion zum Friesland des 14. Jahrhunderts auf einer friesischen Häuptlingsburg gestanden, die hätte jeder Unkundige wohl für ein Megalithgrab oder einen bronzezeitlichen Grabhügel oder ähnliches gehalten, jedenfalls nicht für die Überreste einer spätmittelalterlichen Burg.
     
  7. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Nun in Norwegen kenne ich mich ja recht gut aus, und die dortigen Festungen und Burgen lassen sich wirklich an einer Hand abzählen, wobei ein Großteil auch noch aus der frühen Neuzeit stammt.
    Die größte Festungsdichte gibt es im norwegische-schwedischen Grenzgebiet im Süden
    mit dem Festungsdreieck Halden-Sarpsborg -Fredrikstadt sowie die Festungen Valdinsholmen , Kongsvinger und Elverum und ist der dänisch-schwedischen Auseinandersetzung in den Nordischen Kriegen geschuldet. (KarlXII von Schweden fiel vor der Festung Halden.)
    Im Nachlauf dazu sowie als Reaktion auf die napoleonischen Kriege sind auch die im 18.Jahrhundert angelegten Hafenbefestigungen bei Drobak,Egersund,Kristianssand und Risöer zu sehen.

    Und dann haben wir die Festung Akershus bei Oslo, Bergenshus/Sverresborg in Bergen , Festung und Bischofshof in Trondheim,die Bischofsburg in Hamar,Tunsberghus bei Tonsberg und die Grenzfestung Vardoe in Lappland , die alle mittelalterlichen Ursprungs sind.
    Hier handelt es sich (bis auf Vadsö) im wesentlichen um ehemalige Hauptstädte geistlicher Gebiete bzw. um Königsburgen.

    Mit der Christianisierung hatten wir eine Einigung Norwegens unter einer zentralen Königsmacht und darunter gab es keinen territorial selbständigen Feudaladel mehr,der sich untereinander wegen konkurrierender Herrschafsansprüche hätte bekriegen können, wie dies im HRR,Frankreich oder England der Fall war -Und vor der Christianisierung bestand der Adel im wesentlichen aus Kleinkönigen und Fjordhäuptlingen, die wirtschaftlich und von der Anzahl ihrer Gefolgsleute her und auch,weil es kein ausgeprägtes Frohnsystem gab, nicht in der Lage waren größere Burgen zu errichten und zu unterhalten.
    Das Fehlen des Frohnsystems mitteleuropäischer Prägung ist wiederum den klimatischen Verhältnissen geschuldet.
    Im Sommer wurden alle Kräfte in der Landwirtschaft gebraucht, um über den nächsten Winter zu kommen und im Winter konnte kaum gebaut werden.
    Die Lehns- und Frohnpflichten beschränkten sich daher eher auf abgaben und Heeresfolge (z.B. um Richtung Süd-Südwest auf Beutezug zu fahren ) als auf Hand-und Spanndienste, die zum errichten von Burgen nötig gewesen wären
    Hinzu kommt,wie muheijo bereis dargelegt hat,daß die Landschaft an sich bereits Festung genug war, wie die Schlacht bei Kringen zeigt,wo 1612 eine britische Streitmacht von einer lokalen norwegische Bauernmiliz vernichtet wurde.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. Mai 2014
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