Calvinismus - sein gesellschaftliches Wirken?

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Glaubensspaltung (1517 - 1648)" wurde erstellt von Gast, 1. Mai 2010.

  1. Gast

    Gast Gast

    Wie muss man das gesellschaftliche Wirken des Calvinismus charakterisieren?
    Auf der einen Seite ist die Lehre klar antiegalitär gewesen und soll daher den ideologischen Grundstock des amerikanischen Kapitalismus geprägt haben, aber dann muss man auch sehen, dass die Calvinisten in Europa überwiegend Fortschrittler waren, etwa die Hugenotten.

    Auch die Niederlande waren recht freiheitlich und calvinistisch, genauso meines Wissens die calvinistischen Katone.

    Wie ist das also zu erklären? War der Calvinismus radikal pro-bürgerlich oder nur Sammelbecken einer Protestbewegung?
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wieso siehst du hier einen Widerspruch?

    In einer historisch-materialistischen Geschichtsschreibung würde man das wohl so sehen.
    Der Calvinismus war wohl gewissermaßen radikal und, weil er auf die Leistungsbereitschaft des Einzelnen mit einer gewissermaßen frühkapitalistischen Ideologie setzte (durch Fleiß erworbener Reichtum zeigt die Gottgefälligkeit des eigenen Handelns, wer es nicht zu Reichtum bringt, kann auch nicht gottgefällig gehandelt haben) durchaus auch als "bürgerlich" zu bezeichnen. Einen Ansatz für das Etikett "Protestbewegung" ergibt das aber nicht.
     
  3. Hobsbawm

    Hobsbawm Neues Mitglied

    Der Klassiker in dieser Hinsicht ist sicherlich Max Webers "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" von 1904.

    Wobei ich aufpassen würde die calvinistischen Dogmen in eins zu setzen mit der konkreten Praxis der Menschen. Sicherlich mag es stimmen, dass der Calvinismus im Kern anti-egalitär ist, jedoch entwickelten sich ihm eine Reihe von Freikirchen und Sekten, die bestimmte Aspekte der Prädestinationslehre durchaus - auf ihre Gruppe bezogen - sehr egalitär interpretierten. Zu nennen wären hier beispielsweise Baptisten oder Herrenhuter.

    Eine klar sozial-engagierte Ausrichtung zeigt auch der Pietismus, dessen Wurzeln ebenfalls im Calvinismus zu suchen sind.
     
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  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Weiß jemand, ob im Calvinismus die Lehre von der Prädestination noch von Bedeutung ist, dass also Gott den Menschen von Geburt entweder zur Seligkeit oder zur Verdammnis bestimmt hat und Erfolg im Leben ein Beweis für Gottes Entscheidung ist?
     
  5. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Ich nehme an, dass Du inzwischen über Prädestination ? Wikipedia auf die "Leuenberger Konkordie" (1973) gestoßen bist [1]. Teil III dieses Papiers (insbes. Rz. 24-26) macht deutlich, dass die strenge P.-Lehre von den Kirche selbst nicht mehr vertreten wird.

    Ein Beispiel aus der neueren Literatur: "'Spiegel der Erwählung' sind die Verbindung mit Christus, sogar Verfolgung und Leiden; keineswegs, wie oft unterstellt wird, wirtschaftl. Erfolg" [2].

    Es gibt freilich kein "Dogma", welches die Calvinisten (und andere) insoweit binden würde, und so dürfte es weiterhin genügend (erfolgreiche) Leute geben, die der strengen P.-Lehre anhängen.


    [1] http://www.leuenberg.net/daten/Image/Konkordie-de.pdf
    [2] Locher in Wörterbuch des Christentums, Sonderausgabe München 1995, S. 188
     
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  6. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Nein, das habe ich nicht nicht gelesen, aber besten Dank, dass sich endlich einer meiner Frage zur "Prädestination heute" erbarmt hat.

    Darüber hinaus bin ich froh zu erfahren, dass diese unmenschliche Lehre, nach der der Mensch von Geburt an zur Seligkeit oder Verdammnis bestimmt ist, endlich in dieser grauenhaften Form bei den Calvinisten nicht mehr gilt. Es ist mir auch völlig unverständlich, wie ein Christ, der das Neue Testament kennt, auf eine derart antichristliche Lehre verfallen konnte und dazu noch so starken Zulauf z.B. bei den den Puritanern haben konnte, die Amerika unter diesem Damoklesschwert des Glaubens aufbauten.

    Glauben ist doch eine starke Triebfeder, besonders wenn er mit Hölle und Schwefel verbrämt ist! :devil:
     
  7. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Ich teile Deine Einschätzung voll und ganz! Wir stehen da in der Tradition Schopenhauers und vieler anderer. :devil:

    Erlaube nur den behutsamen [1] Hinweis, dass Calwins Lehre sich ganz stark auf Augustinus bezieht [2], in dessen Spätwerk die Prädestinationslehre "immer größeren Raum" gewann [3] und der ja auch maßgeblichst die Lehre von der Erbsünde entwickelte; beide Lehren stehen in einem engen Zusammenhang, verbunden insbesondere durch spezifische Definitionen der Gnade und der Gerechtigkeit.

    Aus Sicht der Kritiker wird die Menschheit bei A. zeitweise "zu einer Masse der Verdammnis... Aus dieser Masse führt Gott die einen zum Heil durch sein Erbarmen, um die Zahl der gefallenen Engel wieder aufzufüllen, die anderen überläßt er dem Verderben auf Grund seiner unerforschlichen Gerechtigkeit" [4], wobei man konzidieren muss, dass A. insoweit mit seiner Lehre "selbst innerhalb des Katholizismus nicht ganz durch(drang)" [5].

    Augustinus argumentierte natürlich seinerseits nicht von ungefähr, sondern nahm eine Auslegung von "prädestinations-verdächtigen" Stellen im Neuen Testament vor (vgl. Römer 9 usw.): Gott "erbarmt sich, wessen er will, und verstockt, wen er will (Röm 9, 14-18)... Wie der Töpfer ist er der Meister des Tons, den er formt (Röm 9, 19-24). Er hat Jakob geliebt und Esau gehaßt, bevor sie geboren waren (Röm 9, 11 ff.)" [6].


    [1] Damit nicht bei irgendwem die für Religions-Threads "typischen" Reflexe ausgelöst werden.
    [2] RGG (3. Aufl.), Bd. 5, S. 486 mit vielen weiteren Nachweisen.
    [3] aaO, Bd. 1, S. 745
    [4] ebd.
    [5] Deschner, Kriminalgeschichte, Bd. 1, S. 503
    [6] Rondet in: Sacramentum Mundi. Band 3. Freiburg 1969, S. 1249.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. August 2010
  8. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Hm, eine Schweizer Bekannte von mir protestiert immer bei dem Hinweis auf den Calvinismus in der Schweiz. Die Schweizer waren oft Zwinglianer und nicht Calvinisten. Zwinglianer ? Wikipedia
    Andererseits gab es natürlich auch Calvinisten in der Schweiz. Calvin selbst starb in Genf.

    Mich selbst würde interessieren, welche Auswirkungen der Status als unterdrückte Gruppe oder Randgruppe wie die Hugenotten in Frankreich auf die gesellschaftlichen Verhältnisse der Reformierten hatten? Oftmals schweißte ja so ein Schwimmen gegen den Strom zusammen oder beeinflusste der Zustand als Untergrundkirche eine Glaubensrichtung nachhaltig.
    Ein bisschen schwierig ist das natürlich, dies zu untersuchen. Im Grunde schotteten sich ja im Zeitalter der Konfessionalisierung alle Konfessionen gegeneinander ab. Staaten in Dtl. wie die Reichsstadt Augsburg oder dann die Pfalz oder Brandenburg-Preußen mit einem Nebeneinander der Religionen waren eher selten und existierten natürlich auch nicht ohne innere Konflikte.
    Wie verbreitet waren Reformierte, die insgeheim in lutherischen Staaten ihrem Glauben anhingen? War das ähnlich wie mit dem Geheimprotestantismus in der österreichischen Territorien?
     
  9. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Man sollte wohl etwas vorsichtig sein, Calvinismus und Freiheitlichkeit in eins zu setzen. Ich denke da z. B. an Michael Servetus ? Wikipedia
    Freiheit war in erster Linie die eigene. Nach Auffassung einer relativ bekannten Streiterin für Freiheit, ist aber Freiheit, die des anders Denkenden.

    Die ökonomischen Auswirkungen des Calvinismus, z.B in der Erscheinungsform als Puritanismus, waren im Forum schon verschiedentlich Thema, z.B. http://www.geschichtsforum.de/f287/welche-folgen-hatte-die-reformation-24003/
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. August 2010

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