Chafariz d’El-Rey - Abbild eines multikulturellen Lissabons im 16. Jhdrt.

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Entdeckungen (15. - 18. Jhd.)" wurde erstellt von Maglor, 12. Juli 2020.

  1. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Mir geht es um das Gemälde Chafariz d’El-Rey aus dem 16. Jahrundert.

    [​IMG]
    (Bild von Wikipedia)

    Es stammt von einem unbekannten Maler und zeigt den Hafen Lissabons.
    Abgebildet sind über 150 Menschen verschiedenster Herkunft, die durcheinander wandeln.
    Schwarzafrikaner tauchen sowohl in europäischer, als auch in afrikanischer Kleidung und auch in unterschiedlichem sozialem Rang. Besonders auffällig ist der schwarzafrikanische Ritter des Heiligen Jakob.
    Ungewöhnlich ist auch, dass auch die Abbildung von jüdischen Polizisten.

    Hier gibt es ein paar Erklärungen zu den Details:
    https://tingslisbon.com/2020/06/16/a-different-introduction-to-alfama/

    Bildet es die Realität der Hauptstadt des portugiesischen Weltreiches ab oder ist es die blühende Phantasie eines unbekannten holländischen Malers?
     
  2. PeterWestfale

    PeterWestfale Mitglied

    Grundsätzlich könnte das natürlich eine Utopie sein, um die Inländer (Niederländer) zu mehr kultureller Offenheit zu bewegen. Ähnlich wie bestimmte altrömische Autoren die Germanen als "Idyll" mit abgehärteten Kerlen dargestellt (überzeichnet) haben, um so ein positives Vorbild für die Römer zu erschaffen. Also vielleicht ein Art Moral-Studie.

    Aber ich persönlich glaube eher, dass das Bild einen wahren Kern hat. Die Portugiesen waren im 16. Jahrhundert sehr see- und handelstüchtig. Und Kaufleute waren schon immer Leute, die kulturell offen waren und Neues und Fremdes mitgebracht haben. Und wenn es die eigenen Taschen gefüllt hat, hat man sich halt auch mit Afrikanern und Asiaten getroffen und sie anständig behandelt. Das schließt einen Handel mit afrikanischen Sklaven nicht aus. Beides brachte halt Geld: Handelspartner und Sklaven!

    Das Prinzip der Faktoreien besagt ja meiner Meinung nach, dass das Land noch nicht völlig unterworfen/kolonialisiert ist (sonst wäre es eine Kolonie, nicht eine Faktorei). Also muss man sich mit Geschäftspartnern (zumindest Produzenten und Zulieferern) auf Augenhöhe getroffen haben. Da wäre es doch denkbar, dass man diese Geschäftspartner auch in Portugal leben und arbeiten ließ.

    Einen Orden des Jakob scheint es sowohl in den Niederlanden als auch in Portugal gegeben zu haben.

    Grüße
    Peter
     
  3. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts verließen tausende Juden Portugal oder aber konvertierten zum Christentum, um überhaupt in Portugal bleiben zu können. Die gerade konvertierten Juden "novos-cristãos" standen aber unter inquisitorischen Generalverdacht, weiterhin heimlich das Judentum zu praktizieren. Pogrome gegen "Neu-Christen" waren keine Ausnahme. Daher glaube ich nicht, dass "jüdische Polizisten" der Realität in Portugal während des 16. Jahrhunderts entsprach.
    Diese Judendiskriminierung erfolgte teilweise auch auf Druck aus Kastillien, da man sich in Portugal Hoffnungen auf einen gesamtiberischen Thron machte. 1580 kam es auch dazu, wenn auch nicht in dem Sinne wie es sich das portugiesische Haus Aviz vorgestellt hatte: Sebastian, der letzte portugiesische König aus dieser Dynastie, starb 1578 mit einem Großteil des portugiesischen Adels auf einem "Kreuzzug" in Marokko. Bis 1640 regierte Spanien in Personalunion auch Portugal.
    Um diesen letzten Avis wurde ein vergleichbares tamtam veranstaltet wie die Legende um Barbarossa, der im Kyffhäuser schliefe und irgendwann zurückkehren werde. Vielleicht hat der flämische Maler die Glorie Portugals, diesen "Sebastianismus", als Widerstand gegen Spanien darstellen wollen. "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" könnte er sich während des niederländischen Unabhängigkeitskrieges gedacht haben - vorausgesetzt das Gemälde ist nach der Personalunion mit Spanien entstanden.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    In dem sehr interessanten Sammelband zu spanischen Sprachgeschichte von Rafael Cano Aguilar Historia de la Lengua Española befindet sich auch ein Kapitel über Minderheitesprachen im frühneuzeitlichen Spanien bzw. das Spanische dieser Minderheiten, sofern dies irgendwo reflektiert wird (etwa im Theater Lope des Vegas) und da werden auch Afrikaner thematisiert, die in der FNZ in Spanien (gemeint ist wirklich Spanien, nicht Neuspanien, Neugranada oder Perú) lebten. Diese dürften vernehmlich über Portugal nach Spanien gekommen sein.

    Bzgl. der jüdischen Polizisten, welche sich darauf befinden sollen:
    Der Wikipedia-Artikel bezieht sich auf eine amerikanische Kunsthistorikerin, die Spezialistin ist für flämische Kunst. Sie will die Juden auf dem Bild anhand ihrer flachen roten Baretts, der Bärte und gelber Kreise erkennen, die Juden unter Karl V. tragen mussten. Ich sehe eher so etwas wie eine Uniformierung (wobei das eigentlich zu früh ist), nämlich ein verschnörkeltes goldenes Abzeichen auf der linken Schulter der grüne Jacken. Die Quadrilheiros aber waren wohl nicht uniformiert (laut Website der portugiesischen Nationalgarde) und nur durch ihre Lanzen und ihre grünen Prügel mit dem königlichen Wappen zu erkennen.
    Bei einem sehe ich wenigstens den Prügel, wenn auch keine einzige Lanze.
     

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