Das handelnde Individuum in der Geschichte

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von thanepower, 10. September 2012.

  1. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Eine zentrale Frage der Interpretation historischer Ereignisse betrifft das Verhältnis von „Struktur“ und “Individuum“ (Agent). Die Fragestellung findet sich intensiver diskutiert in der angloamerikanischen historischen Soziologie bzw. im Bereich einer konstruktivistisch orientierten Historiographie.

    Eine Beantwortung dieser Fragestellung können Historiker im Bereich der „narrativen Historiographie“ solange erfolgreich aus dem Wege gehen, wie sie die Frage nach einer systematischen Erklärung der „Motive“ (agent-zentriert) oder „historischen Konstellationen“ (struktur-zentriert) außen vor lassen und sich auf die Deskription beschränken. Im anderen Fall sind es ad-hoc-Erklärungen, die über den Einzelfall hinaus selten eine Erklärungskraft verfügen.

    Im Gegensatz dazu steht der Versuch einer systematischen Erklärung der Verhaltensweise von historischen Akteuren im Kontext ihrer historischen Situation.

    Das Problem zwischen Struktur und Agent findet seine Entsprechend in der Diskussion zwischen Vertretern einer historischen Makro-Soziologie und einer historisch-orientierten Mikro-Soziologie. Dabei ist anzumerken, dass sich beide im weiteren Sinne an einer verstehenden Soziologie weberscher Ausrichtung orientierten und als „Neo-Weberianer“ mehrheitlich eingeordnet werden.

    Der Ausgangspunkt des Konflikts lässt sich beispielsweise an den Arbeiten von Michael Mann und von Theda Skocpol illustrieren.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Theda_Skocpol

    http://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Mann_%28Soziologe%29

    Im Rahmen von „States and Social Revolutions“ und von „Social Revolutions in the Modern World“ entwickelt Skocpol eine makrosoziologische Erklärung von Revolutionen, speziell am Beispiel von Frankreich, Russland und China.

    Diese Sichtweise wurde beispielsweise von Hunt (Symbole der Macht. Macht der Symbole) und Sewell (Blanning: The Rise and the Fall oft the French Revolution, S. 285) als nicht ausreichend kritisiert, da sie der Ideologie als zentrale Größe zu Erklärung der antagonistischen Zielsysteme der historischen Akteure und dem damit zusammenhängendem Interpretations- bzw. Handlungsspielraum nicht ausreichend gerecht wird.

    http://books.google.de/books?id=l7A...ved=0CDkQ6AEwAA#v=onepage&q=lynn hunt&f=false

    http://books.google.de/books?id=d7B...a=X&ei=E6tNULa0CKaB4ATw14CYDA&ved=0CDQQ6AEwAA

    Bei Mann liegt ebenfalls ein – ursprünglich – stark makrosoziologisch geprägter Ansatz vor, der beispielsweisen im Rahmen von „Fascists“ mikrosoziologisch differenziert wurde. Mann bietet ein „IEMP-Modell“ (I = Ideology, E= Economy, M=Mlitary, P=Political), mit dessen Hilfe eine Erklärung der Entstehung und Entwicklung von Gesellschaften ermöglicht werden soll.

    Eine explizite Kritik der nicht ausreichenden Fundierung seiner, an Weber orientierten Theorie, formuliert explizit Kieser (Mann`s microfoundations: adressing neo-Weberian dilemmas: in: An Anatomy of Power , Hall et l. eds.). Eine Nichtberücksichtung der subjektiven Handlungsoptionen der Akteure führt dazu, dass die Akteure die ausführenden Organe historischer Strukturen sind und sozialer Wandel vollzieht sich unabhängig von gesellschaftlichem Handeln.

    http://books.google.de/books?id=ERE...=0CFYQ6AEwBg#v=onepage&q=michael mann&f=false

    Als Ausgangspunkt für die Einführung des „Agents“ (das handelnde historische Subjekt) in die Erklärung historischer Ereignisse dient die Unterscheidung Webers unterschiedlicher Verhaltensstile im idealtypischen Verständnis. Und umfaßt das „instrumentelle“, das „wert-orientierte“, das „habituelle“ und das „emotionale“ Verhalten, die in der Realität als permutierbare Mischformen auftreten (Weber: Wirtschaft und Gesellschaft).

    Im Rahmen seiner Arbeit zur „Protestantischen Ethik“ entwickelt Weber ein generelles Modell von Kultur, als makrosoziologisches Konstrukt, und den spezifischen Handlungsmustern der Angehörigen dieses Kulturkreises.

    Diese dynamische Konzept von Kultur, als sowohl das Verhalten seiner Mitglieder strukturierende Größe wie auch durch eben dieses Verhalten der Mitglieder formbare Struktur, erfuhr eine vielfältige Differenzierung. Insbesondere die wissenssoziologischen Arbeiten von Mannheim und seinem Konzept der Generationslagerung als Ansatz für die Erklärung von individueller und kollektiver Modernisierung, die Arbeitern von Archer oder Levin zur systematischen Erweiterung des Kulturbegriffs und die Konstruktion von „Culture und nicht zuletzt die wichtigen handlungstheoretischen Ansätze von Berger & Luckmann, aber auch von Goffmann, inklusive TSI, bilden wichtige Ansätze einer Erweiterung von Weber.
    http://en.wikipedia.org/wiki/Karl_Mannheim

    http://en.wikipedia.org/wiki/Margaret_Archer

    Vereinfacht kann man diesen Ansatz dahingehend beschreiben, dass die Personen einer Epoche (Generationslagerung) mit einem objektiven Set an politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen durch ihre Geburt konfrontiert werden. Durch die Interpretation der damit zusammenhängenden Normen und Wertmaßstäbe, durch ihr Handeln und die kognitive sowie emotionale Verarbeitung der Ereignisse werden zum einen objektive neue Strukturen geschaffen, aber auch neue „Sinnwelten“ entwickelt. In diesem Sinne stellt die Entwicklung einer persönlichen Individualität gleichermaßen ein individuelles wie auch ein kollektives Schicksal dar.

    Diese generationsspezifische kulturelle individuelle bzw. kollektive Disposition differenzieren sich durch geschlechts-, schicht-, stände-, klassen-, ethnische- oder Stadt-Land- Sichtweisen.

    Vor diesem Hintergrund sollte deutlich werden, wie stark Ideologien nicht selten an eine spezifische historische Konstellation gebunden waren und warum sie in dem jeweiligen Kontext sowohl für die Produzenten der Ideologie (Eliten), aber auch für die Anhänger ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit besessen hat. Dabei dient die Ideologie, definiert als gemeinsame konsensuale, kodifizierte Sicht auf die politische Umwelt, für die Eliten als Instrument der „Homogenisierung“ und für die Anhänger als Instrument zur Erzeugung von Legitimität der Herrschaft der Eliten.

    Vor dem Hintergrund dieses weberianischen verstehenden Paradigma für die historische Soziologie bzw. für die „konstruktivistische“ Interpretation von Geschichte erklären sich ein Teil der konträren Diskussion der letzten Jahre. Eine Konfliktlinie, die zwar an Brisanz verloren hat durch das Ende des „Kalten Krieges“ betrifft die „revisionistische“ Interpretation des Stalinismus. Betroffen davon ist die traditionelle Interpretation des Stalinismus im Rahmen von Totalitarismus-Ansätzen durch konstruktivistische Ansätze zur Rekonstruktion des Stalinismus wie auch schon ansatzweise hier im Forum diskutiert.

    Relevant ist dieser konstruktivistische Ansatz für die Historiographie nicht zuletzt auch deshalb, weil es die gesellschaftliche Rekonstruktion der historischen Umstände zwingend erforderlich macht. Und damit die subjektiven Sichtweisen der historischen Akteure, ihre Ideologien, ihre rationalen oder irrationalen Annahmen etc. offen legt.

    Wie man beispielweise sehr anschaulich dieses im Rahmen von "What Stalin Knew" leisten könnte, in dessen Kontext ein ideologisch gebundenes, subjektiv - ideologisch geprägtes - begründbares, aber objketiv falsches und verheerendes Verhalten beschrieben werden kann.

    http://books.google.de/books?id=R-k...QQ6AEwAA#v=onepage&q=what stalin knew&f=false

    Somit sind ein Ludwig XIV, ein Robespierre, ein Napoleon, ein Stalin oder ein Hitler m.E. zunächst und vor allem präzise zu „rekonstruierende“ bzw. zu "verstehende" historische Subjekte und erst vor diesem Hintergrund einer angemessenen Rekonstruktion in zweiter Linie die Objekte unserer Bewertungen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. September 2012
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  2. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @thane

    die Fragestellung ist extrem schwierig, um so vorsichtiger formuliere ich und das kann nur ein erster Ansatz sein.

    Natürlich muß/sollte das historisch Subjekt rekonstruiert werden, und zwar so genau wie möglich (öffentliche Vita, subjektive Vita [Tagebücher, Briefe], Schriftwechsel etc.), äußere individuelle Einflußfaktoren (Lehrer, Kameraden im Militär und Studium, individuelle Erlebnisse usw.).

    Die von Dir angeführten Beispiele sind aus "weberianischer" Sicht mehr oder weniger der charismatischen Herrschaft zuzuordnen, bei L IVX. mit Abstrichen. Jetzt kämen wir an ein erkenntnistheoretisches Phänomen. Kommt es nicht bei den von Dir benannten Beispielen zu einer Subjekt => Objekt-Verschiebung? Fragestellung, prägt das Subjekt nicht das historische Objekt so, daß das Subjekt gleichsam mit dem Objekt "verschmilzt"? Hegel hätte dieses Phänomen mit "Entäußerung" beschrieben. Wenn aus erkenntnistheoretischer Sicht Subjekt und Objekt anfangen zu "verschmelzen", lassen die Erkenntnisse der Historie des Objektes, Rückschlüsse auf die des Subjektes zu? Oder nicht? Wird die Geschichte des Objektes dann nicht auch Geschichte des Subjektes? (Robespierre, Stalin, Hitler[?]).

    Nur so, als Denkansatz.

    M. :winke:
     
  3. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Wenn ich meine (laienhafte) Meinung beisteuern dürfte :

    Der individuelle Einfluss des Agenten bemisst sich danach, inwieweit er eine Handlung rational im Sinne seiner politischen Funktion innerhalb der politischen Struktur, quasi als politischer "Homo Oeconomicus", beschließt. In diesem Fall würde ein anderer rational handelnder Funktionsträger genauso handeln. Der Rest ist der Einfluss des Individuums.

    Allerdings ist es durchaus eine Frage der Struktur, welches Individuum (mit welcher "Ideologie") in die Position politischer Handlungsfähigkeit gelangt und welches nicht.

    Was aber bisher nicht berücksichtigt wurde, ist die große Rolle des Zufalls. Schätzt es ein Feldherr richtig ein, dass der Feind linksrum geht, gewinnt er die Schlacht, schickt er seine Armee aber in die Gegenrichtung, verliert er sie. Hätte eine andere Person es anders gemacht oder hätte sie nur zufällig anders gewürfelt ? Wäre das ein individueller Einfluss ?
     
  4. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Ich persönlich fand bei einer solchen Problematik auch die Gedanken von F. Engels, die er in einem Brief an Walter Borgius in Breslau vom 23.01.1894 dazu äußerte, recht interessant.
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    zu 1. Völlig richtig und jeder Erklärungsanstz hat Stärken und Schwächen, die bereits skizziert wurden. Vor diesem Hintergrund nehme ich an, dass zusätzlich zu den bereits angeführten Ansätzen von Skocpol und Mann als makrosoziologischer Ansatz, ergänzt durch Archer, Mannheim und Berger und Luckmann unter microsoziologischer Erklärung, noch zusätzlich Bourdieu und seine Theorie über die Differenzierung einer Gesellschaft anhand unterschiedlicher Kapitalsorten relevant ist. Sie erklärt die unterschiedlichen sozialen Stati und die Reproduktion von Macht und Herrschaft bzw. auch deren Herausforderung.

    Beispielsweise ein Aspekt, auf den Cobban im Rahmen seiner sehr eigenständigen Interpretation der Ursachen der Französischen Revolution, zumindest sinngemäß, hingewiesen hat.

    The Social Interpretation of the French Revolution - Alfred Cobban - Google Books

    zu 2. Und dennoch war es aus meiner Sicht etwas anders gemeint. Zwei Aspekte spielen eine Rolle. Die Struktur als Voraussetzung für eine generationsspezifische Erfahrung bzw. allgemeine und politische Sozialisierung. Und dann natürlich auch die individeulle Biographie.

    zu 3. In diesem Zusammenhang ist die Generationslagerung von Mannheim von zentraler Bedeutung. Sie erklärt die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Personen, die beispielsweise unter Ludwig XVI sozialisiert worden sind, haben eine andere Sichtweise auf die Revolution gehabt wie die Personen, die bereits in die Revolution hineingeboren worden sind.

    Beide Personengruppen verfügen gleichzeitig über völlig unterschiedliche kulturelle Interpretationsrahmen, obwohl sie zu einem gewissen Zeitpunkt beide in einem gewissen Zeitfenster gelebt haben.

    Die Subjekt/Objekt-Bezihung läßt sich entsprechend Archer relativ leicht auflösen. Ihren Vorstellungen folgend, ist es ein Prozess der permanten Strukturbildung auf der einen Seite, die für einzelne Gruppen prägend ist und somit als Struktur wahrgenommen wird, die jedoch durch kulturelle Reinterpretation per Kommunikation ihrerseits zu einer Destabilisierung dieser Strukturen beitragen.

    Und somit dafür sorgen, dass diese Form des sozialen Wandels eine andere Struktur zu t2 hervorbringt wie sie zu dem vorangegangenen Zeitpunkt t1 vorzufinden war (vgl. Schaubild)

    Ansatzweise formuliert Archer ihr Verständnis in diesem folgenden Beitrag.

    http://sociologiapp.iscte.pt/pdfs/54/550.pdf

    oder auch ähnlich formuliert bei Bhaskar
    http://books.google.de/books?id=2r4...a=X&ei=mutNUKvWMYnP4QSG84HQBA&ved=0CDQQ6AEwAA

    @Klaus: Der Zufall spielt sicherlich eine Rolle für das Ergebnis konkreter historischer Ereignisse und somit auch für das Verhältnis von Individuum zu der Struktur, die es mit schafft. Dennoch ist es keine systematische Größe in der Betrachtung, da der Zufall nicht systematisiert werden kann und rein zufallsgesteuert ist und somit eine "residuale Varianz" bei der Erklärung der Historie bildet.
     

    Anhänge:

    Zuletzt bearbeitet: 10. September 2012
  6. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @thane

    Ich möchte gerne den "Zufall", den Klaus in den Ring warf, beiseite lassen, denn ansonsten bekomme ich bei diesem Thema gar nichts mehr auf die Reihe.

    Vllt. bin ich zu "vernagelt", was ich gerne konzediere. Systemgrenzen stellen sich für mich erkenntnistheoretisch als Handlungsgrenzen dar, die Subjekte (Agenten) nicht überschreiten oder deren Überschreitung mehr oder weniger bewußt als systemverändernd antizipiert werden. Ob diese Systemüberschreitung dabei bewußt von dem Subjekt erkannt wird und die Folgen abgeschätzt werden können, ist dabei zweitrangig. Daneben vermag ich eine System- bzw. Strukturhierarchie zu erkennen.

    Du nennst es unterschiedliche Wahrnehmung der "Zeitfenster", Aries beschreibt dieses Phänomen in seiner "Geschichte des Todes" sehr eindrucksvoll als eine Verschiebung der Strukturerkenntnis, dort "Tod und Trauer", und zwar in kurzer historischer Sicht (ca. 1750 bis 1806).

    Die Grafik die Du verlinkst hast, ist in sich logisch und erkenntnistheoretisch nachvollziehbar, aber berücksichtigt m.E. nicht Qualitätssprünge innerhalb von Strukturveränderungen. Da wären wir bei Hegel. Die Grafik impliziert eine lineare Entwicklung, die ist historisch aber obsolet. Vielmehr könnte "Strukturveränderung + t2" evidenter sein, als "Strukturveränderung +t1".

    M. :winke:
     
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    zu 1. In welchem Sinne wird hier "System" eingführt? Im Sinne von Luhmann, Münch, Parsons, Eaton oder Deutsch?

    Soziale Systeme (1984) ? Wikipedia

    Theoretisch bin ich nicht stark an den struktur-funktionalistischen Ansätzen orientiert und deswegen berücksichtige ich sie auch nicht im Rahmen ihrer Konstrukte, wie beispielsweise "System".

    zu 2. Nein nicht ganz. Ansätze zur Erklärung von sozialen Bewegungen (auch in Anlehnung an C. Tilly) gehen davon aus, dass als notwendige Voraussetzung die Chance zum Handeln, als "Resource Mobilization" definiert, notwenig ist. Damit bewegen sich diese Ansätze in der Nähe beispielsweise der Rational Choice Theorie. Denen allerdings nur eine partielle Erklärungskraft, auch vor dem Hintergrund der bereits mit Weber eingeführten Handlungstypen, für soziales Verhalten zukommen kann.

    Theories of Political Protest and Social Movements: A Multidisciplinary ... - Karl-Dieter Opp - Google Books

    Und gerade für das uns interessierende historische Verhalten, beispielsweise im Rahmen von revolutionären Veränderungen, ist diese Handlungsintention vor dem Hintergrund einer Chancenwahrnehmung, vermutlich sehr wichtig. Und unter anderem auch erklärt, warum es an bestimmten Orten zu sozialen Bewegungen / Revolutionen kommt und an anderen nicht. Obwohl die objektiven Umstände die gleichen sind.

    Wobei Du natürlich dahingehend Recht hast, dass in der konkreten Situation die Dimension der Veränderung für die Akteure nicht abzuschätzen war.

    zu 3. Sollte es so erscheinen, dann war es nicht meine Absicht. Über Qualität habe ich nichts sagen wollen, sondern lediglich die unterschiedlichen Erfahrungen auf einem Zeitstrahl projizieren und die unterschiedlichen "Gesinnungen" und ihre Ideologien erklären wollen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. September 2012
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Lernfähigkeit ist in diesem Kontext die Fähigkeit von Individuen via Kommunikation, ihre Ansichten oder Werte über politische oder militärische Aspekte zu verändern. Wie bei Archer beschrieben.

    http://books.google.de/books?id=SMbNRp5EseMC&printsec=frontcover&dq=archer,+margaret&hl=de&sa=X&ei=qA2iUNG6Oqqh4gStroC4Dg&ved=0CEIQ6AEwAw#v=onepage&q=archer%2C%20margaret&f=false

    Und im Rahmen der Dikussion über "Kulturen" im Bereich der Verteidigunspolitik ausformuliert.

    Strategic power: USA/USSR - Carl G. Jacobsen, Ken Booth, David R. Jones - Google Books

    Ein weiteres typisches Beispiel aus dem Bereich des Militärs ist die Durchführung von Manövern und die anschließende generalstabsmäßige Auswertung. Die Systematisierung dieses Lernprozesses schlägt sich als "Dienstanweisung" für die Durchführung von Schlachten nieder. Vertgleiche auch das System der Auswertung von Kriegserfahrungen im Bereich der Roten Armee.

    In diesem Sinne ist dieses Vorgehen eine spezielle Form der Beziehung von Agent und Struktur und es ist eine kulturelle Leistung, einen gemeinsamen Wertehorizont zu entwickeln. Typischer Weise ist es dann beispielsweise der "deutsche Militarismus", in der Gestalt des Generalstabssystems", das als "Kaste" organisiert, die Hervorbringung eines konsensualen Wertesystem via schichtspezifischer (adeliger) Sozialisation gewährleistet hat und das Verhältnis von Struktur und Agent sehr anschaulich illustriert.

    Dieser subjektive Aspekt des gemeinsamen Werteverständnisses ist von hoher Bedeutung für das Lernen im Rahmen von "Sicherheits-Kulturen" (Generalstab) oder auch im Rahmen von Unternehmen (Wettbewerbsanalyse).

    In diesem Sinne läßt sich jede Situation der Akteure A und B vielfältig beschreiben.

    1. Die objektive Beziehung / Verhältnis von A zu B
    2. Das jeweilige - subjektive - Selbstbild, das sich A und B von sich selber machen
    3. Das jeweilige - subjektive - Bild, dass sich A bzw. B von ihrem Gegenüber macht
    4. Die Vermutung, was A glaubt, was B über ihn denkt

    Dieses komplexe Bewertungmuster unterliegt kollektiven Einstellungssystemen. Typischerweise Nationalismus, Rassismus etc. und führt zu einer gravierenden Verzerrung der objektiven Verhältnisse.

    In diesem Sinne stellt sich die Frage, sofern ein Feldherr eine gewonnene oder eine verlorene Schlacht analysiert, um für die Zukunft zu lernen, wie stark seine Sicht auf die objektive Realität durch seine Sicht auf die subjektive Realität verstellt ist. Und es werden starke Abweichungen in der subjektiven Bewertung von den objektiven Verhältnissen vorhanden sein.

    Vor dem Hintergrund dieses komplexen Prozesses läßt sich ein gemeinsamer Erkenntnisprozess initieren, den man im Rahmen sogenannter "Strategic" oder "Defence Cultures" als dominantes Einstellungs-Syndrom erkennen kann, bzw. als erkennbare Ideologie das Verhalten von Organisationen (Staaten, Armeen, Unternehmen etc.) beeinflußt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. November 2012
  9. excideuil

    excideuil unvergessen

    Zufall? Gibt es den denn wirklich?
    Ich denke nein.

    Nehmen wir Napoleon. Bei näherer Betrachtung der Situation ergibt sich ein zaudernder Bernadotte oder ein politisch ungeeigneter Moreau. Nur Bonaparte hatte unter den Generalen den Biss, den Willen und den Ehrgeiz, nach ganz oben zu kommen. Damit ist der 18./19. Brumaire kein Zufall.

    Oder ein Heerführer in der Schlacht. Ist es Zufall, wenn er seine Truppen nach rechts oder links wenden läßt? Oder gehen dieser Entscheidung nicht strategische Überlegungen voraus, die alle möglichen Varianten berücksichtigen? Und, muss eine richtige Entscheidung zum Sieg führen? Ist nicht Voraussetzung, dass die Entscheidung, nach links zu gehen auch davon beeinflusst, dass - extrem gesagt - die Ausführenden wissen, wo links ist? Ist nicht ein Sieg von 1000 Handlungen, die positiv oder negativ wirken können, die aber nicht zufällig sind beeinflusst?

    Ebenso ist es kein Zufall, dass wir ganz bestimmte Personen in der Geschichte treffen, manche auch immer wieder, einfach weil sie bestimmte geschichtliche Erfordernisse begriffen und umgesetzt haben.

    Grüße
    excideuil
     
  10. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    In der Historiographie wird selten die Frage thematisiert, in welchem Zusammenhang die Erkenntnisgewinnung zum Gestand steht, der historisch erklärt werden soll. Oder anders, was ist eigentlich eine dem Gegenstand angemessene historische Erklärung.

    Es liegen zwar unterschiedliche Modelle vor, welche Erkenntnistheorie und Methoden für die Historiographie prinzipiell angemessen sind. Dennoch, so formulieren Esser u.a. "Nach wie vor stehen viele Praktiker und auch Theoretiker …den "Erkenntnisinteressen" und der Verwertbarkeit wissenschaftstheoretischer Analysen kritisch und reserviert gegenüber;"

    Diese Kritik hat bereits Lazarsfeld aus einer anderen Perspektive zugespitzt formuliert und betont die geringe praktische Relevanz der Erkenntnistheorie, die sich einseitig auf die Form der Erkenntnisgewinnung im Bereich der Naturwissenschaften bezieht. Einem Modell, das sich stark an der Formulierung von allgemeingültigen Gesetzen orientiert und diese zur Grundlage einer Historiographie machen möchte. Eine Idee, die beispielsweise dann bei Kraft als methodischer Anspruch an die Historiographie ausformuliert ist und die explizite Übernahme des Modells des "Erklärens" fordert.

    Diesem Anspruch nach Überprüfung von Gesetzmäßigkeiten in der Geschichte und ihrer gesetzmäßigen Erklärung steht ein Gegenstand entgegen, der nicht selten durch singuläre Ereignisse gekennzeichnet ist. Der Komplexität des Gegenstands steht zudem in der Regel eine sehr eingeschränkte Quellenbasis gegenüber, die ein Testen von Hypothesen und ihre gesetzesmäßige Verallgemeinerung normalerweise nicht erlaubt.

    Vor diesem Hintergrund formuliert Sewell: "Theory has a strikingly less central place in history than in the social science disciplines". Dieser Befund geht teilweise auf die Arbeit von Droysen (1858) zurück, der für die Naturwisschaften das Ziel formulierte, "erklären" zu wollen und grenzte dagegen die Historiographie ab, die "verstehen" will. Diese Idee wurde im Wesentlichen von Dilthey systematisch ausformuliert.

    Eine deutliche Positionsbestimmung für die Historiographie nahmen Gardiner 1952 und Dray 1957 vor, indem sie das positivistische Paradigma kritisierten und beanspruchten, dass sich historische Erklärungen nicht auf allgemeine Gesetze stützen würden. Dray formuliert seine Ansichten über historische Akteure im Rahmen eines "Rational-Action-Modells" und unterstellt im weberschen Sinne eine zweckrationale Absicht der Handlung und fragt nach der Motivation für eine Handlung. Diese ergänzt er durch Überlegungen zur Beziehung von Zwecken und dem angemessenen Einsatz von Mitteln, um ein erstrebenswertes Ziel zu erreichen.

    Diese Motivation für das Handeln des Individuums, so Gardiner (S.138), wird durch die Beziehung zur Struktur bzw. Umwelt beeinflusst und bildet somit einen Teil der Determination für Handlungen.

    In der Formulierung der Re-enanctment-Theorie von Collingwood (vgl. Gerber, S. 39ff) bedeutet historisches Verstehen der Versuch, "sie als eine Handlung zu erkennen, …, so wie der [historisch] Handelnde diese gesehen hat" (ebd. S. 41). Es stellt sich somit dem Historiker die Aufgabe, einer möglichst präzisen Rekonstruktion der strukturellen Voraussetzungen für Handlungen, der Ziele und Gewinne von alternativen Handlungsoptionen und der letztlich getroffenen Entscheidung und seine Begründung.

    Eine wichtige Erweiterung für die analytische Philosophie der Historiographie wurde durch Anscombes Buch, "Intention" angeboten. Sie betonte im Rahmen ihrer Theorie die "Intentionalität" des handelnden Individuums. Mit dieser Position eröffnete sie die Ausformulierung einer eigenständigen "verstehenden" Erkenntnistheorie, die sich auf die Handlung von Individuen konzentriert (vgl. Wright, S. 36).

    Eine Ergänzung für dieses Erklärungsmuster bildete die Arbeit von Taylor 1964. Er fügte der intentionalen Handlungstheorie von Anscombe zusätzliche Annahmen über die Logik von Verhaltensweisen von Individuen hinzu. Diese Arbeiten beschleunigten unter anderem auch den Niedergang des Behaviorismus in den Sozialwissenschaften.

    Bei von Wrights "praktischem Syllogismus" werden die bisherigen Modelle zusammengefasst (vgl. das Modell S. 126). Dieser Position widerspricht Gerber (S. 58) und hält sie für ergänzungsbedürftig und streicht vor allem heraus, dass die bisherigen Ansätze die Problematik "des sozialen und kollektiven Handelns" nicht ausreichend berücksichtigen (ebd. S.61) und fordert, (S.240), dass eine historische Erklärung die "kollektive Intentionalität" erkennt, indem das soziale bzw. kollektive Handeln analysiert wird.

    Gerber geht zudem auf die Bedeutung der "Struktur" ein, die das Handeln der einzelnen Akteure auch beeinflussen und schreibt: " In der Geschichtstheorie ist das intentional handelnde Subjekt der Geschichte in erster Linie deshalb immer wieder mit Skepsis und Vorbehalt betrachtet worden, weil dessen Handeln sich auf der Grundlage von sozialen Strukturen vollzieht." (S.297).

    http://hsozkult.geschichte.hu-berli...ezbuecher&sort=datum&order=down&search=gerber

    http://www.sehepunkte.de/2013/06/22766.html

    Ihr Vorschlag für die weitere Entwicklung der analytischen Metaphysik der Geschichte ist dabei in den Kontext der Sichtweise von Wehler einzuordnen und seiner Kritik an poststrukturellen bzw. postmodernen Ansätze zur Historiographie wie den von Hayden White, Foucault oder Lyotard.

    Zudem ergeben sich bei der Betonung des intentional handelnden Individuums direkte Anknüpfungspunkte zur "Realistischen Theorie", die wesentlich von Bhaskar mit formuliert wurde, und auf die sich die Arbeit von Archer beziehen.

    Anscombe, E: Intention, 1957
    Bhaskar, R.: A Realist Theory of Science, 1975
    Dray, W: Laws an d Explanation in History, 1957
    Esser H., K. Klenovits, H. Zehnpfennig: Wissenschaftstheorie, 2. Bände, 1977
    Gardiner, P. The Nature of Historical Explanation, 1961
    Gerber, D. : Analytische Metaphysik der Geschichte, 2012
    Kraft, V.: Geschichtsforschung als strenge Wissenschaft, in: Topitsch, E.(Hg.): Logik der Sozialwissenschaften, 1967, S. 37-52
    Lazarsfeld, P.F.: Wissenschaftslogik und empirische Sozialforschung, in: Topitsch, E.(Hg.): Logik der Sozialwissenschaften, 1967, S. 37-52
    Sewell, W.H.: Logics of History. 2005
    Taylor, C.: The Explanation of Behavior, 1964
    Wright von, G.H: Erklären und Verstehen, 1984
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Juli 2013
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  11. fredi

    fredi Mitglied

    Eine Erkenntnistheorie der Historiographie, die nicht nur allgemeingültige Gesetze hergibt, kann also keine der Naturwissenschaften sein. Für die Historiographie ist nicht nur die Struktur einzuholen, sondern eine Erkenntnistheorie die nicht, wie Naturwissenschaften ausschließt, sondern hergibt; dass handelnde Subjekt. Eine historische Interpretation müsse „die Problematik des „sozialen und Kollektiven Handelns“ ebenso gewichten, wie die Struktur. Erst mit dieser ausgewogenen Gewichtung ergeben sich „direkte Anknüpfungspunkte zur „Realistischen Theorie.“ Verlangt wird von einer Erkenntnistheorie, dass sie klarmacht, dass nicht nur allgemeine Gesetze und Subjekte zu berücksichtigen sind, sondern auch die objektive Erkenntnis derselben. Eine realistische Theorie der Historiographie also, die erst die Objektivität für die Beurteilung des handelnden Subjektes hergibt, dass eingebunden in allgemeinen Gesetzen sich orientierte. Geschichtliche Ereignisse, deren Konstellation, soweit diese mit den vorgefundenen Dokumenten berücksichtigt wurden und werden, seien also auf eine „Realistische Theorie“ angewiesen.

    Dieser Realismus verbürgt also, dass die menschliche Geschichte eine Geschichte des Subjektes und der allgemeinen Gesetzlichkeit ist. Dieses Subjekt und/oder diese Gesetzlichkeit sind also nicht aus sich selbst zu interpretieren, sondern eben von einer Theorie des Realismus her. Einer „narrativen Historiographie“ fehle die Realistische Theorie und diese bietet damit lediglich Beschreibung geschichtlicher Ereignisse, die letztendlich nichts erklären. Beispielsweise nicht Revolutionen.

    Nach dieser Theorie ist die Geschichte des objektiv Gegebenen nicht die Geschichte des Subjektes, weil zweiteren etwas zukomme, was vom objektiv Gegebenen im eigentlichen Sinn nicht anzunehmen ist; eine letztendlich vom Subjekt ausgehende Spontanität die, etwa bezüglich der sozialen Struktur anzunehmen sei. Ein kultureller Begriff von Revolution, der aus dem naturwissenschaftlichen Kontext, etwa dem der Biologie, nicht zu entnehmen ist. Dass setzt voraus, etwa wie bei Dilthey, die Trennung von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften? Dass setzt voraus, etwa bei dem deutschen Idealismus anzuknüpfen?

    Mit dem Ich vollzieht sich objektiv Gegebenes (etwa der mit dem Tastsinn erfahrene Baum oder die mit den Augen wahrgenommenen Dokumente eines geschichtlichen Ereignisses). Mit der konkreten Sinneserfahrung (beispielsweise mit dem ertasteten Harz am Baum oder der systematischen Bezugnahme auf ein Dokument eines geschichtlichen Ereignisses) vollziehen sich Handlungen.

    Sind alle Daten der Erfahrung die WIRKUNG einer dem Historiker unbekannten, prinzipiell nicht erkennbaren Ursache, ist das objektiv Gegebene in seiner Wesenheit vom Ich nicht zu erkennen. Eine Realistische Theorie der Historiographie ist dann zu kritisieren.


    Bei Hegel, der sich beispielsweise auf Spinoza bezieht, ist die Erkenntnis der Wirkung von der Erkenntnis der Ursache abhängig. Hegel wird dem Spinoza zuschreiben, dass er die Substanz als der Erkenntnis nicht zugänglich lehrt und damit bliebe Mensch seiner wahren Wesenheit ledig, kann also das handelnde Subjekt der Geschichte nicht werden. Nach Hegel bietet Spinozas Lehre „Orientalismus.“ und mit diesem keine Erklärung, beispielsweise des geschichtlichen Subjektes das Revolution macht.

    Die objektive Erkenntnis von Struktur und Subjekt und deren Verhältnisse müsste auch die Voraussetzung des Konstruktivismus sein? Und wenn nicht, müsste der Konstruktivismus das Resultat der Erkenntnis sein, die sich sozusagen vorbei schleicht an der Analyse der geschichtlichen Konstellation von Struktur und Subjekt? Geht der Konstruktivismus beispielsweise von Kant's Ausrichtung aus, dass die Gegenstände sich nach der Erkenntnis richten und nicht umgekehrt die Erkenntnis sich richtet nach den Gegenständen, wird er diese Analyse der geschichtlichen Konstellation von Subjekt und Struktur, da er die von der Realistischen Theorie verlangte objektive Erkenntnis nicht hergibt, nicht leisten können. Die Revolution bleibt nach Kant ein Begriff des auf a priori Gebauten, vor deren Gedankengebäude das objektiv Gegebene entsprechend erscheint. Immerhin gebe das eine Auffassung der Revolution her, die aus der Gesetzlichkeit der Biologie nicht gewonnen.
     
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  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    @fredi: Vielen Dank für die teilweise Wiederholung meiner Thesen, soweit mir der Text zugänglich war. Ansonsten habe ich es mir geschenkt, den kompletten Text von Dir als Vorspann zu zitieren.

    Mir ist allerdings nicht ersichtlich, was das originäre Anliegen ist und welche Schlussfolgerungen aus Deinem Text hergeleitet werden. Mir fehlte ein "Roter Faden" in der Argumentation und mir fehlte der Bezug zu bereits vorhandenen Diskussionen. Ich gehöre nicht zu denen, die das Rad jeden Tag neu erfinden möchten und verweise deswegen auf die entsprechenden Autoren. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen.

    Wobei ich natürlich unterstelle, dass es ein "Anliegen" und eine "Schlussfolgerung" gab. Und zumindest mein Anliegen war es nicht, eine allgemeine Diskussion über Philosophie zu führen, sondern in einem engen Rahmen die Verbindung zwischen aktuellen Positionen der Erkenntnistheorie und bestimmten handlungstheoretischen Ansätzen herzustellen.

    Wenn Du über Erkenntnistherie ala Kant, Hegel oder Spinoza diskutieren willst, dann mach bitte einen eigenständigen Thread dazu auf.
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Juli 2013
  13. fredi

    fredi Mitglied

    Bei Hegel gibt’s die „Aufhebung dieser Entäußerung“. Bei ihm kommt die Geschichte des Objektes mit der Geschichte des Subjektes nicht zu ihrem Ende. Hegel favorisiert absoluten Geist, Wesenserkenntnis. Die Idee, nachdem sie aus ihrer Entfremdung im Organismus zu sich zurückkehrt, bei sich ist, wird sie nicht in sich isolierter subjektiver Geist, sondern objektiviert sich nach außen als objektiver Geist, in Rechtsverbänden, als das Vernünftige. Damit nicht genug. Über dem objektiven Geist sei der absolute Geist. Nach Hegel gilt in der Philosophie die absolute Wahrheit, gilt die absolute Erkenntnis. Nun erst, mit der Wesenserkenntnis gilt; dass das allgemein Vernünftige, beispielsweise seine Begriffe, sein Wesen in latenter Form immer das war und ist, als was es sich jetzt weiß. Hegels Methode zielt darauf ab, dass das Absolute sich selbst zum menschlichen Intellekt gesteigert. (Schopenhauer beispielsweise wird das übernehmen, allerdings um diese Steigerung als die der Nichtigkeit auszugeben.) Nach Hegel sind das subjektive Verhalten des einzelnen in seiner Wechselbeziehung zu den politischen Institutionen in den verschiedenen historischen Epochen die Formen des einen sich entfalteten göttlichen Geistes. Hegels Methode beansprucht d a s W e s e n der Phänomene in Begriffen auszudrücken, Momente subjektiven Verhaltens und Institutionen, etwa Familie und Staatsgewalt, zu einem Beziehungsgeflecht zu verknüpfen. Eine Methode die die geschichtlichen Formen des einen sich entfaltenden göttlichen Geistes herausstellt.

    „Wird die Geschichte des Objektes dann nicht auch die Geschichte des Subjektes?“ Soweit ich sehe, ist das nicht die Frage Hegels, denn bei ihm bleibt Subjekt-Objekt mit dem angeführten Geist verbunden, bleibt die Form desselben, die es zu erkennen gilt. Ist erst eigentlich eine Frage die Marx eröffnet, in dem er von Hegels Wesenserkenntnis nicht ausgeht. Nun erst wird Subjekt und Objekt als die Form des eines sich entfaltenden göttlichen Geistes nicht aufgefasst. Die Interpretation geschichtlicher Ereignisse, ohne beispielsweise auf die absolute Wahrheit, auf die absolute Erkenntnis Hegels oder auf Schopenhauers Verneinung der Steigerung sich bejahend zu beziehen, kann nun soziologisch werden. Dass ist, davon gehe ich aus, nicht unwichtig, beispielsweise betreffend „das Verhältnis von „Struktur“ und „Individuum“ (Agent)“ (thanepower)
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. August 2013
  14. Decurion

    Decurion Neues Mitglied

    Aber würde dieses IEMP-Modell nicht viel zu kurz greifen, wenn es vor allem um die Entstehung von Gesellschaft und Kultur (Gesellschaften) geht?

    Eine erste Präfiguration von Gesellschaft im Sinne von Sozietät und sozialem Handeln fand ja bereits in der Evolutionsgeschichte des Menschen statt und ist nicht eine Progression in der kulturellen Entwicklungsphase (die ich in einen quasi postevolutionären Zeitabschnitt einordnen würde; Entdeckung der Religion, Höhlenmalerei &c.) des Menschen, da soziales Leben und Handeln, die Bildung von Gemeinschaften zum Zweck der Verteidigung und Ernährung, ein Phänomen ist, das nicht durch Politik, Einsatz von Waffen oder Ideologie, sondern den Urinstinkten und später auch der Sprache geprägt ist.

    Und auch, wenn ich mir die Entwicklung von bereits existenten Gesellschaften in archaischer Zeit (nehmen wir hier eine antike Hochkultur) ansehe, so mag zwar die Zivilisation als Kollektiv von inter- und intrakultureller Politik, Krieg und Frieden, wirtschaftlichen und ökologischen Gegebenheiten und einer Ideologie im Sinne einer Staatsraison oder von Religion und Brauchtum abhängig sein, dass einzelne Individuum wird sich aber innerhalb der Lebensspanne (die bei Weitem geringer ist als in Zeiten moderner medizinischer Versorgung und verbesserten Lebensumständen) nicht durch (oder nur durch gewaltige) Veränderungen des traditionellen Gefüges und Milieus des Individuums nicht anpassen. Die Anpassung erfolgt ja erst durch einen Generationenwechsel bzw. durch mehrere Generationenwechsel unter gleichbleibenden ökonomischen, ökologischen, politischen, kulturellen und sozialen Bedingungen.

    Ich würde hier als Beispiel die Nachkriegszeit 1918/19-1933 nennen. 1918 wurde zum ersten Mal in den deutschen Landen die Monarchie als Staatsform abgeschafft. Eine gravierende Veränderung der politischen Lage, die mit Veränderungen im wirtschaftlichen und sozialen Gefüge einherging. Natürlich waren auch andere Aspekte betroffen.
    Die Situation für das Volkskollektiv änderte sich freilich, ebenso die Situation für das Individuum, dass nicht mehr in einem autoritär-preußischen Nationalstaat lebte, sondern sich in einer instabilen Demokratie der Weimarer Republik wiederfand.
    Dennoch zeigt das Scheitern der W. (so sehe ich das) in diesem Kontext, dass die Individuen sich nicht rechtzeitig den neuen Umständen anpassen konnten. Man verweilte geistig noch in einer Ständegesellschaft und im Antidemokratismus, ja sogar im Antiparlamentarismus der bismarckschen und wilhelminischen Ären. Dies gilt selbstverständlich nicht für alle Menschen, wohl aber für das mehrheitlich antidemokratische Volk, die konservativen und extremistischen Parteien und auch die liberalen Parteien schienen mit der neuen Verantwortung völlig überfordert.

    Du sprichst hier von einer soziologischen Integration und der sozio-kulturellen Geburt (bekanntermaßen ein Leben lang andauernd). Selbstredend sind hier vor allem ökonomische und politische Gegebenheiten ausschlaggebend für die (geistige) Entwicklung des Individuums. Man sagt "Kind seiner Zeit" sein und beschreibt damit die Assimilation an eine gegebene Situation. So verändern sich Moralvorstellungen von Epoche zu Epoche und natürlich ist sie in nicht geringerem Maße von der Mentalität des Volkskollektivs, der Staatsraison, religiösen, ethischen und ideologischen Momenten sowie ökologischen Bedingungen abhängig.

    Das soziale Milieu spielt aber in meinen Augen eine noch größere Rolle als für das normale Individuum unabänderliche Gegebenheitn, da das Milieu immer auch Abbild von sozialen, wirtschaftlichen (v. a. finanziellen) und politischen Bedingungen, doch in viele Splitterbereiche unterteilt ist und die pauperistische Peripherie nicht für Wenige Realität und Lebensraum darstellt. Es gibt also nicht "das" soziale Milieu, sondern eine Vielzahl. Und in dieses wird man hineingeboren und von diesem ist man abhängig. Nicht nur, was persönliches Wohl anbetrifft, sondern auch geistige Gesundheit und Bildung (wobei ein Verlassen des Milieus offen steht, jedoch nicht in den prägenden Jahren des ersten Kontaktes mit der Kultur und dem Wahrnehmen ebenjener).

    Die Interpretation von Gegebenheiten hängt ergo stark von dem Milieu ab, da eine Objektivität von einem fremden Beobachter zwar möglich ist, von dem Kind dieses Milieus aber nicht erkennbar ist. So wird ein Individuum der gehobenen Schicht es stereotypisch nicht als Ungerechtigkeit empfinden, dass eine ärmere Schicht ebenjene ist (und dies ist nur par exemple zu verstehen; die Realität sieht offenkundig auch anders aus). Das Partizipent der ärmeren Schicht wird es aber als Ungerechtigkeit auffassen, dass er in diesem Milieu geboren wurde und nicht in der oberen Schicht. So ist die Interpretation von dem sozialen Status abhängig, der immer wieder Gebilde wie Sozialismus, Kommunismus, aber auch Konservatismus, Liberalismus und Extremismus hervorruft bzw. hervorrufen kann.

    Meine oberflächliche Schilderung von sozialen Strukturen ist zu dem Zweck gewählt, dass ich beweisen will, dass Analyse und Rekonstruktion nicht unbedingt möglich sind.

    Ich sprach davon, dass ein "Oberschichtler" seinen Status und den des "Unterschichtlers" nicht als Ungerechtigkeit ansehen kann, da er selbst in einer vorteilhaften Situation ist und diese nicht ändern muss. Der "Unterschichtler" hingegen empfindet es als Ungerechtigkeit und wendet sich dem Kommunismus zu.

    Allerdings kann auch der "Oberschichtler" diese soziale Ungerechtigkeit als einen für ihn bestimmenden Missstand ansehen und Kommunist werden, was vielleicht unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich ist.

    Meines Erachtens nach ist eine Unterteilung von Individuen in soziale Raster nicht adäquat. Wer einen bestimmten Status hat, einer bestimmten Schicht und einem bestimmten Milieu angehört, der wird diese Prädikate und geistig, ideologisch und psychisch prägenden Bereiche nicht ohne Weiteres verlassen (können), doch ist eine negative Wanderung jederzeit möglich und so unwahrscheinlich es auch sein mag: eine positive ebenfalls.
    Angehörige eines bestimmten Standes kennzeichnen sich durch Bildung, ökonomischen Standard, Beruf und andere Momente. Aber dies wäre eine sehr stereoypische Sichtweise, denn auch der "Unterschichtler" kann in eine Akademiker-Schicht aufsteigen und so die geistige Kompetenz und Entwicklung seines Nachwuchses bestimmen (und das kann sowohl zu einer positiven Veränderung und Prägung führen (was man als Weltoffenheit, Intellekt, Intelligenz &c. bezeichnen würde), aber auch invertiert negative Folgen haben).

    So sind alle genannten Faktoren prägend, aber nicht verbindlich.

    Beispiel: Ein Moslem konvertiert zum Christentum, ein "Unterschichtler" wird Akademiker, ein "Oberschichtler" wird Aktivist für Menschenrechte und weiteres.
     
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  15. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  16. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Teil 1: @Decurion: Du wirfst eine Vielzahl sehr interessanter Fragestellungen auf, die eigentlich sehr ausführlich beantwortet werden sollten. Ich versuche eine Beantwortung, die der Bedeutung der Fragen angemessen ist und das Wesentliche versucht, zu berücksichtigen. Und es so kurz wie möglich zu halten.

    Im Prinzip stimme ich Dir zu, allerdings mit ein paar Ergänzungen. In seinem ersten Buch,“ Geschichte der Macht. Von den Anfängen bis zur griechischen Antike“ entwickelt Mann sein universelles „IMP-Modell“ (vgl. Schaubild 1.2 S. 57) in Anlehnung an die Arbeiten von Archäologen und Anthropologen. Sein Modell konzentriert sich dabei auf die makrosoziologische Erklärung der Entwicklung von „Zivilisation“, die sich um das Jahr 3000 BC in unterschiedlichen Regionen der Welt entwickelten (vgl. Kap. 2 und 3) und führt es in den folgenden Bänden bis hin zur Frage nach den Prozessen der Globalisierung im 21. Jahrhundert weiter fort.

    Geschichte der Macht. 1. Von den Anfängen bis zur griechischen Antike - Michael Mann - Google Books

    Ausgehend von der Entwicklung vom HE von ca. 800.000 BC zum HS ca. 100.000 BC kann man die Veränderung der sozialen Strukturen von der Großfamilie, dem Klan zu archaischen Stammesstrukturen nachzeichnen, die in den großen ursprünglichen Zivilisationen um 3000 BC einen Differenzierungsgrad der Gesellschaft erlangten, der über die ursprünglichen „einfachen“ sozialen Strukturen hinauswies (vgl. auch beispielsweise: Fukuyama, S. 97, Wickham, Framing, S. 305). In diese Phase fallen eine Reihe von wichtigen Entdeckungen zivilisatorischer Leistungen, wie Ackerbau, künstliche Bewässerung, städtische Bauformen oder die Schrift etc.

    The Origins of Political Order: From Prehuman Times to the French Revolution - Francis Fukuyama - Google Books
    Framing the Early Middle Ages:Europe and the Mediterranean, 400-800 - Chris Wickham - Google Books

    Dieser historische Prozess der sich beschleunigenden Vergesellschaftung der ursprünglichen großen Zivilisationen wird von Mann im Rahmen der Formulierung seiner Gesellschaftstheorie konkretisiert. Dabei versucht Mann diese historische Entwicklung einer Betrachtung unter der Perspektive zentraler Probleme der Gesellschaftstheorie zu klären.
    - Was ist soziales Handeln?
    - Wie ist soziale Ordnung möglich?
    - Was ist sozialer Wandel?

    Aus diesem Ansatz ergibt sich das erkenntnistheoretische Problem, das bereits in Bezug auf die Arbeit von Gerber dargestellt wurde. Im Wesentlichen die Frage, wie das intentional handelnde Subjekt im Rahmen seiner historischen Epoche einzuordnen ist und ergänzt in Anlehnung an Gerber, wie intentionales kollektives Handeln zu erklären ist. Ein Problem, dass Dreitzel in seinen Thesen zu „Theorielose Geschichte und geschichtslose Soziologie“ (in Wehler: S. 37 ff) als einen kritischen Bereich im Verhältnis von Historiographie und Soziologie thematiert hatte.

    Geschichte und Soziologie - Google Books

    Vor diesem Hintergrund ist die Arbeit von Mann, als Neo-Weberianer, einzuordnen und stellt den Versuch dar, im Sinne von M. Weber idealtypische Quellen der Macht herauszuarbeiten, die als Konstrukte der Formulierung von Theorien über reale Gesellschaften dienen (Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft). Dabei betont Weber, dass seine „Idealtypen“ zwar einen Bezug zu realen Gegenständen oder Prozessen aufweisen, aber nicht als die empirisch zu erkennenden Objekte gehalten werden dürfen.

    Was ist soziales Handeln? Dieser Frage wurde bereits teilweise in Anlehnung an die Arbeiten von Archer, die sich in ihrer Darstellung primär an Giddens und Habermas „abarbeitet“, in diesem Thread nachgegangen.

    Eine der zentralen Prämissen von Gesellschaft ist, dass sie auf dem intendierten und bewußten Handeln ihrer Individuen basiert, was natürlich auch die Effekten eines „nicht-intendierten“ Handelns umfaßt. So schreiben beispielsweise Berger und Luckmann (The Social Construction of Reality, FN 27) „ Since social reality allways originates in meaningful human actions“. Diese Sichtweise wurde beispeilsweise von Durkheim vertreten. Und Maurer und Schmid (Erklärende Soziologie, S. 60) formulieren resümierend: „Gleichwohl hat man sich offenbar darauf einigen können, dass jede Handlungstheorie darauf abstellt, das Handeln eines individuellen Akteurs als absichtsgeleitetes oder intentionales Handeln zu erklären.“

    Erklärende Soziologie: Grundlagen, Vertreter und Anwendungsfelder Eines ... - Andrea Maurer, Michael Schmid - Google Books

    Und grenzen sich mit dieser Aussage gegen die Formulierung von „Gesetzen“, im Sinne des Hempel Oppenheim-Schema (HO-Schema) ab. Vielmehr vertreten sie die These, dass es zwar eine gewisse „Gesetzmäßigkeit“ auf der Ebene der individuellen Begründung von Handeln gibt, aber aufgrund der Offenheit des Ergebnisses der sozialen Interaktion bzw. Kommunikation es zu keinem Ergebnis kommt, das auf gesetzmäßigen Annahmen basiert (Maurer & Schmid, S. 67).

    Für die Analyse individuellen menschlichen Handelns liegen eine Reihe von Theorien vor, die im Rahmen der analytischen Soziologie dargestellt werden, beispielsweise eine Übersicht in Hedström & Bearman (The Oxford Handbook of Analytical Sociology). Bezogen auf das konkrete Verhalten werden spieltheoretische Annahmen präferiert in Kombination mit Annahmen über die Bedeutung der Wertschätzung kollektiver Güter (vgl. Baldassari: Collective Action, S. 391ff).

    The Oxford Handbook of Analytical Sociology - Google Books

    In diesem Sinne bildet die Wertschätzung kollektiver Güter einen zentralen Anreiz für Individuen als Kollektiv zu agieren.

    Wie ist soziale Ordnung möglich? Der Ausgangspunkt für diese Fragestellung ist an dem Problem von Hobbes angelehnt, dem „bellum omnium contra omnes“. Eine Antwort basiert bei Mann (S. 34ff) auf bestimmten biologischen Konstanten wie beispielsweise dem Sexualtrieb, der mit der Gründung von Familien und der Arterhaltung verbunden ist. Vor diesem Hintergrund ergibt sich für die einzelnen Individuen der Anreiz zu kooperieren. Dieses äußert sich in der Gestaltung von ökonomischen Beziehungen und dem Wunsch, das Erreichte gegen externe Bedrohungen zu schützen. Da die permanente Durchsetzung von individuellen Interessen in der internen Struktur von „Gesellschaften“ (können auch Klan etc. sein) mit Hilfe von Gewalt negative Rückwirkungen auf die kollektiven Ziele der Gesellschaft haben kann, erfolgt eine Kodifizierung von Normen und damit die Ausbildung eines Rechtssystems. Neben der Wahrnehmung von materiellen Bedürfnissen werden ideelle Bedürfnisse beispielsweise von „Sinndeutung“ im Umfeld dieser Gesellschaften formuliert. (vgl. dazu auch beispielsweise : Wrong: Problem of Order; oder auch mit einem ökonomischen Schwerpunkt North u.a.: Violence and Social Order ).

    Problem of Order - Dennis Wrong - Google Books

    Violence and Social Orders: A Conceptual Framework for Interpreting Recorded ... - Douglass C. North, John Joseph Wallis, Barry R. Weingast - Google Books

    In diesem Sinne faßt Mann die Ursprungsdynamik folgendermaßen zusammen: „Die Geschichte verdankt sich vielmehr rastlosen Trieben, welche die Menschen veranlassen, verschiedene Netze extensiver und intensiver Machtbeziehungen zu knüpfen. In Verfolgung ihrer Ziele entwickeln die Menschen diese Netze weiter und lassen dabei die erreichte Stufe der Institutionalisierung immer wieder hinter sich. “ (Mann, S. 35). Dieser Prozess verstärkt dabei die soziale Differenzierung auch im Rahmen der Arbeitsteilung in Gruppen oder größeren sozialen Einheiten (vgl. zu Gruppenprozessen beispielsweise Homans).

    Theorie der sozialen Gruppe - George Caspar Homans - Google Books

    Die Institutionalisierung dieser sozialen Prozesse als Strukturen basiert dabei auch auf der gemeinsamen Vorstellungen und Normen, denen die Individuen in Form von „Kontrakten“ zustimmen und somit auch ein intentionales kollektiven Handeln ermöglichen (vgl. dazu beispielsweise: Gilbert: A Theory of Political Obligation).

    A Theory of Political Obligation: Membership, Commitment, and the Bonds of ... - Margaret Gilbert - Google Books

    Die Differenzierung der Gesellschaft erzeugt dabei spezialisierte Netzwerke von Individuen, in denen bestimmte gesellschaftliche Funktionen wahrgenommen werden. Diese Netzwerke sind geographisch und epochenspezifisch unterschiedlich aufgebaut, dennoch organisieren sie sich um die vier Organisationsformen von Macht (Mann, S. 46 ff). In Anlehnung an die Arbeiten von Weber weist Mann der“Ideologie“ eine wichtige eigenständige Funktion zu. Im Rahmen der institutionalisierten Netzwerke von Ideologien wird die Kontrolle über Bedeutungen organisiert. Die ethischen und die moralischen Werte werden als Normen verbindlich definiert und die Rituale und Zeremonien, die das gesellschaftliche Leben mit organisieren werden festgelegt. In Anlehnung an Durkheim kommt dabei der Formulierung der „Ideologie“ de Funktion zu, die gesellschaftliche Kooperation sicher zu stellen. Je komplexer die Gesellschaften organisiert sind, desto wahrscheinlicher ist die Institutionalisierung von „Ideologie“ als eine die gesamte Gesellschaft umfassendes Netzwerk, also eine Form von „Struktur“ wie beispielsweise in Form von „religiösen Glaubensgemeinschaften“. (vgl. dazu C. Geertz: The Interpretation of Cultures, besonders „Ritual and Social Change”, S. 141 ff).

    In ähnlicher Weise werden die ökonomische, die militärische und die politische Macht im Rahmen von sich überlappenden Netzwerken von Individuen konstituiert. Dabei stehen die „Meinungsbildner (vgl. auch Elitenbegriff bei Pareto oder Mosca) in diesen einzelnen Netzwerken in einem gewissen Spannungsverhältnis zueinander, das sowohl Kooperation als auch Konflikte zuläßt. Allerdings auch mit der Konsequenz einer Bildung von Oligopolen, wie Robert Michels in seinen Studien zu politischen Eliten betont.

    Die Konflikte finden zum einen zwischen den Teilnehmern der vier Macht-Netzwerke statt, aber sind auch zentraler Bestandteil der Rivalität innerhalb der einzelnen Organisationsformen von Macht. Eine der zentralen Konfliktlinien betrifft die Frage der Verteilung kollektiver Güter. Für die Neuzeit ist damit zunehmend die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit gemeint, die im Rahmen der „Aufklärung“ thematisiert wurde und durch Marx und Engels in das Zentrum ihrer gesellschaftlichen Analyse gerückt wurde.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. August 2013
  17. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Teil 2:

    Eine weitere komplexe Fragestellung, die zum einen die Produktion von Wissen betrifft und zum anderen die Frage der allgemeinen respektive politischen Sozialisation. Vor allem die Arbeiten von Karl Mannheim (Ideologie und Utopie) stellten bereits früh auf den engen Bezug des Denkens in Abhängigkeit von bestimmten sozialen Positionen ab. Und in diesem Sinne ist es richtig, von einer gewissen Stabilität der individuellen Überzeugungen auszugehen. Dennoch wird aber auch durch die Sozialisationsforschung betont, dass es durchaus zu einer lebenszyklischen Anpassung von Überzeugungen einzelner Individuen kommen kann. Und natürlich der Einfluss gravierender politischer Ereignisse, wie Revolutionen etc., die individuellen Überzeugungen verändern kann.

    Das Beispiel ist hervorragend geeignet, sowohl den Einfluss von schicht- bzw. klassenspezifischen Normen und der von Mannheim so bezeichneten „Generationslagerung“ zu illustrieren und illustriert das Problem der „ungeliebten Demokratie“.
    In der damaligen Situation nach 1918 konnten drei unterschiedliche Phänotypen sozialer Akteure identifiziert werden. Zum einen das monarchisch und traditionell geprägte konservative und nationalistische Bürgertum, die durch Gewerkschaften und die Sozialdemokratie organisierte Arbeiterschaft und das teilweise durch den Krieg entwurzelte, sich radikalisierende Kleinbürgertum. Die zentralen Wertvorstellungen dieser drei Gruppen resultieren dabei noch aus der Monarchie und diese Gemeinsamkeit hat den „Burgfrieden“ von 1914 erst ermöglicht. Durch den Krieg erlitten Teile des Kleibürgertums eine massive Deprivation und grenzten sich als „Jugendbewegung“ auch im Rahmen der Organisation der NS-Bewegung gegen das traditionelle Establishment ab. In diesem Sinne prägte die Generationslagerung, also die aktive Teilnahme am Kampf im Schützengraben von 14 bis 18, unter den Bedingungen des „Front-Sozialismus“ , eine Veränderung der politischen Normen und Werte.

    Und stand damit teilweise gegen die organisierte Arbeiterschaft, die auch den Krieg erlebt hatte, aber durch die Einbindung in die „Arbeiterkultur“ diese Erlebnisse in ihrer Mehrheit anders verarbeitet hatte wie das Kleinbürgertum. Allerdings sich teilweise ebenfalls radikalisierte via USPD und dann KPD (vgl. z.B. die Arbeiten von Eley oder auch von Mason)

    Wilhelminismus, Nationalismus, Faschismus: zur historischen Kontinuität in ... - Geoff Eley - Google Books

    Schriften des Instituts für Politische Wissenschaft - Timothy W. Mason - Google Books

    Ich stimme Dir weitgehend in Deiner Einschätzung zu. Bei M. Mann wird vor allem unter der makrostrukturellen Perspektive der Wandel der westlichen Gesellschaften thematisiert. Eine komplementäre, systematische Sicht auf Gesellschaft nimmt Bourdieu vor. Seine Theorie der Gesellschaft basiert auf einer mikrostrukturellen Sicht und er erklärt die Struktur der Gesellschaft als „sozialen Raum“, der nicht lediglich im hierarchischen Sinne als Ausprägung gesellschaftlicher Klassen organisiert ist, sondern zusätzlich durch die Verfügungsgewalt über „Kapitalsorten“. Dazu zählen beispielsweise das „ökonomische Kapital“ oder das „kulturelle Kapital“. Die Verfügungsgewalt über diese unterschiedlichen Kapitalsorten sind zum einen das Ergebnis der ökonomischen Verteilungskämpfe und zum anderen bilden sie die Voraussetzung für die Reproduktion von gesellschaftlichen Strukturen und erklären somit zum einen den sozialen Wandel von Gesellschaften, aber auch zum anderen ihre geringe soziale Mobilität. Dieses hatte er anhand der französischen Gesellschaft gezeigt.

    Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft - Pierre Bourdieu - Google Books

    Von Gorski und anderen wird das Potential seiner Theorie für die historische Analyse betont und es ist zukünftig mit entsprechenden Arbeiten zu rechnen.

    Bourdieu and Historical Analysis - Google Books

    Folgt man Bourdieu dann ist der Einzelne, im Umfeld seiner sozialen Lagerung, durch die Verfügbarkeit über eine bestimmte Menge an Kapitalsorten definiert. Diese Verfügbarkeit schlägt sich in unserem Verhalten, unserem Denken und unseren Präferenzen nieder. Diese Verfügbarkeit erzeugt einen bestimmten kollektiven Stil, den Bourdieu als „Habitus“ bezeichnet. Der Habitus ist nicht nur definiert durch die objektive Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, sondern wirkt auch als Erkennungsmerkmal und wird von ihm als „Distinktion“ bezeichnet. In diesem Sinne kann man innerhalb einer Gesellschaft die „Hochkultur“, die in der Regel durch die gesellschaftlichen Eliten definiert wird, von anderen „Alltagskulturen“ trennen.

    In diesem Kontext kann es durchaus zu einer raum-zeitlichen Verdichtung kommen und es ergeben sich spezifische Milieus. Ebenso ist es denkbar, dass sich Individuen im Umfeld von „Alternativ-Kulturen“ organisieren und ähnlich wie in den „Milieus“ abweichende kulturelle Stile praktizieren.

    Das einzelne Mitglied einer Gesellschaft ist damit einerseits durch seine Geburt entweder privilegiert oder in seinen Chancen eingeschränkt, dennoch entscheidet er durch seine Handlungen und seine Wahlen auch mit über seine zukünftige Position im sozialen Feld. Und prägt damit auch die Werte und Normen der Macht-Netzwerke, in denen er mit anderen interagiert.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. August 2013
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  18. fredi

    fredi Mitglied

     
    Zuletzt bearbeitet: 4. September 2013
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  19. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

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