Das Kaiserreich - modern oder autoritär?

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von derralf, 29. April 2005.

  1. derralf

    derralf Mitglied

    Wahrscheinlich wieder so eine Frage zu der es wenig wirklich konkretes zu antworten gibt (oder vielleicht (hoffentlich) doch?).
    An einigen Stellen im Netz liest man das das dt. Kaiserreich zwischen 1871 und 1918 ein (für damalige Verhältnisse) sehr moderner und demokratischer Staat war.
    Auf der anderen Seite hört man von Unterdrückungen, Parteiverboten, etc. pp.
    Wie passt das zusammen? War das Kaiserreich ein absolutistisches und autoritäres kaiserhöriges Gebilde - oder ein eigentlich demokratischer Staat mit einem Kaiser als Oberhaupt?
     
  2. ponzelar

    ponzelar Neues Mitglied

    ich glaube, das kaiserreich war modern und rückständig zugleich, je nach dem, aus welchem blickwinkel man es betrachtet.
    es wies z.b. auf reichtagswahlebene das allgemeine und gleiche wahlrecht aller MÄNNER auf, zu zeiten des kaiserreichs keine selbstverständlichkeit. aber die regierung war dem parlament nicht verantwortlich, sondern hing vom wohlwollen des kaisers ab. zudem war das preussische abgeordnetenhaus nach dem dreiklassenwahlrecht gewählt. die sozialdemokraten waren zwar durch die sozialsitengesetze behindert, konnten trotzdem bei wahlen zunehmdend erfolge und damit reichstagsmandate erringen.
    verwaltung, bildungssystem und militär galten als modern und vorbildlich, andererseits war die dominierende stellung des adels (des preussischen adels vor allem) für eine sich weiter modernisierende gesellschaft wenig zeitgemäß. das bürgertum stellte seine politischen ansprüche zurück, koalierte mit den alten mächten und konzentrierte sich aufs geld verdienen.
    technologisch gingen sehr viele erneuerungen von deutschland aus, in der kunst blieb man vergleichsweise rückständig.

    es ist schwer zu entscheiden, was überwog, rückständigkeit oder fortschrittlichkeit, für beides lassen sich zahlreiche "belege" finden. welchen man den vorrang einräumt, hängt ganz davon ab, aus welchem blickwinkel man das kaiserreich betrachtet, und vor allem auch, welchen maßstab man zugrundelegt. im übrigen kenne ich keine allgemein verbindliche definition, was denn fortschritt ist. eine sehr schwierige frage also.

    ponzelar
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. April 2005
  3. Teja

    Teja Neues Mitglied

    Meiner Meinung nach war das Kaiserreich modern. Es hatte z.B. das Sozialsystem von Bismark, es war eine Demokratie und auch eine Flotte (Risikoflotte), die selbst von England gefürchtet war.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Na, Du hast ja eine seltsame Vorstellung von Demokratie...
    Etymologie: Demokratie setzt sich zusammen aus demos 'Volk' und kratía 'Herrschaft', bedeutet also Volksherrschaft. Diese kann verschieden interpretiert werden. Z.B. versteht man unter Ochlokratie die 'Herrschaft des Pöbels' - dies nur mal als Negativvariante.

    Nun aber zurück zum Kaiserreich und zur Demokratie - da herrschte ein Dreiklassenwahlrecht. Das Dreiklassenwahlrecht funktionierte nach Steuerklassen. Auf jede Klasse kommt eine bestimmte Menge an Wahlmännern, welche durch die Wähler gewählt wurden. Das Problem: eine besserverdienende Minderheit stellt die gleiche Masse an Wahlmännern, wie eine schlechterverdienende Mehrheit. Meine Heimatstadt Essen ist dafür ein gutes Bsp.: Krupp konnte alleine soviele Wahlmänner wählen, wie seine gesamte Arbeiterschaft zusammen.

    Für mich ist das keine Demokratie, sondern der Versuch einem unzufriedenen Volk das Maul zu stopfen. "Ihr habt doch Wahlrecht, was wollt ihr denn mehr?!"

    El Quijote
     
  5. ponzelar

    ponzelar Neues Mitglied

    @el quijote: das dreiklassenwahlrecht galt nicht für den DEUTSCHEN REICHSTAG, sondern für das PREUSSISCHE ABGEORDNETENHAUS. bei reichstagswahlen galt als die stimme des herrn krupp nicht mehr, als die eines jeden seiner arbeiter.

    ponzelar
     
  6. Mercy

    Mercy unvergessen

    Für die Putzfrau
    allerdings nicht.
     
  7. Kirlon

    Kirlon Aktives Mitglied

    Du hast sein Eheweib vergessen! :p
     
  8. Arne

    Arne Premiummitglied

    Soviel ich weiß, wurde das Frauenwahlrecht noch in der letzten Zeit der kaiserlichen Regierung geplant, wohl auch um die in Kriegszeiten bedeutende Rolle der Frau zu würdigen, aber dann erst in der Republik eingeführt.:grübel:
     
  9. heinz

    heinz Neues Mitglied

    Lieber Arne,
    Du hast recht. Das Frauenwahlrecht wurde erst 1918 eingeführt. Während des Krieges hatten die Frauen in den Fabriken die Rolle der Männer übernommen.
    Das Kaiserreich war technisch modern und demokratisch nicht auf dem Stand der westeuropäischen Staaten. Neben dem Dreiklassenwahlrecht in Preußen bis 1918, wurde auch der Kanzler nicht vom Reichstag gewählt, sondern vom Kaiser ernannt. Prinz Max von Baden war glaube ich der erste Kanzler, der vom Parlament gewählt wurde. :rolleyes:
     
  10. Andanchamun

    Andanchamun Neues Mitglied

    Zu dieser Zeit war das Deutsche Kaiserreich modern wegen Industrie und Sozialpolitik. Im Gegensatz zu Großbritannien. Von einer Demokratie kann nicht die Rede sein, da das Kaiserreich schließlich eine konstitutionelle Monarchie war.
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil.... :D

    Im Ernst: Der Reichstag war doch im wesentlichen machtlos. Zwar hatten seine Mitglieder gewisse Rechte u.a. parlamentarische Immunität, aber der Reichstag konnte von Kaiser oder Reichsrat aufgelöst werden. Der Reichsrat wiederum wurde durch die Länderparlamente gestellt, deren Wahl nach dem Dreiklassenwahlrecht ablief.

    El Quijote
     
  12. Arne

    Arne Premiummitglied

    Die Hauptmacht lag m.W. im Genehmigen des Haushalts...
     
  13. Liesjailaeki

    Liesjailaeki Neues Mitglied

    ...was aber durch Erhöhen der Dauer des Genehmigens von glaube 4 auf 7 Jahre abgeschwächt wurde und auch nicht zu zu ernsten Komplikationen führte,denn als sich die Chance bot,wirklich etwas zu beeinflussen im August 1914,stellte sich die SPD hinter die Kriegskredite und den Kaiser.
     
  14. Klaus P.

    Klaus P. Aktives Mitglied

    Ein Zitat aus wikipedia klärt die Frage m.E.:
    "Die Verfassung des Deutschen Reiches von 1871 betonte das monarchische Element. Der Kaiser, der zugleich auch König von Preußen war, konnte die Reichsregierung ernennen und absetzen. Darüber hinaus konnte er internationale Verträge schließen, bestimmte über Krieg und Frieden und hatte den Oberbefehl über das Militär... Er berief zudem den Bundesrat und den Reichstag ein, den er auch auflösen konnte. Unter dem Kaiser stand der Reichskanzler, der faktisch zugleich Preußischer Ministerpräsident war und Vorsitzender des Bundesrats.
    Das stärkste Organ war der Bundesrat, der sich aus 58 Vertretern der 25 Länder zusammensetzte. Die Landesparlamente selbst wurden aber in großen Teilen Deutschlands (wie in Preußen und Sachsen) nach einem Dreiklassenwahlrecht bestimmt. Der Reichstag dessen Vertreter durch ein allgemeines Wahlrecht bestimmt wurden und der das demokratische Element repräsentierte, hatte nur eine schwache Stellung. Einzig die Etatbewilligung fiel in seinen Hoheitsbereich. Er wurde alle 3 Jahre gewählt, ab 1888 alle fünf Jahre. In ihm wurden zwar auch die Gesetze beschlossen, jedoch bedurften sie stets der Zustimmung durch den Bundesrat.
    Die Reichsverfassung sah ein ausgewogenes Machtverhältnis zwischen Kaiser und Reichskanzler vor, womit göttlich legitimierte Vertretung einerseits, die Vertretung legitimiert durch die Bevölkerung andererseits gewährleistet sein sollte. Allerdings hinkte das demokratische Element - der Reichstag: Bis 1918 waren nur Männer wahlberechtigt, der Reichskanzler als alleiniger verantwortlicher Minister wurde nicht vom Parlament gewählt, sondern vom Kaiser eingesetzt. Des Weiteren war bis 1888 die Politik mehr von Reichskanzler Bismarck, fortan mehr von Kaiser Wilhelm II bestimmt."
    (http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Kaiserreich)
    Der Verfassungstext in voller Länge steht bei
    http://www.documentarchiv.de/ksr/verfksr.html

    Die Modernität der Industrie war relativ. Zwar war im Dt. Reich um 1890 die Phase der Industrialisierung abgeschlossen, z.T. durch illegalen Technologietransfer aus GB, aber die Briten waren in vielen militärtechnischen Dingen, vor allem beim Kriegsschiffbau, den Deutschen überlegen.
    Übrigens verkauften Deutsche Unternehmen (ich glaube u.a. Krupp) Lizenzen für Schießgerät auch an die Briten, die diese nach Kriegsende - ganz modern - auch für die Nutzung während der Kriegszeit noch den deutschen Industriellen bezahlten.
     
  15. hyokkose

    hyokkose Gast

    Um nicht zu sagen: Die einzige Macht. Und sogar diese "Macht" stand auf unsicherem Grund, denn wenn es Kaiser und Bundesrat nicht paßte, konnte der Reichstag aufgelöst werden.

    In den 1860er Jahren hatte Bismarck schon vorexerziert, was in solchen Fällen zu tun ist. Als nämlich das preußische Abgeordnetenhaus den Militärhaushalt nicht genehmigte, regierte Bismarck einfach ohne genehmigten Haushalt weiter und ließ so lange das Parlament auflösen und wieder neu wählen, bis es am Ende klein beigab und die verfassungswidrigen Etats der vergangenen Jahre nachträglich genehmigte.

    "Dieses Deutsche Reich war in seiner Gründung und Struktur kein von einer parlamentarisch-demokratischen Volksbewegung getragener Staat, sondern ein konstitutionell beschränkter monarchisch-obrigkeitlicher Bundesstaat der verbündeten deutschen Monarchen und Regierungen.
    Die vier Organe des Deutschen Reiches waren der Kaiser, der Kanzler, der Reichstag und der Bundesrat. Der Kaiser hatte hierbei weitreichende Machtbefugnisse. Er bestimmte die Außenpolitik, hatte die militärische Kommandogewalt inne, entschied über Krieg und Frieden, bestimmte über Einberufung, Vertagung, Schließung und Auflösung des Reichstages und ernannte den nur ihm verantwortlichen Reichskanzler. Dieser wiederum ernannte die ihm verantwortlichen Staatssekretäre für die Ministerressorts und hatte den Vorsitz im Bundesrat.
    Die verbündeten Regierungen der deutschen Länder schickten, entsprechend der Landesgröße und Bevölkerungszahl, weisungsgebundenen Gesandte als ihre Vertreter in den Bundesrat. Das Recht dazu Gesetze vorzuschlagen, Gesetze zu erlassen, den Reichstag aufzulösen und die Reichsexekution zu beschließen, räumte dem Bundesrat formal eine beherrschende Stellung im Deutschen Reich ein."


    (http://www.geschichte.tu-bs.de/Studienfuehrer/1870/QL dt_verfassung.html)
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 30. April 2005
  16. Arne

    Arne Premiummitglied

    Für die Kolonien, sprich das Reichskolonialamt, war der Reichstag zumindest recht wichtig, denn der "saß auf dem Geldsack", aus dem das Geld für die Kolonialprojekte genommen wurde.
    Vielleicht ein Grund, warum es - im Verhältnis zu drängenderen tagespolitischen Themen - so viele Reichstagsdebatten um Kolonialthemen gab. Dort gab es dann auch mal Gelegenheit für die Abgeordneten der Regierung für manches Ärgernis eins auszuwischen. ;)
     
  17. collo

    collo Aktives Mitglied

    irgendwie ist diese diskussion an mir vorbeigegangen:

    zurück zur fragestellung, modern oder autoritär, ist autoritär immer veraltet, bedeutet modern immer demokratisch?

    das kaiserreich war bei seiner gründung 1871 ein moderner staat, demokratischer in seiner bundesstaatlichen verfassung als z.b. grossbritannien. der reichstag mochte zwar verfassungsmäßig nur eine kleine rolle gespielt haben, aber er wurde zunehmend wichtiger und gegen ende (vor dem krieg) konnte kein kanzler gegen den reichstag regieren, auch wenn er de jure nicht von ihm abhängig war. im sozialpolitischen bereich war kein staat "moderner". die wirtschaft wurde zur modernsten in ganz europa, v.a. die damalige "high-tech" chemie- und elektro-industrie. das bgb wurde eingeführt...

    gleichzeitig gibt es genauso viele gegenbeispiele, wie veraltet und autoritär das kaiserreich war: dreiklassenwahlrecht in preussen; keine parlamentarische regierung; ein offizierskorps, welches als reaktionär zu bezeichnen war; die behandlung nationaler minderheiten...

    das "pech" des kaiserreichs war es m.e., dass der erste weltkrieg die entwicklung zu einer modernen monarchie nach englischen vorbild unterbrochen hat. aber das ist mal wieder reine sepkulation.
     
  18. Kirlon

    Kirlon Aktives Mitglied

    Das "Pech" dieses Kaiserreiches war es vor allem, dass es 1888 einen Hanswurst als letzten Kaiser bekam. :rolleyes:
     
  19. collo

    collo Aktives Mitglied

    der schon vor 1914 immer mehr ins politische abseits gedrängt wurde.
     
  20. Kirlon

    Kirlon Aktives Mitglied

    Eben - weil er ein Hanswurst war.

    Die Intention meines Beitrages war sowieso eine andere. Ich bin dankbar dafür, dass wir in Deutschland keine Monarchie (in welcher Form auch immer) mit einem nicht-demokratisch legitimierten Staatsoberhaupt zu ertragen haben. Auch den Briten droht demnächst wieder ein Hanswurst an der Spitze...
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Mai 2005

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