Das projektierte russisch-britische Marineabkommen 1912/14

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Repo, 2. März 2010.

  1. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Mir war bisher nicht bekannt, das die russische Wirtschaft 1914 schon soo gut aufgestellt war. Wieder was dazu gelernt.
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ich wollte mit dem Hinweis allerdings weniger auf den Status, als auf das Tempo der "Aufholjagd" hinweisen, siehe zB

    Russian Monetary Policy and Industrialization, 1861-1913
    Paul Gregory and Joel W. Sailors
    JSTOR: An Error Occurred Setting Your User Cookie
     
  3. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Nochmals zurück zu der deutschen Einschätzung Großbritannien aus dem Krieg heraushalten zu können.

    Bethman schrieb am 18.12.12 an dem Kaiser:

    "Daß ein Krieg mit Rußland für uns auch einen Krieg mit Frankreich bedeutet, ist sicher. Dagegen ist es nach vielfachen Anzeichen zum mindestens zweifelhaft, ob England aktiv eingreifen würde, wenn Rußland und Frankreich als die Prvocierenden erscheinen." (1)

    Am 24.04 1913 äußerte Bethmann:

    "Ein künftiger Krieg aber werde ein Weltkrieg sein und Deutschland habe mit gleichzeitiger Gegnerschaft von Rußland und Frankreich zu rechnen, dies lasse sich jetzt nicht ändern [...] Wie England sich verhalten werde, wisse England wohl selbst noch nicht." (2)

    Am 05.06.1914, also nach Kenntnis der Verhandlungen um eine Marinekonvention zwischen Großbritannien und Russland:

    "Die Beziehungen zu England seien in jüngster Zeit nicht besser geworden. Bethmann sagte mir fatalistisch resegniert: wess es Krieg mit Frankreich gibt, marschiert der letzte Engländer gegen uns." (3)

    Der bayrische Gesandte berichtete am 04.06.14 üer die Einschätzung Bethmanns, das die Inselmacht jetzt gegen Deutschland stand und wir England nicht auf unsere Seite finden würden, wenn es zum Krieg kommen würde. (4)

    Die Einschätzung Bethmanns war also durchaus schwankend, aber vor der Julikrise in Kenntnis der britischen russischen Verhandlung pessimistisch. Wieso ging Bethmann dann in der KRise davon aus, Großbritannien herauhalten zu können? Oder war das wohlmöglich nur Kalkül gegenüber dem Kaiser, um jetzt den "eisernen Ring" zu sprengen? Schließlich wurden ja auch m.W. nach die Einschätzungen Lichnowsky den Kaiser nicht zugänglich gemacht, denn auf diesen Schriftstücken fehlt Wilhelms Namenszeichen,; es hatte diese Dokumente nicht abgezeichnet gehabt.


    (1) Bethmann an Wilhelm 18.12.12, GP 39 15560/9
    (2) Gravenitz an Weizsäcker, 24.04.13, HStAS, E50/03
    (3) Bassermann an Schiffer, 05.06.14, BA-K,NL Schiffer, N1191/I Nr.6,fol 11
    (4) Lerchenfeld an Hertling, 04.06.14, Deuerlein Briefwechsel I 97/296
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    War hier mglw. die Übernahme der Einschätzungen der Militärs entscheidend, die die britischen Einwirkungsmöglichkeiten für den Fall des "kurzen Krieges", um nicht den Begriff "Blitzkrieg" zu verwenden, vernachlässigten? Kalkuliert wurde doch lediglich der Landkrieg bis zur Vernichtungsschlacht, Moltke wie Schlieffen sahen die voraussichtlich "100.000" Briten an der belgischen Flanke als kleinstes Problem an.

    Noch ein Hinweis auf den Trend in der aktuellen deutschsprachigen Literatur, sich der britischen Politik vor 1914 endlich global zuwenden, und den früher vorherrschenden Bezug auf das Deutsche Reich in den angemessenen Kontext zu stellen:

    Andreas Rose: Zwischen Empire und Kontinent - Britische Außenpolitik vor dem Ersten Weltkrieg, 2011. Aus dem Verlagstext:

    "Europa vor dem Ersten Weltkrieg: Im Zentrum der internationalen und globalen Beziehungen agiert die Weltmacht Großbritannien. Auf allen Ebenen der Diplomatie versucht es die alten Bündnisse der europäischen Staaten aufzubrechen. Die Geschichtswissenschaft hat diese Bemühungen bisher als Reaktionen auf die aggressive Außenpolitik des Deutschen Kaiserreiches interpretiert. Andreas Rose kann dagegen aufzeigen, wie sehr die englische Außenpolitik von ganz anderen Interessen getrieben wurde: innerbritischen, kontinentalen und imperialen. Der Autor entwirft den politischen Raum Londons, in dem über außen- und sicherheitspolitische Maßnahmen intensiv diskutiert wurde und aus dem heraus Entscheidungen getroffen wurden. Auf breiter Quellenlage bezieht er damit erstmals systematisch die komplexe Innenseite britischen Außenverhaltens mit ein und betrachtet darüber hinaus das Spannungsverhältnis imperialer und europäischer Interessen und Motive. Dabei wird deutlich, dass von einer parteiübergreifenden Kontinuität ebenso wenig die Rede sein kann, wie von einer überwiegend altruistischen Balancepolitik. Gerade die zunehmende Unterstützung Russlands, namentlich auf dem Balkan, brachte keine gleichgewichtspolitische Entlastung, sondern schuf ein zusätzliches Gefahrenpotential, welches sich bis 1914 nicht mehr beruhigen sollte."
     
  5. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Schwer zu sagen. Moltke war noch 1913 sehr überheblich, in dem er ausführte, das er dann auch noch die 500.000 Briten auf sich nehmen würde. 1914 allerdings sah er das britische Expeditionskorps wohl doch etwas anders, denn er sah mit Sorge einem möglichen britischen Kriegseintritt entgegen.

    Rose habe ich schon gelsen und ist sehr interessant.:)
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Juli 2011
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Stig Förster formuliert das radikal, um einmal die knackige Zusammenfassung von Showalter (From Deterrenee to Doomsday Machine: The German Way of War, 1890-1914, S. 679) zu zitieren:

    "Stig Förster makes a strong case that the German General Staff, defying its own evidence, consciously plunged Germany into war in 1914 knowing it would not and could not be the short conflict that was the only kind of war the Second Reich stood a chance of winning and surviving, "Suicide from fear of death" is Förster's mordant verdict on a military system that preferred annihilation to life in a "modern, pluralistic, industrial society." [*]

    Damit war Moltke d. J. angesprochen, Akteur in den Julitagen. Moltke d.Ä. hatte dagegen zum Ende seiner Karriere eine durchaus pessimistische Sicht der Dinge und überwies die Kriegsvermeidung (um jeden Preis?) an die Politik, da das Militär den Kriegsgewinn angesichts der bestehenden Machtkonstellationen nicht garantieren könne:

    "Any sensible government, Moltke declared in 1891, must hesitate to go to war under existing social, political, and technological conditions. The next conflict might last for seven years or for thirty, and "woe to him who sets Europe ablaze."
    Auch darauf hebt wiederum und in scharfem Kontrast Stig Förster ab: "Facing 'Peoples War': Moltke the Elder and Germany's Military Options after 1871, Journal of Strategic Studies 1987, S. 209-230.

    Das Primat der Politik war jedenfalls unter Bismarck erhalten geblieben, auch in den diversen Phasen von Präventivkriegsüberlegungen und "Krieg-in-Sicht"-Debatten. Das hatte sich insofern radikal verändert, als nunmehr die militärischen Erfordernisse eines Schlieffen-Planes den (Zeit-)Takt für die Politik vorgaben. Dabei ist von Militärs auszugehen, die seit Schlieffen den Krieg auf "pure Abstraktion" der Planung reduziert hatten (Keegan, The First World War, 1999, S. 35). Und das lag nicht an der zunehmenden Bedeutung von Industrie, Eisenbahnen etc. Der Politik wurde eine Planung "übergeben", die keinen "Plan B" umfasste, wenn der Zeitplan aus den Fugen geraten würde - siehe Wilhelms II. Frage an Moltke, ob der deutsche Aufmarsch in letzter Minute auch auf Rußland 'umgesteuert' werden könnte.

    Showalter resümmiert: "The Schlieffen Plan was only the most visible element of a military myth developed between 1890 and 1914: a myth not merely expecting but requiring everything to go improbably right almost all of the time." So marschierte man sehenden Auges in die Katastrophe, ohne Warnungen an die Politik, denn das hätte die Status der Armee zutiefst erschüttert, und das Kaiserreich von unten nach oben wälzen können - die Armee als Basis der Monarchie hätte vor dem ersten Schuss versagt, weil sie keine generalstabsmäßige Lösung für die gegebene militärische Machtlage mehr hätte bieten können.

    Nicht einmal Zweifel wurden rechtzeitig gestreut, die Moltke d.Ä. bereits 25 Jahre zuvor formuliert hatte. Mit dem Siegplan in der Hand erfolgten Besprechungen mit der Politik, so beim "Kriegsrat 1912", der nur die Wahl des Zeitpunktes problematisierte. Hier wäre die Chance für Moltke d.J. und Tirpitz gewesen, Warnungen anzubringen, die möglicherweise eine professionelle Außenpolitik hätte umsetzen können.

    Nichts davon erfolgte - und Falkenhayn lamentierte am 4. August 1914, als zu spät war: "auch wenn wir untergehen, schön war's". Und Gröner als ein Vertreter der jungen Technokraten unter den Offizieren machte sich am 3.9.1914 Gedanken, dass sich die französische Armee bereits derart in Auflösung befände, dass man in wenigen Tagen nichts mehr haben werde, mit dem man den Friedensvertrag verhandeln könne. Wenige Tage später schwenkte der frisch begonnene Weltkrieg von der schwungvollen Offensive in ein jahrelanges Volkskriegs-Gemetzel. Moltke d.J. erlitt in Ansehung der Konsequenzen dann seinen nachvollziehbaren Zusammenbruch.

    [*] Der deutsche Generalstab und die Illusion des kurzen Krieges 1871-1914. Metakritik eines Mythos, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 1995, S. 61-9

    Das projektierte brit.-russ. Marineabkommen war in diesen Dimensionen nur eine Marginalie. Für einen Präventivkrieg unter diesen Umständen taugte wohl kaum eine visionäre Machtkonstellation, die mit einer noch auszubauenden russischen Flotte etwa des Jahres 1924 kalkuliert. Die Realitäten zu Land, wo dieser Krieg entschieden werden würde, waren bereits gegeben. Es hätte aber als letzte Warnung taugen können, den Krieg nicht zu riskieren. Diese Hürde war für die bürokratisierten Generalstäbler 30 Jahre nach Moltke d.Ä. nicht zu überwinden - es hätte wohl der Selbstverleugnung gleichgestanden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Juli 2011
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  7. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ganz klar, der Primat der Politik war durch den Primat des Militärs ersetzt worden. Aber das AA und auch der Reichskanzler zeichnen in der Julikrise, auch wenn Moltke meinte eine nebenaußenpolitik betreien zu können, maßgeblich verantwortlich dafür, das der Weltkrieg nicht verhindert wurde. Das gilt es doch festzuhalten.

    Des Weiteren ist es m.E. nach vollkommen unverständlich warum Leute wie Jagow oder Stumm in voller Kenntnis des Schlieffenplans sich einbildeten Großbritannien aus dem Konflikt herauhalten zu können; erst Recht gilt dies nach Kenntnisnahme der Marineverhandlungen, die ich sicher nicht überbewerten möchte, aber eben auch nicht als Marginalie sehe. Ich glaube schon, das ihr eine gewisse Wirkung nicht abgesprochen werden kann. Bei Bethmann ist dies ganz gewiss der Fall. Es hat ihn schion sehr enttäuscht, das Grey insgesmat dreimal und später auch Ballin in dieser Frage nicht die Wahrheit gesagt hat. Es war doch ganz klar, das so ein Abkommen nach Lage der Dinge eine antideutsche Spitze haben würde.
     
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  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Dann die Anschlussfrage: welche Rolle spielten die obersten Militärs im Kontext 1914, speziell in der Julikrise, und hierin unterschieden vor und nach dem 25.7.1914.

    Moltke d.J. hat seit 1911 mehrfach betont, dass ab einem gewissen Zeitpunkt die Stunde der Diplomatie abgelaufen ist, und allein die militärischen Erfordernisse den Ablauf bestimmen. Gradezu prophetisch hat er dabei den 30.7 bis 1.8.1914 vorweggenommen.

    Wie ist die Rolle von Moltke (und Tirpitz) beim Kriegsausbruch zu bewerten?
     
  9. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ich ziehe Falkenhayn in die Betrachtung mit ein, da er m.E. nach eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Julikrise spielte. Falkenhayn wurde am 05.Juli 14 dienstlich mit dem Mord in Sarajewo befasst. Wilhelm hatte ihn, Moltke weilte auf Kur in Karlsbad, zu einer Besprechung geladen, in der das Handschreiben Franz-Josephs und die Denkschrift der Österreicher vorgestellt wurden. Wilhelm fragte Falkenhayn ob das Heer kriegsbereit sei, was von Falkenhayn bejaht wurde. Darüber informierte Falkenhayn per Brief Moltke. Aus den Zeilen Falkenhayns ist zu erkennen, das Falkenhayn weder sonderlich aufgeregt, beunruhigt war. Er hat die ganze Tragweite des Attentats zu jenem Zeitpunkt noch gar nicht voll erfasst gehabt. Er brachte zum Ausdruck, das Moltke seine Kur nicht vorzeitig abbrechen müsse. Am 08.Juli trat Falkenhayn eine Dienstreise an und anschließend ging es in dem Urlaub auf der Insel Juist. Man darf also getrost schließen, das Falkenhayn und wohl auch Moltke jetzt nicht von einem Krieg ausgingen. Falkenhayn kehrte am 24.Juli aus dem Urlaub zurück.

    Tirpitz spielte in der Julikrise bis zum 27.07., bis zu diesem Zeitpunkt weilte er in Engadin, eigentlich keine nennenswerte Rolle. Am 06.07.14 hat Capelle Hopmann über die Vorgänge im Neuen Palais unterrichtet. Die Flotte sollte für alle Fälle mobilisiert werden, was am 07.07. auch abgeschlossen war. Am 11.07.14 schrieb Tirpitz an Hopman, das er die Hoffnung habe, das sich das Gewitter verzieht oder zumindest noch ein paar Wochen warten würde. Des Weiteren brachte Tirpitz die absurde Hoffnung zum Ausdruck, dass man sich dann mit Russland verständigt haben könnte um dann gemeinsam gegen England vorzugehen. (2)

    Am 26.Juli, Moltke war am jenem Tag aus Karlsbad zurückgekehrt, beriet er sich mit Waldersee, informierte sich bei Jagow und telefonierte auch mit Falkenhayn. Gegenüber seiner Frau äußerte er, die Lage sei noch ungeklärt. Irgendwelche Maßnahmen sei nicht erforderlich.

    Ersten Zwischenfazit: Es waren die Politiker, die das Heft in der Hand hielten und nicht die Militärs. Man könnte aber meinen, dass die Politiker eben keine diplomatischen Künste mehr aufwendeten, um eine militärische Auseinandersetzung zu vermeiden, sondern um diese herbeizuführen. Die deutschen Militärs spielten bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Rolle.
    Teil 2 folgt später.


    (1) Berghahn/Deist, Kaiserliche Marine und Kriegsausbruch 1914, Nr.2 hier zitert nach Hopmann, Das ereignisreiche Leben eines Wilhelminers, S.387
     
  10. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Als Wilhelm II. Kenntnis von der serbischen Antwortnote bekam, war er der Ansicht, dass es keinen Grund mehr für einen Krieg gäbe. Er war auch bereit, auf die britische Vermittlung einzugehen.

    Das gefiel Falkenhayn gar nicht. Er hatte bekanntermaßen schon mehr als einmal gefordert, „das der große Friedenskaiser Wilhelm II. durch seine Ratgeber zum Kriege gedrängt werden solle.“ (1) Falkenhayn hatte bereits am 27.07. veranlasst, das alle Garnisonen, die nicht zu Truppenübungsplätzen unterwegs waren, festgehalten werden. Des Weiteren wurden die Behörden der Bahn aufgefordert „Bahnschutz“ zu leisten und im großen Stil Weizen aufzukaufen. Falkenhayn wurde jetzt aktiven zum Kriegstreiber. Auch wollte Falkenhayn den Zustand der drohenden Kriegsgefahr am 29.07.14 durchsetzen. Falkenhayn drängte in dieser Phase viel stärker auf Krieg als Moltke.

    Am 28.Juli überreicht Moltke Wilhelm eine überaus pessimistische Denkschrift „zur Beurtheilung der politischen Lage“. Es ist ein Klagelied über die bescheidene strategische Lage des Deutschen Reichs. Von Präventivkrieg kein Wort. (2) Moltke wünschte aber Klarheit, ob Frankreich und Russland es auf einem Krieg ankommen lassen wollten.

    Am 30.Juli stellte Moltke gegenüber dem österreichischen Hauptmann Fleischmann fest, das „die schon gewohnheitsmäßigen Mobilisierungen und Demobilisierungen, müssten im Gegensatz zur deutschen Mobilmachung nicht unbedingt den Krieg auslösen. (3) Gleichzeitig stand im Berliner Lokalanzeiger zu lesen, das Moltke für die sofortige deutsche Mobilmachung einträte. Ebenfalls am 30.07. wurde Moltke bei Bethmann vorstellig und drängte diesen zur Mobilmachung. Des Weiteren telegrafierte Moltke an Conrad, „ russische Mobilisierung durchhalten; Österreich-Ungarn muss erhalten blieben, gleich gegen Russland mobilisieren. Deutschland wird mobilisieren. Italien durch Kompensationen zur Bundespflicht zwingen.(4)

    Am Abend des 30.Juli überzeugten Moltke und Falkenhayn gemeinsam Bethmann und Jagow am nächsten Tage endlich eine Entscheidung zu fällen. Treibende Kraft dieser Aktion war Falkenhayn gewesen.

    Tirpitz machte sich am 27.07. Sogen darüber, das ÖU zu schlapp sei und dies auf das Deutsche Reich zurückfallen würde. Am 28.07. riet Tirpitz den Chef des Marnekabinetts nicht für ein schwächliches Nachgeben einzutreten. Am 29.07.,als die ersten Meldungen über die britischen Vorkehrungen bekannt wurden, ließ Tirpitz das III.Geschwader nach Wilhelmshaven verlegen. Als Tirpitz am 30.Juli Kenntnis davon erhielt, das Großbritannien gemäß Grey keinesfalls neutral bleiben würde, fühlte er sich in seiner Einschätzung bestätigt.

    Erst jetzt begriff man im Reichsmarineamt wie ernst die Lage tatsächlich war. Noch am 03.August 14 verbot der Admiralstab das Auslaufen der Hilfskreuzer, da man irgendwie darauf hoffte, Großbritannien könnte noch herausgehalten werden.

    Es bleib also festzuhalten, das in der Julikrise nicht von einem Primat des Militärs gesprochen werden kann. Es waren das Auswärtige Amt und der Reichskanzler die das Krisenmanagement bis zum Ende innehatten und so auch ganz maßgeblich am Ausbruch dieses Krieges schuldig sind.

    (1) Afflerbach, Falkenhayn, S.154
    (2) Meyer Arndt, S.151f
    (3) Hoffmann, Sprung ins Dunkle, S.218
    (4) Julikrise 14, S.271
     
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Diese Denkschrift enthielt allerdings die militärische Forderung, dass Deutschland auf eine Teil-Mobilisierung Rußlands mit einer General-Mobilmachung [aus Zeitgründen] reagieren muß. Hintergrund war natürlich der Schlieffen-/Moltke-Plan.

    Albertini kam in seinem Werk über die Ursprünge des Ersten Weltkrieges daher zu dem Schluss, dass dieses Memorandum "den Einbruch der militärischen Autoritäten auf das Feld der Politik" markiert. Moltke beschrieb einen Dominoeffekt der Mobilisierungen, wie er dann auch stattfand. Der Zusammenstoß ÖU mit Rußland wurde (ohne Beachtung laufender politischer Aktivitäten, so zB auch Englands) als unvermeidlich hingestellt.

    Und noch interessanter: bereits zwei Tage zuvor, am 26.7.1914, übergab er dem Auswärtigen Amt den Entwurf der Note,
    - die mit geringfügigen Korrekturen an Belgien gehen sollte,
    - das Ultimatum enthielt,
    - und die Aussage, es gäbe verläßliche Informationen über Frankreichs Vorgehen in derselben Weise.

    Mombauer, Helmuth von Moltke and the Origins of the First World War, s. 182ff.

    Ich stimme Dir zu, dass die Begleitung der Julikrise durch die Militärs in der ersten Phase eher atmosphärischer Art, als eine Art Hintergrundrauschen in Form der existierenden Mobilmachungs- und Angriffspläne (mit der Siegoption) gewirkt hat.

    Bethmann-Hollweg selber hat 1917 in einem Brief an Hausmann diese Rolle der Militärs auf dem Weg zu einem Präventivkrieg beschrieben.
     
  12. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Sehr interessant. Das war mir bisher noch gar nicht bekannt. Da hat Moltke sich ja ganz schön aus dem Fenster gelehnt, aber den Herren aus dem AA war es wohl nur recht.
     
  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Rolle der Militärs müßte man für diese letzten 6 Tage, abgesehen vom Anfang Juli gegebenen Kontext, näher untersuchen.

    Bei der Entscheidung zum Krieg war Moltke anwesend. Das "je früher, je besser" hatte er schon im Dezember 1912 plaziert. Seinen ersten Zusammenbruch erlebte er, als Wilhelm wegen der Nachricht aus London eine Division (vorübergehend) anhalten ließ, die ab dem folgenden Tag gemäß Schlieffen-Planung in Luxemburg Positionen besetzen sollte.
     
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Frage zielt eigentlich hierauf:

    "Erst als es durch das Versagen der Risikostrategie keine Alternative mehr gab, entschloss man sich zum Krieg, wobei noch bei Kriegsbeginn die Anhänger der Risikostrategie die Macht innehatten, und den Weltkrieg nach Möglichkeit verhindern respektive auf Russland begrenzen wollten. Im Sinne der Münklerschen Imperiumstheorie ist das beinahe verwirklichte deutsche Imperium daher nicht durch einer Gruppe von Machthabern im Zentrum, sondern durch die Sogwirkung der Peripherie sowie durch Einflussnahme unbefugter Randpersonen entstanden."

    Das Verhalten der deutschen Führung in der Julikrise 1914 - E-Theses

    "Noch Ende Mai / Anfang Juni drängte Moltke den Leiter des Äußeren Amtes Gottlieb von Jagow genau aus diesen Gründen eindringlich zur politischen Vorbereitung eines (in seinen Augen präventiven) Angriffskrieges, welches von diesem jedoch (zumindest laut seiner eigenen, späteren Aussage) abgelehnt wurde." (S.79)

    "Zur gleichen Zeit, als Bethmann Hollweg Wien dringend zur Annahme der Verhandlungsvorschläge mahnte, verlangte Moltke heimlich als Chef des Generalstabs von Hötzendorf, seinem österreichischen Gegenüber, die sofortige Mobilmachung der gesamten österreichisch-ungarischen Streitkräfte, also nicht nur gegen Serbien sondern auch gegen Russland" (S.93)

    "Berchtold: „Das ist gelungen! Wer regiert: Moltke oder Bethmann?“. Dies war umso bedeutender, als Wien bereits auf die Deeskalationsversuche der zivilen deutschen Führung zu reagieren begonnen hatte, nun aber von Moltke wieder umgestimmt und in ihrem harten Kurs bestärkt wurde" (S.93)
     
  15. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Nun ja, Bethmann sein plötzliches Drängen auf Annahme kam ja reichlich spät; quasi schon 5 nach 12. Er hätte, als der Kaiser ihm seine Direktiven übermittelte ohne schuldhaftes Verzögern handeln müssen und genau dies hat er nicht getan. Das gleiche gilt auch für Jagow, Zimmermann und Stumm. Die vier Herren haben die Anweiung bewußt verschleppt und in Wien die Dinge ihren Lauf nehmen lassen.

    Motlkes Schreiben an Conrad habe ich ja schon weiter oben erwähnt gehabt. In der Summe waen die Militärs Ende Juli sicher Kriegstreiber, wobei ich bei Moltke den Eindruck habe, das er lange Zeit unentschlossen war und nicht so recht wußte,was er eigentlich wollte. Falkenhayn musste ihn " erst auf die rechte Kiregsschiene setzten". Nach meinem bisherigen Erkenntisstand neige ich aber dazu, die Hauptverantwortung bei Bethmann und dem AA festzumachen.

    Ich denke auch Conrad war vollkommen klar, wenn er zur endgültigen Abrechung mit Serbien schreiten wollte, und das wollte er ganz gewiss, das ÖU dafür unbedingt die Rückendeckung des Deutschen Reiches benötigt würde. Russland würde jedenfalls nach 1908 nicht noch einmal tatenlos beiseite stehen. Der Schlüsssel war die britische Haltung.

    Motlke und Co. haben ja eigentlich die Jahre vor dem Weltkrieg immer dem Präventivkrieg das Wort geredet. Motlke war 1912 doch richtiggehend sauer auf Tirpitz, da die Marine mal wieder nicht feritg sei.
     
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  16. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Die Einschätzung von Müller, das Tschirschky eine eigene Politik betrieb vermag ich nicht so recht teilen. Tschirschky hatte zu Beginn der Krise sehr besonnen agiert und wurde erst durch die Anmerkungen Wilhelms zum Kriegstreiber. Des Weiteren hat er fortlaufend aus Wien, beispielsweise am 10.07., 11.07. und 14.07. nach Berlin berichtet. Wenn man dort mit seinen Aktionen nicht einverstanden gewesen wäre, dann hätte man dies unterbinden müssen. Auch das Bethmann-Hollweg ein Kanzler gewesen sei, den es um nur Erhalt seines Amtes ging, halte ich auch für etwas weit aus dem Fenster gelehnt.
     
  17. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Moltke hatte seine Denkschrift „Zur Beurtheilung der politischen Lage“ am 29.Juli 14 auch Bethmann zukommen lassen. Am 30.Juli bedrängte er mittags Bethmann, da er meinte jede Stunde sei wichtig. Bethmann hingegen ging es um den Taktischen Vorteil, nämlich Rußland mit dem Odium der Schuld am Kriege belasten zu können. Moltke betrieb jetzt seine eigene Außenpolitik, die in Wien nicht für Irritation sorgte.

    Grund für Moltkes Drängen war Meldungen des Nachrichtendienstes, aus denen hervorging, das Rußland deutlich mehr Korps mobilisiert hat, als angenommen. Das Telegramm, weches Conrad erst am nächsten Tage in Händen halten sollte, trug er Berchthold vor und dieser dem Kaiser. Dieser lehnte alle deutschen Forderungen ab.

    In der Zwischenzeit hat Pourtales mit Sasonow eine Formel gefunden, auf die sich die Mächte hätten einigen können. Als Bethmann davon Kenntnis bekam, äußerte er, „Welche Punkte des österreichischen Ultimatums hat Serbien überhaupt abgelehnt.?“ Er meinte, es ginge doch nur um die Teilnahme österreichischer Beamter an den Gerichtsverhandlungen. Aber irgendwie blieb Bethmann merkwürdig passiv.

    Tschirschky meldete aus Wien, das der Ballhausplatz gesprächsbereit sei. Bethmann reagierte nicht. Auch das AA blieb passiv. Man mutmaßte wohl, dass diese Bereitschaft nur vorgetäuscht war. Aber ist energisch darauf eingegangen! Nach dem Kriege versuchten die Herrn sich zu rechtfertigen, man hätte die Sasonowlösung für ungeeignet gehalten etc.etc. . Man hat die Tragfähigkeit dieser Lösung nicht einmal versucht auszuloten.
     
  18. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Zitat aus der Diplomarbeit von Michael Müller (Universität Wien):

    Diese Frage läßt sich nicht so ohne weiteres beantworten. Ich denke, das da zwischen den verschiedenen Bereichen der Reichsleitung, Militärs, AA und Reichskanzler, Kaiser mit seinene diversen Kabinetten, unterschieden werden muss. Des Weiteren wäre natürlich zu prüfen, inwiefern sich das Handeln der Entscheidungsträger im Verlauf der Krise dem Wandel unterlag.

    Ich denke es ist nicht zu gewagt zu für die These, das AA und Bethmann die von Müller oben beschriebene Risikostratgie fuhren. Der Kaiser war sprunghaft wie so häufig und änderte seine Einstellung des öfteren. Das Militär wurde mit Fortschreiten der Krise immer agressiver, aber ob es um die Errichtung eines Imperium ging, oder vielmehr um Sicherheit in ihren verstandenen Sinne ging, ich neige zum Letzeren, will ich nicht mit letzter Sicherheit beantworten.

    Das dann mit den ersten militärischen Erfolgen die Vorstellungen über einen künftigen Frieden in den Himmel schossen, ist wieder eine andere Geschichte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. Juli 2011
  19. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Hinweis auf die Diskussion hier:
    http://www.geschichtsforum.de/f62/w...m-kriegsausbruch-6895/index28.html#post701213

    Wenn man Schröders Monographie zur anglo-russischen Marinekonvention folgt,
    SEHEPUNKTE - Rezension von: Die englisch-russische Marinekonvention - Ausgabe 7 (2007), Nr. 9

    dann läßt sich Verunsicherung und Argwohn gegen die englischen Pläne konstatieren. Somit auch ein Einfluß auf die Julikrise 1914, der aber zu bewerten und zu gewichten wäre. Man mag weiter der Schlußfolgerung von Schröder folgen, dass dies Einfluß auf Bethmann-Hollwegs "Risikostrategie" hatte. Zu bedenken ist, dass

    1. der Nachweis fehlt, dass dieses verstärkend gewirkt hat. Tatsächlich gab es eine Instrumentalisierung des Vorganges, den Bethmann zur "Erklärung" auch gegenüber Dritten genutzt hat.

    2. wo ist die politisch-militärische Wirkungsanalyse, wäre die Konvention tatsächlich zustande gekommen? Was hätte das an der deutschen Lage geändert, welche seestrategischen Gewichte verschoben, welche bekannten Konflikte zwischen GB und RUS gelöst? "Mehr" Einkreisung - unterstellt man mal diese Einschätzung als Treiber - hätte es ohnehin nicht gegeben.

    3. Welche Rolle soll das für die (unterstellt ohnehin gegen GB angriffsunfähige) deutsche Hochseeflotte gespielt haben? Eine (defensive!) Wirkungsanalyse für deren Fähigkeit zur Blockade der Ostseezugänge selbst bei koordiniert russisch-britischem Vorgehen fehlt. Wieso rüstete dann Deutschland überhaupt russische Flottenneubauten aus, wenn doch diese Gefahr so drohend war?

    4. wieso wäre dann der britisch-russische Interessenausgleich "verfestigt" worden? Die bestehenden massiven Konflikte im Mittleren Osten, die deutscherseits bestens bekannt waren, und auch in Form von Indiskretionen zuvor ausgenutzt worden sind (etwa hinsichtlich Gesprächen über Dardanellen, Persien, Bagdadbahn) wären dadurch nicht beseitigt worden.

    5. Wieso soll diese Konvention überhaupt in der Lage sein, deutsche Optionen des Zugehens auf Großbritannien zu beseitigen oder auch nur zu schwächen? Noch 1911/12 zeigte man sich im Rüstungswettlauf halsstarrig. Sollte erst diese Konvention der Sargnagel auf den Rüstungswettlauf sein, wenn dieser doch aufgrund der bekannten britischen Neubauprogramme bis 1916 ohnehin verloren war, und sich die Risikokapazität der deutschen Flotte als Verhandlungspfand ohnehin als Illusion erwiesen hatte.


    Nun kann man sich auf den Standpunkt zurückziehen: es gab halt keine Lageanalyse, es waren Amateure am Werk, politisiert wurde nach Bauchgefühlen. Auch Schröders Buch läßt hier eine Analyse der tatsächlichen Gewichte dieses Vorgangs offen, sondern läßt sich letztlich nebulös über Auswirkungen auf die Krisenstrategie aus, ohne "Aufregungen" zu hinterfragen.
     
  20. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Schröder hier, Monger, Wormer und Canis in Crowe Thread, alle nicht aussagefähig und unzutreffend? Eine Diskussion ist nicht gerade einfach zu führen, wenn die wissenschaftlich seriöse Literatur "abgetan" wird.

    Ich glaube, das es um etwas "ganz einfaches ging, nämlich um Vertrauen und nicht um große Lageanalysen. Bethmann sein Vertrauen in Sir Edward Grey und der britischen Staatsführung war schlicht, und das zu Recht, erschüttert, denn der Chef des Foreign Office hat ihn bei der Gretchenfrage ganz einfach frech angelogen und Bethmann wußte es dies ganz genau.

    Bethmann hat sich während seiner ganzen Kanzlerschaft um eine Entspannung mit Großbritannien bemüht und war dabei, mit durchaus beachtlichen Nachgeben seitens des Deutschen Reichs, nicht unerfolgreich. Er fühlte sich deshalb von Grey ganz sicher, ich drücke es freundlich aus, hintergangen. Bethmann hat eben nicht gesehen, das für Grey eben nur Frankreich und Russland ausschlaggebend waren und das Deutsche Reich eben nicht. Das Flottenrüsten spielte nach der gescheiterten Mission Haldanes, auf Grund der Halsstarrigkeit von Wilhelm und Tirpitz, trotzdem keine große Rolle mehr, da alle großen Streipunkte fast beseitigt waren. Und zuletzt hat man während der Balkankriege erfolgreich zusammengearbeit und Deutschland hat seinen einzigen Verbündeten Österreich-Ungarn verägert.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Januar 2014

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