Der Charakter Stalins: Geltungssüchtig, verlogen und gemein

Dieses Thema im Forum "Russland | Sowjetunion | Osteuropa" wurde erstellt von segula, 21. Juli 2007.

  1. segula

    segula Gast

    In vielen Werken der politischen Sowjetliteratur werden die Heldentaten Stalins während des Oktobers 1917 gepriesen. Selbst Chruschtschow erwähnt diese auf seiner Geheimrede auf dem 22. Parteitag der KPdSU, ohne aber konkret zu werden. Welche Heldentaten hat Stalin denn vollführt? Heroische Taten von Augenzeugen sind mir nicht bekannt. Ein Augenzeuge wäre John Reed „10 Tage, die die Welt veränderten“ http://www.marxistische-bibliothek.de/reed.html , ein Buch, welches Lenin und seine Lebensgefährtin Krupskaja im Vorwort des Buches als hervorragenden Augenzeugenbericht der Ereignisse der Oktoberrevolution bewerteten. Ihr braucht es nicht zu lesen: Stalin wird darin nur zweimal nebenbei erwähnt. Andere Revolutionäre, etwa Lenin, Trotzki, Sinowjew u. a. sind die Helden der Zeit. Nachfolgend nur einmal die Anzahl der namentlichen Erwähnungen bekannter Revolutionäre aus diesem Buch:
    • Platz Lenin, 79 mal
      2. Platz Trotzki 72 mal
      3. Platz Kamenew 32 mal
      4. Platz Sinowjew 12 mal
      5. Platz Nogin 9 mal
      6. Platz Rykow 7 mal
      7. Platz Stalin nur 2 mal namentlich erwähnt.
    Naja, wenigstens namentlich genannt. Aber Stalin war kein Kommunist im nämlichen Sinn. Er wollte Karriere machen, in die Weltgeschichte eingehen wie Cäsar oder Nero, er hatte ja Priestertum studiert und wusste daher wie man das Volk manipuliert, wie man sich als Tribun in Szene setzen muss. Da ist natürlich die klägliche obige Erwähnung nicht zuträglich gewesen. Und dass Trotzki, sein überragender Intimfeind fast so oft wie Lenin genannt wird, war ihm unerträglich – wie eine Schlinge am Hals.
    Und nun blieb die Weltrevolution aus!!
    Lenin erkrankte und Stalin übernahm das Erbe des Oktober. Und nun war Stalin kein anerkannter Oktobrist, keine eigentliche Führernatur. Verschiedene Kampfgefährten hatten ihn ja noch als Bankräuber „Koba“ in Erinnerung. So durfte kein Führer aussehen!
    Was geschah?
    Lenin war tot. Stalin übermittelte Trotzki absichtlich ein falsches Datum der Beisetzung Lenins um diesen von den Beisetzungsfeierlichkeiten fernzuhalten - verlogen und gemein.
    Später wurden Lenins Mitstreiter und Kampfgefährten nach und nach gesellschaftlich unmöglich gemacht, kriminalisiert und getötet.
    Und warum? Sie hätten ja Stalins heldenhaften Kampf im Oktober 1917 bezeugen können. Haben sie aber nicht, weil nichts zu bezeugen war. Stalin hatte nicht gekämpft. Es gibt keine Zeitzeugen. Also mussten sie ausgeschaltet werden. Das geschah in der Zeit der Säuberungen. Trotzki als der Hauptorganisator der Oktoberrevolution und Sieger im Bürgerkrieg war ja im Ausland und dort unkontrollierbar. Man lies ihn ermorden.
    Nun war nur noch Stalin als alter Leningefährte übrig. Er wollte nun als großer Prophet Lenins und dessen Schüler in die Geschichte eingehen. Da passten die alten Überlieferungen vom roten Oktober ohne Stalin natürlich nicht ins Bild. Stalin ließ die Geschichte der KPdSU, kurzer Abriss 21 Jahre später neu schreiben. Eine Geschichtsfälschung und Beschönigung ohne Beispiel. Um am obigen Beispiel zu bleiben, hier eine Aufzählung der namentlichen Erwähnungen 21 Jahre nach Augenzeugenberichten im „Kurzen Abriss der Geschichte der KPdSU“:

    1.Platz Lenin, 777 mal
    2.Platz Stalin, immerhin 188 mal
    3.Platz Trotzki, trotz allem 183 mal
    4.Platz Bucharin, 68 mal
    5.Platz Sinowjew, 65 mal
    6.Platz Kamenew, 46 mal
    7.Platz Nogin, 2 mal namentlich erwähnt.
    Dieser Lehrgang wurde 21 Jahre nach der Oktoberrevolution geschrieben. An Trotzki und den weniger gut platzierten Revolutionären wurde kein gutes Haar gelassen. Lenin steht außer jeder Kritik und Stalin ist wie Phönix aus dem Arsch entstanden. Der kurze Lehrgang ist wie vieles andere von Stalin eine Fälschung der Realität. Zitat Stalin: „Vor Erfolgen von Schwindel befallen“ ...
    Das wäre aus heutiger Sicht ja noch zu verkraften. Aber es gibt heute noch Stalinanhänger, die sich für die Größten halten.
    Zitat eines solchen: ... in einem Satz von uns steckt mehr Substanz als in allen anderen Foren zusammen. Klar kommen da Neider ... wir sind es nun mal die es geschafft haben in der Antarktis einen Garten Eden zu schaffen, während eure Gewächshäuser veröden, weil ihr nicht in der Lage seid, sowas zu erschaffen. So ist es nunmal. Nachzulesen bei:
    http://www.forum.stalinwerke.de/viewtopic.php?f=11&p=12174 - p12174 ein sehr selbstgefälliger Verein.
    Meine Frage ist: Gibt es zeitgenössische Aussagen über Stalins Aktivitäten im Oktober 1917?
    Mussten die Mitkämpfer Lenins wegen eines kriminellen Psychopaten wie Stalin ihr Leben lassen und wurde dadurch die Revolution ruiniert?
     
  2. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Ich zitiere mal Neumayr:
    "....gerade während der Februarrevolution und in den Tagen des Oktobersturms erstmals seine Schwächen. Auf Grund seiner mangelnden theoretischen Kenntnisse und seiner beschränkten Fähigkeit zu kreativem Handeln blieb es ihm vorbehalten, Artikel zu schreiben und in den Verwaltungsräumen des "Stabes" die Fäden zu ziehen. Da er es nicht verstand, vor einem größeren Publikum wirkungsvoll zu sprechen, zog es ihn nie zu den Massen hin, ganz im Gegensatz zu Leo Trotzki..."
    Alan Bullock hält das Faktum, dass Stalin in dieser entscheidenden Phase nicht die von ihm ertäumte Führungsrolle zu spielen vermochte für ein tiefes und die weitere psychische Entwicklung prägend beeinflussendes Trauma.

    Stalin bediente sich einer sehr diffizilen Art von innerparteilicher Politik: er spiele gekonnt seine Gegner gegenseitig aus, so dass z.B. Kamenew und Sinowjew gegen Trotzki arbeiteten und den von Lenin favorisierten Trotzki ablehnten. Dieses Ausspielen wurde in den nächsten Jahren bis zu seinem Tod 1953 auf die ganzen Völker ausgedehnt.
    Nicht wegen Lenin hat Stalin sämtliche Köpfe der sowjetischen Kommunisten und später auch Offiziere und Marschälle abgesägt. Stalin zelebrierte 1929 die gelungenste Geschichtsfälschung in der Sowjetunion, in dem dann Stalin als einer der führenden Köpfe neben Lenin in den Jahren 1917-1922 auftrat. Stalin brachte die Leute in seinem Umfeld um, weil sie ihn als Menschen kennenlernten und somit auch seine Schwächen. Er hatte zudem panische Angst vor Verschwörungen, sein Schlafzimmer war durch einen von innen betriebenen Schließsystem nur wieder zu öffnen, wenn er darin war. Die Pistole unter seinem Kopfkissen war ein weiteres Indiz seines kranken Wesens.
    Was auch nicht verwundert, wenn man Millionen von unschuldigen Menschen töten lässt oder nach Sibieren deportieren lässt. Er verbreitete Angst und Schrecken, war sich aber bewußt, dass seine Angst eben durch seine Diktatur hervorgerufen wurde.
    Außenminister Molotow liess es sogar zu, dass seine Ehefrau durch Stalin 1948 nach Sibirien deportiert wurde.

    Die Revolution wurde durch Stalin nicht ruiniert, die war bereits in den Zeiten des Kriegskommunismus 1918-1921 erledigt. Ende des Kriegskommunismus war der Aufstand der Matrosen von Kronstadt 1921, der niedergeschlagen von Trotzki vehement durchgesetzt und durch Marschall Tuchatschewski ausgeführt wurde.

    Stalin hatte einen steifen linken Arm seit seiner Kindheit, irgendwo ab Ellenbogen aufwärts (infektiöse Kinderkrankheit). Er selbst erklärte offiziell diesen Umstand damit, dass er 1888 oder 1889 unter die Räder eines Automobils in Gori (Georgien im Kaukasus) gekommen sei!! Das Städtchen im Kaukasus muss eine Brutstätte des frühen Automobilbaus gewesen sein. :pfeif:

    Alan Bullock: Hitler und Stalin, Berlin 1991
    Anton Neumayr: Diktatoren im Spiegel der Medizin, J&V Wien, 1995
     
  3. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Stalin traf am 12. März 1917 aus der sibirischen Verbannung in Petrograd ein. Er war der Meinung, er müsse sich als Berufsrevolutionär (seine eigene Berufsbezeichnung) hervortun. Kurzerhand schaffte er es drei Tage später, die bisherige "Prawda"-Chefredaktion/Herausgeber (damals noch "Rabotschi Put")abzuwählen (bis dahin ein gewisser Wjatscheslaw Molotow) und ihn de facto zum Chefredakteur dieser Zeitung zu machen. Zu dieser Zeit gab es zwei Zeitungen der Bolschewisten: die "Rabotschi Put" und die "Soldat". Er wurde auch ins Zentralkomitee der bolschewistischen Partei gewählt, dass damals eher nur aus St.Petersburger Bolschewiki bestand. Sein Vorteil: er war der einzige Bolschewist, der Nicht-Russe war.
    Ins Sekretariat des Zentralkomitees im August/September 1917 schaffte er es nicht, da zog Dzeshinski als Nicht-Russe ein. Der war im Gegensatz zu Stalin berechenbarer, was seine Ideologie betraf. Dieses Sekretariat wurde auch das Machtzentrum der Jahre des folgenden Kriegskommunismus.
    Stalin zeichnete sich das ganze Jahr 1917 durch ständige Kursänderungen aus. Im Grunde verschlief er das Jahr 1917 durch seine ständige Taktiererei und opportunistische Grundhaltung.
    Trotzki resümierte viel später über Stalin: Der Mann, der den Oktober verpaßte.
    Trotzdem wurde er am Tag nach der Oktoberrevolution in das letzte Ressort ernannt: Volkskomissar (vergleichbar mit Minister) für Nationalitätenfragen.

    @segula
    Wenn du eine gutsortierte Bibliothek in der Nähe hast, geh mal dahin. Da gibt es Bücher über Stalin. Internet kann das alles nicht schreiben, zumal viele Seiten von anderen Seiten komplett abkopieren.
    Die Stalinwerke sind Mülltonnenliteratur, da 95 Prozent davon gefälscht oder von Lenin abgeschrieben sind.
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das hier:

    Zetkin-Milowidowa, E.
    Josef Wissarionowitsch Stalin. Die Jugendjahre
    Berlin, Verlag Neues Leben, 1954

    ist vielleicht nicht mehr der neuste Stand.

    Empfehlenswert, erscheint demnächst auch auf deutsch:

    Simon Sebag Montefiore: Der junge Stalin: Das frühe Leben des Diktators 1878-1917.


    Hurvinek hat allerdings schon eine kurze Zusammenfassung gegeben:

    Klaus-Kellmann: Stalin - Eine Biographie.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 27. November 2015
  5. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Ganz geil der Film "Der rote Monarch" (The red monarch) aus Großbrittanien 1983. Hier werden die letzten Monate von Stalin in einer sogenannten Tragikkomödie dargestellt. Es wird wunderbar Stalins Hofstaats Angst und Schrecken in Bildern umgesetzt. Besonders der Todeskampf von Stalin bekommt eine besondere makabre Note.
    Alle fünf/sechs Jahre zeigt diesen Film das ZDF.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 27. November 2015
  6. segula

    segula Gast

    Der Film ist gut. Beeindruckt hat mich die Stelle, wo ein Rotarmist seinem neu geborenen Sohn den Namen "Melor" gab. Melor stand für Marx, Engels, Lenin, OktoberRevolution. Und Stalin fragte:"Und wo ist das S für Stalin?" Typischer kann sein Charakter nicht gezeichnet werden.
    Wenn der Film mal wieder kommt werde ich ihn aufnehmen.
     
  7. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Berichtigung: seit 1912 war Stalin im Zentralkomitee. Der Hintergrund ist aber derselbe (Nicht-Russe).
     
  8. Hamburger

    Hamburger Gesperrt

    Ich könnte mir persönlich aber auch jeden anderen Politker vorstellen, der das gesagt haben könnte. Machtmenschen sind sich in ihren Charakter- und Wesenszüge oft umwerfend ähnlich.
     
  9. segula

    segula Gast

    Da hast du recht, aber dieser treue Rotarmist wurde wegen des S erschossen. Dank auch für den Beitrag.
    Mal was anderes: irgendwie nervt mich heute eine Werbung wegen Musikdownladen, stimmt was nicht?
     
  10. Hamburger

    Hamburger Gesperrt

    Aus dem Filmlexikon zum Inhalt: Niemand ist sicher vor den Launen des Sowjet-Diktators Stalin, Exekutionen sind an der Tagesordnung; selbst Geheimdienstchef Berija hat Angst. Regisseur Jack Gold läßt in seiner makabren Groteske über das kommunistische Rußland die Puppen tanzen, die Stalin an der Strippe hält; clevere Anekdoten beweisen den instinktiven Witz des Regisseurs, aber das Großprojekt scheitert dennoch an der historischen Vielschichtigkeit.


    Der letzte Satz erscheint mir hier von zentraler Bedeutung.
     
  11. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Grotesken haben nicht den Anspruch, historisch vielschichtig sein zu wollen.
    Das "Filmlexikon" scheint den Film wenig gesehen zu haben, denn "kommunistisches Russland" gab es nur von 1918-1922. Der Film ist auf 1952/53 angelegt. Völlig daneben ist die Bezeichnung für diesen Film, es sei ein Großprojekt. Grotesken sind nie filmische Großprojekte, da muss sich das "Filmlexikon" noch cineastisch, künstlerisch weiterbilden.
    Anschauen, dann wird man entspannter und stellt fest, keine Massenszenen, keine großer finanzieller Etat.
    Es wird nur der Charakter der stalinschen Sowjetunion in komprimierter Form - und das kann man am besten mit Satire, Groteske rüberbringen - sehr gut dargestellt.
     
  12. Scarlett

    Scarlett Neues Mitglied

    Hm, wie meinst Du das, ein "kommunistisches Russland" gab es nur 1918-22?
     
  13. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Stalin regierte die Sowjetunion von 1924 bis 1953. 1922 im Dezember wurde die Sowjetunion gegründet. Die Ukraine, Georgien, Kasachstan, die baltischen oder andere ehemalige Republiken der Sowjetunion wehren sich vehement gegen die Bezeichnung, man wäre in der Zeit der Sowjetunion Russland gewesen. (wer selbst vor 1991 in den Nicht-Russischen Republiken war, wird das kennen)
    Es ist eine Form des Respektes gegenüber diesen Staaten, diese nicht alle in einen Russlandtopf zu schmeissen. Dazu sind die Völker des Ostens auch unter der kommunistischen Zwangsherrschaft viel zu stolz gewesen, sich selbst aufzugeben. Alle deren eigenständigen Sprachen konnten auch durch die kommunistische Zwangsherrschaft nicht ausgerottet werden.
     
  14. segula

    segula Gast

    Stalin hat in Säuberungen alle Mitkämpfer Lenins beiseite gebracht, vorallem die, die seine Unscheinbarkeit während der Revolution und danach hätten bezeugen können. Auf dem "Parteitag der Sieger" im Januar 1934 erreichte Kirow mehr Stimmen als Stalin. Das konnte Stalin nicht auf sich sitzen lassen. Zu große Konkurrenz wollte er nicht haben. Er fälschte das Wahlergebnis und hatte dann "auch nur 3 Gegenstimmen." Aber Stalin war gewarnt! Im Dezember des selben Jahres wurde Kirow ermordet. Stalin leitete die Ermittlungen. Laut Chrustschows Geheimrede "verunfallten" danach einige Mitwisser und Eingeweihte. Sehr eigentümlich... Übrigens wurde ein Großteil der Teilnehmer des 17. Parteitages (der Sieger) ausgesäubert.
    Ich habe irgendwo einmal gelesen, Stalin hätte auch Lenin beseitigt, wenn der noch gelebt hätte.
    Auch wird eine Vermutung vorgebracht, Maxim Gorki könnte ein Opfer Stalins sein. Bitte, vielleicht kann jemand hierzu was finden?
     
  15. Donald

    Donald Gesperrt

    Lenin in seinem politischem Testament schrieb, daß stalin als Generalsekretär abgesetzt werden sollte, was Stalin selbst aber vertuschen konnte.

    Gen.Stalin hat, nachdem er Generalsekretär geworden ist, eine unermessliche Macht in seinen Händen konzentriert, und ich bin nicht überzeugt, dass er es immer verstehen wird, von dieser Macht vorsichtig genug Gebrauch zu machen. [...] Stalin ist zu grob, und dieser Mangel, der in unserer Mitte und im Verkehr zwischen uns Kommunisten durchaus erträglich ist, kann in der Funktion des Generalsekretärs nicht geduldet werden. [...] Deshalb schlage ich den Genossen vor, sich zu überlegen, wie man Stalin ablösen könnte, und jemand anderen an diese Stelle zu setzen, der sich in jeder Hinsicht von Gen. Stalin nur durch einen Vorzug unterscheidet, nämlich dadurch, dass er toleranter, loyaler, höflicher und den Genossen gegenüber aufmerksamer, weniger launenhaft usw. ist. Über Trotzki urteilte Lenin: Persönlich ist er wohl der fähigste Mann im gegenwärtigen ZK, aber auch ein Mensch, der ein Übermaß von Selbstbewusstsein und eine übermäßige Vorliebe für rein administrative Maßnahmen hat. (Werke, Band 36, S. 579 f.)

    Auch sollte man insgesamt bedenken, daß bürgerliche Staaten in dem Bürgerkrieg und im polnisch-russischem Krieg bis in die zwanziger Jahre hinein munter mitmischten, was eine Radikalisierung der Politik zur Folge hatte.
     
  16. Scarlett

    Scarlett Neues Mitglied

    Zum Thema geltungssüchtig, habt ihr mal von dem Film "Lenin im Oktober" gehört? Er stammt aus dem Jahr 1937, also zu Zeiten des großen Terrors und zugleich zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution. Hier bediente sich Stalin einer absolut revisionistischen Sichtweise: Stalin taucht im Film als fast allgegenwärtiger Ratgeber Lenins auf, mit dem dieser sich quasi zu allen wichtigen Belangen berät. Und dies, obgleich Stalin in der Realität während der Revolution nicht gerade präsent war!

    Und eine Annekdote zum Schluß: In einer Szene verläßt Lenin mit Stalin ein Gebäude - eine wartende Menge skandiert den Namen Stalins - dieser bleibt kurz stehen und lächelt. Nach der Entstalinisierung zensiert man diesen Film dergestalt, dass in derselben Szene die Sicht auf Stalin versperrt wird mittels eines Matrosen, der "hineingeschnitten" wird und man statt der Stalin-Rufe nunmehr Hochrufe auf Lenin vernimmt!

    Geschichtspolitik im totalitären Sinn!
    .. ein bißchen wie bei George Orwell's 1984! :D
     
  17. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Stalin hat das Testaments Lenin erst später der Partei zugänglich gemacht. Ich weiss jetzt nicht in welchem Zusammenhang er es dann für die Partei "freigab". Es war aber im Januar 1924 kurz nach Lenins Tod.
     
  18. segula

    segula Gast

    Ich las in dem Buch "Unpersonen, wer waren sie wirklich?", Dietz Verlag Berlin 1990, dass das Testament Lenins erst 1956 der Öffentlichkeit (im Gegensatz zur Partei) bekannt gemacht wurde.
     
  19. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Gut möglich. Da die Kommunistische Partei sich als Vertreter aller Volksgruppen und Bürger im Land ermächtigte, hatten nur die Parteitagsdelegierten 1924/1927 bruchstückhaft Lenins Testament gesehen bzw. gehört.
    Es wusste doch ausser der kommunistischen Elite niemand, dass Lenin ein politisches Testament machte.
    Stalin war schon lange Generalsekretär der Partei und folgerichtig der kommunistischen Herrschaftsfolge der Nachfolger Lenins. Lenin war krank, als er das Testament schrieb, war denn auch die Meinung der Parteitagsdelegierten.

    Und allen anderen Bürger der jungen Sowjetunion ging Lenin und sein Testament am Hintern vorbei.

    Der Link beschäftigt sich mit einer Vorgeschichte des Testaments, ab Titel "Die spätere Geschichte des Testaments" im unteren Viertel dann konkret mit dessen Verbreitung. Es werden einige Zitate Stalins zum besten gegeben, die auch andere Biographen bestätigen. Die Webseite selbst ist ein post-stalinistisches Machwerk. Interessant sind eher die Zitate, die ein Bild der Kommunistischen Partei in der Sowjetunion um die Zeit Lenins Tod und eigentlich auch den Nährboden des späteren stalinistischen Terrors gut dokumentieren.
    Auch die Rolle von Lenins Witwe dürfte von diesen Stalinisten richtig dargestellt worden sein.
    red-channel
     
  20. segula

    segula Gast

    Gestern sah ich im WDR eine Sendung "Planet Wissen" über Stalin. Da wurde berichtet, dass er sich an der Angst und Schrecken, die er verbreitete geweidet hat. So soll er die Opfer, die ihm bekannt waren, und deren Todesurteile er gerade unterzeichnet hatte, angerufen haben. Dabei erkundigte er sich scheinheilig nach deren Befinden und sicherte ihnen zu, dass alles in Ordnung sei. - Wenig später wurden sie abgeholt ...
    Waren es nur sadistische Züge? Ich meine nur zum Teil ja.
    Weit mehr zeigt sich in diesem Verhalten seine Feigheit, entstanden durch die erlittenen Misshandlungen durch seinen Vater im Kindesalter. Er war zu feige, seine Verantwortung für Fehlverhalten einzugestehen, aus Furcht, dafür eines Tages geradestehen (sprich: Prügel beziehen) zu müssen. Deswegen sprach er mit diesen zum Tode Verurteilten, um den Verdacht auszuräumen, ER könnte dahinterstecken. Die Verurteilten gingen ins Lager oder in den Tod in dem Glauben, die Vollstrecker begehen einen Irrtum und Stalin wüsste nichts davon und der war doch der Auftraggeber! Einmal im Gulak eingewiesen glaubten sie nach wie vor an "Väterchen Stalin" und schrieben ihm Briefe der Aufklärung über ihr Schicksal, vergebens.
     

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