Der Ortsname und das Salz

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Altertum" wurde erstellt von Pope, 27. September 2006.

  1. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Erstnennungen 'Halle' in Verbindung mit Salz:

    Halle als Siedehaus - 1278
    Hallgraf - anno 1147 & 1148
    Hallaricus - anno 1147
    Hallarius als Salzsieder (in Reichenhall) - 12. Jh.
    Haller = Geld - Anno 1275
    Salmann u.ä. – Vollstrecker um 1100

    Quellen:
    Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm
    DEUTSCHES RECHTSWÖRTERBUCH (DRW)

    Städtenamen und Erstnennungen:

    Salzburg - Der Name „Salzburg“ ist 755 das erste Mal nachweisbar.
    Salzach (Fluss) - erst Salza, wonach Salzburg benannt wurde
    Hallein - Urkundlich 1198, Salzabbau urkundlich ab 1191, Stadt zwischen 1218 und 1232, Name Hallein seit der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts, 1218 9 Salzpfannen
    Halle/Saale – anno 806 wird der Ort Halle als "Halla" erstmals genannt (davor Dobrebora)
    Hallstadt bei Bamberg - [keine Salzstadt!!] anno 741 genannt: "Halazestat im Radensgove"
    Hall bei Admont - Älteste Salzquellen der Steiermark (urkundlich 931)
    Bad Sassendorf - Erste Aufzeichnungen über die Salzgewinnung im Hellweg verzeichnen die Grundbücher der Abtei Werden/Ruhr bereits im 10. Jahrhundert.
    Hall/Tirol - Salzabbau urkundlich seit dem 13. Jahrhundert, 1303 als Stadt erwähnt, bereits im Mittelalter wirtschaftliches Zentrum infolge Saline und Innschiffahrt
    Schwäbisch Hall - wird in den ältesten Urkunden meist nur "Hall" genannt, Erstnennung ca. 1100.


    (Unvollständigkeit der Liste(n) wird hierbei in Kauf genommen)
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Oktober 2006
  2. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Fazit

    "Hal ist keltischen Ursprungs und heisst Salz."

    Ein Satz, der einfach überall anzutreffen ist. Er ist natürlich falsch. Es gibt kein keltisches Wort "hal". Alle möglichen Varianten des Wortes 'Salz' beginnen mit 'S' - Sülze, Sud, Sole, Salsa, Saline, Selters, Saale, Salat, Sauce, usw. usw.. Ein Versatz von 'S' nach 'H' ist ohne Grundlage.

    Gehen wir mal in die Geschichte:

    Als die Römer den Alpenraum besetzten, trafen sie auf keltische Salinenbetriebe, wie z.B. in Hallstatt und Schwäbisch Hall. Dort wurde das Steinsalz nicht gemahlen, sondern in eine Sole gelöst und dann verkocht oder an der Luft zu Salz getrocknet.

    Vielerorten trifft man auf die Aussage, dass die Römer ausschließlich Meersalz verwendeten. Das würde bedeuten, dass die Salzstöcke und Solequellen nach der Zeitenwende ungenutzt blieben (oder nur lokal/kleinräumig). Das änderte sich wohl erst zum Ende des Römischen Reiches: die Salzlieferungen aus den römischen Meerwassersalinen blieben aus und die Menschen begannen wieder damit, alte Salzlager auszubeuten.

    Um 700 etwa heisst die Salzach 'Salza', während ihre römischen Name ('Iuarum', 'Viarum', 'Igonta') vergessen werden. Ebenso Salzburg, das bis zum Germaneneinfall 'Juvavum' hiess und den Namen bis ins Spätmittelalter nebst dem neuen Namen 'Salzburch' trug. Parallel dazu wird der Ort 'Dobrebora' (Salzwerk wird 735 erwähnt) ab 800 als 'Halle' bezeichnet. In Lüneburg (Jahr 795: 'Hliuni') wird zur gleichen Zeit ebenfalls Salz gesiedet.

    Im 10. Jahrhundert treffen wir auf den Hellweg und vom 11. bis zum 13.Jhdt. tauchen die anderen mittelalterlichen 'Halles' erstmals in Schriften auf. Zudem setzen sich im 12.Jhdt. Begriffe durch, die die Bedeutung des Salzes und der Hall-Städte belegen (s.o.): Salinen hießen Hallen, Salzarbeiter hießen Haller, Haller Münzen und Haller Grafen, wichtige Amtsträger waren Salmänner oder Salleute

    Eine Frage reizt mich: Was war Salz im 8. Jahrhundert? Es sprudelte aus warmen Quellen, setzte sich am Bachlauf ab, formte öde Sümpfe. Rehe, Kühe und Schafe leckten die Felsen... Heute kann man sich das nur schwer vorstellen, wie die Menschen damals das Salz "erlebten". Sicherlich wussten die Alemannen, Sueben, Sachsen, Langobarden, Bajuwaren und Wenden was Salz war und wie wichtig es war, aber konnten es nur im kleinen Maßstab aus dem Gestein brechen und mahlen. Langsam etwablierten sich Handelsplätze und Wege, sodass die Nachfrage stieg. Die Sole- und Siedetechnik erlaubte einen schnelleren Abbau. Vielleicht gab es damals wandernde Salzsieder, die neue Solequellen und Salzstöcke aufsuchten und an ihnen Salinen bauten. Trugen sie das Wort 'Hall' mit sich? Waren es Leute, die in einem Ort 'Halle' ihr Handwerk gelernt hatten?


    Die hypothetischen Varianten

    I. Das Wort 'Hall' hat ursprünglich (um 800) garnichts mit Salz zu tun.

    a) Der Ortsname 'Hall' hat zwar im Laufe der Jahrhunderte zum Salz gefunden, der Zusammenhang ist aber zufällig.

    'Hall' ist möglicherweise eine Bezeichnung für einen Hang oder Hügel (von Halde, Holm, etc.), also eine Beschreibung des Reliefs. Dass (rein zufällig) zwei oder drei Orte ähnlichen Namens Salzlagerstätten aufwiesen, könnte den Effekt ausgelöst haben, Salz mit dem Ortsnamen zu identifizieren.

    b) Das Wort 'Hall' hat bis heute sehr viel mit Salz zu tun. Im 19.Jhdt. etwa wurden einige neue Salinenstandorte 'Hall' genannt (z.B. Bad Friedrichshall, Luisenhall). Die Frage ist also, ob das nicht schon im Hochmittelalter so war. D.h. dass sich das Wort 'Hall' im Laufe der Zeit von einem Ort namens 'Halle' auf die Salzgewinnung allgemein übertragen hat und ab dem 11. Jahrhundert von einem Ort zum nächsten wanderte (als Fachbegriff, als Auszeichnung, Prestige, symbolisch, o.ä.).

    Die Frage wäre, wann und von wo aus dieses Phänomen seinen Anfang nahm. Halle/Saale scheint der älteste Kandidat.

    II. 'Hall' hatte bereits damals (um 800) etwas mit Salz zu tun.

    Aus dem Keltischen für Salz ist das 'Hall' nicht zu uns gekommen. Woher dann? Die Regeln der Lautverschiebung verbieten es. Was kann 'Hall' dann ursprünglich bedeutet haben?

    a) Dass in dieser Zeit kein 'Hall'-Wort belegt ist, das einen Bezug zum Salz hat, ist natürlich ein starkes Argument gegen diese Hypothese. Dennoch gibt es einige Wörter, die reizvoll zum Salz führen. Die ergiebigsten Begriffe wären:

    Hang/Schutt, Stein/Fels, vertrocknet, Saal/Halle, Höhle/Hölle, erklingen/tönen, laut/hell

    Die Übersetzungen Hall=Saal=Salzsiede und Hall=trocknen=Salzsiede sind dem Internet geläufig.

    b) Das Wort kommt aus einer anderen Sprache.

    c) Die Regeln der Lautverschiebung sind falsch und wir suchen den falschen Begriff. Mir ist das Kate/Kötte/Kothe-Problem bei Grimm untergekommen. Es leitet sich aus dem selben Wort her, wie Hütte und Haus, hat aber regelwidrig das 'K' nicht verloren. Vielleicht hat man dafür heute eine Erklärung zu bieten. Vielleicht haben die alten Germanen ja auch mal die Regeln gebrochen ...

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    Egal, für welche Hypothese man sich entscheidet, es schweben einige Fragen im Raum: Warum änderten sich im Früh- und Hochmittelalter die alten Ortsnamen Salzburgs und Halles, ja sogar der Fluss Salzach? Gerade Gewässernamen sollen doch so langlebig sein? Wieso nannte man einige Städte 'Salz', andere 'Hall'? Wer löste das Steinsalz und betrieb die Salinen? War die Technik den Germanen eigen, importiert oder sogar zugewandert? Welche Ortsnamen im Umfeld der Salinenbetriebe sprechen noch vom Salzabbau und was können wir zu ihrer Entstehungszeit sagen?

    Das nur zur Anregung.

    Abschließend möchte ich anmerken, dass mir beide Hypothesen gefallen. Tautologie macht Spaß ;). Die erste Hypothese ist sicherlich diejenige, welche am leichtesten nachvollziehbar und -prüfbar ist, denn von irgendwoher muss sich ab dem 10.Jhdt. der Bezug 'Halle' = Salzort ausgebreitet haben. Und: Ist in anderen Technologiebereichen (Eisen?, Stahl?, Glas?) zu jener Zeit ähnliches geschehen?

    Die Gegenhypothese ist in ihrer Stichhaltigkeit in jeder ihrer Varianten mehr als schwammig, solange wir nicht belegen können, mit welcher Bedeutung und Herkunft das Ursprungswort von 'Hall' auf die Städte übertragen wurde. Die Übersetzung 'Halle' = 'Halde' ist dabei m.E. nicht schlüssig. Es gibt m.W. keinen Salz-Hall-Ort, der als Halda/Helde/Halden auftaucht: Hall, Halla, Halloz, Halaze, Hell - das sind die Bezeichnungen, die in die Frühgeschichte zurückreichen.

    Und da ich weder Linguist, Onomastiker, noch Etymologe bin, optiere ich für die Kombination beider Hypothesen in eine Synthese aus I.b) und II.:

    'Hall' hatte bereits um 800 n.Chr. etwas mit Salz zu tun und wurde ab 1200 generell auf neue Salzstädte übertragen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Oktober 2006
  3. ning

    ning Gesperrt

    Bravo, interessant!

    Und muss ich unbedingt mit Hallstätter Bildern garnieren.
     
  4. Waldfranz

    Waldfranz Neues Mitglied

    Zum Wort "Hall". In einem Vortrag meinte Doz. Dr. Braun, Uni Wien, der Stamm Hal-, Hall- sei im 4. bis 3. jahrtausend v. Chr. bereits von den frühesten Indogermanen, (Kennzeichen: Streitaxt und Schnurkeramik) mitgebracht worden. Diese Völker sollen sehr konservativ gewesen sein und in Zentral- und Westeuropa bis herauf zur römischen Zeit mit ihrer Sprache und Mythologie präsent gewesen sein.

    Schade daß ich meine Mitschrift nicht zur Hand habe.
     
  5. Waldfranz

    Waldfranz Neues Mitglied

    Hallo Pope!
    Soweit in Hallstadt und Hallein tradiert wird sind beide Bergwerke etwa 400 vor Chr.durch witterungsbedingte(?) Bergstürze vernichtet worden. Erst ab 1147 gibt es in Bad Aussee Salzgewinnung, kurz darauf in Hallstadt und Hallein.
    Die Römer dürften wirklich Meersalz verwendet haben.
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich denke de Römer haben vorwiegend mit Liquamen/Garum gewürzt, was extrem salzhaltig war, weil es sich um vergorenen Meeresfisch handelte.
     
  7. Andronikos

    Andronikos Neues Mitglied

    Prima Zusammenfassung Pope!
    Ich möchte diese Hypothese noch einmal näher diskutiert haben.

    Wie verbreitet war denn Griechisch als Fachsprache im frühen Mittelalter? Da Griechisch offenbar die einzige infrage kommende Lehnsprache mit einem Hal-Wort für Salz ist, sollte die Möglichkeit, dass die Ortsnamen aus dieser Sprache kommen wenigstens in Betracht gezogen werden. Steinsalz heißt sicherlich nicht grundlos mit wissenschaftlichem Namen Halit.

    Gibt es eventuell andere nachgewiesene griechische Begriffe, die schon im Mittelalter Eingang in Ortsnamen gefunden haben?
     
  8. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Danke für das Lobwort!

    (Habe noch eine etwas abstrusere Theorie: Die Welschen/Walliser/Rotwelschen waren z.T. bretonische Bergleute, die als Salzsieder angeheuert wurden.)

    Hellenisierung im Alpenraum? Glaube ich eher nicht.
     
  9. saxo

    saxo Gesperrt

    Alles klar. Ich hoffe nicht, daß er für derartige Hypothesen seinen Doktor gekriegt hat.

    So, mal ein bißchens Popes Theorien durcheinanderbringen:
    (aus http://www.heinrich-tischner.de/22-sp/1sprach/kelt/kelt-spr.htm )

    Und noch was ist mir grad eingefallen. Hier in der Nähe lag mal Görings Landsitz, nach seiner Frau "Karinhall" genannt. Was für eine Bedeutung hatte das Wort in den 30er Jahren?
     
  10. Isabella

    Isabella Neues Mitglied

    Haben Sie schon das Buch von Mark Kurlansky "Salz. Der Stoff, der die Welt veränderte" gelesen? Es ist wirklich empfehlenswert.
     
  11. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Nein, habe ich nicht. Sonst hätte ich das meisste wohl schon gewusst.

    Mir sind einige nette Büchlein über den Weg gelaufen, die sich sicher gut lesen lassen. Danke für den Hinweis.
     
  12. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Durcheinanderbringen tut das erstmal nichts. Es ist nur etwas seltsam, gerade dieses hier:

    Saale und Halle sollen doch von Salz kommen und nicht von 'Großes Haus'?!
     
  13. Isabella

    Isabella Neues Mitglied

    In dem o.g. Buch habe ich nachgelesen, dass das meiste was wir über Kelten wissen von den griechischen und römischen Historikern stammt. Sogar der Name "Kelten" soll nicht deren eigenen indoeuropäischen Sprache entstammen sondern dem Griechischen. Die Römer nannten sie Galli oder Gallier, was auch von einem griechischen Wort hergeleitet wird, das auch die Ägypter benutzten, nämlich von "hal"...
     
  14. saxo

    saxo Gesperrt

    Hier noch ein interessanter link: http://www.manfredlesiak.com/seeau/Encyclopaedia/Kompendien/Monografie-Salzgewinnung.htm

    Besonders die Zeittafel. Wenngleich ich einige besonders der älteren Daten für sehr unsicher halte, ist doch auffällig, daß im mitteleuropäischen Raum volle 700 Jahre keine Salzproduktion erfolgte. Das beweist wieder einmal mehr, daß nichts keltisches mehr erhalten blieb, was mit Salz zu tun hatte, und läßt auch griechische Herleitungen kaum möglich erscheinen.

    Noch was zur Etymologie: "Halle" heißt auf albanisch "salla". Vielleicht liegt hier irgendwo die Stelle, wo sich beide Bedeutungen für "großer Raum" voneinander entfernten.
     
  15. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Nachträglich ein Dank, dass Du diese Anschaulichkeit hinein bringst.

    Ich spekuliere ja schon mit dem Forumstreffen 2008:

    Alpenüberquerung

    Themen: z.B. Pfahlbauten, Hallstätter Kelten, Salzorte & Eismumien. (Also vom Schwäbischen über den Bodensee und das Salzburgische in den Ötztaler bis nach Südtirol.)

    Damit man die Pracht der Geschichtstracht spüren kann ...
     
  16. Isabella

    Isabella Neues Mitglied

  17. hyokkose

    hyokkose Gast

    Vielen Dank für die Sammlung. (Eine Anmerkung: Die Behauptung der "ältesten Salzquellen" im Fall von Hall bei Admont würde ich einem Zirkelschluß zuschreiben, solange keine Quelle der urkundlichen Erwähnung von Name und Salzproduktion aus dem 10. Jahrhundert vorliegt.)

    Man sieht, daß ab dem 12. Jahrhundert "Hal"-Wörter und -Ortsnamen gehäuft auftreten, die in Beziehung mit der Salzgewinnung stehen. Wenn es ein selbständiges Wort "hal" gegeben hat, dann bezeichnete es wohl eher die Salzgewinnung bzw. den Ort der Salzgewinnung als das Salz selbst.

    Letztlich bleiben Herkunft und Etymologie ungeklärt, also mag darüber spekulieren, wer will.
     
  18. hyokkose

    hyokkose Gast

    Mich würde sehr interessieren, was Dr. Braun an der Uni Wien doziert. Indogermanistik kann es ja wohl kaum sein.
     
  19. hyokkose

    hyokkose Gast

    Mir ist da nichts bekannt. Eine bedeutendere Rolle spielte das Griechische erst in der Zeit des Humanismus. Damals kamen auch gräzisierte Eigennamen ("Melanchthon", "Neander", "Chyträus" etc.) in Mode.
     
  20. saxo

    saxo Gesperrt

    Mit dieser Feststellung wäre ich etwas zurückhaltender. Ab dem 12. Jahrhundert ist allgemein ein starkes Ansteigen der Anzahl mittelalterlicher Quellen zu verzeichnen. Das Verhältnis von salzrelevanten zu nicht salzrelevanten Informationen muß davon nicht betroffen sein.
     

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