Deutsche Universitäten im 19. Jahrhundert

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von jschmidt, 4. Juli 2010.

  1. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Ich nehme diesen interessanten Hinweis zum Anlass, in wenig in die Universitätsgeschichte einzutauchen. [1]

    Was der junge Marx zwischen Abitur in Trier und erster beruflicher Tätigkeit in Köln genau getrieben hat, weiss ich nicht genau; zum Teil scheinen auch gar keine Daten vorhanden zu sein. Franz Mehring berichtet [2], Marx hätte im Herbst 1835 die Universität Bonn bezogen, wo er "ein Jahr lang vielleicht weniger Rechtswissenschaft [genauer: Rechts- und Kameralwissenschaft] studiert, als sich 'Studierens halber' aufgehalten hat." Auf Geheiß seines Vaters immatrikulierte er sich ein Jahr später in Berlin, wo Eduard Gans sein bevorzugter (einziger?) Rechtslehrer wurde. "Jedoch betrieb Marx nach seiner eigenen Angabe das Fachstudium der Jurisprudenz nur als untergeordnete Disziplin neben Geschichte und Philosophie", wo er wichtige Impulse durch Junghegelianer erhielt: in dem einen Fach durch Karl Friedrich Köppen, in dem anderen durch Bruno Bauer.

    Letzterer war es, der Marx dazu drängte, sein Studium durch das 'lumpige Examen' abzuschließen; Bauer hatte nämlich gute Chancen, Professor in Bonn zu werden und wollte seinen Freund dorthin nachziehen. Daraufhin entschloss sich Marx, "an einer kleinen Universität den Doktorhut zu erwerben": Er verfasste eine Dissertation über ein philosophiegeschichtliches Thema: "Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie", sandte sie an die Universität Jena und wurde aufgrund dieser Arbeit im April 1841 promoviert, ohne jemals in Jena gewesen zu sein oder gar dort studiert zu haben ("in absentia").

    Was es mit "Alter Geschichte/Archäologie" auf sich hat, mag El Quijote ergänzen; vermutlich hängt es mit der Struktur der Jenaer Fakultäten zusammen. Die Frage: Warum ausgerechnet Jena! beantwortet sich teilweise aus einer universitätsgeschichtlichen Besonderheit [3]: Jena gehörte zu den Universitäten, die "das Geschäft mit Promotionen in absentia als lukrative Einnahmequelle entdeckt hatten" und war in dieser Hinsicht so rege wie keine andere deutsche Universität. - Daraus erwächst eine Reihe von Fragen:

    • Wie sah das innere Gefüge der Universitäten zu dieser Zeit aus?
    • Wie finanzierten sie sich?
    • Welche Qualität hatte die Beziehung Universitätslehrer - Student/Doktorand?
    • Wie stark war das Studium vorstrukturiert?
    • Welchen Rahmen gaben die Studienordnungen vor?
    • Wer bewertete die Qualität eingereichter Arbeiten (ohne Kenntnis der Person!)?
    • Wie entwickelte sich all dies in den kommenden Jahrzehnten weiter?
    Zur letzten Frage noch zwei Hinweise: [4]

    • "Im Verlauf des 19. Jahrhunderts erreicht die deutsche Wissenschaft die führende Stellung in der Welt, in der klassischen und vergleichenden Philologie schon um 1830, in der Geschichte und Bibelkritik um 1840, in vielen Gebieten der Naturwissenschaften zwischen 1840 und 1865."
    • Die Zahl der Studenten an deutschen Hochschulen betrug im Durchschnitt der Jahre 1836/41 11.309 (1789: 7900).

    [1] Im Ursprungs-Thema, das sich auf die Völkerwanderungszeit bezieht, würde dieser Aspekt wohl zu weit weg führen.
    [2] Karl Marx - Geschichte seines Lebens. Berlin(-Ost): Neudruck 1974 der Erstausgabe 1918, S. 15 ff.
    [3] Jena musarum salanarum sedes: 450 ... - Google Bücher
    [4] R. Steven Turner, in: Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Band III. München 1987, S. 238, 230
     
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  2. Samnanger

    Samnanger Neues Mitglied

    An diese Fragen möchte ich gern eine weitere Frage anknüpfen: Seit wann gibt es Anwesenheitspflicht bzw. -kontrollen für Studierende an deutschen Universitäten ? Wurden die Studierenden im 19. Jahrhundert etwa kontrolliert oder kamen und gingen sie je nach Laune ? Das würde mich mal interessieren.
     
  3. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Auf die Schnelle hier: Kurt Eisner - Google Bücher (ähnliche Darstellungen gibt es noch jede Menge).

    Die sehr weitgehende Lehr- und Lernfreiheit beruhte ja auf der Humboldtschen Erwartung, dass sich "der Mensch selbst bilden (sollte), um so seine Persönlichkeit zu möglichst umfassender Entfaltung zu bringen" [1]. Je größer freilich die Zahl der Studierenden wurde, desto größer wurde die Gefahr gesehen, dass viele "ohne inneren Bezug und Zusammenhang" studierten; die Forderungen nach strengerer formaler Kontrolle bzw. Steuerung der Studien setzten sich jedoch zunächst nicht entscheidend durch.

    Eine Regulierung erfolgte auf anderem Wege, z.B. durch die "Standardisierung und Akademisierung von Berufskarrieren in Verwaltung und WIrtschaft", die Einführung von (Pflicht-) Seminaren als Lehrform, das Prüfungswesen usw.


    [1] Jarausch in: Handbuch der Deutschen Bildungsgeschichte. Band IV. München 1991, S. 329; weiteres Zitat S. 316
     

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