Die "Daily Telegraph Affäre"

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Arne, 2. Oktober 2005.

  1. Arne

    Arne Premiummitglied

    Sprechen wir etwas über die "Daily Telegraph Affäre". Oft benannt, doch nicht immer sind die tatsächlichen Hintergründe bekannt. Zuerst die reinen Fakten, der Einfachheit halber mal komplett zitiert aus Wikipedia:
    Nun zur Wertung: Nach meiner Ansicht spiegelt sich hierbei deutlich die Wankelmütigkeit Kaiser Wilhelm II. wieder. Oft - zu oft - ließ er sich von wechselnden Sympathien und Gefühlen leiten, die im Endeffekt undiplomatisch waren.
    Er hatte bekanntlich große Sympathien für die "Verwandten" in England, reagierte aber immer wieder verärgert wenn er das Gefühl hatte, seine "Liebe" wurde nicht erwidert. Impulsiv brauste er dann auf und zerschlug diplomatisches Porzellan.
    Andererseits hatte er (so wie große Teile der deutschen Öffentlichkeit) große Sympathien für den Freiheitskampf der Buren gegen die britischen Angriffe. Die Umstände des vorherigen Handelns bei der "Krüger-Depesche" sind ja eindeutig. Diese beiden Geschehen gehören untrennbar zusammen.

    Später, als Ohm Krüger Europa bereiste um Beistand gegen England zu suchen, gewährte er ihm keine Audienz - den Notwendigkeiten der europäischen Diplomatie und Regierungsvorgaben folgend. Ich kann mir gut vorstellen, daß er da in seinem "stillen Kämmerlein" frustriert über die eigene Machtlosigkeit und gewissensgeplagt saß, mit dem Gefühl das moralisch Falsche getan zu haben, um der Diplomatie gerecht zu werden.

    Zum Kanzler: Bülow hatte versagt. Aber ich sehe ihm da seine "Mitschuld" nach, denn ich kann mir vorstellen, es war nie leicht auf den Kaiser "aufzupassen", quasi sein Kindermädchen zu spielen, da dieser sich auch gern geschickt den Aufpassern und Vorgaben entzog - genau, wie ein kleines Kind. Wie sagt man "Es ist leichter einen Sack Flöhe zu hüten...";)
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. Oktober 2005
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  2. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Diesen Thread habe ich erst jetzt entdeckt.:)

    Ich habe mich schon des öfteren die Frage vorgelegt, ob Bülow tatächlich in diesen Ausmaße versagt hat. Mir stellt sich angesichts der bekannten Fakten nämlich die Frae, ob Bülow wirklich nicht wie er behauptet, das Interview nicht gelesen hat und einfach nur an das AA zur Prüfung weitergeleitet hat.

    Wilhelm hat sich ja gerne die Auswärtigen Angelegenheiten eingemischt. Nachdem Bülows Nachfolger als Staatssekretär Oswald von Richthofen im Januar 1906 verstorben war, konnte Bülow seine persoenllen Wünsche für die Neubesetzung, Mühlberg oder Kiderlen-Wächter, nicht durchsetzten. Wilhelm hatte sie abgelehnt. Kiderlen war zu derzeit beom Kaiser noch in Ungnade und Mühlberg hatte möglicherweise keine Chance, weil er Jude war. Stattdessen wurde der nicht sonderliche fähige Tschirschky berufen, der in der Julikrise in Wien so eine unheilvolle Rolle spielen sollte. Ein Jahr später das gleiche Spiel. Wieder wurden Bülows Vorschläge durch Wilhelm zurückgewiesen und Schoen ernannt.

    In Febuar 1908 begann Wilhelm II. einen Briefwechsel mit dem britischen Marinechef Lord Tweedmouth und lästerte über den US-Botschafter in Berlin Hill und integrierte gegen die USA. Alles ohne Wissen des Reichskanzlers. Als diese Vorgänge publik wurde, war das öffentliche Ausehen groß. (1)

    Dann die desaströs verlaufenen Gesprächen zur Flottenproblematik mit Hardinge, Bülow war zu jener Zeit schon länger bereit, Großbritannien in der Flottenrüstung entscheidend entgegnzukommen, was Wilhelm aber nicht weiter interessiert hat. Bülow hat schon richtig erkannt, das man nicht "die größte Armee der Welt und die größte Flotte de Welt" haben könne.

    Jedenfalls hat es im Reichstag ordentlich gekracht und dann soll ein so sensibilisierter Reichskanzler dieses Interview sich nicht durchlesen und einfach nur an das AA weiterleiten?


    (1) HHStA Wien, MdÄ, PA III, Nr.166, Berichte aus Berlin vom 07.03.1908
     
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  3. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Wichtig ist eigentlich auch, das Wilhelm den Gesandten Rückert-Jenisch damit beauftragte, das Bülow prüfen solle, ob eine Publizierung es Interviews grundsätzlich überhaupt opportun sei.

    Aber Rückerk-Jenisch hatte in dem entsprechenden Schreiben an seinem Cousin Reichskanzler Bülow dies nicht so explizit zum Ausdruck gebracht gehabt. Seine Familie meinte aber, er hätte dies später in einem zweiten Brief nachgeholt. Dies läßt sich aber quellenmäßig nicht belegen.

    Aber immerhin hat Rückert-Jenisch seinen Vetter in dem Begleitschreiben vom 30.09. ausdrücklich darüber in Kenntnis gesetzt, das Wilhelm eine Bearbeitung durch das AA nicht wünsche und deshalb das Wortleyische Dokument auch an ihm gesendet worden sei. Schon bei flüchtiger Lektüre hätte Bülow die Brisanz des Interviews klar gewesen sein.

    Bülow hatte sich zumindest eine grobe Fahrlässigkeit geleistet.
     
  4. hatl

    hatl Premiummitglied

    War das eine übliche Vorgehensweise?
    Also, dass der Kaiser seine Äußerungen so einer Art Zensur unterwirft?
    (Ich weiß es wirklich nicht.)
     
  5. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Nein, sicher nicht. Im vorliegendem Falle wurde dies durch Tirpitz angeregt, der das Interview gelesen hatte.
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ist die Darstellung des Ablaufes und der Sichtweise von Bülow und dem AA, wie in der Winzen-Biographie zu Bülow bekannt?

    Sonst könnte ich das zitieren.
     
  7. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Die Biographie von Winzen über Bülow steht in meinem Regal.:winke: Ich meine mich zu erinnern, das Winzen mutmaßt, das Bülow das Interview gelesen hat, im Gegensatz zu seinen späteren Beteuerungen.
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Genau. Winzern ist von der Kenntnisnahme und Bearbeitung überzeugt, und bietet auch Motive für den Ablauf an.
     
  9. hatl

    hatl Premiummitglied

    Welche?
    (Ich kenne das Buch leider nicht)
     
  10. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    Peter Winzen: Reichskanzler Bernhard von Bülow. Mit Weltmachtphantasien in den Ersten Weltkrieg.
     
  11. hatl

    hatl Premiummitglied

    Danke für den Hinweis Turgot. Ich hoffe ich komm dazu das Buch zu lesen :winke:

    Was ich mich frage:
    Wenn nun der Bülow einer postulierten Pflicht, die geistige Inkontinenz seines Kaisers vor der Veröffentlichung zu schützen, nicht nachgekommen ist, was könnte ihn dazu bewegt haben?
    War es eine Fahrlässigkeit? Das scheint Dir ja nicht wahrscheinlich.
    Oder wollte er ihn mal "reinrasseln" lassen, damit er seine Grenzen sieht und nicht dauernd dazwischenfunkt?

    Zwei Monate vorher, im August 1908, gibt Wilhelm dem Reporter Hale der New York Times ein Interview, mit einem so haarsträubenden Inhalt, dass die NYT "sich verpflichtet fühlte, vor der Veröffentlichung den amerikanischen Präsidenten zu konsultieren" (Barbara Tuchman - Die Zimmermann Depesche - Seite 55) Der T. Roosevelt nimmt dann die Zensur vor (er empfiehlt "nachdrücklich" nicht zu veröffentlichen) und die NYT folgt der Empfehlung.
    Und das AA ist entsetzt (immer noch gleiche Quelle).
    Das war zwei Monate vorher und ging gerade noch gut. Denn folgt man Tuchman, so erzählte der Kaiser ein derart brisantes und irres Zeug, dass das AA aufgeatmet haben dürfte als feststand, dass es zu keiner Veröffentlichung kommen würde.
    Und Bülow ging es wahrscheinlich ebenso, wie man vermuten kann.

    Interessant ist jedenfalls, dass überhaupt ein Bülow hier zur Rechenschaft gezogen wird. Denn wäre der Souverän souverän, müsste er sich doch selbst genug sein um die Verantwortung für sein eigenes Tun zu übernehmen.
     
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  12. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ich hoffe, du findest die Zeit. Eine lohnenswerte Lektüre.

    Ganz ehrlich, ich bin mir da nicht so sicher! Es fehlt nämlich eine Quelle, die Winzen oder Bülow bestätigt.

    Ich habe auch das ältere Werk von Schüssler zu der überaus peinlichen Affäre gelesen, der zu dem Schluss gelangt, Bülow hätte wahrscheinlich das Interview nicht gelesen, sich aber krass grob fahrlässig verhalten hat.

    Wilhelm hat das Bülow nie verziehen und nur die passende Gelegenheit abgewartet, sich des Kanzlers zu entledigen.

    Bülow könnte dazu bewegt haben, den Kaiser "eine Lektion zu erteilen", das dieser sich künftig mehr aus der auswärtigen und vor allem der Personalpolitik heraushält.

    Das Hale Interview ist ein gutes Beispiel. Das AA und der Kanzler verfolgten in Ostasien und den insbesondere den USA gegenüber eine zurückhaltende Politik. Nur nicht unangenehm auffallen war das Motto. Und dann kam Wilhelm der Plötzlich mit seinen, mal wieder, unpassenden Äußerungen in dem Hale Interview.
     
  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Du hast nach den Motiven gefragt.

    Zunächst einmal ist Bülow Version (handschriftlich, dünnes Papier, schlecht lesbares Manuskript, erhalten im Urlaub auf Norderney) eine glatte Lüge. Erhalten hat er ein übliches Zeitschriftenmanuskript, festes Papier, Schreibmaschine, doppelzeilig getippt zur Korrekturmöglichkeit.

    (Röhl, Wilhelm II., Winzen, Kaiserreich am Abgrund (das ist der Dokumenten- und Anmerkungsband zu den beiden Affären und Basis der Darstellung in Winzen, Bülow)).

    Bülow hatte auch nicht nur das lesbare Original in den Händen (am 1.10., inkl. Begleitbreif von Wortley), sondern - damit wird die Notlüge zum Witz - insgesamt 3 maschinen-getippte Abschriften vom AA, von denen er eine am 5.10. bekam, die zwei weiteren auf Anforderung Bülows nachträglich und zusätzlich vom AA. Schließlich wurden ihm am ergänzend zu den nach Norderney geschickten "Exemplaren" nebst Original (versandt 5.10.) auch von Stemrich die Korrekturen von drei Fakten-Fehlern Wilhelms übermittelt.

    Zum Motiv:

    Der eine Kern des Interviews (-> deutscher Schlachtflottenbau zur britischen Unterstützung) ist bereits einige Monate zuvor so transportiert worden, -> Wilhelm zu Wortley anläßlich des Besuches auf Schloss Highcliffe Nov/Dez 1907). Der Kern der gedoppelten Wilhelm-Aussage ist ebenfalls im Bülow-Interview mit dem Londoner Standard vom 7./9.8.1908 enthalten (erschienen 14.9.1908). Beide Interviews sind Reaktionen auf den Sommer 1908 und die Zuspitzung der Konfrontation im Flottenbau, mit der wilhelm-Phantasie, die Nordsee-Flotte sei für den deutsch-englischen Schulterschluss im Pazifik gebaut, und eigentlich anti-japanisch.

    Soweit das Motiv: schlichte Übereinstimmung des Bülowschen und des Wilhelmschen Interview-Kerns, und gleiche außenpolitische Stossrichtung in Bezug auf Beruhigung wegen der in Großbritannien hochkochenden Flottenrüstung. Innenpolitische Implikationen wurden weder von Bülow noch vom prüfenden AA irgendwo nachweislich beachtet. Die Prüfung des AA bezog sich auch nicht auf die "Opportunität" der Veröffentlichung, weil Bülow dazu nichts angewiesen hatte, was nach üblichen Beamten-Gepflogenheiten im AA hieß, dass er sich diese Entscheidung selbst vorbehält oder bereits geprüft hat. Die gegenteilige atmosphärische "Aufnahme" des Interviews im Ausland (so auch im an sich nicht tangierten Ausland wie Schweden oder USA) dürfte ebenfalls nicht gesehen worden sein.

    Dass man beides nichts sah, spricht für den Dilentantismus der deutschen Politik, für Gewöhnung an "Risikostrategien", etc., weshalb diese Denkmuster auch als "Kristallisationskern" für 1914 bezeichnet worden sind.
    H-Net Reviews

    Wer sich den Winzen 2002 nicht beschaffen kann, dem ist Röhl in der Analyse dieser Recherche zu empfehlen (die älteren Auffassungen in der Literatur sind nach der Quellenanalyse und Quellenkritik von Winzen obsolet). Winzens Bülow-Biographie greift nur auf die 2002er Publikation zurück.
     
  14. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Zu dem Zeitpunkt dieses unerhörten und beispiellosen Skandals war Bülow in Norderney, Wilhelm in Romintern, der Pressechef Hammann in Urlaub, so das das AA zu jenem Zeitpunkt vom Unterstaatssekretär Stemrich geleitet wurde. Stemrich übergab das Interview bezüglich Detailprüfung dem Geheimrat Klehmet, der für allgemeine politische Fragen zuständig war, das Interview.

    Klehmet arbeitet genau und zügig und übergab das korrigierte Manuskript am 05.Oktober zurück. Aus Stemrich seinen Begleitschreiben an dem Reichskanzler geht die Notwendigkeit von Änderungen hervor.

    Bülow hat dann als die Bombe geplatzt war, Klehmet vorgeworfen, das dieser die Opportunität des Interviews nicht geprüft habe. Nun ja, das ist ja auch aus Bülows Anweisungen überhaupt nicht hervorgegangen und Klehmet durfte davon ausgehen, das Bülow sich die Entscheidung hierzu selbst vorbehält bzw. bereits entschieden hatte. Das hat Klehmet später selbst so ausgeführt. Wir wissen ja auch nicht, ob das angebliche zweite Schreiben von Rückert-Jenisch tatsächlich geschrieben worden ist oder ob das nur eine Schutzbehauptung ist. Auch dies ist quellenmäßig nicht belegt.

    Und trotzdem hat Klehmet diese Opportunität zumindest berührt. er gab nämlich den Rat, die Behauptung des Kaisers über die Englandfeindlichkeit der Mehrheit des deutschen Volkes in einer englischen Zeitung besser einzuschränken. Eine klare Aussage, die aber in der Summe natürlich deutlicher vorgestellt hätte werden müssen. Eine im Großen subalterne Ausführung der Weisung seiner Vorgesetzten reichte hier eben nicht aus.

    Daraus jetzt allgemein abzuleiten, die deutsche auswärtige Politik sei dilettantisch, finde ich überzogen. Sie hatte ganz sicher nicht die große Erfahrung einer weltumspannenden auswärtigen Politik des Foreign Office, wo in ganz anderen Dimensionen gedacht wurde, aber im AA saßen auch nicht nur Stümper oder Rümpler.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Juni 2015
  15. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Auf ein zweites Schreiben kommt es gar nicht an.

    Halten wir erstmal quellenkritisch und grundsätzlich fest, dass Bülow gelogen hat, und das aus keiner Quelle hervorgeht, dass die außenpolitische negative Wirkung und die innenpolitische Eruption in der Tragweite gesehen wurde. Im Gegenteil (zur Außenpolitik):

    Bedeutender sind die Anmerkungen, die im Jenisch-Begleitschreiben an Wilhelm enthalten sind, sich auf Bülows Hinweis auf die Problematik beziehen (siehe Nr. 1 unten), und die Wilhelm bei Weitergabe nicht einfließen ließ. Aus dem Bülow-Kommentar ist ersichtlich, dass dieses Problemfeld klar erkannt wurde (weil er die Abschwächung anriet, übrigens erneut ein Vorgang, der die behauptete Nichtkenntnis als Lüge offenbart). Und dieser Kommentarbrief wiederum ist von Wilhelm handschriftlich als Kenntnisnahme abgezeichnet.

    Es geht also überhaupt nicht darum, ob Klehmets Bemerkungen bei Bülow angekommen sind oder nicht oder undeutlich waren. Sie sind angekommen, und auch verstanden worden, was Bülows Anmerkungen belegen, die auch den Kaiser tatsächlich erreicht haben. Bülow hat keine Bedenken gegen die Publikation erhoben, sondern lediglich eine Abschwächung empfohlen, Wilhelm hat überhaupt nichts bedacht.

    Röhl, Wilhelm II, mit Bezug auf Winzen 2002:

    "While Wilhelm left for Döberitz next day to go hunting, Bülow discussed the article and the amendments suggested by Klehmet and Stemrich with Schoen, before sending off the document to Jenisch, who had meanwhile gone to Klein-Flottbeck, on the afternoon of 13 October...

    Jenisch sent the draft article with the three marginal corrections by Klehmet, together with Stuart Wortley’s letter, back to the Kaiser. His accompanying letter declared, untruthfully: ‘The article, as Your Majesty was pleased to command, has been thoroughly examined by the Reich Chancellor, bypassing the Foreign Office as far as possible, and there are only three passages in which exception can be taken to the wording. I have inserted the changes suggested by His Excellency in the margin of Stuart Wortley’s draft; a copy of the draft has been retained for the record. With regard to each of the changes Prince Bülow has made the following comments: 1) It might be better to tone down somewhat, for an English newspaper, the acknowledgement that the majority of the German people have unfriendly feelings towards England. ..."

    The Kaiser signed the covering letter and sent the draft article, with the handwritten corrections which Jenisch, on Bülow’s instructions, had inserted in the margin, back to Stuart Wortley on 16 October. On both sides of the North Sea the few who knew about it were confident that the article would lead to a distinct improvement in Anglo-German relations. ‘I firmly hope that it may have the effect of bringing about a change in the tone of some of the English newspapers’, the Kaiser told the British General, ..."
     
  16. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Sicher hat Bülow gelogen. Das wird von mir gar nicht in Frage gestellt. Die Frage ist nur, in welchem Ausmaß und auch Winzen kann "nur" Indizien, aber eben keine Quelle vorlegen.
    Allein das Bülow diesen brisanten Vorgang an das AA weitergegeben hat, trotz gegenteiliger Weisung vom Kaiser, ist schon ein Hammer.

    Wenn Wilhelm nichts bedacht hätte, dann hätte er wohl kaum die Opportunität der Veröffentlichung geprüft haben wollen. So ist es nun auch wieder nicht.


    Und was Bülow betrifft, so hat er ja sogar die Formulierungen von Klehmet übernommen gehabt. Bülow hat sich in der ganzen Affäre, um es einmal vorsichtig auszudrücken, nicht gerade vornehm verhalten und Wilhelm hat sich ausnahmsweise korrekt verhalten; seine Ausführungen im Interview meine ich selbstredend nicht.
     
  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das Ausmaß steht fest:

    Bülow hat den Presseentwurf gelesen, bearbeitet, weitergereicht, zurück erhalten, kommentiert und über Jenisch durchleiten lassen. Das ist zum einen quellenseitig belegt, und insoweit sind zum anderen ältere, der Bülow-Version folgende Darstellungen überholt:


    Der Hammer ist eigentlich nicht die strengstens vertrauliche Weitergabe aus dem Urlaub in Norderney, sondern der Wunsch resp. die Anweisung Wilhelms, dass genau diese Fach- und Sachprüfung durch das AA nicht erfolgen sollte:
    Warum eigentlich sollte das nicht durch das AA geprüft werden?

    Das geht mir über ein "im Zweifel zugunsten des Angeklagten" hinaus.
    1. Wilhelm untersagt die fachliche Prüfung durch das AA
    2. er berücksichtigt gerade nicht die - ohnehin mittelmäßigen - Bedenken des Begleitschreibens, sondern lässt ein paar "marginale Faktenfehler" (Röhl) korrigieren.

    Das spricht für sich selbst, ebenso wie für die fehlende Notbremse Bülows ("könnte man ja abschwächen"), und das ex post-Leugnen der Befasstheit mit dem Stein des Anstosses.

    Und noch dazu, abseits der Schriftsätze: bevor Bülow die Kommentierung an Wilhelm weitergeleitet hat, hatten die beiden ein Tête-à-Tête im lauschigen Garten. Glauben wir mal der Aktenlage, dass Wilhelm nur nach dem Stand gefragt hat, und Bülow die durchleitende Freigabe bestätigt hat: warum erfolgt hier keine Warnung, außerhalb der umlaufenden Schriftsätze? Oder ist sie erfolgt, und Wilhelm hat es nicht kapiert? Oder waren sich beide wegen der übereinstimmenden Motivation (s.o.) und den netten Flankierungen der Presseinterviews sogar einig?

    Spielt aber alles keine Rolle für den Flurschaden. Dessen Beurteilung setzt retrograd, sozusagen vom Ergebnis her, und beim Grundsätzlichen an.
     
  18. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Der Grund, weshalb das AA nicht mit der Prüfung des Interviews befasst werden sollt, war, das Oberst Wortley bei der Übersendung dessen an Wilhelm um absolute Diskretion gebeten hatte. Es sollte nichts durchsickern.

    Ich habe jetzt kurz bei Winzen nachgeschlagen und auf Seite 452 schreibt er, das Bülow schon am 02.Oktober beschlossen hätte das Interview publizieren zu lassen. Ohne das Ergebnis des AA abzuwarten. Und hierfür benennt Winzen kein Quelle.
     
  19. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Unterstellt man diese Bitte, so wäre sie völlig unbeachtlich.

    Sie liegt auch konträr zum Text, der den Entwurf uneingeschränkt "for Your Majesty's perusal" - zur Durchsicht und Prüfung - übergibt.

    "Most confidentially" hat Wortley dagegen den Interview-Entwurf nur für sich selbst behandelt und angeblich nur mit einem Freund (Harry Lawson) besprochen, damit eben in Großbritannien nichts durchsickert. Im Übrigen sah Wortley freibleibend allen inhaltlichen "Missbilligungen" Wilhelms entgegen, und bat darum, diese frank und frei mitzuteilen.

    Dass eine Bitte um vertrauliche Behandlung - ausschließlich nur durch Wilhelms selbst - schließlich weder bindend noch realitätsnah ist, kann man wohl nachvollziehen.

    Danach stand es Wilhelm frei, Änderungen anzugeben oder die Sache komplett zurückzuweisen.


    Das schreibt er, und dafür spricht, dass er die Opportunität durch das AA nicht prüfen ließ. Ob es aber so war, am 2.10. oder 5. oder 7. oder 16.10., ist nicht weiter wichtig.

    Mindestens zwischen dem 2.10. und dem 16.10. lagen nun mal zwei Wochen, in denen er seine Meinung ändern konnte, auch aufgrund der Bedenken des AA, die immerhin zu einer Kommentierung in dem oben zitierten Punkt 1 führte und bis zum Kaiser durchgeleitet wurde.
     
  20. hatl

    hatl Premiummitglied

    Danke, es macht wirklich Spass die Beiträge zu lesen.

    Was mich noch interessiert, weil ich es nicht weiß: wie funktionierte so etwas im Kaiserreich?

    Ich hoffe ich hab das soweit richtig verstanden:
    Der Kaiser gibt ein Interview für eine britische Tageszeitung.
    Diese schickt vereinbarungsgemäß, (ich nehme mal an es gab eine Vereinbarung, weiß es aber nicht) den Entwurf des Artikels dem Kaiser. Der gibt das zur Prüfung weiter, will aber nicht, dass das zuständige AA an dieser beteiligt wird.
    Das ist kein übliches Verfahren und zwei Monate vorher macht er das, wenn ich es richtig verstehe, beim Hale-Interview nicht. Das geht ohne weitere Prüfung auf den Weg.
    Dass „Bülow einen Nervenzusammenbruch erlitt, als er von dem Interview erfuhr“ ist bemerkenswert. (Danke für die Quelle)

    Wie geht es weiter? Der Kaiser zeichnet den Text des Dayly Telegraph mit den Randnotizen, oder Anmerkungen ab, und schickt ihn zurück.
    Wenn ich es richtig verstehe veröffentlicht der DT dann den Artikel.
    Sind die (schwachen) Korrekturen eingeflossen?
    Wurde die Druckversion nochmal zur endgültigen Freigabe zurückgesendet? (ich vermute nein)
    Wäre das angesichts der umständlichen Kommunikationswege überhaupt zu erwarten gewesen?

    Ich versuche mir das einfach nur vorzustellen, wie das so ging zu dieser Zeit mit diesen Spielern auf der Bühne.
     

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