Die "Deutschböhmen" vom 13. bis 15. Jh.

Dieses Thema im Forum "Das Heilige Römische Reich" wurde erstellt von jschmidt, 2. September 2010.

  1. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Zu diesem Thema wurde ich angeregt durch die in Der Slawenaufstand 983 aufgekommene Diskussion, die ich stark verkürzt aufrufe:

    • Es wird eine Parallele gezogen zwischen dem politischen Schicksal der Tschechen/Böhmen und dem der Elbslawen: Erstere bildeten ein eigenes Territorium aus, letzteren gelang das nicht.
    • Dass es auch in Böhmen eine deutsche Einwanderung ("Kolonisation") gab, ist unbestritten. Die Frage ist halt, wie stark sie war (Beiträge #44,46) und inwieweit auch hier ein "Kulturgefälle" (#41) bestand, welches jedoch nicht zu einer langfristigen Dominanz der Einwanderer führte.
    Zwei Faktoren werden dabei hervorgehoben: Die Einwanderung konzentrierte sich an den Rändern des böhmischen Kernlandes (#44), und die Einheimischen waren "durch die frühe Annahme des Christentums" [und] "die formale Oberlehnsherrschaft des Kaisers" quasi geschützt (#42).

    Die Diskussion hierüber ist nun zweifellos belastet durch die Geschehnisse im 20. Jh., die wiederum in mancher Beziehung vorgeprägt sind durch ergebnislose Versuche, die Tschechen/Böhmen im 19. Jh. in die k.u.k. Monarchie zu "integrieren" sowie, immer weiter in die Vergangenheit ausgreifend, durch die Kriege mit religiösem Hintergrund im 17. Jh. und schließlich auch 15. Jh.

    Wenn man deutschsprachige Historiker des 19. Jh. liest, dann wird die Frage des "Kulturgefälles" sehr hoch gehängt: Die Deutschen kamen im 13.-14. Jahrhundert als "Kulturbringer" nach Böhmen, bildeten sozusagen die Hefe im Gärteig, und es erscheint beinahe als eine Art von "Undank", dass die Tschechen-Mehrheit den Vorschlag, "deutsch" zu werden, ausschlug.

    Genau entgegengesetzt könnten tschechische Historiker argumentieren: Der Einfluss "von Westen" in Bezug auf Landesausbau, kulturelle Entwicklung usw. sei deutlich geringer gewesen, und man könne eher die Frage stellen, warum sich denn die Deutschen in Böhmen nicht assimilieren ließen.

    Hieraus wäre u.a. folgende Fragen abzuleiten [2]:

    • Wie stark war die deutsche Einwanderung ab 1200 tatsächlich?
    • Gibt es Belege für das angesprochene kulturelle Gefälle zwischen Böhmen und Deutschen im 13.-15.Jh.?
    • Welche Faktoren waren ausschlaggebend dafür, dass die Koexistenz beider "Ethnien" längere Zeit funktionierte bzw. zu funktionieren schien?
    • Welche Faktoren drängten sich später dazwischen?

    [1] Das Thema http://www.geschichtsforum.de/f44/deutsche-ostexpansion-vom-10-bis-13-jh-18215/ gibt für Böhmen direkt nichts her.
    [2] Hintergrundinformation: Band 2 des Handbuchs der Europäischen Geschichte (Hg. Seibt, Stuttgart 1987, S. 258 ff., 507 ff.).
     
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  2. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

  3. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Ja gern!

    [Hinweis: "Die räumliche Ausdehnung Böhmens und Mährens vom 11. bis 15. Jh. entsprach etwa der heutigen. Allerdings gehörte damals auch noch die Grafschaft Glatz an der böhmischen Nordgrenze dazu und im Nordwesten das Zittauer Becken. Das Egerland hingegen wurde erst im Jahre 1322 vom Reich erpfändet" (Handbuch, S. 509).]
     
  4. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Ich kenne die genaue Entwicklung Böhmen und der anderen slawischen Gebiete der deutsche Ostsiedlung nict besonders gut, bin aber der Ansicht, dass die Wende im Böhmen im 15. Jahrhundert stattfand.
    Als Ebeneffekt der eigentlich religiösen Hussiten-Bewegung erhielt die tschechische Sprache erneut ein Prestige und es entstand ein tschechischen Selbstbewusstsein.
    Diese Entwicklung blieb in den übrigen Gebieten aus, weshalb die slawische Sprache in den anderen Gebieten des Heiligen Römisches (im Verlauf der Neuzeit) eben fast vollständig unterging.
     
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  5. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Der erste Satz entspricht in etwa Repos These "Letztlich entscheidend dort die Hussitenkriege" [1], wenn ich die richtig verstanden habe.

    Könntest Du den zweiten Satz etwas näher ausführen? Waren die Tschechen selbstbewußtseinsmäßig tatsächlich "so spät dran"?


    [1] http://www.geschichtsforum.de/518292-post43.html
     
  6. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Es ist ein Fakt, dass der Gebrauch der deutschen Sprache in Böhmen und Mähren im ausgehenden 14. beginnenden 15. Jahrhundert abgenommen hat, wobei ich unterstelle, dass nicht Deutschsprachler abgewandert sind, sondern das Czechische übernommen haben.
    Ob jetzt die Hussiten der Auslöser, oder bereits eine Folge waren, sehe ich als das berühmte "Huhn oder Ei" also unerheblich.

    Auf was ich eigentlich hinaus wollte, ist das hin und her der Sprachen im östlichen Mitteleuropa, das dort von der beginnenden Völkerwanderungszeit bis in das 18. Jahrhundert hinein zu beobachten ist.
    Und zwar in beide Richtungen!
    Weiter unterstelle ich, dass nur ein Teil der Menschen, auch nicht die Mehrheit ab- bzw. zugewandert sind, sondern die ansässige Bevölkerung hat die Sprache des "attraktiveren Kulturmodells" übernommen.

    An anderer Stelle habe ich schon auf das "überaus erfolgreiche slawische Kulturmodell" hingewiesen.


    Ich bitte mir aber, zumindest vorläufig, Dispens für diese Diskussion zu erteilen, ich habe mich hierzu schon genug geärgert.
     
  7. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Wie denn spät dran. Im Grunde sind da entwicklungstechnisch im späten Mittelalter mit deutschen gleich auf. z. B. die Übersetzung der Bibel in die Muttersprache betrifft.
    Die Sache mit den Tschechen ist allerdings recht jung. Es gab vor gar nicht all zu langer Zeit konkurrierende Bezeichnungen und ethnische Gruppierungen, die heute an Bedeutung verloren haben: Mährer, Schlesier... und vor allem Böhmen. Als Böhmen wurden scheinbar alle Bewohner Böhmens bezeichnet. Eine peinliche genaue Unterscheidung von Deutschen und Slawen ist nicht möglich, eben wegen der Bilingualität.
    Die Sprache der Universität Prag war Deutsch und eben Latein. Böhmisch hingegen war die Sprache der "böhmischen Dörfer" für Außenstehende unverständlich. So kann denn ein Kleriker im böhmischen Dörfer böhmisch und sich an der Prager Uni deutsch unterhaten, lateinisch predigen...

    Beim Doppelspiel machten auch die Könige und Kaiser mit.
    So z.B. bei den Königen von Böhmen, aus dem Hause Luxemburg. Ihre Herrschernamen waren Deutsch, doch wurden sie auf den Namen Wenzel getauft, als wollten sie ganz bewusst zu beiden dazugehören.
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. September 2010
  8. Zar Alexander

    Zar Alexander Neues Mitglied

    Mal so als kleine Frage zwischendrin: Sprach man in Böhmen eigentlich eine deutsche Sprache oder schon von Anfang an eine slawische?

    Entschluldigung für's off-topic.
     
  9. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Weder - noch :pfeif:
    Geschichte Böhmens ? Wikipedia
     
  10. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Wurde vor 1,87 Mio Jahren überhaupt schon schon gesprochen?:confused::red:

    Zurück zur Alexanderfrage, weil die für mich on-topic ist: Wenn man den Wikipedia-Beitrag nimmt, wird deutlich, dass in einer so schönen Gegend wie dem böhmischen Becken sich die Völker sozusagen die Klinke in die Hand gaben, und ich lese ferner daraus, dass die Tschechisch-Sprecher vor den Deutsch-Sprechern dort waren. (Was immer Tschechisch bzw. Deutsch fürs 12. Jh. heißen mag.)

    Dass das zuerst eine homogene Sprachgemeinschaft war, glaube ich eher nicht bzw. bin für Hinweise dankbar. Jedenfalls begann alsbald "in manchen Teilen eine intensive Besiedelung durch deutsche Siedler und Bergleute. Auch in vielen Städten Innerböhmens lebten ab dem 12./13. Jahrhundert Deutsche und Tschechen zusammen" bzw. bildeten seitdem die beiden größten Sprachgemeinschaften. (Oder?)

    Bilingualität ist ein großes Wort! Für die Universität Prag trifft sie in gewissem Sinne zu, und dass manche Kleriker - wie Hus - und andere Gelehrte D. und T. sprachen und dazu noch Lateinisch, ist auch plausibel. Was übrigens nicht den großen Universitätskrach von 1409 verhinderte, der, wie Friedenthal schreibt [1], "zu einer nationalen Sache, zu einem europäischen Skandal und für Hus zum Lebensschicksal" wurde.

    Aber war ist mit den übrigen 95 % der Gesamtbevölkerung - war die auch bilingual? Oder ist damit gemeint, dass die einen (vorzugweise in den Dörfern, wie Du andeutest) Böhmisch sprachen und die anderen Deutsch? Gibt es Daten dazu oder wenigstens Hilfen zur Einschätzung? Wo - außer in den schon erwähnten Städten - trafen die Sprachgemeinschaften aufeinander? Waren sie einander tatsächlich "unverständlich"? Lässt sich das Zusammentreffen gleichwohl als Koexistenz bezeichnen?

    Hoffentlich ist meine Fragerichtung klar: Es ist zwar richtig, dass sich nach Hus die "nationalen" Gegensätze verschärften, aber das muss sich schon vorher angebahnt haben, wobei das Sprachenproblem ein denkbarer Erklärungsweg ist, die sozio-ökonomische Struktur ein anderer, und vielleicht gibt es auch noch mehr solcher Differenz-Punkte.


    [1] Jan Hus. Neuauflage 1984, S. 155-173, Zitat S. 155
     
  11. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

  12. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Ich habe hier was interessanten zu den Sprachen Böhmens gefunden:
    Tilman Berger: Tschechisch-deutsche Sprachbeziehungen zwischen intensivem Kontaktn und puristischer Gegenwehr
    Es geht in da hauptsächlich darum, wie umfassend das Deutsche die Tschechische Sprache beeinflusst hat, wie Groß die Unterschiede zum Polnischen und Slowakischen sind und wie verhältnismäßig groß die Ähnlichkeiten mit dem Deutschen und vor allem warum.
    Ich will das Tschechische daher mal als ein Pidgin-Slawisch bezeichnen, welches immer wieder von tschechischen Sprach-Puristen seiner all zu deutschen Elemente bereinigt wurde. Eine Sache die von Tschechen natürlich bestritten wird. Naja, lest am besten selbst.

    Hier mal die für das Mittelalter interessanten Stellen:
    Rätselhafte Frühzeit:
    Es gab vor der slawischen Siedlung bekanntermaßen Markomannen und Co. Details, insbesondere zur Sprache fehlen gänzlich. Und da noch diese Episode um den Franken Samo als König der Slawen...
    Wie gesagt rätselhaft.

    Oft liest man auch von einem Gegensatz von böhmisch-slawischen Adel und einem deutschsprachigen Patriziat in den Städten, daher wohl die sprichwörtlichen "böhmischen Dörfer".
    Nach der erneuten Schaffung einer slawischen Schriftsprache (die alte kyrillische Schreibsprache Großmähren blieb für Böhmen verloren) kommt ein Trendwechsel in den bis dahin vorherrschend deutschsprachigen Städten:
    Ein Grund des Trendwechsel der Böhmen zur slawischen Sprache wird nicht genannt.

    Merke: Die vorher mehrheitlich deutsche Stadt-Bevölkerung Böhmens tritt urplötzlich zur slawischen Sprachgemeinschaft über. Es entsteht ein Pidgin-Slawisch, Slawisch gemischt mit reichlich deutscher Grammatik und deutschem Vokabular.
    Frühe Sprach-Puristen treten auf den Plan. Jan Hus, wer hätte das gedacht, tadelt das Pidgin-Slawisch der Prager:
    Im Lauf der Jahrhunderte treten immer wieder tschechische Sprach-Puristen auf, ebenso kommt immer wieder Phasen des Booms des tschechischen Sprache. Wenn die dann Josef Jungermann, kann man über deutsche Wurzeln natürlich durchaus mutmaßen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. September 2010
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  13. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Herzlichen Dank für diesen Beitrag! Die These von der freiwilligen sprachlichen Assimilation der deutschen Städtbürger ist mir in dieser Form neu. Dazu passt aber der sehr knappe Hinweis im Handbuch (S. 524 f.), dass "die tschechische Sprache ... in dieser Zeit [um 1400] im östlichen Mitteleuropa bereits eine übernationale Funktion (erfüllte); sie war fähig, lexikal und künstlerisch subtile Bedeutungsunterschiede auszudrücken."

    Ich kann dem Text aber nicht entnehmen, ob die beschriebene Assimilation noch in die Zeit Karls oder schon in die Zeit Wenzels fällt bzw. inwieweit es überhaupt einen Zusammenhang mit politischen Ereignissen gibt.

    Solche Puristen gab und gibt es natürlich auch anderswo; vgl. derzeit die Diskussion um das "Denglische" bei uns. Die Frage ist, was etwa Hus wirklich gewollt hat: Ging es ihm "nur" um Sprachpurismus - bei sprachlicher Koexistenz im Übrigen - oder ging es um mehr?
     
  14. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Vielleicht besser ist an der Stelle diese Ausarbeitung des Haus der Bayerischen Geschichte.

    Der Jan Hus wird da ungekürzt mit voller Schärfe zitiert:
    "Ausgepeitscht zu werden verdienen die Prager und die
    anderen Tschechen, die halb tschechisch und halb deutsch
    reden, indem sie sagen: „hantuch statt ubrusec, šorc statt
    zástĕrka, knédlík statt šiška, hausknecht statt domovní pacholek,
    forman statt vozataj. Und wer könnte all das schildern,
    wie sie schon die tschechische Sprache verwirrt haben?
    So daß, wenn ein echter Tscheche sie so sprechen
    hört, er nicht versteht, was sie sprechen; und daraus entstehen
    Zorn, Haß, Zank, Hader und Schande der Tschechen.“

    Zu klären wäre hier noch Hus Tschechen-Begriff, ob er eines zu eins dem deutschen Böhmen-Begriff entspricht, also gleichermaßen slawisch- und deutschsprachige Bevölkerung, letzte vielleicht unechte Tschechen umfasst. Hus geht es also um Überfremdung, auch um die Bereinigung eines verworrenen Pidgin-Slawisch.

    Frühste gegen die deutsche Sprache gerichtetes Schriftgut liefert die Reimchronik des Damilil aus dem 14. Jahrhundert. Der Dichter legt dem Premysliden Sobeslaw II. folgendes in den Mund
    "Das Land überlasse ich euch,
    die Sprache vertraue ich euch an,
    damit ihr sie immer vermehret,
    Deutsche ins Land nicht hineinlasset.
    Wenn die deutsche Sprache im Lande emporkommt,
    wird alles Gute unseres Geschlechtes verdorben,
    da sie das Land und die Fürsten verraten;
    für sie selber wird unsere Krone nach Deutschland
    gebracht werden."

    Man beachte die besondere nationale Bedeutung, die der Dichter den Sprachen gibt.

    Die Seite http://www.hdbg.de übrigens eine wahre Fundegrube zum Thema.
    Sehr anschaulich auch zu sozialen und politischen Aspekten der Sprachverwirrung ist diese Übersicht mit Karte, etwa die sprachliche Sonderentwicklung im Egerland als staufischen Lehen und den Rückgang der slawischen Sprache indolge der Nichtzugehörigkeit zum Königreich Böhmen.
    Wirklich spannend ist aber das hier:
    Dass die deutsche Siedlern besonders priviligiert wurden, ist im Bereich der Ostsiedlung ja bekannt. In den anderen wendischen Gebieten und im baltischen Ordensstaat wurde dies Dauerzustand, während in Böhmen die deutschen Siedler mit den slawischen Böhmen gleichgestellt wurden. Auch von den aus anderen Teilen des HRR und auch den Ordensstaaten bekannten Ausschluß der Nichtdeutschen aus den Gilden habe ich noch nichts gelesen, wenn gleich auch immer von einem deutschen Patriziat die Rede ist.
    Der Konflikt umfasst neben der Sprache die Gegensätze: Stadt - Land, Adel - Patriziat
    Interessant ist vielleicht noch des Aspekt der deutschen Böhmen. Andere Aussiedler wählten ihre Identität als Sachsen, Schwaben usw. in slawischen Landen. Die Deutschen in Böhmen, nannten sich schlicht Böhmen, bezeichneten slawisch-sprachige Nachbarn aber ebenso als Böhmen, nicht als Tschechen. Einen Begriff zur Unterscheidung gab es eigentlich nicht. Bezeichnungen wie Deutschböhmen und Sudetendeutsche sind ziemlich jung, kaum älter als 100 Jahre.

    Grund für den Trendwechsel in Böhmen im 14. Jahrhundert weg von der deutschen Sprach ist daher eine antideutsche Polemik, die sich gegen das deutsche Patriziat und dessen Dominanz richtet, ob man nun Kleinbürger oder böhmischen Adel dahinter vermuten muss: Finden wir es doch heraus.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. September 2010
  15. Simplicius

    Simplicius Aktives Mitglied

    Erstens: Deutschböhmen muss man nicht in Anführungszeichen setzen. Böhmen war nun einmal bis 1945 ein deutsch-tschechisches Mischland, das dem einen Volk nicht mehr oder weniger gehörte als dem anderen. Meine Großeltern sind Deutschböhmen, und das ist auch die historisch korrekte Bezeichnung, bevor man von "Sudetendeutschen" sprach, obwohl die Sudeten nur einen kleinen Teil des deutschen Siedlungsgebiets in Böhmen ausmachten.

    Zweitens: Ich mag leider dem Ersteller dieser Diskussion nicht bei seinen Fragen helfen können, aber ich möchte die Gelegenheit nicht versäumen, selbst eine Frage in den Raum zu stellen: Stimmt es, dass Prag bis in die 1850er Jahre überwiegend deutschsprachig war?
     
  16. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Muss man nicht. Ich habe das getan, weil ich aus dem 13.-15. Jh. keine Quelle kenne, in der "Deutschböhmen" als Begriff auftaucht.

    Auch hier kann ich nur mit Nichtwissen "glänzen": Ich kenne keine Sprachstatistik aus dieser Zeit. Einen gewissen Anhaltspunkt bieten zeitgenössische Lexika wie z.B. der Pierer (Bd. 13, S. 454):
    Die Sprache der Gesellschaft u. des Verkehrs ist vorwiegend die deutsche, der Kleingewerbstand u. die Arbeiterklasse sind czechisch u. sprechen durchweg ihre Nationalsprache, obgleich der erstere durch das Zusammenleben mit den Deutschen die Fähigkeit besitzt, sich der Deutschen Sprache zu bedienen.
     
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  17. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @Simplicius

    Ob Dir das hilft weiß ich nicht, aber hier kannst Du das gesamte österreichische Staatsarchiv durchsuchen.

    Das habe ich auf die Schnelle zur Sprachproblematik in Böhmen, allerdings 1912, gefunden.

    AT-OeStA/FHKA Präs FM Beilagen ad Zl. 2.278 Beilagen betreffend Stellungnahme zu gewissen Fragen des deutsch-böhmischen Ausgleichs. Regelung des Sprachengebrauchs bei den Behörden in Böhmen, 1912 (Akt (Sammelakt, Grundzl., Konvolut, Dossier, File


    Erfahrungsgemäß haben solche Akten auch Querverweise auf frühere Vorgänge zum Rubrum.

    M. :winke:
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. April 2011
  18. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Laut Wiki verlor Prag um 1860 seine deutsche Bevölkerungsmehrheit.

    Von da ab hat das Czechische immer mehr dominiert.
     
  19. JohnSteed

    JohnSteed Neues Mitglied

    Was Mähren betrifft, so ist zu bemerken, dass der Name vom Niederösterreichischen Fluss March herrührt.
    Die Besiedelung, u.A. durch fränkische Freibauern fand quasi von Süden her statt.

    Der Server der sudetendeutschen Volksgruppe(http://www.sudeten-by.de/cms/downloads/heimat.pdf) meint hierzu:

    (4) Schönhengstgau, Nordmähren und Sudetenschlesien​
    Die deutsche Kolonisation konzentrierte sich um den Oberlauf der March, den Hauptfluß
    Mährens. Im Westen entstand die größte deutsche Sprachinsel, der Schönhengstgau; im
    Osten, um das Altvatergebirge lag zwischen Oder und March das, neben dem Egerland,
    größte geschlossene deutsche Siedlungsgebiet.
    Der Zusammenhang Mährens mit Schlesien war seit alters her sehr eng. Die Verbindung war
    auch durch die Teilung Schlesiens 1742 nicht abgerissen, da das Erzbistum Breslau über die
    Grenzen reichte und das Land beiderseits deutsch blieb.
    Die Siedlungen im Schönhengstgau wie Landskron, Mährisch Trübau und Zwittau entstanden
    als handwerkliche Zentren in bäuerlicher Umgebung.
    Das Altvatergebirge, das Gesenke, das Odergebirge und das Kuhländchen hatten im 13.
    Jahrhundert eine systematische Besiedlung aus Franken, Schlesien und vom Niederrhein
    erfahren. Um Freudenthal-Jägemdorf und Troppau hatte sich der schon seit 1204 ansässige
    Deutsche Orden segensreich entfaltet. Seine caritative und schulische Tätigkeit war hier bis
    1946 zu spüren.
    Vom oberen Oderlauf erstreckte sich die deutsche Siedlung zur Mährischen Pforte, der
    niedrigsten Stelle der europäischen Wasserscheide und weiter bis ins Vorland der Beskiden
    und in den Karpatenbogen. Oderabwärts blieb Ostrau lange Zeit von einem Kranz von
    Waldhufendörfem umringt. Zwischen Ostrau und der Landeshauptstadt
    Österreichisch-Schlesiens, Troppau, war die Familie Joseph von Eichendorffs ansässig. Im
    mährisch-schlesischen Kohlegebiet gerieten die Streusiedlungen und mit ihnen Teschen,
    Karwin und Oderberg in den Sog der Industrialisierung. Die alte ostschlesische Piastenstadt
    Teschen, eine seit dem 13. Jahrhundert deutsch geprägte Tuchmacherstadt, wurde 1920
    zwischen der CSSR und Polen geteilt.
    In diesem östlichen Bereich deutschen Mitwohnens zeigt sich, daß dieser Bevölkerungsteil
    über die Jahrhunderte hin sehr viel an Ausgleich und Integration geschaffen hat.​
    (5) Südmähren​
    Der Süden Mährens öffnet sich ganz der österreichischen Nachbarschaft, der die March mit
    all ihren Nebenflüssen zuströmt. An der Böhmisch-Mährischen Höhe entspringen Zwitta und
    Schwarza und vereinigen sich bei Brünn; die Mährische Thaya führt sie der March zu.
    Die Hauptstadt Brünn, bis in den Ersten Weltkrieg hinein mehrheitlich deutsch, lag im Süden
    einer deutschen Sprachinsel. Die Sprachinsel Wischau zählte nur mehr wenige Dörfer.
    Die gemischte Besiedlung, ein Kennzeichen Südmährens, hat sich im Zeitalter der Volkswahl
    dazu angeboten, nach Volkslisten abzustimmen und so der jeweiligen Minderheit zu ihrem
    Recht zu verhelfen. Der Mährische Ausgleich von 1905 ist bis in unsere Zeit ein positives
    Beispiel für die Möglichkeit der Überwindung nationaler Konflikte innerhalb eines Staates.
    Deutlich abgegrenzt ist die Iglauer Sprachinsel auf den Böhmisch-Mährischen Höhen. Die
    große Zeit der Bergstadt Iglau begann 1243 mit der Verleihung weitreichenden Bergrechtes,
    das auf alle Bergstädte des Königreichs und darüber hinaus Einfluß hatte. Der Silberbergbau
    begründete Einfluß und Reichtum. Der Gerichtshof der Stadt war für alle Bergsachen des​
    Königreiches zuständig.

    Insgesamt waren die Habsburger irgendwann die Könige von Böhmen, kein wirklich schlimmer Vorgang.Geschichtlich ein normaler Vorgang.
    Böhmen und Mähren waren also keine den Slawen entrissenen Gebiete, um dann tausend Jahre lang von Deutschen bzw. Deutschsprachigen besetzt gewesen zu sein.....
    Liste:diese Sichtweise ist Unsinn.
    Liste der Herzöge und Könige von Böhmen
     
  20. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Deine späte Antwort paßt so gar nicht in den Kontext des Threads und zum bisherigen Diskussionsverlauf.
    Auf welchen Beitrag beziehst du dich?
     

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