Die Ermordung von Zar Paul I. (1801)

Dieses Thema im Forum "Russland | Sowjetunion | Osteuropa" wurde erstellt von Louis63, 20. August 2014.

  1. Louis63

    Louis63 Neues Mitglied

    Paul I. wurde am 12. März 1801 (gregor. Kalender) ermordet. Das Faktum ist unbestritten, auch wohl, dass er sich unmittelbar zuvor geweigert hatte, seine Abdankungserklärung zu unterschreiben.

    In den konkreten Details (Umstände und Ablauf) widersprechen sich die Darstellungen bzw. sie sparen diese aus. Auch die Wikis ...

    Meine Fragen:
    - Wie wurde der Zar genau getötet (mit der Schärpe erstickt, erdrosselt, zuvor in brutal ohnmächtig geschlagen, sollte der Tod vertuscht werden?)?
    - Wer war konkret anwesend? Wer führte die Tat durch?
    - Wie war die Rolle seines Sohnes u. Nachfolgers Alexander (I.)? Nahm er den Tod letztlich billigend in Kauf? War die Ermordung gegen seinen Willen?

    Peter Schreiber verweist in der Fischer Weltgeschichte (1973) auf die "quellenmäßige Darstellung" von Valentin Graf Zubow: Paul I. Mensch u. Schicksal, Stuttgart 1963.

    Hat jemand Zugriff? Oder auf andere genaue Abhandlungen?
     
  2. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ich kann da leider im Speziellen nicht weiterhelfen.
    Es scheint mir so zu sein, dass die Person Paul I, dem Sohn von Katharina II ("der Großen") eine besonders unglückliche Figur der russischen Geschichte darstellt.
    Folgt man Isabel de Madariaga - Katharina Die Große- Seite 367, dann entsprach Paul nicht den zunächst vorhandenen Erwartungen:
    Und als Nikolaus II 1894 an die Macht kommt, werden Befürchtungen, er sei grundsätzlich für die Aufgabe ungeeignet, folgt man Witte, vom russischen Innenminister mit dem Beispiel Paul I unterlegt, der hier wohl in der Wahrnehmung bereits als berüchtigtes Bild gilt.
    "Durnovo sah mich listig an und sagte: "Nun Sergey [Witte - Finanzminister .. meine Einfügung], ich fürchte Du schätzt den jungen Zaren falsch ein. Ich kenne ihn besser und lass Dir sagen, dass seine Regentschaft goßes Unglück für uns bereithalten wird. Denke an meine Worte: Nikolaus II wird sich als eine gegenwärtige Form (Version) von Paul I herausstellen."

    Knapp hundert Jahre nach seiner Ermordung dient er hier in der Wahrnehmung als Muster einer verfehlten Herrschaft.

    Natürlich sind das nur zwei Puzzle-Steinchen, aber vielleicht finden wir ja noch ein Bild dieser seltsamen Person,
    mitsamt den näheren Umständen seiner Ermordung.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. August 2014
  3. Louis63

    Louis63 Neues Mitglied

    Danke für die zwei Hinweise.

    Das Bild Pauls I. scheint es ohnehin nicht eindeutig zu sein, die Historiker scheinen sich auch hier - aus Zweifel an den überlieferten Quellen? Oder weil sie es nicht beurteilen können/wollen? - um eine genaue Aussage herumzudrücken.

    In der "Geschichte Europas" (Propyläen, Bd. 4, S. 215), schreibt Eberhart Weis über den Zaren, man hätte ihm "zunehmende geistige Umnachtung und Unberechenbarkeit nachgesagt". Nachsagen - das könnte natürlich auch seitens der Verschwörer und Gegner Pauls eine entlastende diffamierende Lüge gewesen sein.

    Somit erweitert sich mein Fragekatalog: Wie war es wirklich um den Geistes- und Gemütszustand des Zaren bestellt? War er (Ihr Zitat von Isabel de Madariaga bzw. Katharina der Großen aufgreifend) tatsächlich ein starker, ein gefährlicher Despot?

    Kann jemand Russisch? - Was sagt die russische Wikipedia?
     
  4. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Da scheinen sich die Geister zu scheiden:

    Full text of "Geschichte Russlands unter Kaiser Nikolaus I."

    Andererseits:
     
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  5. excideuil

    excideuil unvergessen

    In M.v. Taacks Buch [1] findet sich genanntes Buch im Quellenverzeichnis.
    Eine Verschwörung gegen Paul gab es bereits ein Jahr zuvor. Durch die Ausweisung von Sir Charles Whitworth (25. Mai 1800) und die Verbannung Panins auf seine Güter bleibt nur Graf von der Pahlen übrig. Um ihn scharen sich General Bennigsen und die Brüder Subow.
    Pahlen läßt Vertraute des Zaren (Araktschejew, Rostoptschin) aus dem Weg räumen. Welche Position er einnahm, mag das Gespräch zwischen Paul I. und ihm verdeutlichen, welches Gräfin Lieven überlieferte:

    "Am Vorabend seines Todes fragte mich Kaiser Paul schroff und mir scharf dabei in die Augen blickend, ob ich wisse, dass man gegen ihn kospiriere, dass die Verschwörung weit verzweigt sei und selbst ihm sehr nahestehende Personen ihr angehörten. Der Blick des Kaisers war durchdringend, furchtbar und voller Argwohn; das Blut gefror mir in den Adern. Einen Moment war mein Mund zu ausgetrocknet zum Sprechen. Ich verlor jedoch nicht die Fassung und sagte lachend zum Kaiser: "Aber Sire, wenn man konspiriert, so müsste ich dabei sein. Ich halte zu sehr die Fäden aller Dinge in meiner Hand, als dass irgend etwas meiner Kenntnis entginge. Seien Sie ganz ruhig, es ist keine Verschwörung möglich ohne mich, ich hafte dafür mit meinem Kopfe." Der Kaiser ergriff herzlich meine Hand und sagte: "Ich vertraue Ihnen."

    Großfürst und Thronfolger Alexander wird früh informiert, allerdings nur, dass Paul I. abdanken und er selbst die Regentschaft übernehmen soll. Etwa Mitte Februar 1801 ist er bereit dazu, unter der Bedingung, dass bei der Abdankung seinem Vater kein Haar gekrümmt werden darf, was Pahlen ihm zusichert.

    Pahlen hingegen kalkuliert (richtigerweise) nur mit dem Tod Pauls, wie er bereits in einem Trinkspruch Stunden vor dem Mord den Verschwöreren zur Kenntnis gibt: "Ich gratuliere zum neuen Kaiser!"
    Pahlen selbst bleibt bei den Regimentern, die den um den Michaelspalast lagern, um sein Ehrenwort, dass er Alexander gab, nicht zu brechen. "Böse Zungen" behaupteten später, dass Pahlen für den Fall, dass der Mord misslingen würde, sich der Verschwörer bemächtigt haben würde.

    Die Gruppe um die Subows und Bennigsen, die Paul stellten, der sich im Schlafgemach versteckte, - die Nervenstärke Bennigsen sei gesondert erwähnt - legen ihm die Abdankungsurkunde vor. "Platon Subow spricht hastig auf ihn ein: Anfälle von Geistesstörungen hätten bewiesen, dass er die Regierungsgeschäfte weiterhin nicht leiten könne. Für seine Zukunft sei gesorgt. Sein Sohn und der Staat würden ihm einen standesgemäßen Unterhalt garantieren. Bennigsen wiederholt ruhig und besonnen, was Subow aufgeregt hervorgestottert hat."
    Der Kaiser erklärt: "Nein, nein! Das unterschreibe ich nicht."

    Bennigsen verlässt den Raum, sicher, dass die bezechte Horde die Drecksarbeit macht, um die Wachen zu kontrollieren.

    "Sie fackeln nicht lange, Graf Nikolai Subow versetzt dem Kaiser mit einer goldenen Tabatiere einen heftigen Schlag auf die Schläfe. Paul stürzt, rafft sich auf, wird abermals zu Boden geworfen, ein Schal schlingt sich um seinen Hals, mit untergeschobener Hand versucht er den fürchterlichen Würgedruck zu lockern, grauenhaft ist sein Ringen um Luft, bis die Schlinge sich zuzieht und er verstummt. [...] Bennigsen erscheint, gebietet entsetzt Halt, ist empört über das, was geschehen ist, spielt den Pharisäer."

    Dem Thronfolger wird die Nachricht durch Nikolai Subow überbracht: lt. Czartoryski: "[...] Endlich bemerkte er, dass der Graf, ohne sich klar auszudrücken, ihn immer Sire und Votre Majesté nannte; der Großfürst dachte, lediglich Regent zu sein. Er konnte nicht länger im Zweifel sein und überliess sich dem größten Schmerz und der tiefsten Verzweiflung."
    Wie auch immer, noch in der Nacht wird Graf Lieven zum künftigen Kaiser gerufen, um die Rückkehr der 22500 Kosaken unter Orlow, die völlig sinnlos gen Indien zogen zurückzurufen: "Mein Mann", schreibt Gräfin Lieven, "gab Kaiser Alexander alle nötigen Aufklärungen. Der Befehl zur Rückkehr der Kosaken wurde auf der Stelle geschrieben, unterzeichnet und abgesandt."

    Nein, der Tod Pauls sollte nicht vertuscht werden, allerdings schon die Todesursache, immerhin war Paul bei den Soldaten sehr beliebt. Für die Kaiserin wurde Paul "wiederhergestellt", sprich geschminkt etc.
    Für das Ausland war natürlich die Wahrheit wenig geeignet, allerdings hatte die offizielle Mitteilung mäßigen Erfolg. Nach Eintreffen der Nachricht vom Schlaganfalls Pauls in Paris meinte Talleyrand: "Es wird Zeit, dass die Russen sich eine andere Todesart für ihre Kaiser ausdenken."

    Grüße
    excideuil

    [1] Taack, Merete van: „Zar Alexander I. – Napoleons genialer Antipode”, Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen, 1983, Seiten 91-125
     
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  6. Louis63

    Louis63 Neues Mitglied

    Vielen Dank den drei Foristen hatl, Sepiola und excideuil für die ausführlichen und kompetenten Antworten. Ist ein wirklich tolles Forum!

    Auch wenn ich von der Autorin Merete van Taack (nach einigem Googeln) nicht so ganz überzeugt bin, was ihre inhaltliche Genauigkeit bei Details betrifft, werde ich mir das Buch besorgen. Vielleicht finden sich dort auch gute weiterführende Literaturangaben.

    Bleibt eigentlich nur noch die Frage nach dem Geistes- und Gemütszustand Pauls I. Vermutlich ist diese Frage eh unbeantwortbar. Denn dazu spielen zu viele Faktoren hinein, insbesondere die Interesse derjenigen, die sich vom Handeln und Wirken des Zaren behindert und in ihren Vorrechten bedroht sahen. Es hat sicherlich schon Gründe, warum Pauls Gattin Maria Fjodrowna ein anderes Bild von ihrem Mann hatte. Ebenso dürfte es bei den von Paul amnestierten politischen Gefangenen sein, oder bei jenen im Stande absoluter Rechtlosigkeit lebenden Leibeigenen, denen Pauls Handeln gewissen Schutz geboten hatte.

    Wohl nichts leichter, als den Geisteszustand diffamierend in Zweifel zu ziehen bei solchen Machthabern, die unbequem sind und unsichere Kantonisten, erst recht bei den faulen und charakterschwachen unter ihnen, den Tagträumern, den auf Veränderung drängenden ...

    Es gibt auch seriöse Zeitgenossen (der Schriftsteller Nicholson Baker, v.a. den Bombenkrieg betreffend), die etwa Churchills Geisteszustand in Frage gestellt haben (eine Auffassung, die ich nicht teile). Oder welchen Geistes- und Gemütszustand könnten Nichtwohlgesonnene in die tiefen Depressionen hineininterpretieren, die Willy Brandt oder eben auch Churchill während ihrer Amtszeiten heimsuchten? Von flapsig oder demagogisch dahergeredeten Negativbeurteilungen über Ronald Reagan oder Helmut Kohl oder George W. Bush zu schweigen, auch von dem Erscheinungsbild vieler Diktatoren des 20. u. 21. Jahrhunderts …
     
  7. excideuil

    excideuil unvergessen

    Hier eine ganz aktuelle Einschätzung:
    "Die Rolle des 23-Jährigen bei dem Attentat ist bis heute umstritten. Einige Zeitgenossen und Historiker haben ihn der Mittäterschaft beschuldigt; andere haben vermutet, dass er von der Verschwörung wusste und nichts tat, um den Mord zu verhindern. Auf jeden Fall verfolgte und bestrafte er die Mörder nicht, von denen einige später an seiner Seite dienten. Sicher ist jedoch, dass ihn das Ereignis tief verstörte und mit Schuldgefühlen belastete, die allen Berichten zufolge mit der Zeit immer schlimmer wurden. Er wurde lange Zeit von schweren Albträumen geplagt, in denen er immer wieder die schrecklichen Schreie seines Vaters hörte." [1]

    Es steckt also viel Spekulation in der Frage. M. van Taack hält sich an die überlieferten Fakten, die ich in #5 wiedergegeben habe. Und dazu gehört natürlich, dass Alexander zwar mit der Entmachtung nicht aber mit dem Mord einverstanden war.
    Betrachtet man die näheren Umstände, dann gibt es handfeste Argumente, die für eine Mitwisserschaft Alexanders sprechen könnten. Zunächst die psychische und auch physische Gewalt, die der Vater ihm angedeihen ließ, noch stärker ist die Tatsache, dass Paul seine Söhne von der Thronfolge ausschließen, sie dafür in der Peter-Pauls-Festung verschwinden lassen wollte und dafür Prinz Eugen von Württemberg, der am 6. Februar 1801 in St. Petersburg eintraf, zum Nachfolger küren wollte. Paul sprach ganz offen darüber, z.B. mit Baron Diebitsch, Eugen zu adoptieren, ihn mit Tochter Katharina zu vermählen und ihn zum Nachfolger zu ernennen. [2]
    Der Vater wollte dem Sohn "ans Leder", wie man so sagt. Grund genug, mehr als nur die Entmachtung Pauls zu wünschen.

    Grüße
    excideuil

    [1] King, David: Wien 1814. Von Kaisern, Königen und dem Kongress, der Europa neu erfand, Piper, München Zürich, 2014, Seite 40
    [2] Taack, Merete van: „Zar Alexander I. – Napoleons genialer Antipode”, Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen, 1983, Seite 110-112
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Eine weitere Abhandlung zur Verschwörung und Ermordung bzw. insgesamt zu Paul I. (auf die zB auch die Cambridge History of Russia II verweist) ist hier übrigens digital komplett verfügbar:

    Ragsdale, Hugh: Paul I: a reassessment of his life and reign

    University of Pittsburgh Press Digital Editions
     
  9. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Geisteszustand ist eine, Intelligenz eine völlig andere Sache. Ich würde nicht unbedingt Kohl mit den beiden anderen in eine Reihe stellen, aber weder Reagan noch Bush waren wohl die größten Leuchten auf ihrem Posten.
     
  10. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Was für Gründe hatte Paul dafür? War ihm Alexander etwa zu liberal?
     
  11. excideuil

    excideuil unvergessen

    Die Peter-Pauls-Festung war lt. Taack auch für Alexanders Bruder Konstantin vorgesehen, die Töchter, mit Ausnahme von Katharina sollten ins Kloster. Ob die liberale Ausbildung, für die noch Katharina II. maßgeblich verantwortlich zeichnete Grund war, kann ich nicht beurteilen. Tatsache ist, dass Paul niemandem wirklich traute, wie das in #5 angeführte Gespräch mit von Pahlen zeigt und dass er kurz vor dem Attentat seinen Söhnen einen erneuten Treueschwur abnahm. Welche Hoffnungen er mit dem damals 13-jährigen Eugen von Württemberg verband, gute Frage.

    Grüße
    excideuil
     
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