Die Magdalenenflut und andere Katastrophen-das fatale 14.Jahrhundert

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von zaphodB., 19. Juli 2015.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ja, durchaus. Darauf gibt es aber auch jede Menge publizistische Reaktion. Ich sehe hier allerdings Unterschied: So katastrophal die Magdalenenflut auch gewesen sein mag: Hochwasser gibt es jährlich. Ein Erdbeben mit anschließendem Tsunami ist in der etwa 2000jährien Siedlungsgeschichte Lissabons ein einziges Mal nachgewiesen.
     
  2. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Echt jetzt? Ich dachte, die Aufklärung hätte schon lange vorher eingesetzt.


    Der springende Punkt ist: Das Erdbeben wurde nicht nur mit Entsetzen zur Kenntnis genommen, sondern es gab Stoff für philosophische Diskussionen.

    Gab es solche Diskussionen auch als Reaktion auf die Magdalenenflut?
     
  3. Morifea

    Morifea Neues Mitglied

    Ich gebe zu "auslösendes Ereignis für die Aufklärung" ist ein bisschen unschön formuliert, ich wusste es nicht besser zu sagen :red:

    Ob es die von Sepiola erwähnten Diskussionen gab, würde mich auch interessieren!
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Sehe ich wie Morifea: da hast Du die Kernfrage gestellt.

    Vielleicht ist noch ein ergänzender Aspekt interessant: wenn es im mediterranen Raum (und Portugal) schwächere Folgen von Überschwemmungen, Hungersnot und Pest gab, inwiefern war dieses auch ein Faktor für die weitere Entwicklung von Spanien und Portugal?
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Mit deiner Korrektur hast du natürlich recht.
     
  6. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Mum,das Gebiet der Alpenflüsse aus der Schweiz und auch das Stromgebiet der Etsch waren auch betroffen , letztlich also Oberitalienund die Lombardei bis zum Po
    Und da sind wir mitten im Gebiet der Wiege der Renaissance
    Und die Folgen wie Teuerung, und die Ausbreitung der Pest gingen über das eigentliche Hochwassergebiet hinaus.

    Zumindest wohl aud die Pandemien deren Verbreitung durch die Naturkatastrophen begünstigt wurden-
     
  7. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Ich weiß nicht, ob es Flutberichte aus Oberitalien gibt, der Umweg ist aber gar nicht nötig.
    Petrarca, der als erster Vordenker des Humanismus gilt, hat einen großen Teil seines Lebens in oder bei Avignon verbracht. Auch 1342 war er in Avignon (ob gerade zur Zeit der Magdalenenflut, weiß ich nicht).

    Da könnte man doch die Auswirkungen der Flut in seinem literarischen Werk direkt studieren.
     
  8. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied

    Das Erdbeben von Lissabon war erst 1755, die Magdalenenflut dagegen bereits 1342. Die Möglichkeit zur Großproduktion von Geschriebenen begann mit dem Buchdruck, also erst im 15. Jahrhundert.

    Für mich ist gut vorstellbar, dass die Magdalenenflut, wäre sie erst im 17. oder 18. Jahrhundert gewesen, ein mediales Interesse hervorgerufen hätte, dass dem das Erdbeben von Lissabon vergleichbar war.

    Wie sieht es eigentlich mit der Berichterstattung über Erdbeben im 14. Jahrhundert aus, wenn diese mit der Überlieferung zur Magdalenenflut verglichen werden.

    Die Nordschweiz wurde z. B. am 18. Oktober 1356 von einem Erdbeben heimgesucht, das als "Erdbeben von Basel" in die Geschichte eingegangen ist.

    Nur wenige Jahre nach der Magdalenenflut wurde das Friaul (heute: Oberitalien) am 25. Januar 1348 von einem schweren Erdbeben heimgesucht, das als "Erdbeben von Villach" in die Geschichte eingegangen ist. Folgen dieses Erdbebens waren immerhin der Bergsturz des Dobratsch und eine Flutwelle, die zur Aufstauung des Flusses Gail und in der Folge zu weiteren Überschwemmungen führte.

    Das Hauptbeben dürfte nicht nur in Oberitalien und im Gebiet des heutigen Österreichs wahrgenommen worden sein, sondern auch im damaligen Bayern, Böhmen, Ungarn und im heutigen Slowenien. In zeitgenössischen Quellen wurde dieses Erdbeben im Zusammenhang mit einer Pestwelle, die wenig später in Mitteleuropa wütete, gesehen.

    Literatur zum Erdbeben von Villach: Christa Hammerl: Das Erdbeben vom 25. Jänner 1348. Rekonstruktion des Naturereignisses, Diss., Univ. Wien, 1992
     
  9. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Es geht nicht darum, ob diese Katastrophen bei den Zeitgenossen mediales Interesse hervorgerufen haben, sondern ob sie tiefgreifende und langfristige geistesgeschichtliche Auswirkungen hatten.
     
  10. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied

    Mediales Interesse setzt ein Zeitalter der Medien voraus. Hinzu kommt, dass es erst seit der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts möglich wurde, tatsächlich die ganze Welt sozusagen "medial" zu umfassen.

    Das Erdbeben von Lissabon war zu einer Zeit,
    ... als jede wichtige Stadt ihre Universität hatte,
    ... als durch den Buchdruck die Vervielfältigung von bereits Geschriebenen üblich war und eine sehr gute (aus damaliger Sicht internationale) Vernetzung möglich machten.
    ... als die Postübermittlung bereits als Dienstleistung / Unternehmen üblich war und es so etwas wie eine regelmäßige Zustellung gab.
    ...

    Aber bevor sich der Buchdruck durchgesetzt hat, war die Chance für eine tiefgreifende und langfristige geistesgeschichtliche Auswirkung doch stark eingeschränkt. Zu beachten wäre sicher auch, dass eine für diese Auswirkung wichtige und nötige Einrichtung wie z. B. die Karlsuniversität in Prag erst wenige Jahre nach der Magdalenenflut gegründet wurde.

    Können wir sicher sein, dass das Erdbeben von Lissabon, wäre es zur Zeit der Magdalenenflut gewesen und eben nicht im 18. Jh. (also ca. 300 Jahre später) auch jene Beachtung erfahren hätte? Zweifel sind wohl angebracht, zudem Lissabon im 14. Jh. von der Lage her aus mitteleuropäischer Sicht am Rand der damaligen Welt lag.
     

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