Die Marokko-Krisen

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von SimGeh, 17. April 2009.

  1. Arnaud28

    Arnaud28 Aktives Mitglied

    Also hätte man ganz christlich nach der einen Wange, noch die andere Wange hinhalten sollen?
     
  2. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Sanderson führt auch aus, das der deutsche Botschafter Hatzfeld vor einigen Jahren Lord Salisbury ausdrücklich bemerkte, Deutschland nehme ein Interesse an der eventuellen Verfügung über die atlantische Küste Marokkos.
     
  3. Arnaud28

    Arnaud28 Aktives Mitglied

    Wie ist das zu verstehen? Also haben die Briten sehr wohl verstanden, dass die Franzosen die Deutschen demütigen wollten und Recht brachen, ihnen war es aber wichtiger, dass die Deutschen keinen maritimen Stützpunkt in Marokko bekommen?
     
  4. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Gemäß Sanderson waren die Engländern über Hatzfeld bezüglich des deutschen Interesses an Marokko im Bilde. Bülow hatte später in einer Reichstagsrede etwas anderes, nämlich Desinteresse, behauptet. Wenn ich Sanderson richtig verstehe, verstand er Bülows Reichstagsrede als eine Aufforderung mit Berlin in Dialog zu treten.

    Sanderson hat jedenfalls eine erheblich differenziertere Sicht als Crowe auf Deutschland, der die deutsche Politik und deren Methoden und Absichten nur oder doch überwiegend negativ bewertete. Das war in der Ära der Liberalen so, wo Grey ganz erhebliche Freiräume hatte, die äußere Politik Englands zu gestalten. Beispielsweise war nicht einmal der Premier bei Beginn der inoffiziellen militärischen Gespräche zwischen Frankreich und England informiert. Grey hatte auch die wichtigsten Posten im Foreign Office und Botschafterposten mit Leuten besetzt, die keine freundliche Einstellung gegenüber Deutschland hatten.

    Delcassé hatte Deutschland jedenfalls nicht ins Boot geholt und die Konvention von Madrid nicht weiter beachtet. Formal war Deutschland bei den französischen Absichten im Recht.
    Mit London und Madrid im Rücken meinte Delcassé möglicherweise sich das leisten zu können. Es wäre sicher erheblich klüger gewesen, Deutschland als Signatarmacht der Madrider Konvention von 1880 ins Boot zu holen.

    Die Engländer haben es beim Khedivaldekret vorgemacht wie es geht. Das Delcassé nun auch kein Freund Deutschlands war, das muss nicht erst groß erwähnt werden.

    Auf der Konferenz interessierte die Madrider Konvention praktisch überhaupt nicht.

    Das deutsche Beharren auf eine Konferenz war ein schwerer strategischer Fehler. Man dachte, warum auch immer, man könne Frankreich demütigen und die Entente sprengen zu können. Nur, das hätte eigentlich schon vorher klar sein können, dass dies nicht gelingen würde. Warum sollten die Franzosen zurückweichen? Es ging in der Hauptsache um das Polizeimandat und Frankreich konnte sich mit großer Beharrlichkeit und Sturheit durchsetzen. Als Deutschland Frankreich sehr weit entgegenkam, nämlich das in sieben von acht Häfen Frankreich das Polizeimandat erhalten könne, lehnte Paris ab. Es setzte sich zu 100% durch, da es England als treuen Genossen aber eben auch Madrid hinter sich wusste. Die Engländer waren durchaus nicht mit dieser Inflexibilität der Franzosen einverstanden, aber wichtiger war der Erhalt der Entente, in der man sich halt zur diplomatischen Unterstützung bei Gegenständen die dort vereinbart worden waren, zusicherte.

    Aber auch Madrid war auf der Seite Frankreich. Von Italien ist nichts gekommen. Roosevelt wollte keine Schwächung Englands und Frankreichs. Der Weg mit der Brechstange war nicht geeignet, das Ziel zu erreichen. Deutschland hatte, obwohl es eigentlich im Recht war, aufgrund seiner fehlerhaften Diplomatie eine schwere außenpolitische Niederlage erlitten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. November 2022
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  5. Arnaud28

    Arnaud28 Aktives Mitglied

    Herzlichen Dank für die Klarstellung, sehr informativ!
    Ich finde es auch interessant, wie Machtpolitik so abläuft. Man kann aus dieser Zeit sehr viel lernen.
     
  6. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Im Jahre 1902 lag die italienische Staatschuld zu 60% in den Händen Frankreichs. Bei den Schuldverschreibungen der italienischen Bahn lag der größere Teil in den Händen des Deutschen Reiches. Die Umschuldung der Staatsanleihen von 1,2 Milliarden Lire , 600 Millionen auf Italien und je 300 Millionen auf Frankreich und Deutschland zog sich von 1903 bis 1906 hin. Erst nach der Konferenz von Algeciras, ging der größte Teil der Werte nach Frankreich.
     
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